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Inklusive Religionspädagogik und ihre Folgen für das Rollenverständnis

Ausarbeitung 2016 23 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Gliederung

1. EINLEITUNG

2. INKLUSION
2.1 THEOLOGISCHE BEGRÜNDUNGEN
2.2 VERSCHIEDENHEIT IN RELIGIONSLERNGRUPPEN

3. INKLUSIVER RELIGIONSUNTERRICHT
3.1 DREI SPANNUNGSFELDER
3.2 ZEHN GRUNDSÄTZE FÜR INKLUSIVEN RELIGIONSUNTERRICHT

4. ROLLENVERSTÄNDNIS

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS
6.1 LITERATUR
6.2 ABBILDUNGEN

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Exklusion

Abbildung 2 Separation

Abbildung 3 Integration

Abbildung 4 Inklusion

1. Einleitung

ÄNiemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“1

Schon im Grundgesetz steht festgeschrieben, dass eine Benachteiligung bestimmter Menschen schlichtweg verboten ist - klingt zunächst logisch. Aber können alle Menschen im Religionsunterricht gleichberechtigt teilnehmen? Der Druck dieser Frage verstärkt sich durch die seit 2009 in Deutschland geltende UNBehindertenrechtskonvention, deren zentralen Begriffe die Chancengleichheit, die Würde, die Barrierefreiheit und die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe sind. Darüber hinaus taucht in ihr der Begriff der Inklusion auf.

Welche Relevanz das Thema Inklusion bereits hat, zeigt sich, wenn man beispielsweise bei Google den Begriff Inklusion eingibt. In einer Sekunde werden mehr als vier Millionen Ergebnisse präsentiert. Beim englischen Suchbegriff Inclusion ergeben sich bei derselben Suchmaschine sogar 130 Millionen Treffer. Außerdem ist die Thematik kontinuierlich in Zeitungen zu finden, was schlussfolgern lässt, dass sie Teil der aktuellen bildungspolitischen Debatte ist. So erschien beispielsweise vor kurzem in der ZEIT der Artikel ÄWarum sinkt die Zahl der Schüler an den Förderschulen kaum? Wo Inklusion gelingt - und wie sie scheitert“,2 in welchem Klaus Klemm über das Gelingen und Scheitern der inklusiven Unterrichtspraxis berichtet (Die Zeit, 16/2016).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der inklusiven Religionspädagogik und ihren Folgen für das Rollenverständnis. Als Grundlage wird hierbei zunächst das Verständnis von Inklusion geklärt. Dieses wird durch theologische Begründungen gestützt, sodass ein direkter Bezug zum Religionsunterricht gezogen wird. Anschließend werden beispielhaft einige Unterschiede beschrieben, mit denen eine Lehrkraft im Religionsunterricht rechnen muss.

Im zweiten Kapitel geht es im Speziellen um die Durchführung von inklusivem Religionsunterricht. Hierbei wird geklärt, wodurch sich dieser kennzeichnet und wie man ihn umsetzen sollte. Außerdem werden akzentuiert drei Spannungsfelder aufgezeigt, die dem inklusiven Religionsunterricht entgegenstehen. Wie diese Spannungen zu überwinden sind und Unterschiede sinnvoll genutzt werden können, sollen die zehn Grundlagen für inklusiven Religionsunterricht zeigen. Des Weiteren wird in Kapitel drei auf das Rollenverständnis der Lehrkraft einer inklusiven Klasse eingegangen.

Abschließend findet sich ein Fazit mit einer eigenen Einschätzung zu der Umsetzung von Inklusion in der Schule allgemein und insbesondere im Religionsunterricht.

2. Inklusion

Seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention3 befindet sich die deutsche Schul- und Unterrichtsentwicklung in einer Phase des Um- und Aufbruchs. Das ÄÜbereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (Convention on the Rights of Persons with Disabilities - CRPD) ist ein Menschenrechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, das am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und schließlich drei Jahre später in Deutschland in Kraft getreten ist. Die UN-Behindertenrechtskonvention setzt sich kurz gesagt dafür ein, dass die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen4 aufhört und diese als vollwertige Bürger der Gesellschaft anerkannt werden. Außerdem fordert sie Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Inklusion ist durch diese Konvention als ein Menschenrecht festgeschrieben.

Doch was genau ist unter gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben zu verstehen? Eine ausführliche Definition von Inklusion, wenn es überhaupt die eine Richtige gibt, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht in ihrer Gänze erfasst werden. Ahrbeck sagt sogar, Ädass keine auch nur annähernd konsensfähige Definition dessen vorliegt, was denn nun unter Inklusion zu verstehen sei“5. Tiefere Einblicke in das Thema Inklusion mit weitreichenden Erklärungen und umfassender Beschreibung dessen, was damit eigentlich gemeint ist, finden sich in zahlreichen Werken unterschiedlicher Autoren6. Inklusion unterscheidet sich klar von dem komplementären Begriff der Exklusion. Außerdem grenzt es sich neben der Exklusion auch von Begriffen wie Separation und Integration ab. Die unterschiedlichen Bedeutungen der Begriffe werden sehr kurz zusammengefasst im Folgenden mit Hilfe von Schaubildern besser verdeutlicht:

Exklusion heißt wörtlich übersetzt Ausschluss oder Ausgrenzung. Gemeint ist der Ausschluss bestimmter Menschen (z.B. mit einer Beeinträchtigung) aus der Gesellschaft. Diese will sich nicht mit den Persönlichkeiten der ausgeschlossenen Menschen auseinandersetzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Exklusion

Separation heißt wörtlich übersetzt Aussonderung und meint die Gründung gesonderter Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen, in der die Menschen zu einem ‚nützlichen Glied für die Gesellschaft‘ erzogen werden sollen. Hierzu zählen unter anderem auch Förderschulen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Separation

Integration beschreibt den Versuch, getrenntes wieder zusammenzufügen. Anders als bei der Exklusion und bei der Separation werden die Individuen hier mit in die Gesellschaft aufgenommen. Diese bleiben jedoch zumeist in einer Gruppe innerhalb der Gesellschaft zusammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Integration

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit und meint grob gesagt den völligen Verzicht auf Unterscheidungen von Menschen anhand beliebiger Faktoren. Es beschreibt die Einbeziehung von Menschen in die Gesellschaft. In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist gleichermaßen willkommen und im Endeffekt profitieren alle von dieser Heterogenität7.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Inklusion

Als Grundlage für das weitere Vorgehen wird davon ausgegangen, dass ÄInklusion in erster Linie als schulische Strukturdebatte geführt“8 wird. Unter dieser Voraussetzung beschreibt Inklusion Äein zieldifferentes Lernen ohne äußere Differenzierung“9 mit der zielvorgebenden Frage, ob Menschen so autonom wie möglich teilhaben können. Inklusion bezieht sich in diesem Kontext keineswegs lediglich auf Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auf eben alles, was diese Teilhabe einschränken, erschweren oder sogar verhindern könnte (Migrationshintergrund, finanzielle Situation, u.ä.). Es wird somit kein Inklusionsverständnis zugrunde gelegt, welches sich an nur einer Kategorie

orientiert, sondern an der Vielfalt von Menschen. Die Heterogenität aller Individuen wird hierbei als Norm menschlichen Zusammenlebens angenommen10. Jede Gruppe ist auf Grundlage dieser Definition als inklusive Gruppe zu bezeichnen, da jede Gruppe heterogen ist. Genau das ist auch das Ziel der Inklusion: Keine Differenzierungen und Unterscheidungen mehr, durch die Ausgrenzungen entstehen. Die Unterschiede sollen zur Normalität werden.11

2.1 Theologische Begründungen

Auch in der Religion selbst finden sich Begründungen für das Inklusionsbestreben. Einige Beispiele sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt und erläutert werden.

(1) Zunächst einmal lässt sich natürlich feststellen, dass jeder Mensch ein von Gott gewolltes und geschaffenes Wesen ist und dadurch bereits einmalig und wertvoll. Und das ganz unabhängig von seiner physischen und psychischen Konstitution, unabhängig von seiner Leistung(sfähigkeit) und unabhängig von sozialem Status und gesellschaftlicher Anerkennung. Diese unantastbare Würde des Menschen ist in Deutschland auch grundgesetzlich verankert.
(2) Außerdem ist Verschiedenheit menschlich und notwendig, was sich unter anderem beispielweise in den Schöpfungsberichten zeigt. Gott schuf die Menschen als Mann und Frau, gab ihnen unterschiedliche Geschlechter. Die Menschen sind von Anfang an zu zweit und in ihrer Verschiedenheit aufeinander angewiesen. Neben der Angewiesenheit auf Beziehungen zum Mitmenschen und zum Geschlechtspartner ist an dieser Stelle ebenfalls die Angewiesenheit auf die Beziehung zu Gott zu nennen. Als belegendes Beispiel für diese Aussage lässt sich Gen 1,27 anführen, wo es heißt: und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.
(3) Hinzu kommt, dass sich die Gemeinde Jesu Christi von Beginn an als eine Gemeinschaft der Verschiedenen versteht, die ihre Heterogenität in der Einheit des Glaubens aufgehoben, nicht aber in Einheitlichkeit aufgelöst sieht. Das Zusammenleben war hierbei geprägt von gegenseitiger Akzeptanz und ist als ein kritisches Korrektiv gegenüber Machtstrukturen, Ausgrenzung und Unterdrückung von Randgruppen in Kirche und Gesellschaft zu verstehen. Dies zeigt sich unter anderem in Gal 3, 26-28:26 denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christum Jesum.27 Denn so viele euer auf Christum getauft worden sind, ihr habt Christum angezogen.28 Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christo Jesu.12 Mit Hilfe dieser Aspekte kann der Religionsunterricht in der Diskussion um Inklusion eine Art Wächteramt ausüben. Wie bereits zuvor beschrieben ist inklusive Bildung ein Menschenrecht für alle Menschen. Eine Diskussion, die sich nur auf Konzepte, Strukturen und Methoden beschränkt, greift zu kurz.

2.2 Verschiedenheit in Religionslerngruppen

Doch was muss ich als Lehrkraft erwarten? Auf welche Unterschiede kann ich in einer Religionslerngruppe überhaupt treffen? Neben den allgemeinen Unterschieden von Menschen, die einem als Lehrkraft in jedem beliebigen Unterrichtsfach begegnen können, soll hier tiefergehend besonders auf die wichtigen Unterschiede in Bezug auf den Religionsunterricht eingegangen werden. Die Liste möglicher Verschiedenheiten ist beliebig erweiterbar, sodass sich hier lediglich ein kleiner Auszug dessen wiedergeben lässt. Sie sollen lediglich einen Eindruck verschaffen, worauf man sich als Lehrkraft einer inklusiven Gruppe13 einstellen muss.

Zunächst einmal sind die ganz natürlichen Unterschiede der Geschlechter (Mädchen-Jungen) zu nennen. Schon diese können im Religionsunterricht, beispielsweise in der Bearbeitung der Schöpfungsthematik und des Sündenfalls, von großer Bedeutung sein. Zudem weisen die Schüler zumeist völlig unterschiedliche Vorerfahrungen auf. Einige von ihnen sind durch ihre familiäre Sozialisation völlig unreligiös, andere hingegen können bereits erste Vorerfahrungen durch Kindergottesdienste und ähnliches mitbringen.

[...]


1 Grundgesetz Artikel 3, Absatz 3.

2 Klaus Klemm, Warum sinkt die Zahl der Schüler an den Förderschulen kaum? Wo Inklusion gelingt - und wie sie scheitert. in: Die Zeit, 16/2016.

3 Eine Konvention ist ein Übereinkommen, das von Menschen oder Staaten einvernehmlich eingehalten wird. Neben Deutschland haben sich derzeit 158 weitere Länder zur UN-Konvention bekannt und haben sich mit ihrer Unterzeichnung dazu verpflichtet, sie umzusetzen.

4 Durch die Kategorie Behinderung werden Menschen gruppiert in Behinderte und Nichtbehinderte. Als behindert gelten Personen, die infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Funktionen soweit beeinträchtigt sind, daß ihre unmittelbaren Lebensverrichtungen oder ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft erschwert werden. Aufgrund der heutzutage sehr negativen Konnotation der Bezeichnung behindert wird im Folgenden das Synonym beeinträchtigt verwendet.

5 Bernd Ahrbeck, Inklusion. Eine Kritik. Stuttgart 2014, 7.

6 vgl. hierzu z.B.:

Martin Giese, Überlegungen zu einer anthropologischen und grundlagentheoretischen Fundierung des Inklusionsdiskurses. In: Stefan Meier / Sebastian. Ruin (Hgg.), Inklusion als Herausforderung, Aufgabe und Chance für den Schulsport, Berlin 2015, 19-34.

Sabine Radtke, Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport. In: Politik und Zeitgeschichte, 24. Jahrgang, 2011, 16-19. Abgerufen von: http://www.bpb.de/apuz/33347/inklusion-von-menschen-mit-behinderung- im-sport?p=all Rolf Werning, Stichwort: Schulische Inklusion. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, 17. Jahrgang, 2014, 601-623.

7 Homogenität und Heterogenität bezeichnen das Ausmaß von Unterschieden innerhalb einer Gruppe, bezogen auf ein bestimmtes Merkmal bzw. eine Merkmalsgruppe (altershomogen, geschlechtshomogen, etc.). Heterogene Gruppen sind hierbei durch eine große Vielfalt geprägt.

8 Birgit Herz, Pädagogik bei Verhaltensstörungen: An den Rand gedrängt? in: Zeitschrift für Heilpädagogik, 65. Jahrgang (1), 2014, 4.

9 Christian Bleckmann u.a., Einleitung - Was ist Inklusion? in: Matthias von Saldern (Hg.), Inklusion. Deutschland zwischen Gewohnheit und Menschenrecht, Norderstedt 2012, 24. Matthias von Saldern, Inklusion. Definition, Anspruch und aktuelle politische Umsetzung, in: Sportpädagogik, 37 (6), 2013, 8.

10 Vgl. Martin Giese/Linda Weigelt, Sportunterricht auf dem Weg zur Inklusion. in: Sportpädagogik, 37 (6), 2013, 2-5.

11 Um im Rahmen dieser Arbeit den Argumentationsweg besser nachvollziehen zu können, wird weiterhin, entgegen dem eigentlichen Inklusionsgedanken, die Bezeichnung der inklusiven Gruppe für eine besonders große Heterogenität im Sinne von Beeinträchtigungen einiger Gruppenmitglieder verwandt.

12 Alle Aspekte Vgl. http://www.rpi-loccum.de/material/ru-in-der- foerderschule/gs_mueller_friese

13 Nach der Definition von Inklusion ist jede Gruppe inklusiv, sodass diese Bezeichnung nicht weiter von Bestand wäre. Um die Argumentationswege und Ausführungen dieser Arbeit besser verständlich zu machen, wird die Bezeichnung dennoch weiterhin verwandt, jedoch kursiv von dem Rest des Textes abgehoben.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668338111
ISBN (Buch)
9783668338128
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343756
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik
Note
1,0
Schlagworte
inklusive religionspädagogik folgen rollenverständnis

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