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Linguistischer und integrativer Textbegriff nach Roland Barthes. Bedeutung von Autor und Leser

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textbegriffe
2.1 Der linguistische Textbegriff
2.2 Der integrative Textbegriff

3. Barthes Textbegriff
3.1 Barthes Textbegriff in Von Werk zum Text
3.2 Positionierung von Barthes Textbegriff zum linguistischen und integrativen Textbegriff

4. Der Tod des Autors und Die Lust am Text
4.1 Definition des Begriffs Autor nach Barthes und seine Bedeutung für den Werk- und Textbegriff
4.2 Definition des Begriffs Leser nach Barthes und seine Bedeutung für den Werk- und Textbegriff

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Roland Barthes, französischer Literatur- und Kulturkritiker, Semiologe und auch Schriftsteller lebte von 1915 bis 1980[1]. Es gehörte zu seiner grundsätzlichen Einstellung, die eigene Kultur stets aus der Perspektive eines Fremden zu betrachten und somit das Gegebene seiner Selbstverständlichkeit zu berauben[2]. So behandelten die meisten seiner Schriften (z.B. Mythen des Alltags [1957] und Das Reich der Zeichen [1970][3] ) kulturelle Themen. Folglich beteiligte er sich auch an der in den 1960ern aufkommenden Diskussion über den Textbegriff. So handelt der 1971 erschienene Aufsatz Vom Werk zum Text von Barthes Definition des Begriff „Text“ und der Abgrenzung vom Werk. Damit gehört er zu jenen Theoretikern, die eine Revision des Textbegriffs erreichen wollen[4]. Dieser Aufsatz zu Barthes Textbegriff soll bei dieser Arbeit im Zentrum stehen, die sich mit dem Abstecken und Definieren von Roland Barthes Meinungen zum Text beschäftigen wird. Dabei werde ich zunächst zwei von Barthes unabhängig entwickelte Arten des Textbegriffes umreißen, nämlich den linguistischen und den integrativen Textbegriff. Anschließend soll Barthes Definition von Text in Relation zu diesen beiden Textbegriffen gesetzt werden mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Dadurch soll sich Barthes ganz eigener, oftmals abstrakt anmutender Definition von Text angenähert werden, um ihre Eigenarten aufzudecken und von den anderen beiden Definitionen abzugrenzen. Danach wird diese Arbeit über die Definition des Textbegriffs und den Aufsatz Vom Werk zum Text hinausgehen und die Schriften Der Tod des Autors und Die Lust am Text hinzuziehen, um auch die Definitionen von „Autor“ und „Leser“ zu ergründen und ihre Bedeutung für Barthes Textbegriff zu ermitteln. Am Ende soll folglich ein allumfassendes, von allen Seiten beleuchtetes Bild und Verständnis von Barthes Textbegriff stehen, der sich kaum in einem Satz zusammenfassen lässt. Tatsächlich ist Barthes in seinem Stil oft abstrakt und in seinen Schriften wendet er viele Seiten darauf an, etwas scheinbar Banales und nicht auf Komplikationen hinweisendes wie den Begriff „Text“ zu definieren. Diesen Stil bezeichnet Tony Thwaites als die „stylistic virtuosity that is Barthes's signature[5] “ und diese Stil macht es auch nötig und sinnvoll, der vor allem in dem Aufsatz Vom Werk zum Text enthaltenen, komplex entwickelten Textdefinition eine Hausarbeit zu widmen.

2. Textbegriffe

Der Begriff Text leitet sich von dem lateinischen Wort „textus“ ab, das wörtlich übersetzt „Gewebe“ oder „Geflecht“ bedeutet. Im Metzler Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie wird der Begriff Text als „Instrument der Kommunikation mittels Sprache[6] “ definiert. Dabei handelt es sich wohl um eine sehr allgemeine, den vielen unterschiedlichen Textdefinitionen tolerant gegenüberstehende und nichts ausschließende Definition. Den Ursprung der Textlinguistik begründet jedoch eine Vielzahl von Meinungen zur Definition des Textbegriffs, die unter anderem aus Übersetzungsproblemen resultieren. So bezieht das englische Wort text sich lediglich auf schriftlich fixierte Sprache, der in der deutschen Textlinguistik gebräuchliche Begriff Text umfasst jedoch auch gesprochene Sprache[7]. Im Deutschen ist der Begriff des discourse, welcher im Englischen lediglich zur Bezeichnung gesprochener Sprache verwendet wird, nicht existent. Zwar gibt es im Deutschen den Begriff Diskurs, doch seine Bedeutung ist wiederum nicht deckungsgleich mit der Bedeutung im Englischen[8]. Die Diskussion, ob sich der Begriff Text nur auf schriftliche oder auch auf mündliche Sprache bezieht, ist jedoch nur das erste der drei Hauptpunkte der Diskussion. Der zweite kontroverse Punkt ist, ob sich der Text eher über den Autor (produktbezogen, objektiv) oder den Rezipienten (verwenderbezogen, subjektiv) erschließen lässt[9]. Da Barthes zu diesem Diskussionspunkt eine klare Einstellung hat, soll er im Verlauf von Kapitel drei noch behandelt werden. Das dritte kontroverse Kriterium dreht sich um den „minimale[n] Umfang und Abgeschlossenheit[10] “. Dabei wird untersucht, was der minimale Umfang eines Textes ist und wo seine Grenzen liegen, was also den Text begrenzt. Auch darauf soll in Kapitel drei näher eingegangen werden.

2.1 Der linguistische Textbegriff

In der Textlinguistik liegt aktuell kein fest definierter Textbegriff vor, dennoch lassen sich grob zwei Denkrichtungen in Hinsicht einer Textdefinition unterscheiden: der Textbegriff der sprachsystematisch ausgerichteten und der kommunikationsorientierten Textlinguistik[11]. Für den Textbegriff der sprachsystematisch ausgerichteten Textlinguistik ist das Sprachsystem (die langue) der zentrale Untersuchungsgegenstand[12]. Im Mittelpunkt steht also das Regelsystem der Sprache und somit wurde der Satz als „oberste linguistische Bezugseinheit[13] “ behandelt. In den 60ern wurde diese Annahme jedoch kritisiert und man argumentierte, dass in Wahrheit der Text „die oberste und unabhängige sprachliche Einheit[14] “ sei. Nach wie vor versteht sich die Textlinguistik (welche zuvor eine „Satzlinguistik“ war) jedoch ausschließlich als „Linguistik der Langue[15] “. Das fachliche Vokabular wurde um die Einheit Text erweitert, was die Auffassung zum Ausdruck brachte, dass „auch die Textbildung […] durch das Regelsystem der Sprache gesteuert wird und auf allgemeinen, sprachsystematisch zu erklärenden Gesetzmäßigkeiten gründet.[16] “ Der Begriff Text wird folglich als „kohärente Folge von Sätzen[17] “ definiert, dessen Textkohärenz rein grammatischer Art ist[18].

Die kommunikationsorientierte Textlinguistik wirft nun der sprachsystematisch ausgerichteten Textlinguistik vor, die konkrete Kommunikationssituation, in die jeder Text eingebettet ist und zu der auch Autor und Leser gehören, zu ignorieren[19]. Für sie ist der Text keine Abfolge grammatischer Satzfolgen, sondern eine „sprachliche Handlung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine bestimmte kommunikative Beziehung zum Hörer oder Leser herzustellen versucht.[20] “ Dem Text wird ein sogenannter „kommunikativer Sinn[21] “ unterstellt.

2.2 Der integrative Textbegriff

Die Definition des integrativen Textbegriffs lautet: „Der Terminus Text bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.[22] “ In diese Definition tauchen bereits einige der allgemeinen Kriterien eines Textes auf. So wird die Begrenztheit des Textes zur Sprache gebracht, ebenso das Kriterium der Kohärenz das besagt, dass ein Text aus sinnhaft zusammenhängenden Aussagen besteht. Auch die zuvor bereits erwähnte kommunikative Funktion wird eingeschlossen. Außerdem schließt er sowohl mündliche wie auch schriftliche Texte ein. Allerdings ist zu erwähnen, dass in der Textlinguistik hauptsächlich monologische (sprachliche wie schriftliche) Äußerungen untersucht werden, das heißt von einem einzigen Schreiber beziehungsweise Sprecher stammende Texte. Sobald ein Dialog entsteht, handelt es sich weniger um einen Text als vielmehr um ein Gespräch, das folglich unter eine neue Teildisziplin, die Gesprächsanalyse, fällt[23].

Im Kontext des zunehmenden Einflusses anderer Medien (Fernsehen, Fotografie), die ihre Inhalte ebenfalls als Texte betrachteten, entstand der „erweiterte Textbegriff“, der nicht nur schriftsprachliche Elemente, sondern jeden „zeichenhaften Komplex von Elementen, die zu einem Sinnzusammenhang verflochten sind [...][24] “ einschließt. Ein Gedicht wie Fisches Nachtgesang von Christian Morgenstern, das nicht aus sprachlichen Zeichen besteht, wird erst von diesem Textbegriff eingeschlossen. Letztendlich gibt es in der Textlinguistik sieben Kriterien, die Textualität markieren: Kohäsion (logische grammatische Verknüpfung der Satzglieder) und Kohärenz (logischer inhaltlicher Zusammenhang der Sätze), Intentionalität (Text transportiert Absicht seines Schöpfers), Akzeptabilität (Text wird mit Erwartungshaltung vom Rezipienten gelesen), Situationalität (Text ist eingebettet in einen Kontext, eine Situation), Informativität (Text besitzt Informationspotenzial) und Intertextualität (Texte beziehen sich auf andere Texte)[25].

3. Barthes Textbegriff

Im folgenden Kapitel soll die von Barthes erarbeitete Textdefinition, wie sie in dem Aufsatz Vom Werk zum Text beschrieben wird, aus diesem herausgearbeitet und in Relation zu den beiden im letzten Kapitel erläuterten Definitionen gesetzt.

3.1 Barthes Textbegriff in Von Werk zum Text

Der Aufsatz Vom Werk zum Text ist in sieben Punkte gegliedert, in denen die Textdefinition abgehandelt wird. In Folgendem soll dieser Gliederung gefolgt werden:

1. Der Text ist nicht als Gegenstand aufzufassen, der sich zeitlich veranschlagen ließe. Der Versuch, materiell zwischen Werken und Texten zu unterscheiden, wäre vergeblich. […] das Werk ist ein Bruchstück Substanz, es nimmt einen Teil innerhalb des Raums der Bücher ein […] Der Text hingegen ist ein methodologisches Feld. […] das Werk ruht in der Hand, der Text ruht in der Sprache: er existiert nur innerhalb eines Diskurses […] Daraus folgt, daß der Text nicht enden kann [...][26]

Zunächst einmal wird hier die von Barthes klar vorgenommene Unterscheidung zwischen Werk und Text deutlich: Das Werk ist das schriftlich fixierte, kaufbare, ausleihbare und überhaupt besitzbare Objekt, an das der Text gebunden ist. Der Text wird bezeichnet als „methodologisches Feld“, das heißt er ist eine nicht räumlich zu denkende Fläche, auf der sich Inhalte der Methodenlehre im Konstrukt des Texts begegnen. Somit ist der Text selber unabhängig von den Grenzen des Werkes, da er als virtuelles Gefüge keine Grenze besitzen kann. Daraus folgt logisch, dass der Text unendlich sein muss, da man die Menge der Methoden, mit denen man an einen Text heran geht und die Ergebnisse dieses Herangehens nie ganz erfassen oder eingrenzen kann. So äußert Barthes klar seine Meinung zum Diskussionspunkt Abgeschlossenheit, indem er die Möglichkeit eines abgeschlossenen Textes verneint.

2. Desgleichen bleibt der Text nicht bei der (guten) Literatur stehen; er läßt sich nicht in einer Hierarchie, ja nicht einmal in einer bloßen Gattungseinteilung erfassen. Was ihn ausmacht, ist im Gegenteil (oder gerade) sein Vermögen, die alten Einteilungen zu untergraben. […] Der Text versucht, sich sehr genau hinter der Grenze der doxa anzusiedeln […] das Wort wörtlich nehmend, könnte man sagen, der Text sei immer paradox. [27]

Dieser Punkt bringt Barthes Meinung zum Ausdruck, der Text überspanne nicht nur das Werk, sondern auch die Grenzen der Gattung. Dabei verhält es sich genau betrachtet so, dass die gattungsüberspannende Eigenschaft des Textes aus der Werküberspannung resultiert: Immerhin kann man die Feministische Literaturtheorie sowohl auf einem Roman wie auch auf ein Sachbuch (zum Beispiel Geschichtswerk) anwenden. Da Roman und Sachbuch aber unterschiedlichen Textgattungen angehören, hat der Text diese überwunden. Was Barthes mit seinem letzten Satz sagen möchte ist wohl, dass der Text sich von den Regeln der Textwissenschaft nicht eingrenzen lässt, er ist immer die Überschreitung dieser Grenzen.

[...]


[1] Metzler Lexikon – Literatur- und Kulturtheorie, Hrsg. Ansgar Nünning, 2008 J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poechel Verlag, Stuttgart, S.54

[2] Theorien der Literatur- und Kulturwissenschaften von Bernd Stiegler, 2015 Ferdinand Schöningh, Paderborn, S. 70

[3] Ebd. S. 70/71

[4] Texte zur Theorie des Textes, Hrsg. Stephan Kammer und Roger Lüdeke, 2005 Philipp Reclam jun., Stuttgart, S.37

[5] A Dictionary of Postmodernism von Niall Lucy, 2016 Wiley Blackwell, Chichester, S. 3

[6] Metzler Lexikon – Literatur- und Kulturtheorie, S. 706

[7] Ebd. S. 707

[8] Ebd. S. 707

[9] Textlinguistik: Eine einführende Darstellung von Kirsten Adamzik, 2004 Max Niemayer Verlag ,Tübingen, S. 43

[10] Ebd. S. 44

[11] Linguistische Textanalysen – Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden von Klaus Brinker, 2010 Erich Schmidt Verlag, Berlin, S. 12- 14

[12] Ebd. S. 13

[13] Ebd. S. 13

[14] Ebd. S. 14

[15] Ebd. S. 14

[16] Ebd. S. 14

[17] Ebd. S. 14

[18] Ebd. S. 14

[19] Ebd. S. 15

[20] Ebd. S. 15

[21] Ebd. S. 15

[22] Ebd. S. 17

[23] Vgl. Linguistische Textanalysen – Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden S. 18

[24] Vgl. Medienbegriffe, Mediendiskurse, Medienkonzepte von Michael Staiger, 2007 Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, S. 103

[25] Vgl. Einführung in die Textlinguistik von Monika Schwarz-Friesel und Manfred Consten, 2014 WBG, Darmstadt, S. 19/20

[26] Texte zur Theorie des Textes, S. 41/42

[27] Vgl. Texte zur Theorie des Textes S. 42/43

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668302518
ISBN (Buch)
9783668302525
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340769
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Barthes Text Textbegriff Die Lust am Text Autor Leser

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