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Die Rolle der Wunderwesen und ihre Quellen im Herzog Ernst B

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Aufbruch in den Orient
2.1. Ernsts Vertreibung
2.2. Über die Ritterpfichten

3. Der Kreuzzungsweg
3.1. Der Weg in den Orient

4. Die Wunderwesen und ihre mutmaßlichen Quellen
4.1 Zur Tradition der Wunderwesen
4.2 Grippia
4.2.1 Die Grippianer – Mischwesen aus der Phantasie des Dichters?

5. Motive aus der mittelalterlichen, orientalischen und antiken Tradition
5.1 Das Lebermeer und der Magnetberg
5.2 Der Fund des Weisen
5.3 Das Land der Arimaspi
5.4 Die Pygmäen und ihr Kampf gegen die Kraniche
5.5 Das Land Canaan

6. Schlussbemerkung

7. Literatur

1. Einleitung

Die Geschichte des aus der Heimat vertriebenen Herzog Ernst, der im fernen Orient zahlreiche Abenteuer erlebt, gehört zu den beliebtesten mittelalterlichen Prosastücken. Nur von wenigen mittelalterlichen Epen kann man sagen, dass sie bis in die Neuzeit hinein beliebt blieben. Ein Großteil der bekannten Dichtung, wie die Artusromane, erlangte erst mit der Romantik eine Wiederbelebung. Die Dichtung des Herzog Ernst jedoch wurde durch die Jahrhunderte immer wieder neu bearbeitet. Die Beliebtheit des Stoffes ist bis heute ungebrochen.

Der Fokus dieser Arbeit richtet sich auf den Mittelpunkt der Dichtung, den Wunderwesen, denen Ernst im Orient begegnet; Die Forschung ist sich über deren Herkunft noch immer uneins. Unter Verwendung bislang noch nicht berücksichtigter Quellen stellt diese Arbeit den Versuch dar, die Wunderwesen einzuordnen und einen Bezug zum Horizont und dem Wissen des mittelalterlichen Dichters herzustellen.

Die Darstellung der Wunderwesen bietet Raum für weitere Interpretationsansätze. So wird es im Handlungsverlauf evident, dass der Dichter die Orientfahrt als Bußfahrt konzipierte, nachdem Herzog Ernst sich durch den Kampf gegen den Kaiser Schuld aufgeladen hat. Dies lässt sich sowohl durch die Darstellung der Wunderwesen, als auch Ernsts Verhalten ihnen gegenüber nachweisen.

Besonders ausführlich möchte ich auf die Grippia Episode eingehen, da sich hier zum einen die unterschiedlichsten Quellenansätze herausgebildet haben, und sich zum anderen die Phantasie des Dichters und seine Eigenleistung in der Formulierung der wunderlichen Eigenschaften am deutlichsten zeigt.

Der Autor des Textes ist unbekannt, ebenso seine genaue Entstehung. Die ältere Foschung ordnete „Herzog Ernst“ in die Gattung der Spielmannsdichtung ein, was neuere Forschungen jedoch widerlegen. Hans Naumann fand heraus, dass nicht die Spielleute, die die Lieder vortrugen die Verfasser der Stücke waren, sondern zumeist Geistliche[1]. Dafür spricht nicht zuletzt, dass der Autor des Herzog Ernst über ein umfassendes kulturelles Wissen verfügt haben muss, was das Orientbild im Mittelalter, antike Dichtung und die deutsche Reichsgeschichte angeht. Zudem ist der Weg des Herzogs und seinem Gefolge in den Orient nach Art der historiographischen Romane sehr detailliert beschrieben und entspricht dem tatsächlichen Weg der Kreuzfahrer.

Die Geschichte des Herzog Ernst liegt heute in zwei erhaltenen Handschriften vor, die beide der Fassung B entsprechen. Die jüngere der Handschriften (a) befindet sich in Nürnberg, die ältere (b), die aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt, in Wien.

Die Datierung der ältesten Fassung A ist umstritten. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sie älter ist als bislang angenommen. „Nach allgemeiner Einschätzung ist die Fassung A zwischen 1160 und 1180 entstanden“, stellt Rühl fest. Während Szklenar das Werk „aufgrund des positiven Orientbildes [...] auf „1160-1170“[2] datiert, setzt Th. Klein die Enstehungszeit auf 1180 oder kurz danach. Den Grund dafür sieht Klein in der Häufung der Reimbrechung.[3]

Einig ist die Forschung sich über die Enstehungszeit der Fassung B, sie wird auf um 1200 datiert. Es wird vermutet, dass es zwischen Fassung A und B „zwei bis drei verlorene Zwischenstücke“[4] gibt. Der Vergleich wird dadurch erschwert, dass die Fassung A nur noch fragmentarisch erhalten ist.

Die Forschung zur Datierung des Stoffes ist bis heute nicht abgeschlossen und es gibt eine Fülle unterschiedlicher Ergebnisse darüber. In neuester Forschung stellt Rühl die Hypothese auf, dass Arnold von Scheffler, später Erzbischoff von Mainz und Vertrauter Konrad III, der Verfasser des Herzog Ernst war. Auf diesen Umstand, sowohl auf weitere Datierungsversuche kann in dieser Arbeit jedoch nicht näher eingegangen werden.

Der Weg Ernsts in die fernen Länder lässt sich in mittelalterliche Karten nachvollziehen. Er beginnt als typischer Kreuzzugsweg, jedoch gerät Ernsts Schiff in einen „seit der Antike unvermeidlichen“[5] Seesturm, der die Route in einen fabulösen Orient führt. Der Orient war damals aufgrund vorangegangener Kreuzzüge und Überlieferungen von Seefahrern und Kaufleuten bekannt - viele der Quellen lassen sich daher nachweisen. Für einige Motive gibt es jedoch bis heute keine Entsprechung. Lange bestritten, kann man jedoch hier nicht ausschließen, dass dies eigene Ideen des Autors sind. Klärung in dieser Frage wird es nicht zuletzt sein, die Fassungen A und B genau datieren zu können,was bis heute noch nicht gelungen ist. So finden sich in der hochmittelalterlichen Schrift Lucidarius (um 1200) einige der Wunderwesen, denen Ernst während seiner Orientfahrt begegnet. Welches die Hauptquelle dieser Entsprechungen ist, kann man somit nur durch genaue Datierung herausfinden.

2. Der Aufbruch in den Orient

Ernst Aufbruch zum Kreuzzug ist durch zwei Motivationen geprägt.

Zum einen muss er das Land verlassen, da er sich gegen den Kaiser gestellt hat und sich daher „gar verhert und [sein] selber guot verzert“[6] hat. Ernst müsste „verderben“[7],da er sich nicht weiter gegen ihn auflehnen kann.

Es scheint mir jedoch nicht richtig, dass „die Kreuznahme [...] nicht mehr als ein Vorwand [ist], ehrenvoll zu fliehen.“[8] Zwar betont Ernst, dass „wir sin mit ere abe – e wir uns sus vertriben lan“[9], jedoch darf man nicht ausser Acht lassen, dass die Auflehnung gegen den Kaiser auch eine Auflehnung gegen Gott bdeutete.

Der Kaiser unterschied sich vom König vor allem dadurch, dass er vom Papst gekrönt wurde und somit die Legitimation der Kirche besaß. Zudem verkörperte der Kaiser, wie auch der König, das Recht und dieses hat „in Gott seine Wurzel“[10].

Ernst hat also auch „wider gote getan“[11], und ist somit verpflichtet, Buße zu tun – der zweite Grund für den Aufbruch zum Kreuzzug:

„daz wir im billich müezen - uf sin hulde büezen,“[12] hebt Ernst in der Rede zu seinen Gefolgsleuten hervor.

Zudem betont der Dichter, dass „nieman getorste sprechen daz die helden guote durch ir armuote gerumet haeten ir lant.“[13] Dies spricht eindeutig gegen eine Flucht aus Gründen der Verarmung und des Ehrverlustes.

Ernst hofft, nach der Rückkehr die wieder in der Gunst des Kaisers zu stehen:

„daz er uns die schulde ruoche vergeben

her nach, obe wirz geleben,

und wider heim ze lande komen.

swaz uns der keiser hat benomen,

daz wirt uns allesz wider lan“[14]

Mit der Rückgewinnung der Huld Gottes wird ihm auch alles wiedergegeben was der Kaiser ihm genommen hat. Ernst gibt sich somit ganz in die Obhut Gottes und zeigt damit seine religiöse Gesinnung, die für einen Adligen Ritter im Mittelalter seit Beginn der Kreuzzüge zu den wichtigsten Tugenden gehört.

2.1 Ernsts Vertreibung

Pflicht jedes Herrschers war es, für Ordnung und Sicherheit im Land zu sorgen. Kaiser Otto kommt mit dem Kampf gegen Ernst zwar seiner Pflicht nach, da Ernst seine Länder verwüstet - jdoch ist hierbei zu beachten, dass der Kaiser mit dem Kampf gegen Ernst beginnt. Hier bewegt sich der Kaiser im rechtsfreien Raum.

Mittelalterliche Herrschaft versteht sich als feudalistische Herrschaft. Der Kaiser war auf Rat und Hilfe (Consilium und Auxilium) seiner Gefolgsleute angewiesen.

In Fürstenspiegeln, die es seit dem 7. Jahrhundert gab, sind die Rechte und Pflichten der Kaiser und Könige aufgezählt. Demnach bestehe „die Gerechtigkeit des Königs [darin], niemanden durch Gewalt ungerecht zu bedrücken“, sowie „ohne Ansehen der Person über die Menschen zu richten“[15] Kaiser Otto verstösst gegen beide Grundpflichten eines Kaisers, als er dem Pfalzgraf ohne Beweise seine Verleumdungen glaubt.

Im Falle der Verfolgung Ernst´s handelt der Kaiser alleine. Er bittet niemanden um Rat und handelt somit heimlich, was seine Legitimation, den Herzog zu verfolgen, in Frage stellt, zudem Ernst die Huld des Kaisers schuldlos verloren hat. Ernst wird dadurch zur Flucht gezwungen. Zu beachten ist, dass Ernst trotz seines Kampfes gegen den Kaiser seine Ehre, eine weitere Rittertugend, behält .

2.2 Über die Ritterpflichten

Joachim Bumke stellt die wichtigsten Tugenden eines Ritters aus dem 12. Jahrhundert zusammen: „Um die Vortrefflichkeit des Ritters zum Ausdruck zu bringen, stand eine große Zahl auszeichnender Prädikate bereit: [...] güete stand für innere Gutheit. [...] Das Wort triuwe stand im weiteren Sinn für die Aufrichtigkeit und Festigkeit der Bindungen zwischen Menschen überhaupt. [...] Für den Ritter bestand die triuwe im Einhalten sittlicher Verpflichtungen.“[16]

[...]


[1] Vgl. Hans Naumann, „Versuch einer Einschränkung des Begriffs Spielmannsdichtung“,in: „Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Bd 2, 1924, S. 777-794

[2] Hans Szklenar, „Herzog Ernst“. In: VL2, Bd3, 1981, Sp. 1170-1181, in: Rühl, S. 82f

[3] Vgl. Jasmin Schahram Rühl, „Welfisch? Staufisch? Babenbrgisch? Zur Datierung, Lokalisierung und Interpretation der mittelalterlichen Herzog Ernst Fassungen seit Konrad III auf der Grundlage der Wortgeschichte von ‚Burg’ und ‚Stadt’, Wien, 2002, S. 82; künftig zitiert als Rühl

[4] Vgl.ebd.

[5] Hans Szklenar, „Studien zum Bild des Orients in vorhöfischen deutschen Epen“, Göttingen, 1966, S. 152 Szklenar, S. 154; künftig zitiert als Szklenar 1966

[6] 1799-1801

[7] 1799-1801

[8] Szklenar, 1966, S. 152

[9] 1817f

[10] Joachim Bumke, Höfische Kultur, Müchen, 1994 (7) S. 34; künftig zitiert als Bumke

[11] 1818

[12] 1818-1820

[13] 1882-1885

[14] 1818-1821

[15] „Über die 12 Mißstände der Welt“ (De duodim abusivis saeculi), in vielen Fürstenspiegeln verwendet, in: Bumke, S. 384

[16] Bumke, S. 418

Details

Seiten
28
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638346061
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34362
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,5
Schlagworte
Rolle Wunderwesen Quellen Herzog Ernst

Autor

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