Lade Inhalt...

Islamismus und Antisemitismus. Ein zentrales Element der Ideologie?

Eine Untersuchung am Beispiel der Muslimbruderschaft und Hassan al-Banna

Seminararbeit 2016 13 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Muslimbruderschaft – Gründungsgeschichte & Aufstieg unter al-Banna

3. Organisationsstruktur und Verwaltungsapparat

4. Antisemitismus als Kern der Ideologie
4.1 Zur Ideologie – Ökonomisches Programm
4.2 Zur Ideologie – Der „Ur-Islam“
4.3 Zur Ideologie - Kulturkampf
4.4 Zur Ideologie – Die Rolle des Djihads ( „Die Todesindustrie“)

5. Abriss: Antisemitismus der Muslimbruderschaft nach der Staatsgründung Israel

6. Antisemitismus als Kernelement des modernen Islamismus

7. Literaturverzeichnis

Internet

1. Einleitung

„Es ist [die] Verbindung von antijüdischem Wahnsinn und rationaler Methodik, die den Islamismus zur erfolgreichsten Bewegung der letzten zehn Jahre macht.“

- Matthias Küntzel, in Djihad und Judenhass – Über den neuen antijüdischen Krieg (2002)

Etwa zeitgleich mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus in Europa, entstand im Jahr 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft, die als Mutter des ‚modernen‘ Islamismus prägend für die zentrale Rolle des Antisemitismus in der islamistischen Ideologie ist. Ähnlich wie die faschistische Bewegung in Europa, betrat die Muslimbruderschaft die politische Bühne mit einer vermeintlichen Antwort auf die wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus. Dabei war der Kern des ideologischen „Lösungsansatzes“ genau so am Faschismus der Vorbilder in Europa wie auch am Koran orientiert. Zwar unterschied sich die Ideologie der Muslimbruderschaft im Punkte der Sexualmoral und Geschlechterpolitik sowie der Rassenpolitik von Nationalsozialismus und Faschismus. Trotzdem überwogen Übereinstimmungen wie etwa die Ablehnung von Parlamentarismus, der offene Kampf gegen Marxismus und Liberalismus und letztlich die Verteufelung des Zinses in Personifizierung des Juden, als alles zersetzende Kraft in der Gesellschaft. Heute gelten die Muslimbrüder als älteste noch existierende islamistische Organisation. Sie war und ist ideologisches Vorbild für alle großen Sprösslinge des Islamismus. Dazu zählen die Taliban, al-Quaida und die Hamas. Die Muslimbruderschaft war hauptverantwortlich für die massenhafte Verbreitung antizionistischer und antisemitischer Inhalte in Form massiver Propaganda gegen Juden bzw. gegen den jüdischen Staat. Eine unmittelbare Folge dieses Propagandafeldzuges war die vollkommene Umkehr des eher pro-jüdisch geprägten Klimas Ägyptens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, in ein Klima des antisemitischen Vernichtungswahns und des Antizionismus ab den 1940er Jahren.

Mit über 60 verschiedenen Publikationen gehören die „Protokolle der Weisen von Zion“ und Adolf Hitlers „Mein Kampf“, nach dem Koran, heute zu den weitverbreitesten Werken in der islamischen Welt.

In dieser Arbeit möchte ich die These untermauern, dass Antisemitismus nicht nur eines der Elemente des Islamismus ist, sondern sogar das zentrale Element eben dieser Ideologie. Als Beispiel dafür dient die Muslimbruderschaft die als eine der ersten Organisationen im arabischen Raum eliminatorischen Antisemitismus als propagandistisches Mittel verwendete und in die Praxis umsetzte. An Hand dieser werde ich die einzelnen Bestandteile der Ideologie, gerade mit Blick auf antisemitische Elemente, untersuchen.

2. Die Muslimbruderschaft – Gründungsgeschichte & Aufstieg unter al-Banna

Hasan al-Banna (1906-1948) wuchs in traditionellen Verhältnissen in einem Dorf nördlich von Kairo auf. Neben seiner Tätigkeit als Uhrenmacher und Lehrer war er Vorbeter in einer lokalen Moschee. Als er 1923 im Zuge einer Studienreise Kairo besuchte war er zutiefst bestürzt und irritiert von der „unislamischen“ Lebensweise der Städter. Den Grund für diese „Abkehr vom Islam“ war seiner Meinung nach die durch die Briten „importierte“ westliche Lebensweise. Für al-Banna stand ausgehend von diesen Eindrücken fest, dass die ägyptische Gesellschaft nur durch eine komplette Islamisierung vor dem totalen Moralverfall gerettet werden konnte. Al-Banna war vor seiner Zeit als Gründer der Muslimbruderschaft aktives Mitglied in der Young Men‘s Muslim Associaton (YMMA) die sich vor allen Dingen gegen den Kolonialismus richtete und in erster Linie eine nationale Organisation war. Im Umfeld der YMMA hielt al-Banna erste politische Vorträge. Jedoch kritisierte er die ideelle Ausprägung der YMMA, ihre engen Verbindungen zur Nationalpartei und die untergeordnete Rolle des Islams in ihrem politischen Programm.

Im Jahr 1928 gründet al-Banna mit sechs Mitarbeitern der Suez Canal Company die Muslimbruderschaft in Ismailia. Frühe Ziele waren die Etablierung der umma (Volksgemeinschaft aller Muslime) und die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen, die zur Zerschlagung der „dekadenten und hedonistischen“ Lebensweise des Westens führen sollten. In der Quintessenz bedeutete dies „Die islamischen Gesellschaften seien von allem nichtislamischen Elemente zu reinigen, in einem zweiten Schritt sei das Kalifat wieder herzustellen“ Vgl.[1]. Anfangs unternahm die Bruderschaft im Umfeld des Säkularismus und unter dem Blick der Briten, die immer noch sehr präsent waren, als religiöse Gemeinschaft den Versuch, ihre Ideologe durch soziale Projekte und wohltätige Aktion zu verbreiten. Spätestens ab den 1930er Jahren radikalisierte sich die Muslimbruderschaft und versuchte offen in der Politik Ägyptens mitzuwirken. Al- Banna wandte sich 1936 an den ägyptischen König und die gesamte arabische Welt und forderte mit seinem Traktat „Aufbruch zum Licht“ in dem er die Ziele der Muslimbruderschaft auflistete, den offenen und bewaffneten Djihad gegen Nichtmuslime und die Einführung der Scharia ( „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung“[2] ). Da es sich bei der umma um eine, von der Nation losgelöste Art der „Volksgemeinschaft“ handelte, beschränkte sich die Muslimbruderschaft nicht auf Aktivitäten in Ägypten und fing schon sehr früh an im ganzen Nahen Osten auf sich aufmerksam zu machen. Bis 1948 hatte die Muslimbruderschaft ungefähr 500.000 Mitglieder und abertausende Sympathisanten im ganzen arabischen Raum.

Ab 1940 richtete die Bruderschaft einen „geheimen“ bewaffneten Flügel ein. Finanzielle Unterstützung erhielten die Muslimbrüder u.a. über das Deutsche Reich, das in Persona Wilhelm Stellenbogen (Deutsches Nachrichtenbüro), Geld übermittelte und somit Angriffe finanzierte, die sich vor allen Dingen gegen die Briten in Ägypten richteten. Ägyptens Premier Mahmoud an-Nukrashi Pascha verbot die Organisation im Dezember 1948. Kurz darauf fiel er einem Anschlag zum Opfer. Daraufhin konzentrierte der ägyptische Staatsapparat seine innenpolitischen Bemühungen darauf al-Banna ausfindig zu machen. Am 12. Februar 1948 wurde al-Banna, vermutlich von staatlicher Seite angeordnet, erschossen.

3. Organisationsstruktur und Verwaltungsapparat

Die Muslimbruderschaft als solche ist bis heute stark hierarchisch strukturiert. Gegliedert in Verwaltungseinheiten bestehend aus drei zentralen Organen, der „beratenden Versammlung“ (Schura), dem Exekutivrat sowie einer Generalversammlung. Ähnlich dem Führer-Prinzip des Faschismus sind alle Organe auf den murshid ‘amm („allgemeiner Führer“) ausgerichtet.[3] Daneben existieren noch einige Komitees die verschiedenste Bereiche des öffentlichen Lebens abdecken (Bildung, Jugend, Mission) und unter anderem für die Einrichtung von eigenen Krankenhäusern, Schulen und Moscheen zuständig sind. Diese Einrichtungen ermöglichten der Muslimbruderschaft eine „Reeducation“, im negativen Sinne. Die islamische Gesellschaft sollte nach dem Prinzip der „Rückbesinnung auf muslimische Wertvorstellungen“ erzogen werden und so einen Gegenpol zu den westlich geprägten Institutionen des öffentlichen Lebens bilden. Die Bruderschaft führte also kein „Schattendasein“ als bewaffnete Untergrundorganisation, sondern trat mit einem Heilsversprechen heran an die Gesellschaft und schaffte es in kurzer Zeit große Teile der Gesellschaft zu ideologisieren. Die Islamisierung der Gesellschaft war für die Bruderschaft dabei kein rein nationaler Gedanke für Ägypten, vielmehr war es ein universaler. Daher beschränkte sich die Muslimbruderschaft in ihrem Wirken nicht auf Ägypten, sondern strebte im Sinne der „umma“ eine Art „Islamistische Internationale“[4] an, richtete bis in die 1940er Jahre Kaderschmieden im Libanon, Syrien und Transjordanien ein und etablierte so Ableger im gesamten arabischen Raum. Diese Ableger der Bruderschaft waren streng nach dem zentralistischen Prinzip der ägyptischen Mutterorganisation aufgebaut und auf diese ausgerichtet.

Die Anzahl der Mitglieder stieg von anfangs 800 (1932) auf über 200.000 in den 1940 er Jahren. Die Bruderschaft agierte als eine Art Avantgarde und war die erste städtisch organisierte Massenbewegung des Islam.[5] Dabei beschränkte sie sich nicht nur auf Ägypten - bis heute ist sie nach eigenen Angaben in über 70 Ländern vertreten.[6]

4. Antisemitismus als Kern der Ideologie

Im Folgenden werde Ich den Versuch unternehmen, die einzelnen Bestandteile der Ideologie der Muslimbruderschaft auf Elemente des Antisemitismus hin zu untersuchen. Dadurch soll deutlich gemacht werden, dass Alles, von der ökonomischen Analyse al-Bannas über die „Renaissance“ des Islams bis hin zum kulturellen Kampf gegen den Materialismus, Anlass dafür gibt den Antisemitismus als zentrales Element der Ideologie der Bruderschaft bzw. des Islamismus zu bezeichnen.

4.1 Zur Ideologie – Ökonomisches Programm

Um die islamische Welt konkurrenzfähig zu machen, sah al-Banna es als Notwendigkeit an die Ökonomie in erster Linie auf die Produktion bzw. den Erwerb von westlicher Technologie und vor allen Dingen von Militärtechnik auszurichten. Dazu sollten in einem ersten Schritt nationale Ressourcen unter die Kontrolle des Staates gebracht werden und dann die Schwerindustrie im Sinne der Industrialisierung aufgebaut werden. al-Banna war der Auffassung, dass „Ökonomie ohne Bezug zu ‘sozialer Gerechtigkeit und dem Prinzip der Moral‘ die fundamentalen Lehren Gottes verletzte“[7] und propagierte daher eine „egalitäre Arbeiterdiktatur und die Interessensgemeinschaft von Arbeit und Kapital“[8]. Die Kritik des Kapitalismus der Muslimbruderschaft basierte auf der Annahme, das Finanz- und Zinskapital seien der Ursprung und die Ursache allen Übels[9]. In letzter Konsequenz, personifiziert in Gestalt des Westens und vor allen Dingen in der „des Juden“.

Dem Individuum des Moslems kam in dieser Form der „islamischen Ökonomie“ eine besondere Rolle zu. Auf der einen Seite war er nicht dem Kapitalismus unterworfen, sondern der Moral des Islam.

Auf der anderen Seite sollte er seinen Beitrag zum Fortbestand der umma leisten. So idealisierte die Muslimbruderschaft den „islamischen“ Arbeiter als „Mann der Einheit von Materiellem und Spirituellem“[10] und setzte ihn in einen vermeintlichen Gegensatz zum geknechteten und ausgebeuteten Arbeiter in den westlichen, kapitalistischen Staaten, der sich von seinem Produkt entfremdet und „Sklave“ des Kapitals und des Zinses ist, während der islamische Arbeiter in erster Linie Gott dient.

4.2 Zur Ideologie – Der „Ur-Islam“

Der Islam verlor in Ägypten nach der Beseitigung der osmanischen Herrschaft in den 1920 er Jahren an Bedeutung. Westliche Ideologien, vor allen Dingen von den Briten „importiert“, fanden unter Intellektuellen und der Oberschicht Ägyptens viele neue Anhänger. Während sich die sozialen Widersprüche im Laufe der Weltwirtschaftskrise verschärften, trat al-Banna mit seinem Konzept des „Ur-Islams“ an die Öffentlichkeit. Nach seiner Auffassung war die Konkurrenzunfähigkeit der islamischen Welt gegenüber dem Westen vor allem auf die Abkehr vom „wahren Islam“ zurückzuführen – der die stärksten und einzigen Gesellschaftsordnung darstellte.

Kern dieser Ideologie waren zuallererst „die von Gott überlieferten Gesetze [in Koran und Sunna], die für alle Zeiten und Lebensbereiche – von den Alltagsproblemen bis hin zur Organisation des Staates und der Welt – gültig sind.“[11] Der Islam fungierte nach al-Banna also als Einheit von Religion und Politik, diesen Gedanken präzisierte er in seinen Erinnerungen folgendermaßen:

„Die Ausrüstung des Orients ist Sitte und Glaube; wenn er diese beiden verliert, so verliert er alles, wenn er zu ihnen zurückkehrt, so kehrt alles zu ihm zurück. Vor fester Moral, Glauben und Überzeugung bricht die Macht der Unterdrücker zusammen. Daher werden sich die Führer des Ostens um die Festigung seines Geistes und um die Wiedergewinnung seiner verlorenen Moral bemühen, denn dies ist der einzige Weg zu einer echten Renaissance. Diesen Weg aber werden sie nur finden, wenn sie zum Islam zurückkehren und an seiner Lehre festhalten.“[12]

Genauer ist mit der Rückkehr zum „Ur-Islam“ die Rückkehr zur ersten islamischen Gesellschaft unter dem Propheten Muhammed sowie die Etablierung des islamischen Rechts (Scharia) und des Kalifats gemeint.

[...]


[1] Vgl. Abdel-Samad, Hamed, Der islamische Faschismus – Eine Analyse, S.33, 2004 Droemer Verlag

[2] Vgl. Murtaza, Muhammed Sameer, Die ägyptische Muslimbruderschaft. 2011, S. 55

[3] Vgl. http://www.kas.de/wf/de/71.15454/ - Konrad Adenauer Stiftung, Muslimbruderschaft – Struktur und Ideologie

[4] ebenda

[5] Vgl Matthias Küntzel, Djihad und Judenhass – Über den neuen antijüdischen Krieg (2002), S 18

[6] Vgl.http://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/extremismus/IslamismusundsonstigerExtremismus/islamistische_organisationen_und_bestrebungen/muslimbruderschaft_mb/die-muslimbruderschaft-54221.html

[7] Richard Paul Mitchell, The Society of the Muslim Brothers, Oxford University Press, U.S.A.; Auflage: Reprint (29. Juli 1993), S.250

[8] Vgl. Matthias Küntzel, in Djihad und Judenhass – Über den neuen antijüdischen Krieg (2002), S. 19

[9] ebenda

[10] Richard Paul Mitchell, The Society of the Muslim Brothers, Oxford University Press, U.S.A.; Auflage: Reprint (29. Juli 1993), S.251

[11] Vgl. Matthias Küntzel, in Djihad und Judenhass – Über den neuen antijüdischen Krieg (2002), S. 18

[12] http://www.mik.nrw.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/Muslimbruderschaft.pdf, S.3

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668333604
ISBN (Buch)
9783668333611
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343334
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Moses Mendelsohn Zentrum Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Antisemitismus Islamismus Islam Muslimbruderschaft Naher Osten Israel Ägypten Antizionismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Islamismus und Antisemitismus. Ein zentrales Element der Ideologie?