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David Humes "Of the Standard of Taste". Über Geschmacksurteile und ihre Geltungsansprüche

Seminararbeit 2013 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschmacksurteile: verschiedene Typen
2.1 Das affektiv-subjektive Geschmacksurteil
2.2 Das reflexiv-intersubjektive Geschmacksurteil

3 Geltungsansprüche der Geschmacksurteile
3.1 Der Geltungsanspruch des affektiv-subjektiven Geschmacksurteils
3.2 Der Geltungsanspruch des reflexiv-intersubjektiven Geschmacksurteils
3.3 Der besondere Geltungsanspruch des Geschmacksurteils des guten Kritikers

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Seminararbeit ist eine kritische Auseinandersetzung mit der ästhetischen Theorie David Humes. Sein Essay Of the Standard of Taste, erstmals 1757 publiziert, dient uns für diese Beschäftigung als Grundlage. Zwar entwickelte Hume in mehreren Werken seine ästhetischen Fragestellungen, doch fasst Hume in diesem Essay seine Kriterien des guten Geschmacks zusammen und konkretisiert sie zur Methode (vgl. von der Lühe 1996, 135-137, 240f.). Somit kann Of the Standard of Taste als Abschluss von Humes ästhetischen Betrachtungen erachtet werden, in dem er „die wesentlichen Gedanken seiner Ästhetik resümiert“ (ebd. 211). Aus diesem Grund erachten wir es als wahrscheinlich, keinen relevanten Gedanken Humes, bezüglich seiner Ästhetik, unbeachtet zu lassen und halten eine tief greifende Beschäftigung mit ebendieser auf Grundlage des genannten Essays für möglich.

Die Leitfragen dieser kritischen Auseinandersetzung mit der ästhetischen Theorie Humes lauten:

- Welche Arten von Geschmacksurteilen unterscheidet Hume?
- Welchen Geltungsanspruch haben diese Geschmacksurteile?
- Welche unterschiedlichen Geltungsansprüche haben diese beiden Arten von Geschmacksurteilen?
- Wie begründet Hume die besonderen Geltungsansprüche des guten Kritikers?

Sie bilden die Struktur dieser Seminararbeit. Anhand von ihnen werden wir Humes' Theorie und Argumente bezüglich des ästhetischen Urteils resümieren und anschließend die Ergebnisse und Argumente dieses Vertreters des Empirismus auf ihre Gültigkeit hin untersuchen, um gegebenenfalls Kritik an seiner ästhetischen Theorie ausführen zu können.

Vorab möchte ich noch anmerken, Humes' Arten der Geschmacksurteile eigene Namen gegeben zu haben, die ich aus dem jeweiligen Geltungsanspruch ableite. Die Namensgebung wird innerhalb der jeweiligen Kapitel begründet.

2 Geschmacksurteile: verschiedene Typen

Für Hume ist Geschmack jede Art von ästhetischer Reaktion bezüglich kultureller Artefakte, die eine breit gefächerte, tief gehende Kompetenz zur Beurteilung dieser Artefakte beinhaltet (vgl. Hume 2006, 7). Er „beurteilt die ästhetische Wirkung, also die gelungene bzw. nicht geglückte Transformation von Affekten in ästhetische Empfindungen“ (von der Lühe 1996, 208). Mittels dieser Kompetenz ist es dem Beurteilenden möglich, bestimmte affektive Reaktionen zu bevorzugen, andere hingegen zu verdammen. Dieser Vorgang des Wertens verläuft, so Hume, stets ähnlich. Insofern ist es möglich, nach einem Standard zur Beurteilung zu suchen. Für Hume ist dies sogar natürlich: „It is natural for us to seek a standard of taste - a rule by which the various sentiments of men can be reconciled, or at least a decision reached that confirms one sentiment and condemns another“ (Hume 2006, 8). Inwiefern es möglich ist, einen solchen Standard überhaupt erheben zu können, ist das eigentliche Thema des Essays (vgl. von der Lühe 1996, 244).

In seiner Argumentation macht Hume auf zwei verschiedene Typen von Geschmacksurteilen aufmerksam: Das affektiv-subjektive Geschmacksurteil und das reflexiv-intersubjektive, wie wir sie in dieser Arbeit nennen wollen.

Auf diese Weise schafft er es, die Position des Skeptikers, der die Möglichkeit eines Maßstabs zur Findung von Geschmacksurteilen negiert, zu mäßigen, da dieser lediglich davon ausgeht, dass „[die] wertenden Empfindungen […] sich nicht an den Eigenschaften eines Gegenstandes fest[machen], so daß die Möglichkeit eines objektiven Kriteriums des Geschmacks entfällt“ (von der Lühe 1996, 207). Für Hume als Historiker steht jedoch fest, dass „Geschmacksurteile nicht wie die Affekte bloß subjektiv und willkürlich sein [können], da sie eine gewisse Gleichförmigkeit erkennen lassen“ (ebd. 208). Die Werke großer Künstler würden durch alle Zeiten hindurch als angenehm und schön empfunden und bewundert werden, wie z.B. die Werke Homers: „The same Homer who pleased people at Athens and Rome two thousand years ago is still admired today in Paris and in London“ (Hume 2006, 10).

Hieraus gelangt Hume zu dem Schluss, dass „Well-done expressions of passion and nature are sure after a little time to earn public applause which they maintain for ever“(Hume 2006, 16). Somit muss es ebenfalls universelle Prinzipien des Geschmacks geben.„Die geschichtliche Erfahrung belegt also sowohl die Verschiedenheit als auch die Einmütigkeit der Geschmäcker“ (von der Lühe 2006, 215).

2.1 Das affektiv-subjektive Geschmacksurteil

Diese Art des Geschmacksurteils leitet Hume aus der oben genannten skeptischen Position bezüglich des Geschmacks ab. Grundlegend ist hierbei die wohl bekannte Annahme, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt: „Beauty is not a quality in things themselves; it exists merely in the mind that contemplates them; and each mind perceives a different beauty“ (Hume 2006, 9). Die Schönheit ist also keine im Objekt enthaltene Eigenschaft, sondern eine Reaktion des Betrachters in Bezug auf das beobachtete Objekt. „Beauty and deformity are not qualities in objects, but belong entirely to the internal sentiments“ (ebd. 11f.).

Diese Reaktion zeigt sich in einer unmittelbaren Beurteilung von Schönheit und Hässlichkeit, Gefallen und Missfallen (vgl. ebd. 12). So unmittelbar ist das Geschmacksurteil eine affektive Reaktion des Subjekts. Sie ist nicht reflektiert, sondern eine direkte, individuelle Gefühlsregung der Lust oder Unlust in Bezug auf das Objekt.

„Unmittelbar erscheint das Geschmacksurteil als persönliche Vorliebe, die von äußeren Bedingungen und inneren Stimmungen abhängig ist und dadurch verfälscht sein kann“ (von der Lühe 1996, 219).

Diesem Geschmacksurteil liegen also Affekte des jeweiligen Individuums, hier der Lust bzw. Unlust, zugrunde, die durch die jeweiligen äußeren Bedingungen beeinflusst sind. Es ist also ein rein individuelles Geschmacksurteil. Da es sich bei diesem Geschmacksurteil um ein individuelles handelt, nennen wir es in dieser Seminararbeit das affektiv-subjektive Geschmacksurteil.

Die Neigung des Geschmacks ist außerdem, so Hume, vom Temperament und den Interessen eines Individuums abhängig: „We choose favourite authors as we choose friends, from a conformity of mood and disposition“ (Hume 2006, 17). Ebenso würde der jeweilige Zeitgeist Einfluss auf das Geschmacksurteil nehmen. Deshalb sei es quasi unmöglich, sich nicht zu bestimmten Werken hingezogen zu fühlen und diese anderen zu bevorzugen. Solche Präferenzen seien unumgänglich, aber harmlos, solange man nicht alle anderen Stile aufgrund seiner eigenen Vorliebe diffamiere (vgl. Hume 2006, 16f.).

Diese Verschiedenheit der Geschmäcker sei „natürlich im Sinne von ursprünglich“ (vgl. von der Lühe 1996, 214). Dies ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist es für den Menschen genauso natürlich „stets nach einem Maßstab zu suchen, der die Einheitlichkeit der Empfindung ermöglicht“ (ebd. 214). Denn der Mensch möchte in seinen Werturteilen mit der Gesellschaft übereinstimmen, da ein solcher Konsens „der ästhetischen wie auch moralischen Urteile […] notwendig für ihre gesellschaftliche Existenz [ist]“ (ebd. 214). Und mit diesem Plädoyer gelangen wir zu einer anderen Art des Geschmacksurteils: dem reflexiv-intersubjektiven.

2.2 Das reflexiv-intersubjektive Geschmacksurteil

Ein Konsens der ästhetischen und moralischen Urteile ist also für das gesellschaftliche Bestehen notwendig. Und tatsächlich gibt es für Hume „einen gewissen Konsens darüber, was guter Geschmack sei, und daher auch einen ihm zugrunde liegenden Maßstab“ (ebd. 215). Diesen Maßstab möchte Hume in seinem Essay ermitteln. Für ihn gilt es als erwiesen, dass es ein solcher Maßstab keine bloße Fiktion ist, da „in der fortdauernden Anerkennung bestimmter Kunstwerke, d.h. im geschichtlich sich durchsetzenden ästhetischen Urteil, […] die individuelle Zufälligkeit [des Geschmacks] bereits aufgehoben [ist] (ebd. 217).

Zwar stimmt Hume den Skeptikern zu, dass die Schönheit keine Eigenschaft eines Objekts ist, sondern im Betrachter entsteht, doch zeigt die Geschichte, dass bestimmte Objekte zu allen Zeiten den Menschen gefallen. Insofern muss ein solches Objekt bestimmte Eigenschaften besitzen, die im Menschen immer die gleiche ästhetische Reaktion auslösen (vgl. ebd. 216). Diese Eigenschaften nennt Hume general sources of approval or disapproval. Da sie im Menschen stets die gleiche Reaktion auslösen, können sie einem Maßstab des Geschmacks als Grundlage dienen. Da sie in allen Menschen die gleiche Reaktion auslösen, also das gleiche Geschmacksurteil, nennen wir diese Art des Geschmacksurteils intersubjektiv[1]. Gelangt ein Mensch nicht zu dem gleichen Geschmacksurteil steht für Hume fest, dass er Defizite in seiner Wahrnehmung besitzt:

„So we find that admidst all the variety and caprice of taste, there are certain general sources of approval or disapproval whose influence a careful eye can detect in all operations of the mind. Because of the original structure of the human constitution, some particular forms or qualities are apt to please and others to displease; and if we fail of their effect in any particular instance it is from some apparent defect or imperfection in the organ“ (Hume 2006, 11).

Für den Maßstab des Geschmacks kann jedoch nur eine korrekt funktionierende Wahrnehmung herangezogen werden, da sie das Geschmacksurteil nicht verfälscht und der Mensch auf diese Weise eine Idee der perfekten Schönheit gewinnen kann:

„For each creature there is a sound state and a defective state; and only the sound state can be supposed to give us a true standard of taste and sentiment. If in the sound state of the organ there is a complete [..] uniformity of sentiment among men, we can get from this an idea of perfect beauty“ (ebd. 11).

Zu einem solchen Geschmacksurteil gelangt man durch Reflexion, denn den Prinzipien des Schönen beruhen auf der Erfahrung dessen, was universell, also immer und überall, gefällt. (vgl. Hume 2006, 9). Bei diesem Prozess geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um ein Gefühl von Lust bzw. Unlust während der Kontemplation:

„Der gute Geschmack ist also kein Vermögen a priori, das die Vorzüge und Fehler eines Kunstwerks wie Wahrheit und Falschheit eines Sachverhalts erkennt und an ihnen seinen Maßstab hat. [...] Geschmack ist mithin ein Gefühl der Lust, bzw. Unlust, das in der Gegenwart von Schönheit bzw. Häßlichkeit empfunden wird“ (von der Lühe 1996, 216).

Hieraus ergibt sich jedoch nicht, dass es keine Regeln des Schönen gebe. Die Regeln des Schönen sind lediglich nicht von vornherein festgelegt, sondern leiten sich a posteriori aus dem ab, was gefällt (vgl. ebd. 216). Sie sind Erfahrungswerte, oder um es mit Hume auszudrücken, „general observations about what has been found - universally, in all countries and at all times - to please“ (Hume 2006, 9).

Inwiefern Menschen diese Regeln des Schönen kennen und somit einen guten Geschmack haben, ist unterschiedlich. Da die Regeln jedoch Erfahrungswerte sind, kann jeder Mensch durch Praxis seinen Geschmackssinn sensibilisieren: „People naturally differ widely in how much delicacy of taste they have, but such differences aren't set in stone: in this respect one can improve “ (Hume 2006, 13).

[...]


[1] Intersubjektiv, da ein objektiver Maßstab zur Bewertung des Schönen entfällt (s.o.).

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668307155
ISBN (Buch)
9783668307162
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341223
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
David Hume Hume Of the standard of Taste Geschmack Geschmacksurteil der ideale Kritiker Ästhetik Kulturphilosophie Geltungsansprüche von Geschmacksurteilen

Autor

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Titel: David Humes "Of the Standard of Taste". Über Geschmacksurteile und ihre Geltungsansprüche