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Kinder und Jugendliche aus Migrationsfamilien in der Jugendhilfe

Hausarbeit 2000 15 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemstellung
2.1. Einrichtungen der Jugendhilfe und Migranten
2.2. Lebenssituation der Migrantenjugendlichen
2.3. Expertenbefragung

3. Problemlagen und erzieherische Hilfen
3.1. Schwierige Momente und Konfliktpunkte bei Hilfeverläufen junger MigrantInnen in erzieherischen Hilfen
3.2. Zentrale Anforderungen für eine Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen aus Migrationsfamilien

4. Interkulturelles Lernen und Zusammenleben. Ansätze auch für Heimerziehung?
4.1. Einige zentrale Rahmenbedingungen, die interkulturelles Lernen im Bereich der Heimerziehung erschweren
4.2. Beiträge zu einer interkulturellen Erziehung in der Jugendhilfe

5. Flüchtlingskinder in Heimen der Jugendhilfe
5.1. Drei Aspekte, die die besondere Schutz- und Hilfebedürftigkeit kennzeichnen
5.2. Rechtliche Regelungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland
5.3. Maßnahmen zum Schutz von unbegleiteten Flüchtlingskindern nach dem KJHG
5.4. Die Abschiebungshaft

6. Mädchen nicht-deutscher Herkunft in der Jugendhilfe

7. Schlußbetrachtung / Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Rückblick auf die vergangenen vierzig Jahre der Einwanderung von MigrantInnen – meistens durch die Anwerbung von Arbeitskräften – und Flüchtlingen in die BRD macht deutlich, wie unterschiedlich auf die Migrationsproblematik reagiert wurde. Am Anfang der Anwerbung ging man von der Vorstellung aus, daß die „Gastarbeiter“ nach Deutschland kommen, hier arbeiten und somit der Wirtschaft des Landes nützen, und nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren.

Seit den frühen 70er Jahren verstärkten sich die sozialwissenschaftlichen Forschungsbemühen auf dem Gebiet der „Ausländerforschung“. Die türkische Bevölkerung mit dem größten Ausländeranteil in Deutschland stand im Mittelpunkt dieser Untersuchungen. Vor allem beschäftigten sich diese Untersuchungen mit türkischen Jugendlichen.

Demzufolge entstand in den 70er Jahren die Ausländerpädagogik mit dem Ziel, die „Defizite“ der Migrantenkinder zu beheben. Die Ausländerpädagogik wandte die kompensatorische Erziehungsmethode an, wollte damit die Anpassung der Migranten in die Mehrheitsgesell- schaft erleichtern. Neuere realistische und gesellschaftliche Konzepte um eine multikulturelle Gesellschaft können nicht mehr verdrängt werden. Die Bemühungen waren um eine multikulturelle Umgestaltung der multikulturellen Gesellschaft.

Mitte 80´er Jahre, nachdem die Ausländerpädagogik heftig kritisiert wurde, entstand die interkulturelle Pädagogik. Im Gegenteil zu Ausländerpädagogik stellte sie nicht die Defizite der Migrantenkinder in den Mittelpunkt. Die Klienten der interkulturellen Erziehung waren sowohl Migranten- als auch einheimische Kinder. Ziel war, die Kinder zu einem multikulturellen Zusammenleben in der deutschen Gesellschaft und somit zu einer gegenseitigen Akzeptanz zu befähigen. Ansätze der interkulturellen Pädagogik haben sich bis heute fortgesetzt.

Die Umsetzung in den pädagogischen Alltag (Schulen) bleibt jedoch stecken. Wenn wir in die pädagogischen Konsequenzen zurückblicken, sehen wir, daß die konkreteste pädagogische Konsequenz der muttersprachliche Unterricht für Schüler nicht deutscher Herkunft ist, welche aber aus heutiger Sicht völlig ungenügend ist.

Die Problematik bei der Begriffsdefinition über Menschen nicht-deutscher Herkunft darf nicht ausgeblendet werden. In theoretischen Debatten und in der Praxis werden Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Herkunft entweder „Ausländer“ oder „Migranten“ genannt. Somit wird das AusländerIn – sein in den Vordergrund gerückt und eine homogene Gruppe geschaffen, obwohl sie in der Realität nicht existiert. Kinder und Jugendliche, die in Deutschland geboren sind, ihre Sozialisation in diesem Land abgeschlossen haben, in diesem Land leben und ihre Zukunft in Deutschland sehen, können nicht als ausländische Kinder bzw. Jugendliche bezeichnet werden. Kinder der zweiten Generation von angeworbenen ausländischen Arbeitnehmerinnen wurden und werden heute noch als Ausländer gesehen.

Heute gibt es aber die dritte und vierte Generation in Deutschland, diese können nicht „Migranten“ genannt werden, da weder sie noch ihre Eltern Einwanderer sind. Obwohl sie in einer völlig anderen Lage als ihre Vorfahren sind, wird ihnen in Deutschland der gleiche Status zugebilligt.

Auch wenn in den gängigen Literaturen und in der Praxis die gegenwärtigen Kinder und Jugendliche als „AusländerInnen“ bzw. „Migranten“ bezeichnet werden, ziehe ich es vor von Kindern bzw. Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft zu sprechen.

2. Problemstellung

Ich möchte einige Ausgangsfragen aufstellen und versuchen, sie mit Hilfe von wissenschaftlichen Untersuchungen / Bestandaufnahmen zu erörtern.

- Wie stellt sich interkulturelles Lernen in den Hilfen zur Erziehung dar?
- Inwieweit tragen die Hilfeangebote für junge Migrantinnen zur Verbesserung ihrer individuellen Situation bei?
- Finden ihre jeweilige kulturelle Herkunft angemessene Berücksichtigung bei der Gestaltung des Hilfe - Angebots?

Vink kommt durch seinen erste Bestandaufnahme zu dem Fazit, daß „die spezifische Situation von Kindern und Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft im Bereich der Heimerziehung kaum thematisiert und wenig berücksichtigt wird. Auch in Fachdiskussionen und Forschungen findet diese Thematik wenig Beachtung – mit Ausnahme der unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“( Vink 1992, 263-272).

Auch Stüwe 1996 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis nach Abschluß einer Bedarfserhebung. „De facto kommen Migranten in der Jugendhilfe nicht unter Berücksichtigung ihrer Lebenssituation vor. Sie sind zwar quantitativ vorhanden, werden jedoch konzeptionell nicht beachtet, was einer Ausgrenzung der sozialen Arbeit mit Migranten aus dem Zuständigkeitsbereich der kommunalen Sozialarbeit gleichkommt“ (Stüwe 1996, 28).

Nachdem zu Ausländerpädagogik Abschied genommen wurde, entstand Mitte 80er interkulturelle Pädagogik mit dem Ziel, daß die soziale Einrichtungen konzeptionell und personell auf die Problemlagen der Migranten einstellen sollten.

Stüwe stellt die Frage, was seit Beginn der theoretischen Debatte in der Praxis angekommen ist und wie die Praxis umgestaltet werden konnte. Er geht dieser Frage am Beispiel eines Jugendhilfeplanungsprozesses in einer hessischen Kommune nach. In einer Stadt mit einem Arbeitslosenanteil von 9,7% im Rhein-Main Gebiet wurde der Prozeß der Jugendhilfeplanung eingeleitet. Im Planungsverfahren sollte die Zielgruppe von Familien, „jungen Ausländern“ und besonders von Mädchen berücksichtigt werden.

Die Zielgruppenorientierung auf junge Migranten bei der Bestandaufnahme auf drei Ebenen:

- Einrichtungen der Jugendhilfe und Migranten
- Lebenssituation der Migrantenjugendlichen
- Expertenbefragung in bezug auf junge Migranten

2.1. Einrichtungen der Jugendhilfe und Migranten

- Die 23 Einrichtungen in der Stadt, die im Bereich der Jugendarbeit (§11 KJHG) angeboten werden, werden 54,3% von deutschen und 39,2 % von türkischen Jugendlichen sowie „sonstige Jugendliche“ besucht. Stüwe kommt zum Ergebnis, daß eine migrantenspezifische Orientierung sich nicht feststellen läßt, obwohl die Einrichtungen angeben, daß sie ein zielgruppenorientiertes Programm anbieten. Bemerkenswert ist hier, daß in Einrichtungen, welche die „Migranten“ als Hauptzielgruppe sehen, keine Fachkräfte aus ethnischen Minderheitengruppen beschäftigt sind.
- Im Bereich der Jugendsozialarbeit (§13 KJHG) gibt es 24 Einrichtungen (meist Schulen und Einrichtungen, die beruflichorientierte Programme anbieten.
- Im Bereich der Förderung in der Familie (KJHG) gibt es 10 Einrichtungen. Von 59 sozial-pädagogischen Fachkräften stammen zwei aus einer ethnischen Minderheitengtruppe.
- 30 Einrichtungen im Bereich der „Hilfen zur Erziehung“. Diese richten sich vor allem an sozialschwache Personen und Jugendliche mit auffälligem Sozialverhalten. Stüwe stellt dabei fest, daß in diesen Einrichtungen speziell auf Migranten nicht eingegangen wird (vgl. Stüwe 1996, 26).

2.2. Lebenssituation der Migrantenjugendlichen

Die Bedarfsermittlung der Jugendhilfeplanung wurde durch drei qualitative Jugendbefra-

Gungen bearbeitet. Das Thema Familie ist für die Jugendliche von größter Bedeutung. „In den Interviews bringen sie zum Ausdruck, daß sie wenig Kontakte und Beziehungen zu ihrem Vater haben und daß sie insgesamt allein gelassen, aber in Konfliktsituationen sehr autoritär bzw. restriktiv behandelt werden“ (Stüwe 1996, 27).

Die Jugendlichen sehen sich bei der Berufswahl aufgrund ihrer ethnischen Herkunft als benachteiligt. Die Wohnungssituation ist für die Migrantenjugendliche auch ein zentrales Problem.

2.3. Expertenbefragung

Im Rahmen der Bedarfsermittlung der Jugendhilfeplanung werden auch Experten aus unterschiedlichen Funktionskontexten befragt. Die Probleme von Jugendlichen werden auf innerfamiliale Verständnisschwierigkeiten (zwischen Jugendlichen und Eltern) zurückgeführt. Auf die soziale Situation der Migrantenfamilien wird nicht eingegangen. Die Experten meinen, daß sehr viele „Migrantenjugendliche“ auf den Straßen zu sehen sind. Der Begriff „Integration“ wurde häufig als „Assimilation an die deutsche Gesellschaft“ verstanden.

Die Zielgruppe Migranten ist zwar für die Jugendhilfe von Bedeutung, eine konzeptionelle Ausrichtung oder eine konzeptionelle Orientierung auf diese Gruppe ist jedoch nicht zu erkennen. Auch die Experten deuten auf die Mängel an Angeboten an, aber kein Experte äußert sich darüber. Es wurden keine speziellen Maßnahmen entwickelt. Sie forderten nur, daß Fachkräfte aus ethnischen Gruppen mehr berücksichtigt werden sollen (vgl. Stüwe 1996, 28).

3. Problemlage und erzieherische Hilfen

Können Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Herkunft von Maßnahmen und Ansprüchen auf Jugend- und Erziehungshilfe im Bereich der Schulbildung und Ausbildung genauso wie ihre deutschen Altersgenossen auch profititeren?

Nach §1 Abs.1 des KJHG hat „jeder junge Mensch“ ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Nach Abs.3 soll zur Verwirklichung des Rechts die Jugendhilfe beitragen. D.h. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen. Hier muß man sich die Fragen stellen, inwieweit sich diese Regelung in der pädagogischen Praxis wiederfindet.

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Details

Seiten
15
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638346078
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34363
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
sehr gut
Schlagworte
Kinder Jugendliche Migrationsfamilien Jugendhilfe Straße-Ursachen Hilfen

Autor

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Titel: Kinder und Jugendliche aus Migrationsfamilien in der Jugendhilfe