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Inszenierungsstrategien von Subcomandante Marcos und von Caudillos des 19. und 20. Jahrhunderts im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1) Politische Inszenierung- Theorie

2) Caudillismo
a) Zum Begriff
b)Wie inszenieren sich Caudillos ?
I) Caudillos des 19. Jahrhunderts
II) Peróns und Cárdenas´ Selbstinszenierungen in der Beschreibung von Eickhoff
c) Zusammenfassung

3) Marcos
a)Wie inszeniert sich Marcos selbst ?
b)Wie wird er durch die Medien inszeniert ?
c) Zusammenfassung

4) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Einleitung

„Marcos: ¿Serás el nuevo mesías o el nuevo Caudillo de México que lo conduzca a la tierra prometida?“ (Garcia 2000: 2)

„(...)El etnicismo solamente reconoce a la comuna como sujeto, por supuesto guiado por su voz, el Caudillo que expresa la voluntad común.“ (Kurnitzky 2001: 2)

Die beiden hier zitierten Autoren werfen Subcomandante Marcos vor, seine Person in unangemessener Weise zu inszenieren und dabei einen neuen Gesellschaftsentwurf vermissen zu lassen.

Laut García erreicht der „Caudillo“ Marcos die Aufmerksamkeit durch eine „sophistische“ Strategie. Diese setzt er in seiner Einleitung von der sokratischen Suche nach der Wahrheit ab. Dass die Sophisten schließlich das Gericht überzeugen konnten, Sokrates wegen Ketzerei und Verderbens der Jugend zum Tode zu verurteilen, unterstreicht sowohl die Wirksamkeit ihrer Methode als auch ihre Gefährlichkeit.

Für Kurnitzky folgen die Zapatisten der Tradition von Bewegungen wie der von Mao Tse Tung und Pol Pot. Für ihn sind „el rechazo a cualquier derecho individual, el bandono del universalismo, el Caudillismo, la estetización y estilisación de la política“ Merkmale einer faschistischen Bewegung.

„Caudillo“ ist für diese Autoren ein Anführer, der persönliche Macht anstrebt und sich zu diesem Zwecke sowohl vor seinen Gefolgsleuten als auch vor den Medien bzw. vor dem gesamten Volk zu inszenieren weiß.

Ich widme mich in dieser Arbeit der Frage, inwiefern die in der Literatur dargestellten Inszenierungsstrategien von Caudillos wirklich mit denen des Subcomandante übereinstimmen. Dazu muss zunächst ein geeigneter Inszenierungsbegriff gefunden werden. Weiterhin gehe ich auf den Begriff „Caudillo“ ein, bevor ich mich anhand von Beispielen sowohl aus dem 19. als auch aus dem 20. Jahrhundert der Frage nach den Inszenierungsstrategien von Caudillos nähere. Die Ergebnisse werde ich mit Inszenierungsstrategien des Subcomandante vergleichen, zum einen durch die Auswertung seiner eigenen Worte und Handlungen, zum anderen durch sein Bild in der Presse. Dies wird anhand von Beispielen, geschehen, da ich keinen vollständigen Überblick über die Behandlung des Themas in der mexikanischen Presse gewinnen konnte.

Meine Arbeitsthese ist, dass Marcos caudillistische Inszenierungsstrategien vor der Presse sehr bewusst und auch reflektiert anwendet, da er weiß, dass er so die Aufmerksamkeit und auch Sympathie eines intellektuell-kritischen Publikums gewinnt. Für die Zapatisten ist er seiner eigenen Aussage nach jedoch einer von ihnen, der ihre Anliegen in den Code der „westlichen Welt“ überträgt.

1) Politische Inszenierung- Theorie

Thomas Meyer hat eine umfassende analytische und empirische Untersuchung von Politikinszenierung vorgelegt. Seine wichtigsten Fragestellungen sind, welche Strategien Journalisten zur Inszenierung politischer Themen anwenden und wie sich theatralische Diskursformen zum „Anspruch der Massenmedien auf Information und Argumentation“ (Meyer 2000:17) verhalten.

Ich möchte einige seiner theoretischen Überlegungen aufgreifen, um den Begriff Inszenierung zu bestimmen, wie ich ihn verwenden will.

Laut Meyer bedeutet Inszenieren „ein kalkuliertes Auswählen, Organisieren und Strukturieren von Darstellungsmitteln, das in besonderer Weise strategisch auf Wirkung berechnet ist“.

Theatralische Inszenierung ist ein besonderer Fall von Inszenierung mit Hilfe von bestimmten Zeichen.

Dabei sind die Inszenierung durch die Journalisten und die Selbstinszenierung der politischen Akteure miteinander verflochten: Die Politiker beobachten, dass sie von den Massenmedien beobachtet werden, und richten ihr Handeln danach aus. Die Massenmedien wiederum behandeln einerseits dieses Handeln als neues Ereignis, andererseits thematisieren sie die Tatsache, dass sie durch die Politiker beobachtet werden. Daraus ergibt sich, dass Politiker ihre Auftritte immer mehr als medienwirksames Ereignis inszenieren. (Meyer 2000: 15) Der Autor weist darauf hin, das er die „praktische Vermittlungsform von theatralen Inszenierungstechniken auf der Darstellungsebene der massenmedialen Präsentation“ (Meyer 2000: 29) fokussiert.

Bei der Analyse von Marcos´ Inszenierung beginne ich mit der Betrachtung der Selbstinszenierung des politischen Akteurs selbst und untersuche dann ihre Resonanz in den Medien, die auf verschiedenen Ebenen geschehen kann:

a) Die Medien werden direkt vom Akteur manipuliert
b) Die Medien handeln „im Sinne“ des Akteurs, verstärken also seine Inszenierung
c) Die Medien interpretieren die Inszenierung des Akteurs zu dessen Ungunsten oder lenken sie in eine andere Richtung, als er beabsichtigt hatte.

Wichtiger Bestandteil von Meyers Inszenierungsbegriff ist die „Prozessualität“ (Meyer 2000:63). Dabei werden Darstellungselemente so angeordnet, dass ihre sinnliche Aufnahme das Denken beeinflusst. Die emotionale Wirkung von Bildern wird ausgenutzt, um die Richtung des Denkens zu steuern. An anderer Stelle resümiert Meyer, dass sich „als Ergebnis der bisherigen Forschung (.) feststellen (läßt), dass das Bildliche stärkere Emotionen auslöst und nachhaltiger wirkt, als das geschriebene oder gesprochene Wort“. Er weist weiterhin darauf hin, dass Bilder im Gegensatz zu geschriebenem oder gesprochenem Text meist als authentisch wahrgenommen und nicht in Frage gestellt werden (Meyer 200:135).

Ich werde untersuchen, wie die jeweiligen Akteure diese „Macht der Bilder“ ausnutzen.

2) Caudillismo

a) Zum Begriff

In der Literatur finden sich sehr unterschiedliche Definitionen von „Caudillo“, von der allgemeinen Beschreibung der Caudillos als Diktatoren in der spanischsprachigen Welt (Hamill 1992:5) bis hin zu differenzierteren Ansätzen, die auch die strukturellen Umstände darlegen, die ein caudillistisches Herrschaftssystem möglich machen. Einer dieser Ansätze stammt von Peter Waldmann: Der Caudillismo ist ein „Typus autoritärer Herrschaft, der nicht institutionell verankert ist, sondern primär auf den persönlichen Führungsqualitäten des bzw. der Herrschenden beruht“. (Waldmann 1978:194) Als typische Eigenschaften eines Caudillo nennt er „Mut Tatkraft, Männlichkeit, Stärke, rhetorische Gewandtheit und Menschenkenntnis.“ (ebd.)

Waldmann nimmt an, dass der Caudillismo nach der Unabhängigkeit von Spanien durch den Wegfall der monarchischen Zentralgewalt entstand, die einen „Machtpatt“ (ebd:198) zwischen den verschiedenen politischen Kräften hinterließ. Reziproke sozio-politische Bindungen, wie sie etwa im 18. Und 19. Jahrhundert auf den Haciendas zu finden waren, haben seiner Meinung nach den Caudillismo zwar unterstützt, sind jedoch nicht als solcher zu bezeichnen. Der Autor betont, dass eine caudillistische Gefolgschaftsbeziehung nicht nur auf der Basis von Gewaltanwendung zu erreichen ist, sondern der Caudillo durch bestimmte persönliche Eigenschaften seine Gefolgschaft an sich bindet.. Er gleicht darin dem Weberschen Typus des charismatischen Herrschers.

Für einen caudillistische Gefolgschaftsbeziehung des 19. Jahrhunderts lassen sich zusammenfassend folgende Attribute anführen

a) Es fehlt eine Zentralgewalt
b) Der Caudillo agiert auf regionaler Ebene
c) Er zeichnet sich durch bestimmte personenbezogene Attribute aus.

Durch die Depersonalisierung politischer Gewalt hat laut Waldmann „ der Caudillismo als politisches Struktur- und Gestaltungsprinzip“ (ebd.:204) heute an Bedeutung verloren.

Georg Eickhoff hingegen widmet sich mit Peron und Cárdenas zwei Caudillos des 20. Jahrhunderts. Seine Definition des Begriffes ist abstrakter als der Waldmanns, denn er rekurriert nicht auf strukturelle oder historische Voraussetzungen des Caudillismo, sondern einzig auf dessen Inszenierung. Laut Eickhoff vereinigt der Caudillo alle drei Weberschen Herschertypen bürokratisch, traditionell und charismatisch in sich. (Eickhoff 1999:12)

Meiner Ansicht nach ist der Aspekt des Charisma besonders wichtig, da der Caudillo durch seine persönliche Ausstrahlung seine Gefolgschaft sowie das Volk an sich bindet. Um sein Charisma zu vermitteln, muss er sich inszenieren. Er ist nicht austauschbar.[1]

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b)Wie inszenieren sich Caudillos ?

I) Caudillos des 19. Jahrhunderts

Da die Caudillos des 19. Jahrhunderts keine Massenmedien zu ihrer Verfügung hatten, lassen sich ihre Inszenierungsstrategien wesentlich schwerer nachvollziehen als die der „modernen“ Caudillos. Als Quelle bleibt die Historiographie, deren Stil und Art der Beschreibung der Caudillos wiederum Rückschlüsse auf ihre Selbstdarstellung zuläßt.

Das berühmteste Beispiel ist wohl der „Facundo“ von Domingo F. Sarmiento. In seiner auf den Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei gestützten Analyse beschreibt Sarmiento den provinziellen Caudillo Juan Facundo Quiroga als gewalttätigen, spielsüchtigen und habgierigen Machthaber, der die Ordnung in der La Rioja[2] vollständig zerstörte: „(...)the traditions of government dissapear, established forms deteriorate, the law is a plaything in vile hands, and nothing is maintained, nothing established, amid the destruction thus accomplished by the trampling feet of horses.“ Als Mittel zur Selbstinszenierung rekurrierte Quiroga offensichtlich auf gewalttätige Machtdemonstrationen. Sarmiento erzählt, dass er, nachdem er in la Rioja triumphierend eingezogen war, das Läuten der Glocken stoppte, eine Kondolenzerklärung an die Witwe des getöteten Generals sandte und danach ein staatlichen Begräbnis für diesen veranlasste.(Hamil/ Sarmiento: 108) Damit demonstrierte er seine Macht nicht nur über Leben und Tod seiner zukünftigen Untertanen, sondern auch über die damit verbundenen Rituale. Eine weitere Episode zeigt den Caudillo, wie er in völlig unpassender Kleidung (Seidenstrumpfhosen in Kombination mit schlecht gearbeiteten Hosen und einem Poncho) eine Gruppe von Aktionären aus Buenos Aires empfängt. Er habe ihnen damit zeigen wollen, so Sarmiento, „What account he made of their european dresses“ (Hamill/Sarmiento:112). Ohne Worte, durch eine Verkleidung, drückt Quiroga seine Verachtung für die Geschäftsleute aus. Schon an diesen beiden Beispielen wird klar, wie wichtig Bilder in der Inszenierung sind. Das hier organisierte Darstellungsmittel ist die Manipulation des Rituals bzw. die Verballhornung der Kleidung einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Der Caudillo benutzt also bekannte Zeichen für seine eigene Inszenierung.

[...]


[1] Ein Beispiel: Die Diskussionen um die Nachfolge Fidel Castros zeigen, wie wichtig er als Person für die Zukunft Kubas ist. Augusto Pinochet hingegen wäre meiner Ansicht nach jederzeit austauschbar gewesen, da er nicht durch Charisma einen Teil der Bevölkerung auf seiner Seite wusste, sondern dadurch, dass er mit einer neoliberale Wirtschaftspolitik ihre Finanzinteressen vertrat.

[2] Provinz im Nordwesten Argentiniens

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638344913
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34191
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Lateinamerika Institut
Note
1,1
Schlagworte
Inszenierungsstrategien Subcomandante Marcos Caudillos Jahrhunderts Vergleich Präsidentialismus Parlamentarismus Lateinamerika

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