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Grundzüge der Geschichte des Japanischen Rechts bis 1868 vor der Meiji Restauration

Seminararbeit 2011 23 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Gliederung

A. Einleitung

B. Die einzelnen Epochen bis 1868
I. Frühe Geschichte/Altzeit (bis 710)
1. Rezeption chinesischen Rechts
2. 17 Artikel-Verfassung
3. Taika-Reformen
II. Feudalzeit (1192 - 1867)
1. Kamakura-Zeit
2. Tokugawa Zeit (1603-1867)
a) Feudalstruktur
b) Rechtssystem
c) Gesetzgebung und Rechtsfortbildung
3. Ende der Tokugawa Zeit

C. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

Die Bearbeitung geschichtlicher Themen ist in vielerlei Hinsicht schwierig. Zum einen ist eine Beschränkung erforderlich zum anderen soll ein möglichst breiter Überblick gegeben sowie eine Struktur geschaffen werden. Für die japanische Rechtsgeschichte ergibt sich das Problem, dass Japan erst 1872 den gregorianischen Kalender übernommen hat, so dass die davor stattgefundene Jahreszählung Fehler aufweisen kann1. Daher erfolgt in aller Regel in wissenschaftlichen Abhandlungen eine systematische Aufstellung nach kaiserlichen Ärabezeichnungen2 oder die Aufteilung in drei große Zeitabschnitte: Altzeit, Mittlere Zeit und Neuere Zeit3. Die Perioden kann man wie folgt einteilen: Vor- und Frühgeschichte (genshi) 250 v. Chr. bis ca. 710 n. Chr., Altertum (kodai) ca. 300 (710) - 1192; (Mittelalter) 1192 - 1568, Frühmoderne Geschichte (kinsei) 1573 -1867, Moderne (kindai) bis 1945 und Zeitgeschichte (gendai) seit 19454. Dennoch werden in dieser Arbeit Jahreszahlen angegeben, damit eine ungefähre Einordnung auch in die europäische Rechtsgeschichte möglich ist.

Japan hat durch seinen Inselstatus und die dadurch gegebene Isolation lange Zeit weder eine besondere Zivilisation oder Weltreligion gehabt5. Das Herkommen des japanischen Volkes ist noch weitgehend ungeklärt6, ist aber für die Rechtsgeschichte von nicht als zu großer Bedeutung. Obwohl in der heutigen Zeit Japan sehr viele Rechtsnormen aus Westeuropa übernommen hat, ist es sinnvoll auch sehr alte Rechtsstrukturen zu betrachten, um das heutige Recht und Rechtsverständnis in Japan besser nachvollziehen zu können7.

Diese Darstellung beginnt in der Altzeit und endet mit dem Ende der Tokugawa-Zeit. Sie wird chronologisch vorgehen und einen Schwerpunkt auf die Tokugawa-Zeit legen. Für diese sind viele Quellen erhältlich und sie stellt die letzte lange Ära und entscheidende Zeit vor der Miji- Ära dar.

B. Die einzelnen Epochen bis 1868

Die japanische Geschichte ist von vielen Ereignissen und Strukturen geprägt. Eine wesentliche Struktur ist die des Kaiserreichs. Wann die kaiserliche Dynastie in Japan begonnen hat, ist dabei aber durchaus umstritten8. Der Beginn der Geschichte des japanischen Kaiserreichs kann auf den 11.02.660 v. Chr. gelegt werden9. Seitdem ist immer ein Mitglied dieser kaiserlichen Familie Kaiser geworden (unabhängig vom Geschlecht)10. Dabei ist die genaue Thronfolge nicht wirklich klar geregelt ist11.

I. Frühe Geschichte/Altzeit (bis 710)

Woher das japanische Volk stammt, ist bis heute nicht geklärt12. Die japanische Geschichte lässt sich bis um ca. 400 -500 Jahre vor Christi Geburt nachvollziehen. Bei der Betrachtung der japanischen Rechtsgeschichte ist auch die soziokulturelle Seite zu betrachten13. Die japanische Gesellschaft war in Sippen gegliedert, die hierarchisch strukturiert waren14. Diese Struktur findet sich in vielen gesellschaftlichen Ordnungen der weiteren Geschichte wieder. Ihre Abstammung führten sie auf verschiedene Gottheiten zurück, die unterschiedliche Ränge hatten15. So ist es nur konsequent, dass das geltende Recht stark religiös geprägt war und von dem Bedürfnis nach Konsens und nicht nach einer Streitkultur geprägt war und dieses bis heute erhalten geblieben ist16. Obwohl es sich eher um lockere Zusammenschlüsse einzelner Gruppen handelte, lag kein rechtsfreier Raum vor. Es bestand „festgesetztes, aber ungeschriebenes Recht“17. Schon in dieser Zeit fanden erste politische Konzentrationen statt18.

1. Rezeption chinesischen Rechts

Im 6. Jh. wurde ein zentral organisierter Beamtenstaat nach chinesischem Vorbild eingerichtet19. Das Rechtssystem bestand aber aus nicht fixierten Anordnungen des Kaisers und aus Gewohnheitsrecht20. Bei Recht handelt es sich immer um etwas, was der Normadressat zu befolgen hatte und nicht um subjektive Rechte21. Diese Ansicht über Recht hat sich in Japan bis zur Meiji-Zeit (ab 1868) gehalten. Man kann sagen, dass ein autoritäres Rechtssystem vorlag.

2. 17 Artikel-Verfassung

Als erste große Kodifikation in Japan kann die 17 Artikel-Verfassung genannt werden, auf die in späteren Zeiten immer wieder Bezug genommen worden ist. Sie wurde im Jahre 604 erstellte und sollte das Kaiserhaus stärken22. Dabei handelt es sich nicht um eine Verfassung im Sinne des heutigen Verfassungsrechts, sondern vielmehr um die Zusammenstellung von moralischen Grundsätzen und Lehren23. Dabei wurden vor allem die Lehren des Buddhismus berücksichtigt. Sie statuierte die absolutistische Herrschaftsgewalt des Kaisers24, dieses erfolgte durch das Verlangen nach „ehrerbieterischen Gehorsam gegenüber dem Herrscher“25. Der Kaiser (tenno) hatte die alleinige Herrschaftsgewalt26. In Anspielung auf Clan-Kämpfe wurde zur Einigkeit und Eintracht zwischen den verschiedenen Gesellschaftsklassen gemahnt, sowie zur Befolgung der buddhistischen Regelungen27. In diesem 7. Jh. wurden bereits die Grundlagen für den zentralistischen feudalen Staat geschaffen28. Es sollte übergeordnete Strukturen geben und nicht nur einzelne kleine Familienzusammenschlüsse.

3. Taika-Reformen

Die sog. Taika-Reformen im Jahre 701 waren stark verwaltungstechnisch geprägt29. In den einzelnen Provinzen wurden vom Kaiser Statthalter eingesetzt, alles wurde der Herrschaft des Staates unterstellt und Privatbesitz untersagt30. Dabei war sowohl der Privatbesitz von Grundeigentum und Leuten gemeint31. Ohne entsprechende Besitztümer hatte das Volk wenig Einkünfte und Möglichkeiten etwas an der politischen Struktur zu ändern. Somit konnte der Kaiser entsprechende Macht ausüben. Ihm gehörte aller Privatbesitz, so dass er bestimmen konnte, wer von diesem profitiert. Die Landbestellung wurde zentral geregelt32, die Verwalter der Provinzen waren der Regierung hörig33. Die früheren Eigentümer des Landes wurden als Verwalter über ihr ehemaliges Eigentum eingesetzt34 und erhielten dadurch einen Prestigegewinn35. So konnten die Verwalter zur Loyalität gebracht werden, obwohl ihnen das Eigentum abhanden gekommen war.

Die Gesetzgebung erfolgte zunächst nur durch Grundprinzipien und Rahmenbedingungen36. Eine konkrete umfangreiche Gesetzgebung fand nicht statt. Sie konnte nur schrittweise und unter Kompromissen zum alten Gewohnheitsrecht durchgeführt werden37. Recht muss von der Bevölkerung zumindest anerkannt werden, damit es nicht zu Aufständen kommt. Der erlassene Taiho-Kodex beruhte auf dem zur damaligen Zeit in China geltenden Recht38. Dabei handelte es sich um das Recht der chinesischen Tangdynastie, das bereits eine tausendjährige Entwicklung durchgemacht hatte39. Zur der Rezeption des chinesischen Rechts kam es auch, weil die japanische Regierung Landsleute nach China schickte, um dort Wissen auch im politischen Bereich zu sammeln, dieses wiederholte sich ca. 1000 Jahre später ähnlich mit dem europäischen Recht40. Diese Rezeption des chinesischen Rechts erfolgt rein freiwillig41, es bestand kein Zwang, man wollte etwas ändern. Das chinesische Recht wurde weitgehend rezipiert. So wurde auch der Gesetzgebungsmechanismus übernommen42. Besonders die Zentral- und Lokalverwaltungen wurden ähnlich gestaltet43. In dem Kodex enthalten waren Regelungen zu allen Bereichen des täglichen Lebens (sowohl im öffentlichen, wie im privaten Bereich), allerdings nur mit wenigen Regelungen zum Privatrecht (so zum Familien- und Erbrecht)44, diese blieben zum großen Teil bis ins 19. Jh. erhalten45. Mangels Privateigentum waren weitere entsprechende Regelungen auch nicht zwingend erforderlich. Das Strafrecht war in einem Strafkodex enthalten46. Insgesamt handelte es sich weitgehend um die Zusammenstellung schon vorhandenen Rechts47 in 30 Büchern48. Obwohl der Taiho-Kodex solange erhalten blieb, trat er nicht unbedingt voll in Kraft, die Durchsetzung war immer wieder schwierig49. Später (646) wurde durch die Agrargesetzgebung wieder Privatbesitz erlaubt, was allerdings die wirtschaftliche Stellung des Staates beeinträchtigte50 und dem Zentralstaat die politische Grundlage entzog51. Das Abgaben- und Frondienstsystem wurde durch ein System nach chinesischem Recht abgelöst52. Einen Juristenstand gab es jedoch noch nicht, so dass die Fortentwicklung des Rechts und die Schaffung der theoretischen Grundlagen nicht statt fand53. Aufgrund der autoritären Regierung war dieses vielleicht auch nicht gewünscht. Trotzdem wurde später ein Kommentar zum Taiho-Kodex erarbeitet54. Eine Art der Rechtswissenschaft war also vorhanden, der zur Rechtsfortbildung dienen konnte. In der Verwaltung wurden Ministerien eingeführt55. Durch diese gesamten Reformen entwickelte sich das Land Japan gut56.

II. Feudalzeit (1192 - 1867)

Die Feudalzeit lässt sich weiter unterteilen und ist für das Rechtsverständnis des heutigen japanischen Rechts von Bedeutung. In dieser Zeit haben einige rechtliche Veränderungen stattgefunden, die sich auf das heutige Rechtsverständnis auswirken.

1. Kamakura-Zeit

Die Kriegerklasse erstarkte, daneben entwickelte sich eine Art Feudalismus57. Unter den Kriegern waren insbesondere die Samurai zu verstehen. Diese waren eine privilegierte Militärklasse, der allerdings verboten war einer Beschäftigung gegen Entgelt nachzugehen58. Mangels kriegerischer Auseinandersetzungen mussten die Samurai anderweitig beschäftigt werden. Die Samurai wurden von den großen Herren unterhalten und waren sowohl untätig als auch unproduktiv, sie lebten ein Leben, das über ihre Verhältnisse ging, häuften Schulden an und verarmten oft59. Das Lehensystem wurde eingeführt und damit einhergehend das Kontroll- und Verwaltungssystem über das gesamte Land60. In dieser Zeit wurde am 21.08.1192 das Shogunat (bakufu) eingeführt. Es wurde eine oberste Verwaltungsbehörde eingeführt, ein oberster Gerichtshof und Militärgouverneure in den Provinzen61. Der Shogun war der eigentliche Herrscher in Japan in der Zeit von 1192 - 186862. Der Kaiser wurde von der Regierung ausgeschlossen. Der Begriff des Shogunats wird für die Shogunatsregierung, deren Sitz oder den Verwaltungsapparat verwendet und trägt die Bezeichnung „bakufu“63. Der Shogun war der oberste Feudalherr64. Er alleine traf alle wichtigen Entscheidungen.

[...]


1 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 13.

2 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 13.

3 Röhl, Rechtsgeschichte, S. 2.

4 Nach: Hall, Geschichte, Sp. 277/278.

5 Hall, Geschichte, Sp. 275/276.

6 Hall, Geschichte, Sp. 275/276; Kanazawa, ARSP, 1937/38, S. 38.

7 Ishii, Recht und Verfassung in Japan, S. 322.

8 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 13.

9 Bersihand, Geschichte Japans, S. 11.

10 Kanazawa, ARSP 1937/38, S. 38 (39).

11 Kanazawa, ARSP 1937/38, S. 38 (39).

12 Hartmann, Geschichte des modernen Japan, S. 11.

13 Rahn, Recht und Rechtsverständnis in Japan, S. 473 f.

14 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 14.

15 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 14 f.

16 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 15.

17 Röhl, Rechtsgeschichte, S. 3.

18 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 62.

19 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 15.

20 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 16.

21 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 16.

22 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 16.

23 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 16.

24 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 65.

25 Bersihand, Geschichte Japans, S. 69.

26 Hartmann, Geschichte des modernen Japan, S. 13.

27 Bersihand, Geschichte Japans, S. 69.

28 Hartmann, Geschichte des modernen Japan, S. 13.

29 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 26.

30 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 27; Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 17.

31 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 66.

32 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 17.

33 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 27.

34 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 66.

35 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 27.

36 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 17.

37 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 31.

38 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 67.

39 Senger, ZfRV 1976, 206.

40 Senger, ZfRV 1976, 206 (210).

41 Senger, ZfRV 1976, 206 (210).

42 Senger, ZfRV 1976, 206 (207).

43 Dettmer in: Pohl, Japan, S. 55; Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 31.

44 Vogt, Japanisches Bürgerliches Gesetzbuch, S. III.

45 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 67.

46 Senger, ZfRV 1976, 206 (207).

47 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 31.

48 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 32.

49 Dettmer, Grundzüge der Geschichte Japans, S. 32.

50 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 67.

51 Dettmer in: Pohl, Japan, S. 55.

52 Bersihand, Geschichte Japans, S. 73.

53 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 18.

54 Dettmer in: Pohl, Japan, S. 57.

55 Bersihand, Geschichte Japans, S. 75.

56 Hartmann, Geschichte des modernen Japan, S. 14.

57 Marutschke, Einführung in das japanische Recht, S. 19.

58 Piper, Japans Weg von der Feudalgesellschaft zum Industriestaat, S. 17.

59 Bersihand, Geschichte Japans, S. 281.

60 Dettmer, Einführung in das Studium der Japanischen Geschichte, S. 105.

61 Hartmann, Geschichte des modernen Japan, S. 15.

62 Kluge, Sogun, Sp. 487.

63 Kluge, Shogunat, S. 490.

64 Groh in: Pohl, Japan, S. 67.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668323797
ISBN (Buch)
9783668323803
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342606
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,3
Schlagworte
grundzüge geschichte japanischen rechts meiji restauration

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