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Migration und Alter. Die Lebenslagen älterer Migranten in Deutschland

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lebenswelt älterer MigrantInnen
2.1. Begriffsklärung „Personen mit Migrationshintergrund“
2.2. Lebenssituation und Problemlagen
2.2.1.Ökonomische Situation
2.2.2. Wohnsituation und Mobilität
2.2.3. Soziale Einbindungen und Ethnizität im Alter
2.2.4. Gesundheit

3. Ältere MigrantInnen in der Altenhilfe
3.1. Kultursensible Altenhilfe und interkulturelle Öffnung
3.2. Entwicklung
3.3. Herausforderungen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der Anwerbung der GastarbeiterInnen in den 1950er Jahren wurden, wie Zeman es ausdrückt, „die Weichen auf Zuwanderung gestellt“ (Zeman 2012, S. 449). Die Expansion des westdeutschen Arbeitsmarktes und der stetig wachsende Bedarf an Arbeitskräften begründete die Anwerbung von Millionen von GastarbeiterInnen (vgl. Oltmer 2010, S. 52). Trotz des Rotationsprinzips, das jedoch aus Kostengründen relativ schnell aufgegeben wurde (vgl. Schimany/Baykara-Krumme 2012, S. 45ff.) und dem Rückkehrwunsch der MigrantInnen, ist ein Großteil der ehemaligen GastarbeiterInnen in Deutschland geblieben, hat die Familie nachgeholt und verbringt hier das Alter (vgl. ebd.). Diese Entscheidung war in der Lebensplanung der MigrantInnen nicht vorgesehen, doch verschiedene Gründe, wie familiäre und freundschaftliche Kontakte oder auch der Zugang zum deutschen Gesundheitssystem, veranlassten viele MigrantInnen in Deutschland zu bleiben (vgl. Razum/Spallek 2012, S. 164f.). Der Anwerbestopp von 1973 kann als einer der Hauptgründe gesehen werden, warum die MigrantInnen letztendlich blieben. Denn war das Arbeitsverhältnis nach 1973 erst beendet und die MigrantInnen in ihre Heimat zurückgekehrt, hatten sie keine Chance mehr, erneut in Deutschland zu arbeiten. Wollten sie nicht von ihren Familien getrennt sein, gab es für sie nur die Möglichkeiten, entweder endgültig in ihr Heimatland zurückzukehren oder ihre Familie in die Bundesrepublik nachzuholen (vgl. Oltmer 2010, S. 54).

Diese MigrantInnen der ersten Generation sind nun in Rente gegangen oder stehen kurz davor. Noch sind sie im Vergleich zu der deutschen Bevölkerung wesentlich jünger (vgl. Kökgiran/Kökgiran 2012, S. 283), aber in den kommenden Jahren wird die Zahl der älteren MigrantInnen und somit der Bedarf an Unterstützungsleistungen ansteigen.

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich deshalb mit der Lebenswelt der älteren MigrantInnen und deren spezifischen Belastungen im Alter. Dabei wird auf die ökonomische Lage, die Wohnsituation und Mobilität der älteren MigrantInnen, sowie deren soziale Beziehungen, Ethnizität und Gesundheit kurz eingegangen. Anschließend und in Rückbezug auf die gesundheitliche Situation, geht es um das Thema MigrantInnen in der Altenhilfe und die Problematik, die sich daraus ergibt. In Anlehnung daran, wird die kultursensible Altenhilfe mit ihren Entwicklungen und Herausforderungen vorgestellt. Abschließend werden Anforderungen und Kritik an der Debatte um ältere MigrantInnen genannt. Zu der Gruppe der älteren MigrantInnen zählen im Folgenden v.a. die ehemaligen GastarbeiterInnen, deren Familienangehörige und Nachgezogene.

2. Lebenswelt älterer MigrantInnen

„Die Form der Anwerbung prägte die Struktur der ausländischen Bevölkerung in Deutschland nachhaltig“ (Özcan/Seifert 2006, S.14), da durch den speziellen Bedarf an Arbeitskräften überwiegend MigrantInnen mit niedrigerem Qualifikationsniveau nach Deutschland kamen. Diese waren als un- und angelernte Kräfte tätig und arbeiteten zu Lohnbedingungen, die Einheimische nicht akzeptiert hätten (vgl. Oltmer 2010, S. 53).

Aktuell ist die Bevölkerung mit Migrationshintergrund noch deutlich jünger als die ohne (vgl. BAMF 2012, S. 19) und mit einem Anteil der über 65-Jährigen von 9,4 %, also ca. 1,5 Mio. im Jahr 2010 (vgl. ebd., S. 6) noch eine relativ kleine Gruppe, die aber aufgrund des demografischen Wandels wird diese immer weiter zunehmen (vgl. ebd., S. 19).

2.1. Begriffsklärung „Personen mit Migrationshintergrund“

Das Statistische Bundesamt zählt zu den Personen mit Migrationshintergrund „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborene mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2011, zit. n. BAMF 2012, S. 33).

Im Folgenden werden die Begriffe „Person mit Migrationshintergrund“ und MigrantIn synonym verwendet.

2.2. Lebenssituation und Problemlagen

Im Prinzip sind ältere Menschen, egal welcher ethnischen Angehörigkeit, mit ähnlichen Lebensbedingungen und Problemlagen konfrontiert (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 20). Nach der These der „double jeopardy“ sind ältere MigrantInnen als Mitglieder der älteren und ausländischen Bevölkerung jedoch doppelter Diskriminierung ausgesetzt, was zu einer Kumulation von Benachteiligungen führt (vgl. Schroeter/Prahl 1996, S. 71f.).

2.2.1.Ökonomische Situation

Motel gibt an, dass eine „gesicherte materielle Existenzgrundlage“ eine wichtige Voraussetzung für eine selbstbestimmte Lebensführung sei, wohingegen geringe Mittel auf Problemlagen hindeuten würden (vgl. Motel 2000, zit. n. Baykara-Krumme/Hoff 2006, S. 465).

Zur Zeit der Anwerbephase waren berufliche Qualifikationen der MigrantInnen oft nicht nötig, die Chancen einer Weiterbildung gering und somit verblieben sie während ihres Berufslebens auf den unteren Positionen am Arbeitsmarkt (vgl. Hahn 2011, S. 43). Berufliche Aufstiege waren kaum möglich, da sie zusätzlich über eine geringe Schulbildung und Kenntnisse der deutschen Sprache verfügten (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 21).

Verschiedene Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die wirtschaftliche Lage der älteren MigrantInnen im Vergleich zu den Deutschen wesentlich schlechter ist (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 22). Als GastarbeiterInnen waren sie häufig als un- und angelernte Kräfte mit einer schlechten Bezahlung unter nicht optimalen Arbeitsbedingungen tätig (vgl. Oltmer 2010, S. 52). Dementsprechend weisen sie ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen auf (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 22). Eine Erwerbstätigkeit bis zum regulären Rentenalter war und ist durch die verschiedenen Belastungen eher die Ausnahme (vgl. Kökgiran/Kökgiran 2014, S. 287). Aufgrund ihrer oftmals geringen Beitragsjahren, dem geringeren Einkommen und einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko ist ihre Rente niedrig. Als Folge dessen sind sie häufiger Empfänger von Sozialhilfeleistungen (vgl. Stubig 1998, zit. n. Özcan/Seifert 2006, S. 22) und im Vergleich zu deutschen SeniorInnen, aufgrund von gesundheitlichen Belastungen deutlich öfter von Langzeitarbeitslosigkeit und einer Frühinvalidität betroffen sind (vgl. ebd.). Bei einigen älteren MigrantInnen ist somit ihre Erwerbsbiografie von langen Phasen der Arbeitslosigkeit unterbrochen, womit kürzere Versicherungs- und Beitragszeiten einhergehen, die sich wiederum negativ in ihren Renten wiederspiegeln (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 39; vgl. Hahn 2011, S. 42). Mit Renten, die um 25 % niedriger sind als die von Deutschen (vgl. Hohmeier 2000, zit. n. Kökgiran/Kökgiran 2014, S. 287) und einem Armutsrisiko von 27,1 % bei den über 65-Jährigen (vgl. Menning/Hoffmann 2009, zit. n. Hahn 2011, S. 43) wird die Altersarmut und das Sozialhilferisiko eine reale Bedrohung für ältere MigrantInnen (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 39). Des Weiteren liegt die Höhe der Rente von einigen älteren MigrantInnen sogar noch unterhalb des Sozialhilfeniveaus und Ängste vor der Ausländerbehörde oder Probleme bei der Antragsstellung erschweren die Erhöhung der Rente durch Sozialhilfe (vgl. Kökgiran/Kökgiran 2014, S. 288).

Nach Hahn nimmt die Integration der älteren MigrantInnen in das Rentensystem seit einigen Jahren deutlich zu (vgl. Hahn 2011, S. 42ff.). Für viele ältere MigrantInnen wird sie immer mehr zur wichtigsten Einnahmequelle im Alter, womit sie weniger auf Sozialhilfe oder Unterstützung der Familie angewiesen sind (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 38ff.).

2.2.2. Wohnsituation und Mobilität

Wohnbedingungen gelten als „ein zentraler Indikator für die Integration von Migranten“ (Özcan/Seifert 2006, S. 42) und „die Qualität der Wohngegend und der Wohnung stehen in engem Zusammenhang mit Lebensstandard und Sozialprestige und können den weiteren Verlauf des gesellschaftlichen Eingliederungsprozesses maßgeblich beeinflussen“ (ebd.). Es wird davon ausgegangen, dass ungünstige Wohnverhältnisse die Integration erschweren und sich die schlechten materiellen Lebensbedingungen der MigrantInnen in deren Wohnverhältnissen widerspiegeln. Mehrere Untersuchungen und Studien, wie die von Dietzel-Papakyriakou oder Olbermann, belegen die vergleichsweise schlechten Wohnbedingungen der älteren MigrantInnen (vgl. ebd.).

Laut Zeman leben viele der älteren MigrantInnen in „baulich, sozial und infrastrukturell unterprivilegierten Vierteln und Stadtteilen“ (Zeman 2012, S. 455). Als Begründung nennt er zum einen die Kettenmigration, also den Zuzug in Wohngebiete, in denen es bereits Personen der eigenen Ethnie gibt, den Nachzug der Familie, geringe Mobilität und ökonomische Mittel, sowie „Tendenzen zur ethnischen (Selbst-) Segregation“ (ebd.).

Das Wohnverhalten der MigrantInnen ist durch eine geringe Mobilität gekennzeichnet und ein Großteil lebt noch in demselben Wohnort seit ihrem Zuzug nach Deutschland (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 39). Wird die Wohnung gewechselt, dann häufig nur innerhalb des vertrauten Bezirks, da die vertraute Umgebung schnell zum Mittelpunkt der eigenen ethnischen Welt werden kann und geringe finanzielle Mittel den Umzug erschweren (vgl. ebd.).

Die Wohnsituation der MigrantInnen ist generell sehr familien- und generationenorientiert (vgl. ebd.). Sie leben häufig in größeren Haushalten und Mehrgenerationenhaushalten mit ihren Kindern und Enkelkindern zusammen (vgl. Stiehr/Spindler, S. 47; Özcan/Seifert 2006, S. 24), was für ältere und jüngere MigrantInnen den Vorteil der gegenseitigen Unterstützung mit sich bringt (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 24).

Ältere MigrantInnen haben pro Kopf eine geringere Wohnfläche, viele von ihnen wohnen in qualitativ schlechteren Häusern mit Renovierungsbedarf (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 44ff.) und in stigmatisierten Randgebieten, wovon vor allem die ältere Generation betroffen ist (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 39f.).

Im Alter nimmt die Bedeutung des Wohnstandards zu. Zeman gibt an, dass durch „eine adäquate Wohnungsausstattung und durch die barrierefreie Zugänglichkeit von Versorgungsangeboten, Begegnungs- und Erholungsmöglichkeiten“ (Zeman 2012, S. 455) viele alterstypische Problemlagen aufgefangen und die Eigenständigkeit der älteren MigrantInnen gefördert werden könne (vgl. ebd.). Denn nicht altersgerechte Wohnungen können den Alltag erschweren, die Unfallgefahr erhöhen und die Mobilität der älteren MigrantInnen beeinträchtigen (vgl. BMFSFJ 2006, S. 120). Bei vielen älteren MigrantInnen kann jedoch eine Umgestaltung der Wohnung aus finanzieller und baulicher Sicht nicht erbracht werden (vgl. Holz et al. 1995, zit. n. Schroeter/Prahl 1999, S. 40).

Es scheint sich ein Trend zur Verbesserung der Wohnsituation abzuzeichnen bzw. hat dies schon getan. Nach Özcan und Seifert nimmt die Zahl der Wohneigentümer unter den MigrantInnen zwischen 1997 und 2002 stetig zu, was auf einen dauerhaften Wohnwunsch in Deutschland und eine entsprechende finanzielle Lage schließen lässt (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 43ff.). Des Weiteren soll sich die Wohnausstattung der MigrantInnen verbessert haben und trotzdem liegen all diese Verbesserungen noch unter dem Wohnungsniveau der deutschen SeniorInnen. (vgl. ebd.).

Nach Ausscheiden aus dem Erwerbsleben stellt sich für manche MigrantInnen die Frage, ob sie in Deutschland bleiben oder in ihr Heimatland zurückkehren werden (vgl. Schröer/Schweppe 2008, S. 154). Im Alter wird diese Frage immer weiter aufgeschoben oder verworfen (vgl. ebd.) und die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Rückkehr nimmt ab (vgl. Bauer/von Loeffelholz/Schmidt 2006, S. 89). Oft ist das Bleiben keine endgültige Entscheidung und eine Rückkehr wird offengelassen (vgl. Schröer/Schweppe 2008, S. 154). Als Lösung ergibt sich das „Pendeln“ zwischen dem Herkunfts- und dem Aufnahmeland (vgl. ebd.). Dies wird oft als konfliktträchtig angesehen, da es als Fehlschlag der Lebensplanung, als innere Zerrissenheit, als fehlgeschlagene Integration oder Scheitern des Migrationsprojekts gesehen werden kann (vgl. Kunze 1991 und Müller 1992, zit. n. Schröer/Schweppe 2008, S. 154).

2.2.3. Soziale Einbindungen und Ethnizität im Alter

Im Folgenden wird auf die familiären, inner- und interethnischen Kontakte eingegangen.

Die Hilfenetzwerke der älteren MigrantInnen setzen sich überwiegend aus Familienmitgliedern zusammen, wobei vor allem die Kinder der MigrantInnen zu nennen sind. Ältere MigrantInnen haben mehr Kinder als deutsche Familien, leben öfter mit ihnen zusammen (vgl. BMFSFJ 2006, S. 120) und unterstützen und entlasten ihre Kinder in ihrer Rolle als Großeltern, was wichtig für den Zusammenhalt der Familie ist (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 24). Somit sind ältere MigrantInnen nicht nur als Hilfeempfänger zu sehen, sondern auch als wichtige Hilfegeber (vgl. ebd.). Familiäre Beziehungen scheinen auch positive Auswirkungen auf die mentale Verfassung der älteren MigrantInnen zu haben und im Falle einer Pflegebedürftigkeit erwarten ältere MigrantInnen Unterstützung und Versorgung durch ihr familiäres Umfeld (vgl. ebd.).

Nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben beschränken sich die sozialen Kontakte der MigrantInnen fast ausschließlich auf die Familie. Die im Arbeitsalltag gewonnenen Beziehungen fallen oftmals weg und Freundschaften zu Deutschen, selbst bei längerem Aufenthalt in Deutschland, sind eher selten (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 40; Schuleri-Hartje 1994, S. 9f.). Özcan und Seifert sehen in der Kenntnis der deutschen Sprache eine wichtige Voraussetzung, um soziale Kontakte mit Deutschen aufrechterhalten zu können und diese sind bei älteren MigrantInnen oft nicht gegeben (vgl. Özcan/Seifert: 2006, S. 63ff.). Ihre sozialen Kontakte beschränken sich zum großen Teil auf die eigene Ethnie, was im späten Alter zu Einsamkeit oder Isolation führen kann (vgl. Schuleri-Hartje 1994, S. 9f.). Denn nicht nur Determinanten, wie Tod oder Krankheit, sondern auch die Rückkehr von Freunden können die sozialen Kontakte von älteren MigrantInnen weiter massiv einschränken (vgl. BMFSFJ 2006, S. 121).

Dieser Verlust der sozialen Kontakte und das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben können im Alter zu einer verstärkten Beschäftigung mit der eigenen Kultur und Ethnie, mit der Vergangenheit und der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit führen (vgl. ebd.; Hahn 2011, S. 62). Man spricht hier von dem Phänomen des ‚ethnischen Rückzugs‘ (Dietzel-Papakyriakou 1993, S. 11). Viele MigrantInnen suchen im Alter Hilfe und Unterstützung innerhalb der eigenen Ethnie und Religion (vgl. BMFSFJ 2006, S. 121) und versuchen durch Engagement in der Gemeinde ihre soziale Eingebundenheit im Alter zu sichern (vgl. Hahn 2011, S. 62; Zeman 2014, S. 457). Für viele ist dies eine Möglichkeit, Verlustängste oder die Konfrontation mit dem Tod zu kompensieren (vgl. Dietzel-Papakyriakou 1993, S. 11). Ethnizität kann somit der sozialen Einbindung und der Hilfe zur Selbsthilfe im Alter dienen (vgl. ebd., S. 20).

In der Diskussion um ältere MigrantInnen und deren Versorgung führt dieser Rückzug in die eigene Ethnie stellenweise zu der Annahme, dass man von den älteren MigrantInnen keine Integrationsleistung mehr erwarten könne und deshalb die Angebote an ihre Bedürfnisse angepasst werden müssten (vgl. Wölk 1997, zit. n. Kökgiran/ Kökgiran 2014, S. 290). Für die Angebote in der Arbeit mit MigrantInnen bedeutet dies einen Anpassungsdruck, um den Bedürfnissen der älteren MigrantInnen gerecht zu werden (vgl. Kökgiran/ Kökgiran 2014, S. 290).

2.2.4. Gesundheit

Betrachtet man verschiedene Untersuchungen zur Gesundheit der älteren MigrantInnen fällt sofort auf, dass in vielen Publikationen fehlende repräsentative Daten beklagt werden und häufig zur Bewertung des Gesundheitszustandes auf die subjektiven Empfindungen der älteren MigrantInnen zurückgegriffen wird (vgl. Stiehr/Spindler 2008, S. 45). Dabei scheint der Fokus auf den GastarbeiterInnen zu liegen, also auf eine Gruppe von Personen, die auf Grund der Anwerbepraxis, über eine sehr gute körperliche Gesundheit (auch „healthy migrant effect“ genannt) verfügten, diese aber aufgrund ihrer Erwerbsbiografie und der belastenden Arbeitsbedingungen eingebüßt haben und nun schlechte Gesundheitsmerkmale aufweisen (vgl. Özcan/ Seifert 2006, S. 23ff.). Häufig wird die hohe Frührenten- und Erwerbsunfähigkeitsquote bei älteren MigrantInnen thematisiert, die, wie oben bereits erwähnt, in schlechtere ökonomische Lebenslagen mündet (vgl. Stiehr/Spindler 2008, S. 44; Özcan/Seifert 2006, S. 48).

Betrachtet man die oben genannten Arbeitsbedingungen, unter denen die nun älteren MigrantInnen zum Großteil arbeiten mussten, stellt man fest, dass ihre gesundheitlichen Belastungen oft auf die verrichteten schweren körperlichen Arbeiten zurückzuführen sind. Nicht zuletzt deshalb, weil sie oft schädlichen Stoffen, hohen Unfallrisiken und schlechten Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt waren (vgl. Schroeter/ Prahl 1999, S. 38f.). Diese Faktoren können als Ursache für die im Alter verstärkt auftretenden Verschleißerscheinungen und chronischen Erkrankungen verantwortlich gemacht werden (vgl. ebd.). Aufgrund dessen ist ein erhöhtes Pflegebedürftigkeits- und Behinderungsrisiko oftmals die Folge (vgl. Läsker/Yortanli 2012, S. 159). Es kann zu einer Vorverlegung der Altersprobleme kommen (vgl. Kökgiran/ Kökgiran 2014, S. 287).

Aber nicht nur die Erwerbsbiografie beeinflusst die Gesundheit der älteren MigrantInnen erheblich. Auch psychosoziale Probleme, wie Familientrennung oder Zukunftsängste, Diskriminierungen oder eine verschobene Rückkehrabsicht können die Gesundheit beeinträchtigen und zu psychischen, wie auch psychosomatischen Krankheiten führen (vgl. Schroeter/Prahl 1999, S. 39; Kökgiran/Kökgiran 2014, S. 288; Razum/Spallek 2012, S. 165). Besonders für rückkehrorientierte MigrantInnen kann das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben eine zusätzlich eine Sinnkrise bedeuten, da durch den Eintritt in die Rente der Grund ihrer Migration obsolet wird (vgl. Kökgiran/Kökgiran 2014, S. 288). Laut Brandenburg sind ältere MigrantInnen im Vergleich zu deutschen SeniorInnen öfter von psychischen Problemen wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Angstgefühlen und verschiedenen körperlichen Schmerzen betroffen, welche sich durch oben genannte Faktoren erklären lassen könnten (Brandenburg 2004, zit. n. Läsker/Yortanli 2012, S. 159). Wichtig ist hierbei, dass, wie Kirkcaldy und Kollegen betonen, Migration nicht mit psychischen Belastungen gleichgesetzt werden darf (Kirkcaldy et al. 2006, zit. n. Razum/Spallek 2012, S. 165).

Gründe für eine erschwerte Gesundheitsversorgung der älteren MigrantInnen sind nach Schroeter und Prahl „die kulturellen und sprachlichen Barrieren“, woraus „Selbstbehandlung und Eigenmedikation“ folgen (Schroeter/Prahl 1999, S. 39). Eine unzureichende Verständigung und Information, sowie fehlende interkulturelle Kompetenzen im Versorgungssystem erschweren nicht nur die Inanspruchnahme der Leistungen, sondern können auch zu Fehldiagnosen oder Fehlinterpretationen führen (vgl. Zeman 2012, S. 460). Gerade im Umgang mit Ärzten oder Krankenhäusern stellt die sprachliche Barriere offensichtlich ein großes Hindernis dar. Ältere MigrantInnen sind hierbei nicht selten von der Unterstützung ihrer Kinder abhängig (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 61).

Um den MigrantInnen die Angebote der gesundheitlichen und pflegerischen Beratung, sowie der Versorgung näher zu bringen, verfolgen viele Kommunen den „Setting-Ansatz“, indem sie die bestehenden Angebote direkt im sozialen Umfeld der MigrantInnen, in Communities und Begegnungsstätten festsetzen (vgl. Zeman 2012, S. 461).

Alles in allem weist die bisherige Forschungslage darauf hin, dass MigrantInnen von etlichen sozialen Benachteiligungen betroffen sind (vgl. Schröer/Schweppe 2008, S. 151). Niedrigere Löhne und Beiträge zur Rentenversicherung, sowie Bezüge von Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrenten weisen auf eine relativ schlechte Einkommenssituation hin (vgl. ebd.), belastende Arbeitsbedingungen, sowie ungünstige Wohnverhältnisse begründen die gesundheitlichen Einschränkungen im Alter (vgl. Stiehr/Spindler 2006, S. 40ff.). Zusammengefasst bedeutet dies eine „deutliche sozialstrukturelle Schlechterstellung dieser Bevölkerungsgruppe insbesondere im materiellen und gesundheitlichen Bereich“ (Hahn 2011, S. 57). „Der sozial- und migrationspolitische Rahmen im Einwanderungsland sowie kollektiv erfahrene migrationsspezifische Umstände“ (ebd.) begleiten die älteren MigrantInnen, gestaltet ihr Handeln und erklären ihre Situation im Alter. Verschiedene Arten der Diskriminierung führen zur Begrenzung des Zugangs zum Arbeitsmarkt, reduzieren ihre beruflichen Aufstiegschancen und beeinträchtigen ihre Wohnungssuche (vgl. ebd.).

Zwar ist in einigen Bereichen eine positive Entwicklung zu verzeichnen, wie beispielsweise die erhöhte Integration in das Rentensystem und eine geringere Sozialhilfeabhängigkeit, allerdings lässt sich noch nicht von einem Trend zur Angleichung an die deutsche Bevölkerung sprechen (vgl. Özcan/Seifert 2006, S. 69).

Durch die genannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Alter der MigrantInnen ist mit einer erhöhten Nachfrage in der Altenhilfe zu rechnen, was durch die anschließend vorgestellte kultursensible Altenhilfe aufgefangen werden soll.

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Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668308664
ISBN (Buch)
9783668308671
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340969
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1.0
Schlagworte
Migration Altenhilfe kultursensible Altenhilfe Alter Lebenslagen ältere MigrantInnen SeniorInnen

Autor

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Titel: Migration und Alter. Die Lebenslagen älterer Migranten in Deutschland