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Die Götterdämmerung der Religionen. Über den globalisierten Kapitalismus als Analogie in der Postmoderne

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Globalisierung im postmodernen Kapitalismus
2.1 Mc World
2.2 Die neuen Herrscher der Welt

3 Kapitalismus und Religion

4 Religion
4.1 Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus
4.2 Eschatologie

5 Der globalisierte Kapitalismus als Analogie zur Religion
5.1 Der globale Kapitalismus als Analogie zur sekundären Religion
5.2 Analogien zwischen finanzieller und religiöser Verheißung
5.3 Sinn- und Identitätsstiftung
5.4 Gottes Allmacht und die Allmacht durch Geldvermögen
5.5 Geld als technisches Substitut für Gott

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist Globalisierung? Globalisierung ist ein Prozess, der durch das Zusammenwachsen sozialer, ökologischer, ökonomischer, politischer und kultureller Beziehungen gekennzeichnet ist (Fässler 2007, 30f.). Der Begriff wird nicht klar definiert, bleibt in seiner Beschreibung stets schwammig. Einig ist man sich nur in dem Punkt, dass sie unabwendbar und nicht mehr zu stoppen ist, unabhängig davon, ob man den Prozess als gut oder schlecht erachtet. Die ökonomische Dimension der Globalisierung ist die wohl am meisten in den Nachrichten vertretene, spricht man doch stets davon, die Märkte beruhigen zu müssen. Auf diese Art und Weise personalisiert, erscheinen die Märkte als übermenschliche Wesen, deren Willen man sich zu fügen hat und nicht als Instrument zum Güteraustausch.

Übermenschliches wird in der Religion als göttlich definiert, hier könnte der Skeptiker also eine Analogie zwischen Wirtschaft und Religion feststellen. Die dominante Stellung der Religion innerhalb der Kultur wurde von anderen Kulturbereichen ersetzt bis die Wirtschaft, bis einschließlich heute, der dominante Bereich der westlichen Kultur wurde. Da sich Kulturen als Handlungs- und Interpretationsgemeinschaften definieren lassen, was bedeutet, dass, sie sich Sinn schaffen, stellt sich die Frage, ob Sinnkonstituierung und -erfahrung im Bereich der Wirtschaft vollzogen wird, da diese der dominante Kulturbereich ist. Durch Sinn entsteht Identität, die Schaffung einer solchen ist wiederum ein Merkmal von Religionsgemeinschaften, so gängige Religionstheorien (vgl. Joas 2007, 90).

Inwieweit lassen sich bei genauerer Betrachtung des Prozesses weitere religiöse Elemente erkennen? Bestehen Analogien mit der Definition einer sekundären Religion? Dieser Frage wird eine zentrale Stellung in der Arbeit zugeschrieben. Wichtig für ihre Beantwortung ist es, festzustellen, ob der Wahrheitsanspruch sekundärer Religionen und die damit verbundene Expansionslegitimation auf die wirtschaftlichen Prozesse der Globalisierung anwendbar sind. Denn die Expansionslegitimation ist ein wichtiges Merkmal sekundärer Religionen. Weiterhin wird die Verheißung des Kapitalismus behandelt. Die dem Kapitalismus inhärente Verheißung verspricht eine diesseitige Erlösung. Allein das Wort „Verheißung“ ist ein religiöser Begriff. Diese Verheißung scheint Gegenstand der „Eschatologie“[1] des globalisierten Kapitalismus zu sein. Um dies zu begründen wird sich in dieser Arbeit mit der religiösen Heilslehre beschäftigt und Analogien zu ihr gebildet werden. These dieser Arbeit ist, dass der globalisierte Kapitalismus analog zur Religion zu sehen ist.

2 Globalisierung im postmodernen Kapitalismus

„Die Globalisierung [...] entspricht jenem Satellitenblick auf den Globus, den die Bosse der Großunternehmen begründet haben. [...] Von oben gesehen, erscheint die Erde als eine: Nationen, Staaten, Grenzen, Regelungen, Volkscharakter, Rassen, politische Regimes, alles verfließt ineinander, ohne doch zu verschwinden. [...] Der große Traum vom All-Einen, der die platonische Philosophie umgetrieben hat, ist endlich verwirklicht. Das All-Eine ist das Hoheitsgebiet des zeitgenössischen Kapitalismus.“ (Ziegler, 2005, 30).

In einem solchen neoliberalismuskritischen Sinne beschränkt sich dieses Kapitel auf die ökonomische Dimension der Globalisierung. Sie soll mittels verschiedener, sich ergänzender Theorien betrachtet werden, um die Möglichkeit einer kritischen Hinterfragung des Prozesses zu bieten und die unorthodoxe Perspektive des globalisierten Kapitalismus als Analogie zur Religion zu eröffnen.

2.1 Mc World

Ein in diesem Sinne adäquater Globalisierungsbegriff ist der von Benjamin Barber geprägte Terminus Mc World. Als Mc World wird die ökonomische Dimension der Globalisierung betitelt, also der schrankenlose Markt. Dieser sei die Welt von Produktion und Konsum, deren Motivation die Vereinheitlichung der Märkte sei. Insgesamt könne man sie als eine virtuelle Realität, geschaffen durch Datennetzwerke und transnationale Wirtschaftsmächte, ansehen, weil sie weltumspannend und räumlich sowie zeitlich grenzenlos sei (vgl. Barber 1996, 32, 34, 35).

Zugrunde läge dem System ein uneingeschränktes Profitstreben, in dem die Vorzüge des einen Marktteilnehmers die Nachteile des anderen seien. In dieser Art des Profitstrebens seien lediglich ökonomische Aspekte vakant, deswegen würde der Mensch in seiner Rolle zum bloßen Konsumenten degradiert, der weltweit die gleichen Güter erwerben solle (ebd.: 50).

Als Mittel zur dafür notwendigen Gleichschaltung nutzen Großkonzerne Informations- und Kommunikationstechniken. So steige die Bedeutung des Dienstleistungssektors weiter an, da dieser mittels sanfter Gewalt, also Unterhaltung und Werbung, internationalen Einfluss ausübe und letztendlich durch die Schaffung gemeinsamer kultureller Symbole, wie Markenzeichen, die Welt homogenisiere. Dies geschehe, indem mittels sanfter Gewalt Gemüt und Verstand angesprochen würden. U.a. vermarkte diese Art Gewalt allerlei Ideologien, um aus diesen Profit zu schlagen. Die Waren würden auf Symbole bezogen, da so ein Lebensstil verkauft werden könne. Ausschlaggebend sei also das Image, nicht das Produkt selbst. Für das Image sei die Werbung ausschlaggebend, da sie die Dominanz der Marke gegenüber dem Produkt sichere und intensiviere. Exportiert würden folglich Image und Ideologie, um den eigenen Marktanteil zu sichern, oder sich einen zu schaffen (ebd.: 32, 62f., 68 - 71.).

Größtmöglicher Profit sei aus einer Synergie von Werbung, Nachrichten und Information zu gewinnen, da Waren so unterschwellig vermarktet werden könnten. In diesem Sinne sei Werbung Persönlichkeitsvermittlung, gestalte Gefühls- und Verhaltenskonturen, sowie Kultur- und Lebensgewohnheiten. Gefühle würden mittels Bildern manipuliert, welche wiederum neue, artifizielle Gefühle, Vorlieben und Bedürfnisse schüfen (ebd.: 76).

Die neu entstehenden Technologien verschmelzen kontinuierlich weiter mit Unterhaltung und Werbung, was in einem einem fließenden Übergang von Ware und Dienstleistung resultiere. Diese schüfen neue Formen der Interaktion, beeinflussten so Kultur, Politik und Einstellungen. Die Vorgehensweise sei imperialistisch, da beständig neuer Raum, also neue Märkte, erobert würden (ebd.: 67, 71f.).

Wie bereits angesprochen würde die Ideologie durch die Waren transportiert. Zur Vermarktung von diesen käme der Videologie [2] eine zentrale Stellung zu. Die Videologie würde vom Infotainment-Telesektor [3] beeinflusst und geleitet, der „im Dienst der individuellen und kollektiven menschlichen Seele“ (ebd.: 86, 88) stünde. Dieser Sektor beherrsche und kreiere die „Welt der Zeichen und Symbole als Vermittler aller Information, Kommunikation und Unterhaltung“ (ebd.: 88) und vermittle die universelle Sprache der Markennamen und Werbefiguren über die eindringlichen Bilder. Folglich interpretiere das Individuum die Welt durch die vom Infotainment–Telesektor erzeugten Vorgaben, da die durch ihn erzeugte Fiktion auf den Alltag übertragen würde. Die Weltmacht habe demnach derjenige, der im Informationssektor eine Monopolstellung erlangt (ebd.: 91, 92).

Die Monopolisierung schreite unter Zuhilfenahme der Videologie voran und erzeuge so eine für Mc World typische Monokultur, die Lokales zu Gunsten des global einheitlichen Konsums und seiner Kultur sowie Neugierde zu Gunsten von passiver Konsumhaltung verdränge. Hierzu sei das Fernsehen das wichtigste Instrument, denn der einzige Zweck des Fernsehens bestünde darin, kontinuierlich weiter zu schauen und so die Realität zu ersetzen (ebd.: 105, 121). Es sei ein „Instrument von Propaganda, Sozialisierung und Bürgererziehung“ (ebd.: 123).

Durch diese Sozialisierung verbrächten die Menschen zunehmend mehr Zeit in Konsumwelten, wo Engagement und Interesse, sowie Gemeinschaftsgefühl bedeutungslos seien. Dies habe zur Folge, dass das „Wir“ durch das „Ich“ ersetzt würde, da sich Interaktion nur noch durch „kommerzielle Transaktion“(ebd.: 107) vollzöge.

2.2 Die neuen Herrscher der Welt

„Auf dem ganzen Globus hat dieses Erdbeben niemanden kalt gelassen“ (Ziegler 2005, 22), so beschreibt Joan Ziegler die Auswirkungen der Globalisierung. Er sieht Globalisierung u.a. als einen ökonomischen Prozess, der durch die Omnipotenz der Besitzer des globalisierten Kapitals und der Unterdrückung der ökonomisch schwächsten Nationen gekennzeichnet sei. Die Omnipotenz sei der Besitz unerschöpflichen Kapitals, der es ermögliche, widerstandslos agieren zu können (ebd.: 24). Die Aktionen vollzögen sich dank des Internets, und der ihm immanenten Möglichkeit der Zirkulation von virtuellem Kapital, ohne zeitliche oder räumliche Grenzen und drängten dem ganzen Planeten die eigenen Gesetze auf. So würde sich der Planet zu einem einzigen Marktplatz entwickeln. Die Gesetze seien die der kapitalistischen Produktionsweise, mit „Tendenz zur Monopolisierung und Multinationalisierung des Kapitals“(ebd.: 27), sowie das „der Verhältnismäßigkeit von Produktions- und Distributionskosten“ (ebd.: 28). Resultat dieser Transaktionen sei eine „Kette von Inseln des Wohlstands und des Reichtums, die aus einem Meer des Völkerelends herausragten“ (ebd.: 31).

Zur Sicherung der Monopolstellung würde unter Berufung auf die Freiheit der Kapitalismus verbreitet. Unter der Ausrede, dass dieser die Freiheit mit sich brächte, argumentiere man, dass er Verbreiter der Menschenrechte und somit der „Quintessenz aller Werte“ (ebd.: 33) sei. Er sorge für ein „[würdigeres], [gerechteres] und [freieres]“ (ebd.: 33) Leben aller. Aus diesen Glaubensgrundsätzen leite sich nun die Pflicht ab, unter „allen Völkern des Planeten die eigenen Ansichten“ (ebd.: 36) zu etablieren. Dies habe zur Folge, dass das Imperium, welches seine Ansichten verbreitet, das alleinige Recht habe, über Richtig und Falsch zu entscheiden, da nur seine Wahrheit absoluten Anspruch habe. Andere Nationen hätten sich dem Dogma zu fügen, oder würden zuerst dämonisiert, um anschließend terminiert zu werden (ebd.: 36, 37, 45, 48).

Neben dem wirtschaftlichen Zwang seien die, u.a. hier hervortretende, ideologische Komponente sowie die militärische Dominanz Grundlagen zur Herrschaft. Der neoliberalen Ideologie liege der Konsens von Washington [4] zugrunde, der die Privatisierung der Welt ermögliche. Resultat seien ausgehöhlte Nationalstaaten und unterworfene Bürger, die glauben, dass das wirtschaftliche Geschehen nicht veränderbar, sondern unüberwindbaren Dogmen unterworfen sei (ebd.: 51ff.). Die Verbreitung dieser Ideologie schaffe Monokultur und zerstöre den Pluralismus, der der „Reichtum demokratischer Gesellschaften“ (ebd.: 56) sei.

Im Gegensatz zu Barber kontrastiert Ziegler, in Hinblick auf die Ideologie: „Sie muss der Welt Sinn geben, und sie muss es jedem Menschen erlauben, seinen Platz in ihr zu kennen. Sie fungiert daher gleichzeitig als Gesamterklärung der Wirklichkeit und als Motivationsstruktur für die einzelnen Akteure.“ (ebd.: 57). Die nach Barber nicht existente Sinnkomponente findet hier einen Platz. Wenngleich einen negativen, denn „Glück […] [besteht] einzig und allein im Genuss eines Reichtums, dessen Quelle die Vernichtung des anderen ist, aus Börsenmanipulation, immer gigantischeren Firmenfusionen und beschleunigter Akkumulation des Mehrwerts unterschiedlichster Herkunft.“ (ebd.: 58). Die Sinnstiftung und –erfüllung des Einzelnen vollziehe sich also durch die Benutzung von Geld, dabei habe Geld einen negativen Charakter: „Geld ist ein Herrschafts- und Machtmittel. Der Wille zur Herrschaft ist unausrottbar. Er kennt keine objektiven Grenzen.“ (ebd.: 72f.). Angetrieben würde er durch die menschliche Gier. Herrschen tue demnach, wer Geld hat. Auf diese Art und Weise entstehe ein Machtgefüge, welches nicht zur Globalisierung, sondern vielmehr zur Fragmentierung der Welt führe, da durch die Privatisierung die Ärmsten der Welt ausgeschlossen und territorial eingesperrt würden. Der Gedanke der Liberalisierung der Märkte bringe somit keine Freiheit mit sich, sondern die Dominanz einiger weniger und die Unterwerfung der Massen (ebd.: 65, 79).

[...]


[1] Siehe Kapitel 4.2

[2] Videologie: Die vermarkteten Bilder und Ideale der westlichen (Pop-) Kultur

[3] Infotainment – Telesektor: Verknüpfung von Telekommunikationstechniken mit Programmware aus Information und Unterhaltung (vgl. Barber, 1996, 67)

[4] Ein 1989 durch John Williamson formalisierter Konsens zur Liberalisierung der Märkte, dessen Grundprinzipien auf jede Gesellschaft zu jeder Zeit anwendbar seien.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668307070
ISBN (Buch)
9783668307087
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341218
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Politik Religion politische Religion politische Religionen Ziegler Jean Ziegler Globalisierung Mc World Mc Donaldisierung Soziologie Kapitalismus Herrscher der Welt mosaische Unterscheidung Eschatologie Monotheismus Identität

Autor

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