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Die Osterweiterung der Europäischen Union 2004. Ein konstruktivistischer Erklärungsversuch

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Der Konstruktivismus

3. Analyse der EU-Osterweiterung 2004 aus Sicht des Konstruktivismus
3.1. Beweggründe der mittel- und osteuropäischen Länder für einen Beitritt in die EU
3.2. Beweggründe der EU-15 für eine Osterweiterung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Die Europäische Union hat in ihrer bereits 65-jährigen Geschichte viele Integrations- sowie Erweiterungsprozesse durchlaufen: Seien es Maßnahmen für eine engere Zusammenarbeit und Verflechtung in den verschiedenen Politikbereichen oder die geografische Ausdehnung der Gemeinschaft durch die Aufnahme neuer Staaten. Die Europäische Union hat es geschafft, sich aus der ehemaligen Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) mit anfangs sechs Gründungsstaaten zu einer supranationalen Institution mit heute 28 Mitgliedsstaaten[1] zu entwickeln. Vor allem durch die territoriale Erweiterung hat sie zunehmend an Bedeutung gewonnen und ist zu einem wichtigen Akteur in der internationalen Politik aufgestiegen. Mit der Aufnahme zehn neuer Staaten, erfolgte am 01. Mai 2004 die bis dahin größte Erweiterungsrunde der Europäischen Union: Mit Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern wuchs die Zahl der Mitglieder von 15 auf 25. Mit der sogenannten Osterweiterung sollte die Teilung Europas, die vor allem durch den Kalten Krieg geprägt worden war, überwunden werden. Der Erweiterungsprozess war jedoch mit vielen Herausforderungen verbunden und sollte die weitere Entwicklung der Europäischen Union maßgeblich beeinflussen.

Parallel zum Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ 1989/1990 kam es zu einem Umbruch in der politikwissenschaftlichen Debatte der Internationalen Beziehung: Ereignisse und Entwicklungen der Weltpolitik, die bislang durch Grundannahmen rationalistischer Theorien, wie dem Realismus und dem Liberalismus bzw. Institutionalismus erklärt werden konnten, brauchten nun einen völlig neuen Ansatz. Vor allem im Bezug auf den Prozess der EU-Osterweiterung erwiesen sich die rationalistischen Theorien als nicht vollkommen erklärungsfähig.

Forschungsgegenstand dieser Hausarbeit soll daher die Osterweiterung der Europäischen Union im Jahre 2004 sein, wobei der Konstruktivismus als Analysewerkzeug dienen soll. Hierfür soll am Anfang auf den konstruktivistische Ansatz eingegangen und die Grundannahmen Alexander Wendts als Hauptvertreter des Staatskonstruktivismus angerissen werden. Davon ausgehend soll eine Vorstellung der Rolle von Normen und Werten innerhalb der Europäischen Union erfolgen. Im Rahmen dessen soll auch auf die sogenannten Kopenhagener Kriterien eingegangen werden. Anschließend soll der EU-Osterweiterungsprozess beleuchtet werden.

Hierfür soll aus der konstruktivistischen Perspektive auf die Beweggründe der mittel- und osteuropäischen Länder eingegangen werden, der Europäischen Union beizutreten. Zum anderen soll aber auch auf die Beweggründe der 15 EU-Mitgliedsstaaten eingegangen werden, die sie dazu veranlassten, einer Osterweiterung zuzustimmen. Abschließend folgt ein Fazit, in dem die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst und die Beantwortung der Leitfrage erfolgen soll, nämlich inwieweit der Konstruktivismus den EU-Osterweiterungsprozess 2004 erklären kann.

2. Der Konstruktivismus

Der Konstruktivismus kann nicht als eigene Theorie in den Internationalen Beziehungen angesehen werden, allerdings als Alternative zu den bestehenden rationalistischen Theorien. Im Gegensatz zum Realismus, Liberalismus oder auch Institutionalismus stehen hier nicht-materielle, wie z.B. ideelle, kulturelle sowie normative Strukturen im Vordergrund. Dabei ist der konstruktivistische Ansatz der Auffassung, dass die Welt nicht objektiv, sondern intersubjektiv konstituiert ist.[2] Eine weitere Annahme des konstruktivistischen Ansatzes ist die Disposition der Akteure. Im Gegensatz zu den rationalistischen Theorien ist es nicht der nutzenmaximierende und zweckrational handelnde „homo oeconomicus“, der den Charakter der Akteure bestimmt, sondern der „homo sociologicus“.[3] Die Akteure orientieren sich bei der Wahl ihrer Handlungsoptionen und Ziele dabei an einer ‚Logik der Angemessenheit‘, also an Werten, Regeln und Normen. Dem Einfluss normativer Wertvorstellungen auf das Verhalten von Akteuren stimmen auch die rationalistischen Theorien zu. Im Gegensatz zum konstruktivistischen Ansatz besitzen Normen und Werte hier aber nur eine regulative Funktion, da sie Handlungsoptionen beschränken. Lediglich aufgrund der rationaltypischen Logik der Konsequenz werden normative Wertvorstellungen miteinbezogen. Im konstruktivistischen Ansatz hingegen gelten Normen auch als konstitutiv.[4]

Wie wirkungsvoll Normen das Verhalten und die Handlungen von Akteuren beeinflussen, kann durch die zwei Faktoren „Kommunalität und Spezifität“ bestimmt werden: Kommunalität steht für die „Menge der Akteure eines sozialen Systems, die eine wertegestützte Verhaltenserwartung teilen“ und Spezifität für die „Genauigkeit, mit der eine Norm angemessenes von unangemessenem Verhalten unterscheide“.[5] Je höher der Kommunalitäts- bzw. Spezifitätsgrad einer Norm ist, desto wahrscheinlicher ist normorientiertes Verhalten. Vertreter des Konstruktivismus sind der Auffassung, dass die normativen Wertvorstellungen beteiligter Akteure, wie bereits erwähnt, ihr Verhalten und die Wahl ihrer Ziele im internationalen System beeinflussen.[6] Die Strukturen des internationalen Systems werden wiederum durch dieses Verhalten verändert und geprägt. Diesen wechselseitigen Prozess zwischen Akteuren und Strukturen bezeichnet man oft auch als „dynamischen Dualismus“.[7]

Bezogen auf Kooperation kann man sagen, dass sie wahrscheinlicher ist, je kompatibler und ähnlicher die normativen Wertvorstellungen zwischen den beteiligten Akteuren sind.[8] Diese Schlussfolgerung kann man auch auf die internationale Zusammenarbeit übertragen, denn nach Schimmelfennig sind Frieden und Kooperation wahrscheinlicher, wenn die Werte internationaler Akteure, z.B. von Staaten miteinander übereinstimmen.[9] Staaten orientieren sich in ihrem Handeln an Normen und Werten, da sie sich als Teil einer Gemeinschaft ansehen. Dass man dies tut, wird auch auch von anderen Staaten erwartet. Einen Zustand der Anarchie, wie man ihn in den rationalistischen Theorien vorfindet, gibt es daher nicht. Als einer der bekanntesten Vertreter des Konstruktivismus ist dabei Alexander Wendt zu benennen. Mit seinem 1992 erschienen Artikel ‚Anarchie is what states make of it‘, schafft er ein neues Verständnis im Bezug auf den Zustand der Anarchie. Dem konstruktivistischen Ansatz zufolge, ist die Beziehung zwischen einzelnen Staaten nämlich immer durch gemeinsame Normen und Werte geprägt, wodurch auch die Struktur des anarchischen Systems beeinflusst wird. Wendt geht davon aus, dass sich Staaten sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene gleich verhalten und somit sei ihr Handeln stets voraussehbar.

3. Analyse der EU-Osterweiterung 2004 aus Sicht des Konstruktivismus

Nach der vorangegangen Vorstellung des konstruktivistischen Ansatzes soll im Folgenden näher auf die Europäische Union und die Normen und Werte dieser Gemeinschaft eingegangen werden.

Geprägt durch die Erfahrungen des 2. Weltkrieges, sollten mit der Gründung des Europarates 1949 dauerhaft Frieden geschaffen sowie fortan gemeinsame Werte geachtet werden.[10] Sowohl die Verträge zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) aus dem Jahre 1951, die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957, als auch der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union 1992, enthielten alle Werte, welche diese Ziele ermöglichen sollten. 1997 wurde im Vertrag von Amsterdam in Artikel 6 schließlich Folgendes festgehalten: „Die Union beruht auf den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit; diese Grundsätze sind allen Mitgliedstaaten gemeinsam.“[11] Daraus lassen sich auch weitere Werte, wie beispielsweise gesellschaftlicher Pluralismus ableiten.[12] Diese Grundsätze bilden allesamt das Fundament der Europäischen Union. Kennzeichnen dieser einzigartigen Gemeinschaft ist dabei der Besitz einer kollektiven Identität, die sich in den Regeln der Mitgliedschaft aber auch in ihren politischen Werten widerspiegelt.

Wie bereits zu Beginn erwähnt, wird nach der konstruktivistischen Theorie der Staat in seinem Handeln durch Normen und Werte, aber auch durch die Erwartungen anderer geprägt. Demokratische Staaten beispielsweise orientieren sich im internationalen System an Normen und Werten, die Frieden garantieren sollen. Diese Verpflichtung gegenüber gemeinsamen Normen und Werten erwarten sie dabei auch von anderen Staaten, mit denen sie zusammenarbeiten. Nur durch gegenseitiges Vertrauen der Staaten ist ein geregeltes und friedliches Zusammenleben im internationalen System möglich. Dabei ist die Wirkung von gemeinschaftlichen Normen und Werten auf die Beziehungen zwischen den Mitgliedsstaaten das, was die Europäische Union von anderen internationalen Institutionen unterscheidet. In diesem Sinne ist es daher angebracht, die Europäische Union und ihren Osterweiterungsprozess aus der Perspektive des konstruktivistischen Ansatzes zu beleuchten.

Durch den Prozess der Erweiterung versucht die europäische Gemeinschaft nämlich ihre Identität und die damit verbundenen Normen und Werte weiterzutragen. Je mehr die Identität, sprich die Normen und Werte von Beitrittsstaaten mit denen der Europäischen Union übereinstimmen, beispielsweise im Hinblick auf die Kultur oder Religion, desto wahrscheinlicher ist also deren Aufnahme in die Gemeinschaft. Ein Staat hat also den Anspruch auf Mitgliedschaft in der EU, sobald zu erkennen ist, dass dieser die Normen und Werte der Gemeinschaft teilt und auch seine Politik dementsprechend ausrichtet.

[...]


[1] EU-28: Aufnahme Bulgariens und Rumäniens (2007), Kroatiens (2013)

[2] Hopf 1998: 172 f.

[3] Boekle/Rittberger/Wagner 1999: 74.

[4] Boekle/Rittberger/Wagner 1999: 75.

[5] Rittberger/Kruck/Romund 2010: 35.

[6] Schimmelfennig 2008: 160 f.

[7] Rittberger/Zangl/Kruck 2013: 39.

[8] Rittberger/Kruck/Romund 2010: 35.

[9] Schimmelfennig 2008: 185.

[10] Schmuck 2012: 8.

[11] Läufer 1999: 22.

[12] Schimmelfennig 2003a: 551.

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668301252
ISBN (Buch)
9783668301269
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Lehrstuhl für Internationale Beziehungen
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Note
1,7
Schlagworte
osterweiterung europäischen union konstruktivistischer erklärungsversuch

Autor

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Titel: Die Osterweiterung der Europäischen Union 2004. Ein konstruktivistischer Erklärungsversuch