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Euphemismen in der politischen Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Euphemismus
2.1 Die kommunikative Funktion von Euphemismen
2.1.1 Euphemismen als Sprachstrategie
2.1.2 Verhüllende und verschleiernde Euphemismen
2.2 Betrachtung von Euphemismen aus pragmatischer Sicht
2.3 Betrachtung von Euphemismen aus semantischer Sicht
2.3.1 Denotation und Konnotation
2.3.2 Bildung von Euphemismen

3 Diskussion von Beispielen

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was bedeutet es, wenn in der Politik von Äaufenthaltsbeendenden Maßnahmen“ oder dem ÄAbbau von Steuervergünstigungen“ die Rede ist? Beide Begriffe erscheinen auf den ers- ten Blick nicht ausschließlich negativ - ein Aufenthalt wird beendet und zuvor gewehrte Vergünstigungen werden wohl nicht weiter gezahlt - schön und gut. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, dass der erstgenannte Ausdruck schlicht ÄAbschiebung“ und der zwei- te ÄSteuererhöhung“ bedeutet (Vgl. Schröter 2009: 41). Diese zwei aufgedeckten Bedeu- tungen erscheinen dem Leser bei weitem negativer als die politisch entschärften Ausdrü- cke, denn Abschiebung bedeutet für die betroffene Person eine gravierende Lebensverän- derung und von Steuererhöhungen ist niemand gerne betroffen. Doch warum werden im politischen sowie auch im alltäglichen Sprachgebrauch solche beschönigenden Ausdrücke benutzt? Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, muss man die Welt der Euphe- mismen betreten.

Euphemismen sind ein sprachliches Phänomen, das häufig im Alltag auftritt und doch oft vom neutralen Leser unbemerkt bleibt. Vor allem in der Politik scheint häufig von euphemistischen Ausdrücken Gebrauch gemacht zu werden, da negative Vorstellungen verdeckt werden sollen (vgl. Schröter 2009: 41). Doch was macht einen sprachlichen Aus- druck zu einem Euphemismus und wie kann eine euphemistische Formulierung für den Leser erkennbar werden? Verliert ein Euphemismus seine Bedeutung, wenn man ihn als solchen entlarven kann? Diese und weitere Fragen ergeben sich bei der Betrachtung von Euphemismen in der politischen Sprache. Diese Arbeit soll einen Versuch darstellen, Ant- worten zu finden.

Zunächst soll dazu der Euphemismusbegriff definiert werden. Weiterhin soll her- ausgestellt werden, welche kommunikative Funktion Euphemismen erfüllen. Dazu wird der Euphemismus als Sprachstrategie betrachtet sowie die Unterscheidung zwischen ver- hüllenden und verschleiernden Euphemismen erläutert. Anschließend wird das Phänomen des Euphemismus aus pragmatischer und darauffolgend aus semantischer Perspektive be- trachtet, um herauszustellen, welche Eigenschaften einen sprachlichen Ausdruck zu einem Euphemismus machen und welche Bildungsmöglichkeiten für Euphemismen existieren. Im vorletzten Kapitel sollen Beispiele aus der politischen Sprache betrachtet werden. Dabei soll gezeigt werden, ob die ausgesuchten Ausdrücke wirklich als Euphemismen charakteri- siert werden können oder ob ihre euphemistischen Eigenschaften durch die Analyse ent- tarnt werden und somit verloren gehen. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung.

2 Der Euphemismus

Bei der Betrachtung von Euphemismen stellt sich die Frage, wann genau ein Ausdruck als Euphemismus charakterisiert werden kann. Um dies herauszufinden, soll der Euphemismus zunächst definiert werden.

Das Wort Euphemismus kommt aus dem Griechischen und bedeutet ÄUnangeneh- mes mit angenehmen Worten sagen“ (Brockhaus Euphemismus 2015). Des Weiteren kann das Wort definiert werden als Ädie verhüllende Bezeichnung einer Sache, die bei direkter Benennung unheilvolle Wirkung ausüben oder Anstoß erregen kann“ (Flury 2015). Der Duden online beschreibt Euphemismus als Äbeschönigende, verhüllende, mildernde Um- schreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort“ (Duden Euphemismus). Alle an- geführten Definitionen schreiben einem euphemistischen Term eine verhüllende sowie beschönigende Beschreibung eines Begriffes zu, der in ungeschönter Nutzung die Zuhörer empören kann. Im Hinblick auf die Nutzung von Euphemismen in der Politik führt Elisa- beth Leinfellner an: ÄEs geht in politischen Euphemismen auch nur selten um das Vermei- den ‚harter’ Worte, sondern meist um das Vermeiden von Worten, die allzudeutlich sagen, worum es sich handelt. Eher also sollen harte Fakten verschleiert werden als ‚harte‘ Wor- te“ (Leinfellner 1971: 21f). Dieses Zitat verweist schon darauf, dass ein Sprecher mit der Nutzung von Euphemismen ein bestimmtes Ziel verfolgt. Damit erhalten Euphemismen eine Äkommunikative[n] Funktion“ (Forster 2005: 196), die im folgenden Kapitel betrach- tet werden soll.

2.1 Die kommunikative Funktion von Euphemismen

Die kommunikative Funktion des Euphemismus kann einerseits von der Intention des Sprechers, andererseits von der Aufnahme beim Hörer - folglich seiner Wirkung - aus betrachtet werden (vgl. Forster 2005: 196). Im weiteren Verlauf soll der Schwerpunkt auf der Betrachtung der Sprecherintention liegen. Wann entscheidet sich ein Sprecher dazu, Euphemismen zu nutzen?

Um dies zu untersuchen, soll zunächst der Fokus auf Sprachstrategien liegen und anschließend auf eine wesentliche Unterscheidung zweier Arten von Euphemismen hingewiesen werden.

2.1.1 Euphemismen als Sprachstrategie

Jede Person, die Euphemismen bewusst benutzt, verfolgt damit ein Ziel. Somit gehören Euphemismen zu Sprachstrategien. Insbesondere in der Politik dienen Sprachstrategien dazu, Ädie Zustimmung der für den politischen Erfolg relevanten Adressaten zu erlangen“ (Klein 1998: 376). Klein unterscheidet drei Haupttypen von Sprachstrategien: Basisstrate- gien, Kaschierstrategien und Konkurrenzstrategien. Die zweite Strategie soll im Folgenden kurz dargestellt werden, um mit dem Euphemismusbegriff verknüpft werden zu können.

Kaschierstrategien lassen sich definieren als Versuche, dem Dilemma zu entgehen, das entsteht, wenn die Verfolgung der eigenen Ziele in Widerspruch zu den politischen und kommunikationsethischen Präferenzen relevanter Adressatengruppen gerät und die offene Handhabung dieses Konflikts negative Adressatenreaktionen befürchten lässt. (Klein 1998: 382)

Das kommunikative Ziel dieser Strategien stellt also die Vermeidung von negativen Adressatenreaktionen dar. Diese Strategien treten in verschiedenen Formen auf. Zunächst können relevante Informationen zurückgehalten werden, um so Operationsspielräume of- fen zu halten (vgl. ebd.: 383). Auch Wahrheitsdefizite können kaschiert werden, indem relevante Informationen ausgelassen werden, Dinge nur angedeutet, nicht aber explizit formuliert werden oder gemeinte Sachverhalte verbal verschleiert werden (vgl. ebd.: 384). Ebenfalls können Relevanzdefizite kaschiert werden, indem am jeweiligen Sachverhalt Merkmale hervorgehoben werden, Ähinter denen die wesentlichen Aspekte des Sachver- halts in den Hintergrund treten“ (ebd.: 386). Eindeutigkeitsdefizite werden verschleiert, indem auf lexikalischer Ebene mehrdeutige und vage Wörter benutzt werden, die beim Hörer auf Zustimmung stoßen, obwohl sie einen breiten Spielraum für ihre konkretere Be- deutung lassen (vgl. ebd.: 386). Mit Betrachtung dieser Kaschierstrategien lässt sich der Zusammenhang zu den obigen Definitionsversuchen herstellen, in denen der Euphemismus als sprachliches Mittel beschrieben wurde, mit dessen Hilfe harte Fakten beschönigend dargestellt werden können. Mit Blick auf Kleins Sprachstrategien lässt sich verdeutlichen, dass der Euphemismus in der Politik eine lexikalische Kaschierstrategie ist, denn er dient Äder Täuschung Dritter über einen schlimmen Sachverhalt […], aber auch der moralischen Selbstentlastung“ (ebd.: 384).

2.1.2 Verhüllende und verschleiernde Euphemismen

Nachdem der Euphemismus nun als Sprachstrategie offengelegt wurde, soll die Unter- scheidung zwischen verhüllenden und verschleiernden Euphemismen aufgezeigt werden.

Verhüllende Euphemismen repräsentieren Äeinen Sachverhalt, der einem der Sprachteilnehmer bzw. beiden Sprachteilnehmern unangenehm ist, mildernd oder beschö-nigend“ (Zöllner 1997: 110). Solche Euphemismen weichen somit individuellen oder ge-sellschaftlichen Tabus aus und berücksichtigen die in der betreffenden Gesellschaft gelten-den Normen (vgl. ebd.).

Die Verwendung von verschleiernden Euphemismen soll bezwecken, Ädie Aufmerksamkeit der Hörer auf die Teile eines Sachverhalts zu lenken, von denen der Sprecher annimmt, daß sie sein Anliegen in einem günstigen Licht erscheinen lassen“ (ebd.). Anders ausgedrückt bedeutet Verschleiern in Bezug auf Euphemismen also, dass gezielt nur ein Teilaspekt einer Sache betrachtet wird, um zu verhindern, dass den übrigen Aspekten ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt wird (vgl. Luchtenberg 1985: 140).

Aus dieser Zweiteilung lassen sich kommunikative Funktionen erkennen. Beim Verhüllen möchte der Sprecher bestimmte in der Sprachgemeinschaft geltende Normen mit Hilfe des sprachlichen Mittels des Euphemismus einhalten bzw. nicht verletzen. Dies wird vom Hörer akzeptiert, da sich dieser in derselben Gesellschaft befindet. Das Verschleiern hingegen hat zum Ziel, die Interessen und Wünsche des Sprechers nicht zu vernachlässigen und den Hörer zu täuschen oder zu beeinflussen, beispielsweise aus Gründen der Machterhaltung oder Akzeptanz (Forster 2009: 48).

Die beiden Bezeichnungen - verhüllend und verschleiernd - sind aus grammatikali- scher Sicht gesehen Partizipien Präsens Aktiv. Ein sprachlicher Ausdruck kann also erst zu einem verhüllenden oder verschleiernden Euphemismus werden, wenn er aktiv benutzt wird. Die aktive Benutzung von Euphemismen ist abhängig vom jeweiligen Kontext der Kommunikationssituation. Es liegt Äim Ermessensbereich des einzelnen Sprechers, ob er in einem bestimmten Kontext Euphemismen gebraucht, doch seine Entscheidung für den Eu- phemismus, seine Motivation, wird erst aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang erklär- bar“ (Zöllner 1997: 111).

2.2 Betrachtung von Euphemismen aus pragmatischer Sicht

Aus Sicht der Beziehung zwischen sprachlichem Zeichen und Sprachbenutzer (vgl. Lein- fellner 1971: 66) muss im Zentrum der Euphemismusbetrachtung das Zusammenspiel von Sprache und Gesellschaft stehen (vgl. Zöllner 1997: 109). Der Euphemismus darf nicht als rein sprachliches Phänomen betrachtet werden, da seine Funktion als Ersatzausdruck für einen tabuisierten Ausdruck sonst nicht erkannt werden kann (vgl. ebd.). Damit der Eu- phemismus als Form des Handelns funktioniert, muss er Äin Relation zum soziokulturellen Hintergrund des jeweils betrachteten Sprachsystems gesetzt werden“ (ebd.). Politische Euphemismen gehen vom Politiker aus und sind an die Gemeinschaft adressiert. Diese, beziehungsweise der einzelne Staatsbürger - muss den Euphemismen auf den Grund gehen (vgl. Leinfellner 1971: 70), um mit Sprachbewusstsein die Unangemessenheit zu erkennen (vgl. Forster 2009: 48). Somit entsteht ein Kreislauf, denn Euphemismen, die einmal vom Adressaten enttarnt worden sind, müssen vom Politiker durch neue ersetzt werden (vgl. Leinfellner 1971: 70).

Die Verwendung von Euphemismen hängt vom situativen Kontext ab. In Zeiten ökonomisch sicherer Verhältnisse sind Euphemismen nicht nötig, herrscht dagegen bei- spielsweise eine Inflation, werden eher Euphemismen gebraucht (vgl. ebd.: 71). Die Moti- vation eines Sprechers zum Gebrauch von Euphemismen wird also erst aus dem gesell- schaftlichen Zusammenhang erkennbar (vgl. Zöllner 1997: 111). In der Sprache gibt es Ausdrücke, die als unangenehm empfunden werden und daher als Tabuwörter bezeichnet werden (vgl. ebd.). Diese Ausdrücke werden von Sprechern gemieden, da diese befürchten, Ädie Gefühle des Hörers zu verletzen und dadurch den Respekt des Hörers zu verlieren“ (ebd.). In Bezug auf die Politik kann dies weitergeführt werden zu dem Gedanken, dass Ädas jeweilige politische Ziel Motiv der Euphemisierung zu sein [scheint]“ (Forster 2005: 107). Somit wird durch politische Euphemismen Einfluss auf die Mitglieder einer Sprach- gemeinschaft ausgeübt, indem die Weitergabe von Informationen entweder verhüllt oder verschleiert geschieht, um die Äunwillkommenen Aspekte des eigenen politischen Han- delns“ zu verbergen (ebd.: 198).

Aus pragmatischer Sicht ist abschließend festzuhalten, dass Ausdrücke erst im kon- kreten Sprechakt eine euphemistische Bedeutung bekommen (vgl. Zöllner 1997: 112). Der Adressat muss, um den Euphemismus aufzudecken, diese Bedeutung erkennen und ihr auf den Grund gehen.

2.3 Betrachtung von Euphemismen aus semantischer Sicht

Es bleibt die Frage, wie festgestellt werden kann, ob ein sprachlicher Ausdruck als Eu- phemismus definiert werden kann.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668311954
ISBN (Buch)
9783668311961
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341498
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Sprache Politik Euphemismus Euphemismen politische Sprache

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