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Die Bombardierung Tirols. Innsbruck und Hall im Zweiten Weltkrieg

Eine komprimierte Schilderung der Bombardierungsjahre 1943 -1945

Hausarbeit 2016 67 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Vorwort

Einleitung

1 Gründe / Allgemeines / Vorgeschichte
1.1 Die Entstehung der Südfront
1.2 Die Bedeutung von Innsbruck und Hall zu Beginn des 2. Weltkrieges
1.3 Der Luftkrieg rückt näher
1.4 Technische Anmerkungen

2 Luftschutz
2.1 Vorbereitungen zum Schutze der Zivilbevölkerung bei Luftangriffen
2.2 Luftschutzmaßnahmen werden intensiviert
2.3 Auswirkungen des Luftkrieges auf Bevölkerung und Infrastruktur

3 1943
3.1 Innsbruck
3.2 Hall
3.3 Sonstige

4 1944
4.1 Innsbruck
4.2 Hall
4.3 Sonstige

5 1945
5.1 Innsbruck
5.2 Hall
5.3 Sonstige

Schlusswort

Zusammenfassung

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

Diese Arbeit liefert eine komprimierte Darstellung der historischen Entwicklungen, die zum Luftkrieg gegen Tirol geführt haben, sowie einen Abriss der Geschehnisse dieses Krieges selbst.

Es wird gezeigt, wie nach anfänglichem Zögern und dann mit manchmal wenig tauglichen Mitteln versucht wurde, den Schutz der Bevölkerung vor den Luftschlägen der Alliierten zu forcieren, welch geringen Stellenwert der Luftschutzgedanke infolge der Kriegspropaganda und daraus resultierender falscher Einschätzung der Lage in der Bevölkerung Tirols besaß und welche Folgen und Opferzahlen sich daraus ergaben.

Aus der Arbeit geht auch hervor, dass Briten und Amerikaner mit unterschiedlichen operativen Maßnahmen und technischen Mitteln diesen Luftkrieg führten und dass in diesem Bombenkrieg eher das strategische Ziel verfolgt wurde, Verkehrseinrichtungen wie Eisenbahnanlagen, Straßen und Brücken sowie Bahnhöfe, Lager- und Umschlagplätze zu zerstören, um den Nachschub in Richtung Süden zu unterbinden, als Flächenbombardements durchzuführen.

Schließlich wird auch durch Berichte von Zeitzeugen die Gefühlslage in der Tiroler Bevölkerung ihre Einstellung zu den Ereignissen und ihre Reaktion auf Tod und Zerstörung illustriert.

Vorwort

Da ich einen persönlichen Bezug zu meiner Arbeit haben möchte, daher kein beliebiges Thema wählen wollte, und auch, weil ich sehr geschichtsinteressiert bin und ein Ereignis in meiner näheren Umgebung bearbeiten wollte, habe ich mich für dieses Thema entschieden. Ich kenne viele Leute, welche die Kriegsereignisse miterlebt haben oder deren Eltern zu dieser Zeit gelebt haben, von denen ihnen einiges erzählt wurde.

Auch meine Großmutter mütterlicherseits lebte in Innsbruck, als dieses bombardiert wurde und hat diese Ereignisse miterlebt. Dieser Umstand stellt wahrscheinlich meinen stärksten Bezug zu diesem Thema dar und ist wohl der Hauptgrund für meine Themenwahl.

Auch fiel mir meine Themenentscheidung leichter, da ich wusste, dass ich meine VWA durch Interviews mit Zeitzeugen verstärken konnte.

Ich bin bei meinen Vorbereitungen überraschender Weise auf viel Interesse und Aufmerksamkeit gestoßen und genoss viel Unterstützung.

Ich habe viele Tipps und Anregungen erhalten und bin an Menschen weitergeleitet worden, die mir aus sich heraus gerne halfen.

So war es möglich, trockene Fakten mit Schilderungen und mit persönlichen Erlebnissen anzureichern, aber auch zu vergleichen, und auf diese Weise darzustellen, dass gerade die persönlichen Umstände stark auf das eingewirkt haben, was man gern als „Erinnerung“ bezeichnet und für wahr hält, obwohl die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung andere Erkenntnisse liefern.

Besonders danke ich für ihre Hilfe: Frau Doris Süß, Frau Anna und Herrn Ludwig Spötl und Herrn Hans Spötl, Herrn und Frau D., Herrn Walter Scartezzini, Herrn Johannes Posch und Herrn Dr. Otto Schinko.

Einleitung

Ich beschäftige mich in meiner Arbeit mit der Bombardierung von Innsbruck und Hall in den Jahren 1943-1945. Als erstes möchte ich auf die Geschichte von Hall und Innsbruck eingehen und herausarbeiten, warum Innsbruck und Hall Ziele von Luftangriffen wurden. Dann möchte ich die Tage der Bombardierungen mit Hilfe eigener Zeitzeugen und der Tiroler Literatur rekonstruieren. Meine Vorwissenschaftliche Arbeit wird aufgrund meines Themas hauptsächlich aus Literaturrecherche bestehen, aber eben auch aus den Ergebnissen von Zeitzeugenbefragungen. Durch diese „Interviews“ möchte ich auch die Gefühle, Ängste und eventuelle Loyalität bzw. den Zusammenhalt der Menschen zu dieser Zeit in Hall und Innsbruck herausarbeiten. Es sollen auch Opferzahlen und Daten über die Zerstörungen dargestellt werden. Zum Schluss sollen noch die Tage und die Tagesabläufe nach den Angriffen rekonstruiert und die Situation der Menschen erkundet werden. Ergänzend möchte ich auch nochmal auf die Gefühle eingehen, welche die Menschen bei den Angriffen und danach überkamen.

1 Gründe / Allgemeines / Vorgeschichte

1.1 Die Entstehung der Südfront

Nachdem der „Duce“ Benito Mussolini (1883 - 1945) am 10. 6. 1940 dem von Hitlerdeutschland nahezu besiegten Frankreich den Krieg erklärt hatte, um sich angesichts des zu erwartenden deutschen Sieges in Frankreich seinen Anteil an der Beute zu sichern , griffen italienische Truppen Frankreich an der Alpengrenze an, wurden aber zurückgeschlagen. Da Hitler Frankreich zwang, auch Italien in den Waffenstillstand einzubeziehen, befand sich Italien von da an der Seite Deutschlands im Krieg mit Großbritannien. Dies wirkte sich alsbald auf die italienischen Kolonien in Libyen und Ostafrika aus.

Afrika war wegen des Suezkanals und der Straße von Gibraltar, welche die Lebensader für Großbritannien darstellten, von größter Bedeutung. Nach kleinen Gefechten an der lybisch-ägyptischen Grenze führte die italienische 10. Armee am 13. 9. 1940 die Invasion von Libyen aus nach Ägypten durch, um den Briten den Suezkanal zu entreißen und die italienischen Besitzungen in Nord-und Ostafrika zu verbinden. Der Angriff stockte etwa 100 km vor der Grenze, weil die Italiener wegen der Zerstörung ihrer Nachschubwege befestigte Lager und Nachschubdepots errichteten. Die Eröffnung eines weiteren Kriegsschauplatzes in Griechenland und der ungünstige Verlauf dieses Unternehmens verhinderten einen Weitermarsch in Afrika, zudem wurde der italienische Nachschub zunehmend durch britische Flugzeuge und Schiffe gestört.

Nach dem erfolgreichen britischen Gegenangriff in der Kyrenaika, der zur praktischen Zerschlagung der italienischen Kräfte führte, wurde der britische Angriff vorerst eingestellt, um Kräfte für den erwarteten Angriff der Achsenmächte auf Griechenland in Reserve zu haben.

Hitler hatte angesichts der zu erwartenden Belastungen durch den Russlandfeldzug („Operation Barbarossa“) lange gezögert, in Nordafrika einzugreifen. Am 11. 2. 1941 landeten aber doch deutsche Truppen in Tripolis. Entgegen der Auffassung der Italiener, sich defensiv zu verhalten, ging Rommel eigenmächtig in die Offensive und vermochte die Briten zunächst über Benghasi und Derna 800 km weit zurück zu werfen. Vor Tobruk kam jedoch der Angriff zum Stehen, da die deutschen Kräfte zu schwach waren, um den Ring von Minenfeldern und Stellungen zu durchbrechen.

Nachdem ab etwa Mitte Mai 1942 die deutschen Kräfte die Initiative hatten an sich reißen können, blieb die Offensive nicht zuletzt wegen des ungünstigen Geländes der Qattara-Senke und wegen Nachschubproblemen stecken.

Am 22.06.1941 griff das dritte Reich die Sowjetunion trotz des bestehenden Nichtangriffs Paktes ohne Kriegserklärung an.

Die Situation verschlechterte sich für die Achsenmächte weiter, als im Oktober 1942 die Briten zum Gegenangriff ansetzten. Nachdem im November auch noch mehr als 100.000 frische alliierte Soldaten in Marokko und Algerien gelandet waren, musste Ende Jänner 1943 Libyen aufgegeben werden.1

Nunmehr besaßen die alliierten Streitkräfte die Kontrolle über den Mittelmeerraum und damit gute Voraussetzungen für eine Landung auf Sizilien. Diese fand am 10. 7. 1943 statt. Sie führte innerhalb weniger Tage zum Sturz Mussolinis und zum Seitenwechsel Italiens. Italien unterzeichnete am 3. 9. 1943 die Kapitulation, die erst am 8. 9. 1943 verkündet wurde. Am 10. 9. 1943 besetzte die Deutsche Wehrmacht Rom und begann mit der Entwaffnung der italienischen Truppen, die jetzt als feindlich betrachtet wurden2.

1.2 Die Bedeutung von Innsbruck und Hall zu Beginn des 2. Weltkrieges

Seit dem Mittelalter, in dem der Marktplatz links und rechts des Inn das Stadtrecht erhalten und somit den Zoll des gesamten ostalpinen Handelsverkehrs über den Brenner einnehmen hatte können, waren Reichtum und Bedeutung dieser Siedlung ständig gewachsen.

Die Wichtigkeit von Innsbruck als zentralem Verkehrsknotenpunkt wurde weiterhin beachtet und gefördert.

Ab 1858 führte die Eisenbahn über Kufstein und Rosenheim nach München, ab 1867 über den Brenner nach Bozen und ab 1884 über den Arlberg nach Westen.

Erweiterungen durch die Eisenbahn erfolgten im Jahr 1904 (Stubaitalbahn) und 1912 durch die Mittenwaldbahn3.

Der 1. Weltkrieg verursachte keine Schäden an den Verkehrsverbindungen selbst, wenn man davon absieht, dass mit dem Verlust Südtirols der Brenner zum Grenzbahnhof wurde - die Bahnlinie als solche blieb erhalten, wenn auch aus militärischen Gründen die Elektrifizierung der Bahn in technisch unterschiedlicher Weise erfolgte4.

So war Innsbruck auch zur Zeit des „Dritten Reiches“ wegen seiner Knotenfunktion für den Ost-West -Verkehr zwischen Budapest über Wien-Salzburg - Wörgl - Innsbruck -(Zürich) und Bregenz und den Nord-Südverkehr zwischen München - Wörgl - Innsbruck - Bozen - Verona -(Mailand/Venedig/Rom) von großer Bedeutung5.

Hall war bis zur Eröffnung der Unterinntalbahn als Endpunkt der Schifffahrt auf dem Inn wichtigster Warenumschlagplatz Nordtirols. Um diesen Status zu halten, bemühte man sich von Anfang an um einen eigenen Bahnhof, wofür der Hafen und Holzlagerplatz der Saline („Obere Lend“) und ein Teil der Haller Au herangezogen wurden. Die von 1888 an gebaute „Localbahn Innsbruck-Hall in Tirol“ führte als Straßenbahn nach der Stadt, die damals „Solbad Hall“ hieß. Diese Bahn besaß noch keinen Anschluss an die Hauptbahn.

In beiden Weltkriegen sollte der Haller Bahnhof eine wichtige Rolle für den Nachschub an die Südfront spielen, die mit der Kapitulation Italiens (siehe unten) entstanden war6.

1.3 Der Luftkrieg rückt näher

Am 24. 5. 1938 wurde der gebürtige Salzburger Franz Hofer (1902, Hofgastein - 1975, Mülheim an der Ruhr) zum Gauleiter von Tirol-Vorarlberg, am 1. 9. 1943 zum Reichsststatthalter von Tirol/Vorarlberg und am 10. 9. 1943, nach dem Abfall Italiens von den „Achsenmächten“ zum Obersten Kommissar in der „Operationszone Alpenvorland“ bestellt, die aus dem Gau Tirol-Vorarlberg und den italienischen Provinzen Bozen, Trient und Belluno bestand.7

Mit der Landung alliierter Truppen in Süditalien entstand für das „Dritte Reich“ eine weitere Front, sodass nun ein Nachschub an Soldaten und Kriegsmaterial in Richtung Süden notwendig wurde. Damit kam dem Inntal und dem Brenner eine große Bedeutung zu, mussten die Transporte doch über diese Verkehrslinien erfolgen. Zusätzliche Gleisanlagen wurden zu diesem Zweck westlich von Loretto angelegt.

Hatten die Alliierten bisher diesen Abschnitt (noch) nicht attackiert - nun war die Zeit dafür gekommen. Insbesondere Bahngeleise, Straßen, Brücken und Bahnhöfe waren verletzlich und damit vorrangiges Ziel; Orte, an denen sich Truppen sammelten oder sammeln konnten, Umschlagplätze, Fabrikanlagen drängten sich als Ziele von Bombardements geradezu auf.

Die Zielprioritäten waren festgelegt, schon bevor alliierte Bomber über Österreich erschienen. Mit der Festlegung dieser Ziele hatten Großbritannien und die USA begonnen, ehe die USA in den Krieg eingetreten waren. Nach dem Kriegseintritt der USA ging die Planung an den „Vereinigten Generalstab“ über, der für eine Bombardierung ab Mitte 1944 - vielleicht auch schon ab Mitte 1943 - Angriffe auf Ziele wie Flugzeugmontage und -motorenwerke, U-Boot-Stützpunkte und Werften, das Transportnetz und auf die Öl-, Aluminium- und Gummiproduktion vorsah. Die Anweisungen für die alliierten Bomberstreitkräfte lauteten: „Ihr vordringlichstes Ziel ist die fortschreitende Zerstörung und Desorganisation des deutschen militärischen, industriellen und wirtschaftlichen Systems sowie die Untergrabung der Moral des deutschen Volkes bis zu einem Punkt, an dem seine Fähigkeit zu bewaffnetem Widerstand entscheidend geschwächt ist“.8

Über die Ziele war man sich einig , aber es herrschten große Auffassungsunterschiede über die Angriffsverfahren: Während Großbritannien der Meinung war, dass ein massierter Langstreckenbomber - Einsatz nur des Nachts durchführbar sei, weil dadurch die Chancen der Flak (Fliegerabwehrkanonen) und der Jagdflieger geringer seien. Wegen der schlechten Zielsicht sei nur der Angriff auf große Flächen, also ganze Städte möglich. Das britische Verfahren sah daher den Einsatz eigener „Pfadfinder-Bomber“ vor, die farbige Zielmarkierungen setzten („Christbäume“), um den Bomberbesatzungen das Ziel zu weisen. Diesen folgte ein Strom von oft mehreren hundert Flugzeugen, die ihre Bomben einzeln und für sich im markierten Bereich abwarfen9. Dieses Verfahren beruhte auf der Anweisung „Area Bombing Directive“ vom 14. Februar 1942 des britischen Luftfahrtministeriums. In diesem Monat wurde Arthur Travers Harris zum Oberkommandierenden des Bomber Command der RAF ernannt. Nach Vorlagen von Frederick Lindemann, einem engen Berater des britischen Premierministers Churchill, von dem die Wortschöpfung Flächenbombardements (Carpet Bombing) stammt, war Harris der Ansicht, allein durch Flächenbombardierungen der Städte das Deutsche Reich zur Kapitulation zwingen zu können. „Sie säten Wind und jetzt ernten sie Sturm“, wird Harris später schreiben10.

Im Gegensatz dazu sahen die Amerikaner den Erfolg im Präzisionsangriff bei Tag, welchen Langstreckenbomber in festgelegter Formation aus großer Höhe (7 - 8.000 Meter über Grund) flogen. Sämtliche Maschinen eines Verbandes warfen ihre Bomben über dem Ziel gemeinsam mit der Führungsmaschine ab. Dieses Verfahren hatte aber den Nachteil, dass die Verluste bei den unbegleiteten Bombern zu groß wurden, sodass diesen ein Begleitschutz in Form von Jagdflugzeugen beigegeben werden musste. Mangels Reichweite der Begleitjäger mussten deren Staffeln überlappend eingesetzt werden, was aber ab Anfang 1944 kein Problem mehr darstellte, weil dann genügend Flugzeuge zur Verfügung standen. Die bei den Bombern „abgelösten“ Jäger nahmen den deutschen Schienen-, Straßen-, ja auch Fußgängerverkehr mit ihren Bordwaffen aufs Korn11.

1.4 Technische Anmerkungen

a.) Bei den Langzeitzündern (LZZ) handelt es sich um eine Form von Zeitzündern, die im 2. Weltkrieg von beiden Seiten eingesetzt wurden. Hier erfolgte die Zündung entweder auf chemischem Wege oder durch eine Art Uhrwerk. In großem Umfang wurden sie in Sprengbomben der Royal Airforce (RAF) und der United States Army Air Forces (USAAF) eingebaut. Sie sollten Lösch- und Bergearbeiten behindern oder ganz unmöglich machen und durch die Detonation Stunden nach Ende des Luftangriffs auch Personen treffen, die die Schutzräume verlassen hatten. Um zu verhindern, dass Fliegerbomben vor Ablauf der Verzögerungszeit, also vor der Zündung, durch Ausschrauben des Zünders im Heck der Bombe entschärft würden, waren vereinzelt Ausbausperren eingebaut, die bei einem Entschärfungsversuch die Bombe sofort zündeten.

Dieser Zünder löst die Detonation nach zwei Stunden bis sechs Tagen aus; viele nicht detonierte befinden sich heute aufgrund ihres Alterungsprozesses in einem äußerst gefährlichen Zustand, weil nicht annähernd abgeschätzt werden kann, ob und wann der Zünder aktiv wird12.

b.) Bei der Stabbrandbombe (Brandstab, Elektron-Thermitstab) handelt es sich um eine Brandbombe, die von der RAF (Royal Airforce) eingesetzt wurde. Sie basierte auf einer Magnesium-Aluminium Legierung als Anzündladung und wurde zur Herstellung von Bränden, besonders in dichtverbauten Altstadtbereichen, verwendet13.

2 Luftschutz

2.1 Vorbereitungen zum Schutze der Zivilbevölkerung bei Luftangriffen

Obwohl im „Reich“ schon früh mit den Vorbereitungen für den Schutz der Zivilbevölkerung gegen Luftangriffe begonnen worden war, folgte man in Tirol den Vorstellungen der Reichsführung nur wenig und zögernd, wohl nicht zuletzt deshalb, weil man allzu gern den prahlerischen Äußerungen von Marschall Hermann Göring glaubte.

Im Bereich Innsbruck-Stadt wurden solche Vorbereitungen zwar schon im Herbst 1938 eingeleitet, aber im Grunde nur auf dem Papier. So wurde rein aktenmäßig der Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD.) aufgestellt, der im Ernstfall der Polizei unterstellt werden sollte. Auch wurden die diversen Ortsgruppen des Reichsluftschutzbundes (RLB.) gegründet und es wurde eifrig Propaganda betrieben, jedoch wurden keine baulichen Maßnahmen getroffen. Die Passivität der Gauleitung bestärkte die Bevölkerung in ihrer Auffassung, dass der Luftschutz in Tirol überflüssig sei. Damit war es der eigentlichen Trägerin des Luftschutzes, der Polizei, nicht möglich, die nötigen Vorkehrungen umzusetzen. Hinzu kam, dass Baustoffe sehr knapp waren, weil man von oberster Stelle Tirol auf eine niedrige Dringlichkeitsstufe gesetzt hatte14.

Tatsächlich blieb der Gau Tirol-Vorarlberg vorerst von direkten Kriegseinwirkungen verschont. Daran änderten auch die Verdunkelungsbestimmungen nichts, denen sich im übrigen Teile der Bevölkerung trotz Strafandrohung zu entziehen versuchten, wie die „Innsbrucker Nachrichten“ im Oktober 1939 beklagten15.

Ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis der Bevölkerung zum Luftschutz wirft der erste Teil des Interviews mit meiner Großmutter, Frau Doris Süß, geb. Merckling:

„Mein Kollege (später Ehemann und mein Opa) und ich waren beide in der Tyrolia (Buchhandlung in der Maria-Theresienstraße) beschäftigt, als auf einmal der Alarm losging. Wir waren so überrascht, weil es gab schon einmal einen Alarm, aber keinen ernsten. Aber dieser war ein ernster Alarm. Das haben wir sofort gewusst. Es war mein Wunsch nach Haus zu fahren, zu meiner Mutter. Die war allein und ich habe einfach das Bedürfnis gehabt, zu meiner Mutter zu gelangen. Wir wohnten in der Schlachthofgasse in der Nähe der Viaduktbögen. Mein Kollege hat sich sofort bereiterklärt, er geht mit mir. Wir sind hinaus (aus der Tyrolia) und sind gerannt wie die Wilden. Es war Alarm, aber wir haben das nicht wahrgenommen, weil wir wollten heim. Zu mir heim. Von der Maria-Theresien-Straße Richtung Viaduktbögen zur Schlachthofgasse. Aber es war ein weiter Weg und auf einmal haben wir ein Brummen gehört und wir schauen hinauf und sehen, dass Bomben fallen. Die waren so tief unten, dass wir gesehen haben, wie die Bomben ausgeklinkt worden sind. In der Zwischenzeit waren wir aber beim Polizeipräsidium angekommen und da war ein Park und den haben wir noch überqueren müssen. Da haben wir gesehen, dass eine Tür offenstand und wir rasen auf die Tür zu und sind halb hineingefallen. Da waren schon viele Leute drinnen. Es war ein Luftschutzkeller. Das war unsere Rettung, weil die Bomben sind sofort gefallen“16.

Die Äußerung des Herrn D. im Interview vom 14.10.15 unterstreicht, wie ahnungslos die Bevölkerung der Gefahr aus der Luft gegenüberstand:

„I hab ma zuerst no gar nit denkt, dass überhaupt die Flieger einakommen. Die Sicht isch damals gwesen, dass wo die Berg sein, können die Flieger nit sein. Da hat man no koa Ahnung gehabt. Nachher war halt die Überraschung umso größer, dass dann die Bomben auf Innsbruck gfallen sind. Da hat man halt gesehen, dass das alles nicht wahr war, was man uns zuerst gesagt hat. Später ist dann einmal Hall bombadiert worden“17.

Am 2. 9. 1940 erlebte Innsbruck im Zusammenhang mit dem Störangriff auf München den ersten Fliegeralarm. Nun zeigte sich die Schwäche der Tiroler Luftabwehr: Eine Großalarmanlage fehlte, vier Sirenen erwiesen sich als funktionsuntüchtig und der Alarm wurde zum Großteil nicht gehört18.

Wenn auch effiziente Maßnahmen auf dem Gebiet des passiven Luftschutzes kaum gesetzt wurden, reagierte immerhin die militärische Führung, die am 12. 2. 1941 zum Schutz der Brennerstrecke eine Flakeinheit mit 12 Maschinengewehren und zwei 2-cm-Geschützen in Innsbruck stationierte. In Wörgl waren acht Maschinengewehre abgestellt worden.

Doch nach dem erfolgreichen „Balkanfeldzug“ im Jahr 1941 fühlte man sich im Gau so sicher, sodass die Flakeinheiten aus Innsbruck am 15. 4. 1941 wieder abgezogen wurden.

Obwohl Propagandaveranstaltungen für den Luftschutz stattfanden und obwohl Urlauber aus Deutschland über Auswirkungen des Luftkrieges berichteten und damit auch Befürchtungen auslösten, blieb die Stimmungslage relativ gut, weil der Süden Deutschlands noch bis Ende 1941 von Bombenangriffen verschont blieb.19. Ende Juni 1942 begannen die USA mit der Verlegung der 8. US-Luftflotte zunächst nach Schottland.

2.2 Luftschutzmaßnahmen werden intensiviert.

Es dauerte bis zum Sommer 1943, bis die amerikanischen Luftstreitkräfte eine größere Rolle spielten. Ab Herbst 1943 aber wurden die bei Foggia gelegenen Flugplätze von der 15. US-Luftflotte übernommen und benutzt.

Doch trotz steigender Gefährdung durch feindliche Angriffe auf München unterlief Gauleiter Hofer die militärischen Bemühungen des Luftgaukommandos, das Flugmeldewesen durch den Einsatz von Luftwaffenhelfer zu stärken. Er verhinderte, dass Frauen aus dem Gau rekrutiert wurden, aber auch, dass Frauen von Auswärts eingesetzt würden, da diese in Innsbruck keine Wohnung finden würden. Obwohl nach der Landung der Alliierten in Italien es nur noch eine Frage der Zeit war, wann Tirol in den Luftkrieg hineingezogen würde, blieb Gauleiter Hofer, nunmehr auch zum Reichsverteidigungskommissar für die zivile Reichsverteidigung des Gaues verantwortlich, im Großen und Ganzen weiterhin passiv. Freilich schien die Rolle des Gaues Tirol-Vorarlberg als „Luftschutzkeller des Reiches“ 1942/43 noch immer von der Realität bestätigt, wenn man bedachte, wie massiv deutsche Städte in Schutt gelegt worden waren20.

Als sich nun das Kriegsglück wendete, bestand die Antwort des „3. Reiches“ in der Ausrufung des „Totalen Krieges“ Mitte Jänner 1943 durch Propagandaminister Goebbels, der gemäß einem Führererlass den „totalen Einsatz der Heimat für die Kriegsführung“ anordnete21.

Als Folge dieser Entwicklung wurden im gesamten Reich Flakbatterien mit 15- bis 16jährigen aufgestellt, die als kämpfende Soldaten Angehörige der HJ blieben und oft unter beträchtlichen Verlusten die Hauptlast des Flakeinsatzes der Reichsluftverteidigung trugen. Der Dienst als Luftwaffenhelfer galt als Erfüllung der Jugenddienstpflicht.

Zunächst versuchte Gauleiter Hofer den Einsatz von Schüler für den Kriegshilfsdienst zu verhindern. Er sah dafür im Gau keine Veranlassung und wollte die Stimmung nicht belasten. Tatsächlich teilte er am 28. 1. 1943 den zusammengerufenen Direktoren der Höheren Schulen in Tirol und Vorarlberg mit, dass im Gau voraussichtlich kein Einsatz von Schüler in Frage komme.

Hofer konnte sich mit seiner Position aber nicht durchsetzen: Im Februar 1943 wurden die ersten 75 Schüler zum Kriegshilfsdienst an der Flak einberufen. Am 22. Februar meldeten sich die Schüler der Pradler Hauptschule. Im Jahr 1944 waren in Tirol 521 Luftwaffenhelfer tätig, beinahe die Hälfte davon, nämlich 237, kamen aus Baden, Bayern und dem Elsass. Flakbatterien standen in Innsbruck, Rum, Natters, Lans, Vill, Zierl und Matrei. Dennoch blieb der Flakschutz in und um Innsbruck wie im gesamten Gau bis Kriegsende ausgesprochen gering, weil das Gebiet bis Herbst 1944 als „nicht stark luftgefährdet“ eingestuft war und die Industriegebiete in Ostösterreich weit stärker für Angriffe in Frage kamen22.

2.3 Auswirkungen des Luftkrieges auf Bevölkerung und Infrastruktur

Der Luftkrieg wirkte sich in zweifacher Hinsicht auf Tirol aus: Einerseits kam es zu einem verstärkten Zustrom von Flüchtlingen, die zunehmend planmäßig evakuiert wurden, zumeist Frauen und Kinder aus den bombardierten deutschen Städten. Andererseits begann die deutsche Industrie kriegswichtige Betriebe in luftsichere Gebiete zu verlagern. Der Gau Tirol-Vorarlberg galt als solches.

Da Gauleiter Hofer die militärische Gefährdung erkannte, die von der zunehmenden „Industrialisierung“ ausging, war er bemüht, diese, so gut es ging, zu hintertreiben.

Auch wenn Hofer die Verlagerung reichsdeutscher Konzerne beschränken konnte, erfuhr diese Entwicklung auch 1944 durch die Verlegung von Teilen der Luftwaffenproduktion in den Gau nach Untertage eine Fortsetzung. Mit einer Verschärfung des Luftkrieges, in den jetzt auch Tirol hineingezogen würde, musste man auch aufgrund der geänderten Lage - das Inntal war nun von strategischer Bedeutung für den Nachschub - rechnen. Der Grund dafür lag darin, dass das Inntal mit seinen Verkehrslinien zu einer wichtigen Nachschubroute nach Süden geworden war. Gerade die Städte Hall und Innsbruck mit ihren ausgebauten Frachtbahnanlagen und Lagerbereichen mussten das Interesse der Alliierten wecken, Straßen und Gleisanlagen drängten sich als Ziel geradezu auf. Daher verstärkte man die Aktivitäten des Reichsluftschutzbundes (RLB) und bildete einen „Gaueinsatzstab für Sofortmaßnahmen bei Fliegerangriffen“. Es war aber auch notwendig, die Bevölkerung psychologisch und propagandistisch auf Bombenangriffe vorzubereiten.

Am 2. 9. 1943 bombardierten amerikanische Flugzeuge die Bahnhöfe von Bozen und Trient im „heimgeholten“ Südtirol23.

Gauleiter Hofer sah sich nun gezwungen, energisch für Schutzmaßnahmen zu sorgen.

Jetzt rächte sich bitter, dass das NS-Regime zugunsten eines riesigen propagandistischen Aufwandes nicht rechtzeitig konkrete Bauten in Angriff genommen hatte. Oberstes Gebot waren die Aufrechterhaltung der Kriegsproduktion und der Nachschub für die Rüstungsindustrie mit den knapp werdenden Ressourcen. So kam es, dass im November 1943 in Innsbruck gerade einige Deckungsgräben und Löschwasserbehälter zur Verfügung standen.

Diese Zustände werden im Interview vom 14.10.15 mit Frau und Herrn D. so dargestellt:

„Ich war in der Kreditanstalt angestellt und hab´ bis halb eins praktisch gearbeitet und bin über Mittag immer nach Haus gefahren, ich hab in Hall gewohnt, und normalerweise mit der Straßenbahn. Aber an dem Tag wo der Angriff war ist die Straßenbahn einfach nicht gekommen. Die meisten Leute aus Hall haben ja in Innsbruck gearbeitet, weil in Hall war ja nicht so viel Möglichkeit. Da haben ja schon mehrere Leute auf die Straßenbahn gewartet. Auf einmal hat es einen Alarm gegeben. Einen Fliegeralarm. Es war ja vorher schon oft Fliegeralarm und die Leut haben sich dabei nichts gedacht, denn es ist uns g´sagt worden, in Tirol werden sie nie einen Angriff machen, weil auf Grund der Verhältnisse, der Berge und so, hat man überhaupt nicht gewusst, dass das technisch überhaupt möglich ist. Das war natürlich eine falsche Meinung. Die Leut haben sich auch nichts dabei gedacht und wenn Alarm war sind die Leut halt weg von der Stadt gegangen. Ich bin damals natürlich immer mit dem Fahrrad gefahren und da hab´ i das Fahrrad genommen und Kollegen auch und bin nach Mühlau oder nach Arzl hinuntergefahren und haben uns da in die Sonn gelegt. Es war ja oft Alarm und da hat sich auch keiner gefürchtet. Und an dem einen Tag, wo dann der erste Angriff war, da war ich eben am Bahnhof d.h. vor dem Bahnhof am Südtiroler Platz (in Innsbruck) und hab´ eben auf eine Straßenbahn gewartet, um nach Haus zu fahren. Das hat aber nicht mehr funktioniert und dann hat man schon plötzlich die Flieger gehört und die Leut sind, alle die auf der Straße waren, ins nächste Haus hinein gerannt und haben irgendeinen Unterschlupf praktisch gesucht. Wenn man Glück gehabt hat, hat man einen Luftschutzbunker gefunden, aber die hat es nicht so zahlreich geben. In der Stadt überhaupt nicht. Ich bin halt ins nächste Haus da am Boznerplatz hinein und die Leut haben sich halt irgendwie versucht zu schützen, dadurch dass sie alle einen Unterschlupf gesucht haben und dann hat man schon gehört wie die Bomben gefallen sind und des Haus, in dem ich war, ist zwar nicht getroffen worden, aber das Haus nebenan ist zerbombt worden und des war schon sehr erschreckend, weil erstens war der Keller kein besonderer Keller, ein normaler Keller wie sie halt in den Häusern sind, kein richtiger Luftschutzkeller und die Leut sind halt sehr erschrocken und haben eigentlich nur mehr gewartet bis es endlich aufhört“24.

Ähnliche Zustände herrschten bei der militärischen Luftverteidigung: Sie verfügte lediglich über drei Großbatterien in Innsbruck-Tiergarten, Rum und Vill25. Da wegen der herrschenden Materialknappheit Bunkerbauten nicht mehr errichtet werden konnten, griff man zu Maßnahmen, die in den meisten Orten in Tirol leicht umzusetzen waren: Man trieb zahlreiche Stollen in Hügel und Hänge (Berglehnen), wobei es darum ging, eine für nötig erachtete Überdeckung von 14 m zu erreichen.

[...]


1 Vgl.: Wikipedia.org/wiki/Afrikafeldzug S. 1 ff. Stand 07.12.2015.

2 Vgl.: Schreiber, S. 6 f.

3 Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/innsbruck, S. 5 f. Stand 08.02.2016.

4 Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/brennerbahn, S. 7. Stand 08.02.2016.

5 Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Innsbruck_Hauptbahnhof S. 2. Stand 08.02.2016.

6 Vgl.: Wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Hall_in_Tirol, Stand 5. 9. 2015, S. 1.

7 Vgl.: Wikipedia.org/wiki/Franz_Hofer_(Gauleiter) S. 1 f.

8 Albrich/Gisinger, Bombenkrieg, S. 70.

9 Vgl.: http://www.airpower.at/news03/0813_luftkrieg_ostmark/ziele.htm, S. 1 f, Stand 20. 09. 2015.

10 Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Harris; S. 3, Stand vom 17. 9. 2015.

8 Vgl.: http://ww.airpower.at/news03/0813_luftkrieg_ostmark/ziele.htm, S. 1 f, Stand 20.09.2015.

12 Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Chemisch-mechanischer_Langzeitzünder; S. 1 f, Stand vom 6. 9. 2015.

13 Vgl.:https://de.wikipedia.org/wikiStabbrandbombe, S. 1, Stand 06. 09. 2015.

14 Vgl.: Unterrichter, S. 555.

15 Vgl.: Schreiber, S. 2.

16 Interview Nr. 1 mit Frau Doris Süß im Anhang.

17 Interview Nr. 3 mit Frau und Herrn D. im Anhang.

18 Vgl.: Schreiber, S. 3.

19 Vgl.: Schreiber, S. 3.

20 Vgl.: Schreiber, S. 4.

21 Vgl.: Schreiber, S. 5.

22 Vgl.: Schreiber, S. 5.

23 Vgl.: Schreiber, S. 6.

24 Interview Nr. 3 mit Frau und Herrn D. im Anhang.

25 Vgl.: Schreiber, S. 7.

Details

Seiten
67
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668323834
ISBN (Buch)
9783668323841
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341590
Note
Schlagworte
bombardierung tirols innsbruck hall zweiten weltkrieg eine schilderung bombardierungsjahre

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Titel: Die Bombardierung Tirols. Innsbruck und Hall im Zweiten Weltkrieg