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Historiographie als politisches Machtinstrument. Walter Frank und der ideologische Missbrauch historischer Konzepte

Seminararbeit 2013 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Index

1. Einführung

2. Hauptteil
2.1 Walter Frank & das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands - Symbol einer Ideologie
2.2 Geschichtswissenschaft als Spiegelbild einer Weltanschauung
2.3 Ideologie und Geschichtsschreibung - Wo Interpretationsspielraum endet und Antisemitismus beginnt
2.4 Politische Instrumentalisierung - Die Folgen einer falschen Lehre
2.5 Neutrale Geschichtsschreibung - Eine Utopie?

3. Fazit

4. Quellen- & Literaturverzeichnis

1. Einführung

Wenn akzeptiert wird, dass es weder eine regional, kulturell oder von der Tradition begründete Erkenntnismacht noch ein Monopol an Wissen gibt, dann muss auch anerkannt werden, dass jeder Mensch an der Produktion von Geschichte und Geschichtsschreibung teilhaben und aktiv teilnehmen kann.

- Ilka Borchardt, S. 5

Geht man von oben stehender Annahme aus, so kommt einem jeden Menschen unbewusst die Aufgabe einer eigenen Geschichtsschreibung zu, jedoch manifestiert sich eine aktive Teilnahme an selbiger, die über den eigenen Horizont hinausgeht, am stärksten im Beruf des Historikers. So ist es gemäß Ahasver von Brandt, als ein Vertreter dieser wissenschaftlichen Berufsgattung, dessen Bestimmung„nicht nur rezipierend Geschichte in sich aufzunehmen, sondern aktiv an der Entstehung und Vervollkommnung des gültigen Geschichtsbildes mitzuwirken“(9). Damit ist mit der Tätigkeit des Historikers unweigerlich ein außergewöhnlich hohes Maß an gesellschaftlicher Verantwortung verbunden, da sein Tun Prozesse des kollektiven historischen Erkenntnisgewinns einer Vielzahl von Menschen beeinflusst und somit nachweislich Auswirkungen auf das Geschichtsbild einer Gesellschaft haben kann. Was passiert jedoch wenn diese Aufgabe Menschen obliegt, die eine politische Stellung einnehmen und sich diese beiden zentralen Kompetenzen zunehmend miteinander vermischen? Wohin führt eine politisch und ideologisch durchtränkte Geschichtsschreibung? Erfüllt sie in einem solchen Moment noch die Funktion einer„Vervollkommnung eines gültigen Geschichtsbildes“1?

Um diese und damit verbundene Fragen zu beantworten, widmet sich die vorliegende Arbeit der Person Walter Franks, einer zentralen Figur der nationalsozialistischen Geschichtswissenschaften in den Jahren 1923 bis 1941. So soll versucht werden zu klären, in welcher Form Politik und Ideologie in ihrer radikalsten Ausprägung einen Einfluss auf die wissenschaftliche Disziplin der Historiographie ausübten und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass „Geschichte“ nie eindeutig und gänzlich objektiv vermittelt werden kann. Sie ist vielmehr überliefert und kann im Einzelnen nie als reine Darstellung einer geschichtlichen Wirklichkeit herhalten. Kein Werk eines Autoren, welches den Anspruch erhebt, Geschichte wiederzugeben, kommt ohne

Besonderheiten seiner Darstellung in Bezug auf fiktionale und ästhetische Aspekte aus.2So

lässt sich Geschichtsschreibung als„Mimesis des anschaulichen, engagierten, gleichwohl aufhistorische Wahrheit zielenden Geschichtsdenkens ihrer eigenen Zeit“(Süßmann, 259) verstehen. Das Geschichtsdenken zur Zeit Walter Franks war in Teilen der Gesellschaft und dementsprechend in parteinahen geschichtswissenschaftlichen Kreisen von einer außergewöhnlichen und einzigartigen nationalsozialistischen Ideologie geprägt, welche Teile der Historiographie der 30er und 40er Jahre nachhaltig veränderte.

Es soll mit Hilfe dieser Arbeit somit in einem ersten Schritt untersucht werden, wie sich diese politische und gesellschaftliche Ausnahmesituation der nationalsozialistischen Diktatur unter Adolf Hitler auf die deutsche Geschichtsschreibung auswirkte. Hierbei liegt der Fokus auf der Darstellung der Geschichte aus Sicht der Nationalsozialisten, weshalb Walter Frank, seines Zeichens überzeugter Faschist, Antisemit und führender NS-Historiker, als Untersuchungsobjekt genutzt wird. Diese Veranschaulichung seiner Person ist für den weiteren Verlauf dieser Arbeit bedeutsam, da, wie Helmut Heiber, dessen Werk „ Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ Grundlagenliteratur selbiger ist, formuliert,„sein [Walter Franks] und seiner Freunde Wirken im Dritten Reich [...] paradigmatisch [zeigt], wie damals Wissenschaft betrieben wurde“(10).

Mit dem theoretischen Wissen über Franks persönlichen und sozialen Hintergrund sowie dessen politische und ideologische Weltanschauung soll in einem zweiten Schritt geklärt werden, inwieweit sich die persönliche Lebenswirklichkeit in seinen Beiträgen zur deutschen Historiographie wiederfinden lässt.

Daran anschließend wird mit Hilfe eines Beispiels verdeutlicht wie diese Vermischung von Ideologie und historischer Arbeit zum Ausdruck kommt. Ein Großteil von Walter Franks Wirken, insbesondere in seiner Funktion als Leiter des „Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands“ von 1935 bis 1941 und als Herausgeber der jährlich erschienenen Zeitschrift „Forschungen zur Judenfrage“3, war darauf ausgerichtet die sogenannte „Judenfrage“ unter scheinbar historischen Gesichtspunkten zu untersuchen, weshalb eine große Anzahl seiner Arbeiten antisemitisches Gedankengut als historisch nachweisbar und legitimiert darstellte. Der Begriff „Judenfrage“ entstand bereits in den 1830er Jahren, bezog sich zunächst jedoch auf Probleme der jüdischen Bevölkerung innerhalb stattfindender Emanzipations- und sozialer Integrationsprozesse. Eine antisemitische Bedeutung entwickelte sich erst seit den 1880er Jahren, wobei die Nationalsozialisten diesen Terminus zu einer praktischen und politischen Angelegenheit machten und eine judenfeindliche Bedeutung untrennbar mit dem Ausdruck „Judenfrage“ verknüpften. Bereits die Bezeichnung des Forschungsschwerpunkts spiegelt somit auf Grund des zeitgenössischen Verständnisses des Wortes die ideologische Bedeutung der historiographischen Tätigkeit Franks wider. Um ein tiefgreifenderes Verständnis der vorliegenden Ausführungen zu gewährleisten, findet anschließend ein Perspektivwechsel weg vom Produzenten und hin zum Rezipienten der relevanten Geschichtsschreibung statt. Am Beispiel der Studentenschaft im Dritten Reich soll in Grundzügen analysiert werden, wie die betriebene Geschichtswissenschaft als Einflussmittel auf kommende Generationen und somit als politisches Machtinstrument zur bewussten Formung einer Gesellschaft, basierend auf deren gezielt verfälschtem Geschichtsbild, genutzt wurde.

In einem letzten Schritt geht die Arbeit über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus und versucht die Frage zu beantworten, inwiefern, beziehungsweise bis zu welchem Grad eine Form der Neutralität innerhalb der Geschichtswissenschaft erreicht werden kann oder ob sich letztlich eine ideologische Färbung nie gänzlich vermeiden lässt.

Es soll somit am Ende der vorliegenden Ausführungen möglich sein, die negative Implementierung einer Ideologie in die Arbeit der Historiographie am Beispiel Walter Franks aufzuzeigen und die Beziehung zwischen subjektiver Weltanschauung sowie der gesellschaftlichen Haltung eines Autoren und dessen geschichtsschreiberischer Tätigkeit darzulegen.

2. Hauptteil

2.1 Walter Frank & das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands - Symbol einer Ideologie

Beginnen wir somit zunächst mit einer kurzen Charakterisierung der Person, dessen historiographische Tätigkeit einen Platz in der vordersten Reihe der Historiker des dritten Reiches nach sich zog und somit zum Symbol eines ideologisch verklärten Missbrauchs einer Wissenschaft wurde. Wer genau war also Walter Frank und worin liegt die Besonderheit seines Schaffens?

Im Vorwort seines Buches über Frank beschreibt Helmut Heiber diesen als„dynamische Persönlichkeit“, als„Symbol“, jedoch innerhalb solcher Wesensdarstellungen als„schwach“ und„krank“(9). Worin diese Schwäche und Krankheit bestand wird klar, wenn man sich genauer mit dem Franks Werdegang auseinandersetzt und den Ursprung seines antisemitischen und radikal nationalistischen Welt- und damit einhergehend Geschichtsbildes untersucht. Die Tatsache, dass Frank sich der Aufgabe verschrieb„den Kampf gegen das Judentum wissenschaftlich zu führen“(Lammers, 389)4ist kaum verwunderlich, führt man sich vor Augen, dass er bereits während seiner Schulzeit eine, über damalige bürgerliche Verhältnisse, außergewöhnlich stark ausgeprägte Abneigung gegenüber Juden besaß und offen äußerte.5 Diese frühe, bereits in den Jugendjahren entwickelte radikale Position resultiert dabei vor allem aus entsprechenden soziokulturellen Faktoren, die den jungen Walter Frank in der Phase des Erwachsenwerdens prägten. So spricht Heiber diesbezüglich von einem„[antijüdischen] Klima in dem er aufgewachsen war“und„[antijüdischen] Vorbildern, denen er sich verschrieben hatte“(349). Geboren als Karl Paul Walter Frank am 12. Februar 1905 in Fürth wuchs er unter den Umständen eines häufigen Wohnortswechsels der Familie auf, da der Vater auf Grund einer Laufbahn als Militärbeamter des Öfteren versetzt wurde. Prägend für den jungen Walter Frank sollte jedoch die Zeit zwischen 1910 und 1919 werden, welche die Familie in München verbrachte. Hier erlebte der 14jährige Militärbeamtensohn 1919 die Ausnahmesituation der Münchner Räterepublik6 mit, ein Erlebnis, das ihn vermutlich nachhaltig prägte und bereits in frühen Jahren politisierte. In den Folgejahren erfährt auch er die schwelgende politische Unruhe in Bayern und wird Zeuge einer zunehmenden nationalistisch geprägten Aufbruchsstimmung, welche nicht zuletzt zu einer politischen Aktivierung,„damals bislang nicht weiter in Erscheinung getretener Kreise“(Heiber, 17) führte.

Auch Walter Frank wird nach seinem Abitur 1923 in Nürnberg und unter dem Eindruck des Hitlerputsches im November selbigen Jahres Teil dieser Entwicklung, indem er Mitglied des „Deutsch-Nationalen Jugendbundes“7wird. Ziel dieser Organisation war es seine Mitglieder „sittlich [zu] ertüchtigen und mit heißer Vaterlandsliebe [zu] erfüllen“(ebd.)8. In einem derartigen Umfeld und an der Schwelle zum Erwachsenenalter reift Franks Weltanschauung allmählich zu jener radikalen, nationalsozialistischen und judenfeindlichen Version, welche er in seiner Rolle als Historiker Zeit seines Lebens innerhalb seiner Veröffentlichungen zum Ausdruck bringt. Bereits im Zuge seiner Mitgliedschaft im Jugendbund schreibt und veröffentlicht Frank erste Beiträge.

[...]


1Vgl. von Brandt, S.9.

2Vgl. Süßmann, S. 256ff.

3Vgl. Lammers, S. 387ff..

4zit. nach: Frank, Walter. Die Erforschung der Judenfrage. Rückblick und Ausblick. (=Forschungen zur Judenfrage. Bd. 5). Hamburg 1941, S. 15f..

5Vgl. Heiber, S. 349.

6von USPD-Mitgliedern am 07. April 1919 ausgerufene Räterepublik als Versuch eines revolutionären Umsturzes des bestehenden politischen Systems.

71918 gegründete Jugendorganisation mit rechtskonservativer und monarchistischer Ausrichtung.

8Zit. nach: Satzung v. 5. 10. 20, (=Handbuch, a. a. O.), S. 26

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668321960
ISBN (Buch)
9783668321977
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342684
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
historiographie nationalsozialismus Walter Frank Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands NSDAP Geschichtsschreibung Drittes Reich

Autor

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Titel: Historiographie als politisches Machtinstrument. Walter Frank und der ideologische Missbrauch historischer Konzepte