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Gesellschaftskritik. Bigotterie und Rassismus in der toleranten und weltoffenen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts

Facharbeit (Schule) 2016 16 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Der Autismus-Spektrum-Charakter
1 Erscheinungsformen
2 Synthese: Autismus

II. Inklusion – Für und Wider
1 Inklusion und Bildungssystem
2 Vorteile: Bildungskosten
3 Fragen der Ethik
4 Fall „Henri“

III. Der historische Hintergrund
1 Ziel der Rassenhygiene
2 Propaganda
3 Folgen und Wirkung

IV. Gesellschaftlicher Hintergrund

V. Mensch, Bildung und Staat: Eine kritische Betrachtung
1 Konstruktive Kritik
2 Das Projekt des Unternehmerischen Selbst
3 Rassenhygiene und Euthanasie heute

Schluss

Literaturverzeichnis
Titelseite:
Internet*:

Einleitung

Schon Platon und Aristoteles glaubten, dass der Mensch ein Wesen sei, das nach der Glückseligkeit strebe. Diese werde dann erreicht, wenn ein jeder das täte, was seinem Wesen entspreche. Ein Staat sei eine Organisation, die ihren Bürgern zur Glückseligkeit gereichen sollte. Soweit die antiken Menschenbilder und Staatstheorien zweier der wohl bedeutendsten Philosophen der Menschheit.

Wir leben heute in einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft. Die universellen Menschenrechte sind fest und unerschütterlich in unserer Verfassung, dem Grundgesetz, verankert. Dies ist ein Fakt – doch wie William Faulkner einmal sagte: Fakten und die Wahrheit haben nicht besonders viel miteinander gemein.

Die Wahrheit ist zum Beispiel, dass auch eigentlich liebe, aufrichtige Menschen unheimlich grausam und bösartig sein können, auch wenn sie sich selbst der Tragweite ihres Handelns nicht immerzu bewusst sind. Wir müssen ans uns arbeiten. Es liegt nicht in eines jeden einzelnen Verantwortung, welches Weltbild er entwirft. Doch es liegt sehr wohl in eines jeden einzelnen Verantwortung, welche Summanden er in der Summe seiner Erfahrungen, die ihn persönlich, seinen Charakter und sein Weltbild bilden, zulässt.

Rassismus bedeutet, Summanden zu eliminieren, ohne ihren Wert zu kennen. Diskriminierung und Ausgrenzung sind auch heute noch omnipräsente Geschwüre unserer mehr bigotten als gerechten Gesellschaft. Laut Umfragen fühlte sich in den letzten zwei Jahren jeder dritte Deutsche diskriminiert, wegen Geschlechts, Hautfarbe, Weltanschauung, Meinungen, sexueller Orientierung, körperlichen oder geistigen Besonderheiten.

In diesem Aufsatz soll daher näher beleuchtet werden, weshalb wir – die Sozietät der Moderne – Neurodiversität brauchen, welchen Vorteile wir aus ihr gewinnen können und welche Ansprüche wir an uns und welchen Herausforderungen wir uns stellen müssen – und was wir aus unserer dunkelsten Geschichte der allertiefsten menschlichen Unmenschlichkeit lernen können und sogar müssen.

I. Der Autismus-Spektrum-Charakter

Was bedeutet Autismus-Spektrum? Im Gegensatz zu früheren Auffassungen spricht man in der Psychologieforschung heute nicht mehr von „dem Autismus“, sondern von den sogenannten „Autismus-Spektrum-Störungen“, kurz: ASS. Es handelt sich dabei allgemein gesagt um Entwicklungsstörungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert eine Autismus-Spektrums-Störung als eine schwere, angeborene Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. ASS wird in verschiedene Bereiche unterteilt. Da Autismus per se keine Krankheit ist – genauso wenig wie etwa Homosexualität – , sondern eine Art des (Mensch)-Seins und da Betroffene auch sehr positive Eigenschaften wie Wahrheitsliebe, Gerechtigkeitssinn, Vorurteilsfreiheit und Offenheit zeigen, ist es freundlicher von einem „Autismus-Spektrum-Charakter“ zu sprechen.

1 Erscheinungsformen

1.1 Frühkindlicher Autismus:

Frühkindlicher Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die vor dem dritten Lebensjahr auffällig wird. In der Fachsprache bedient man sich meist synonym der Begriffe Kanner-Syndrom, Kanner-Autismus, nach dem Psychiater Leo Kanner, oder auch infantiler Autismus. Es kann zu einer qualitativen Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und Kommunikation kommen. Repetitive (lat. repetere ~ wiederholen) und stereotype (in der gleichen Form, derselben Weise) Verhaltensmuster sind häufig feststellbar.11

1.2 Asperger Autismus – Asperger Syndrom:

Im Gegensatz zum Kanner-Syndrom weist das von dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger erstmals 1943 beschriebene und später nach ihm benannte Asperger-Syndrom kaum Beeinträchtigungen der sprachlichen und kognitiven Entwicklung auf. Betroffene Kinder weisen in der Regel einen durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen IQ (Intelligenzquotienten) auf und zeigen weniger die allgemeinen Lernschwierigkeiten als das Kanner-Syndrom. Trotzdem weisen auch sie einige Beeinträchtigung im allgemeinen Lernverhalten auf. Es liegen meist schwere „soziale Defizite“ (gemeint: qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und des Sozialverhaltens) vor. Motorische Beeinträchtigungen sowie besonders ausgeprägte und leidenschaftlich verfolgte Spezialinteressen können ebenfalls Charakteristika sein. Aufgrund eines nahezu lexikalischen Wissens, über das nicht nur Kinder und Jugendliche mit Asperger auf ihrem Spezialgebiet zu verfügen scheinen, wird es auch als „Little Professor Syndrom“ bezeichnet.11

1.3 Functioning Autismus – „Funktionaler“ Autismus:

Im Grunde geht es in dieser Abstufung neben den normalen Symptomen des frühkindlichen Autismus um die zusätzliche Ausprägung des Intelligenzquotienten des Kindes. So unterscheidet man je nach Ausprägung des IQ nach High-Functioning-Autismus HFA (hoch funktionaler Autismus): IQ über 70 und Low-Functioning-Autismus LFA (niedrig funktionaler Autismus): IQ unter 70. Die IQ-Bestimmung ist dabei nicht einfach und daher problematisch.11

1.4 Atypischer Autismus:

Die Unterschiede – wie die Bezeichnung atypisch erahnen lässt – zu den oben genannten Autismusformen finden sich zum Beispiel beim Zeitraum der Diagnose. Unter Umständen findet die Erkennung erst deutlich später statt als nach dem dritten Lebensjahr. Ebenfalls können die Symptome andersartig ausgeprägt sein. Des Weiteren kann bei dieser Form auch ein verspäteter frühkindlicher Autismus oder eine deutliche Intelligenzminderung vorherrschen.11

2 Synthese: Autismus

Obwohl sie alle zum gleichen Feld gehören, unterscheiden sie sich teils enorm. Savants, die „Wissenden“, etwa sind allgemein geistig behindert, besitzen aber die Fähigkeit auf einem ganz eng begrenzten Sachgebiet derartige (kognitive) Leistungen zu erbringen wie kaum ein anderer Mensch (oder gar Computer). Die meisten Hochfunktionalen-Autisten leiden ebenfalls an einer starken geistigen Beeinträchtigung, sind in der Regel nur durchschnittlich intelligent, schaffen es aber auch in einem bestimmten Bereich, überdurchschnittliche Fähigkeiten zu entwickeln. Autismus tritt sukzessive immer häufiger auf, was sicherlich auch darin seine Begründung findet, dass die Forschung immer mehr über diese „Krankheit“ in Erfahrung bringt und so spezifischere Diagnosen gestellt werden können. Von 1000 Menschen sind im Mittel sechs bis acht von ASS betroffen. Davon entfallen ein bis 2,5 auf Frühkindlichen Autismus, ein bis drei auf Asperger und ungefähr drei auf andere sogenannte tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es sich nur um Näherungszahlen handelt. Eine eventuelle Dunkelziffer könnte weit höher liegen, je nach dem, was man als „Autismus“ definiert (was je nach Gesellschaft schwankt), während man allerdings Fehldiagnosen abziehen müsste. Man schätzt jedoch, dass ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung sich dem autistischen Spektrum zuordnen lassen.

II. Inklusion – Für und Wider

In sozialpolitischer Hinsicht ist der Begriff der Inklusion von dem der Integration abzugrenzen. Während die breite Masse der Gesellschaft bei der Integration als weitgehend homogen angesehen wird, betrachtet die Inklusion Individuen als gleichberechtigt und unabhängig in ihren persönlichen Eigenschaften.5 Im Gegensatz zur Integration zielt die Inklusion nicht darauf ab, etwaige Unterschiede einzelner Individuen bewusst hervorzuheben und jene aneinander „anzupassen“, sondern betrachtet jedes Mitglied als vollwertig und fordert, dass sich das „System“ an die Bedürfnisse der einzelnen Individuen anzupassen hat.5 Organisationen wie eine Schule können dann als inklusiv bezeichnet werden, wenn sich nicht der Schüler an ein starres System anpassen muss, sondern die bildungstechnischen Rahmenbedingungen seine individuellen Stärken anerkennen und fördern sowie ihn bei Barrieren-Überschreitung aufgrund seiner Schwächen unterstützten.5 Inklusion soll also helfen, exkludierende gesellschaftliche Verhältnisse zu überwinden.6

Formen der Sozialpolitik:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten7

1 Inklusion und Bildungssystem

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in Deutschland nicht wie in skandinavischen Ländern eine Neuordnung des Schulwesens, sondern der Wiederaufbau geschah restaurativ, sodass die noch bestehenden allgemeinen Schulen und Sonderschulen ihre Arbeit fortsetzten.7 Im Jahre 1960 befürwortete die Ständige Konferenz der Kultusminister in ihrem Gutachten zur Ordnung des Sonderschulwesens die Separation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen als Rehabilitations- und Integrationshilfe.7 In der Folge kam es neben einem massiven Ausbau von Sonderschulen auch zur Entlastung der Regelschulen.7 Seit dem 15. November 1994 gilt ein neuer Satz im Artikel 3 des Deutschen Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“7 „Bildung sei auch der Schlüssel zum ersten Arbeitsmarkt, so der Bericht weiter, der für Menschen mit Behinderung durch Vorurteile und Ignoranz, mangelnde Bereitstellung von Dienstleistungen sowie berufliche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten jedoch weitgehend verschlossen bliebe.“7

2 Vorteile: Bildungskosten

Die Bertelsmann Stiftung legte in einer Studie dar, dass sich für Deutschland bis zum Ende dieses Jahrhunderts bei unzureichenden Bildungsreformen Folgekosten in Billionenhöhe ergeben werden.7 Es bedarf also schnellen, jedoch nachhaltigen Reformen.

„In Deutschland werden 400.000 Schülerinnen und Schüler an Förderschulen unterrichtet. Dafür geben die Bundesländer Jahr für Jahr 2,6 Milliarden Euro zusätzlich aus. Auf den ersten Blick scheint dies wenig aufsehenerregend: Kinder und Jugendliche bekommen in Förderschulen eigens auf ihren Bedarf zugeschnittenen Unterricht. Das klingt nach sinnvollen Investitionen, doch internationale und nationale Studien zumindest für den Förderschwerpunkt Lernen das Gegenteil belegen: Die Leistungen von Förderschülerinnen und -schülern entwickeln sich demnach ungünstiger, je länger sie auf der Förderschule sind. In Deutschland schafft nur ein Bruchteil der Förderschülerinnen und -schüler den Sprung zurück auf eine allgemeine Schule. Im Ergebnis machen am Ende der Pflichtschulzeit 77,2 Prozent von ihnen keinen Hauptschulabschluss. Kinder mit besonderem Förderbedarf, die im Gegensatz dazu im Gemeinsamen Unterricht mit Kindern ohne Förderbedarf lernen und leben, machen im Vergleich deutlich bessere Lern- und Entwicklungsfortschritte. Zudem profitieren auch die Kinder ohne Förderbedarf vom Gemeinsamen Unterricht, indem sie höhere soziale Kompetenzen entwickeln, während sich ihre fachbezogenen Schulleistungen nicht von den Leistungen der Schülerinnen und Schüler in anderen Klassen unterscheiden. Klar ist: Im internationalen Vergleich beschreitet Deutschland mit seinem hoch differenzierten Förderschulsystem einen Sonderweg. Die Ergebnisse nationaler wie internationaler Studien stehen im deutlichen Widerspruch zu dieser pädagogischen Praxis.“7

Eine kanadische Studie kam zu dem Ergebnis, dass „der Ausschluss von behinderten Menschen vom Arbeitsmarkt das potentielle Bruttoinlandsprodukt um 7,7% mindert. [Die Studie] zeigt, dass geschätzte 35,8% der weltweit wegen Exklusion von behinderten Menschen entstehenden verringerten Wirtschaftsleistung Europa und Zentralasien betreffen, gefolgt von Nordamerika mit 29,1% und Ostasien und dem pazifischen Raum mit 15,6%. Auf die anderen Weltregionen entfallen jeweils weniger als 10% der weltweiten Verringerung der Wirtschaftsleistung.“7

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668335721
ISBN (Buch)
9783668335738
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343242
Note
13
Schlagworte
Gesellschaftskritik Bigotterie Rassismus Toleranz weltoffen 21. Jahrhundert Gesellschaft Sozietät der moderne

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