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Reproduktive Freiheit als Menschenrecht. Wo liegen die Grenzen?

Essay 2016 6 Seiten

Ethik

Leseprobe

„Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst, durch Nichtgebrauch dahinschwindet.“

- Carl Friedrich von Weizsäcker

Bürger der westlichen Welt genießen heutzutage mehr Freiheiten als alle Generationen vor ihnen. Industrialisierung, technischer Fortschritt und Globalisierung sowie der damit verbundenen Anpassung von Grund- und Freiheitsrechten gelten dabei als Meilensteine und Errungenschaften des letzten Jahrhunderts. Ob Handlungsfreiheit, Vertragsfreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit, Versammlungsfreiheit, Berufsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, das Recht der allgemeinen Freizügigkeit oder das Recht auf Leben und der körperlichen Unversehrtheit: Die Geschichte der Neuzeit hat viele Formen von Grundfreiheiten hervorgebracht. Besonders politische Bewegungen wie der Liberalismus bzw. der Wirtschafts- und Sozialliberalismus stehen repräsentativ für den Erfolg dieser Entwicklung. Im Fokus dieser Bewegung standen in erster Linie die Stärkung der individuellen Autonomie sowie der Abbau staatlicher und feudaler Herrschaftsstrukturen und der damit einhergehenden Chancenungleichheit. Dieses Aufkeimen neuer Freiheitsrechte brachte die Frauenbewegung hervor, die sich vor allem gegen die jahrhundertelange Repression und Bevormundung durch den Mann wandte.1 Dieser noch immer unvollendete Ruf nach unbedingter Gleichstellung mündete schon bald in einem neuen Freiheitsrecht: der reproduktiven Freiheit.

Das Recht zur reproduktiven Autonomie besagt, dass Entscheidungen bezüglich der Fortpflanzung allein oder innerhalb einer Partnerschaft getroffen werden können. Doch wie schon bei anderen Freiheitsrechten (z.B. Redefreiheit) wurden auch hier Reichweiten und Grenzen nicht genauer bestimmt und festgelegt. Und trotz der hitzig geführten Debatten bezüglich pränataler Diagnostik und der Einführung humangenetischer Beratungsstellen Mitte der 1970er und 1980er Jahre sowie der lauten Kritik emanzipierter Frauen hinsichtlich der eugenischen Seiten von Reproduktionsmedizin und Gynäkologie, konnte die biomedizinische Technologie ungehindert fortschreiten und gilt gegenwärtig als gesellschaftlich anerkannt und nahezu unumstößlich.2 Ob hormonelle Empfängnisverhütung, verschiedene Techniken der extrakorporalen Befruchtung, der Präimplantationsdiagnostik von Laborembryonen (PID) oder dem »Social Egg Freezing«, das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund: Die Liste der individuellen „Wahlfreiheit“ scheint überwältigend.

Doch dürfen wir Menschen all jene Biotechnologien nutzen, zu denen wir potenziell im Stande wären, ohne dabei mögliche Konsequenzen, Ethik und Moral zu missachten? Bedarf es überhaupt dieser Art von Technologien oder liegen die Ursachen, die solche Technologien als Folge sozio-ökonomischer Missstände hervorrufen, ganz woanders? Wie bereits 1990 von Franz-Xaver Kaufmann beschrieben, offenbaren diese Fragen zur Fortpflanzungsthematik eine „strukturelle Ungerechtigkeit gegenüber Familien in der modernen Gesellschaft“.3 Dem Individuum wird es seit einigen Jahrzehnten nicht mehr leicht gemacht, Familien zu gründen. Deutschland liegt im internationalen Vergleich der Geburtenrate auf den hinteren Plätzen, was nicht sonderlich überrascht, da in der Gesellschaft eine gewisse Unsicherheit, ja Überforderung hinsichtlich der individuellen Lebensplanung herrscht. Gründe können sein: Zukunftsängste durch wirtschaftliche und politische Geschehnisse, geografische Zerstreuungen der Familien, Kosten und Dauer für Erziehung und Bildung der Kinder, höhere Lebenshaltungskosten, Flexibilität von Arbeitsort und -zeit, die Zunahme der Single-Haushalte und der abnehmenden Generativität sowie die Berufstätigkeit der Frau. Doch all diese beispielhaft genannten Gründe lassen zunehmend erkennen, dass der moderne Mensch in seiner reproduktiven Freiheit und der Gestaltung des Lebens vielerlei Faktoren unterworfen ist. Auch wenn innerhalb reproduktiver Entscheidungen und Handlungen nicht durch Dritte eingegriffen werden darf, ist schlussendlich nur diejenige Person frei, die ohne äußere und innere Zwänge zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden kann. Doch wer kann das schon von sich behaupten? Die individuelle Auslebung eigener reproduktiver Freiheiten kann dennoch sehr vielschichtig sein. Neben normaler und gesellschaftlich akzeptierter Methoden der Empfängnisverhütung sowie der künstlichen Befruchtung, gilt mittlerweile auch der Schwangerschaftsabbruch als ein zulässigen Eingriff, falls keine Schwangerschaft gewollt ist. Auch die assistierte Reproduktion bei ungewollt kinderlosen Paaren genießt mittlerweile gesellschaftlichen Zuspruch. Doch wie steht es um andere biomedizinische Behandlungsmethoden wie beispielsweise der Insemination, bei der Spermien direkt in den weiblichen Genitaltrakt eingesetzt werden, der GIFT-Behandlung, bei der Spermien und Eizellen im Eileiter zusammengeführt werden, der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion, bei der das Spermium des Mannes direkt in das Zytoplasma einer Eizelle eingespritzt wird, der Kryokonservierung, bei der Zellen mittels tiefer Temperaturen in flüssigem Stickstoff eingefroren und gelagert werden oder der In Vitro Fertilisation (Reagenzglasbefruchtung)?

Neben diesen gibt es noch weitere Behandlungsmethoden wie Polkörperdiagnostik, Blastozysten-Transfer, Scratching, In Vitro Maturation, PN-Scoring oder dem »Assisted Hatching«, einer Art Schlüpfhilfe für den heranwachsenden Embryo.4 Das »Social Egg Freezing« hingegen, sprich die Eizell-Konservierung galt ursprünglich als Methode für krebskranke Frauen, um Eizellen vor der Bestrahlung einer Chemotherapie zu retten. Daher kam dieses Verfahren lange Zeit nur dann zur Anwendung, wenn mittels medizinischer Indikation Gefahr bestand, dass durch mögliche Krankheiten die Fähigkeit zur Fortpflanzung verloren ginge. Großkonzerne wie Facebook und Apple haben diese Dienstleistung bereits für sich erkannt und bieten eigenen Mitarbeiterinnen an, Kosten solcher Behandlungen zu übernehmen. Hier werden mittlerweile Grenzen verschoben, die des Menschen Fortpflanzung in ihrer Ursprünglichkeit in Frage stellt und komplett neu definiert. Nicht zuletzt, dass all diese Behandlungsmethoden eine Belastung der körperlichen Integrität der Frau sowie der familiären Beziehung darstellen können, so scheint inzwischen selbst die Auswahl der Embryonen und Föten nach bestimmten genetischen Merkmalen als Bestandteil der reproduktiven Freiheit. Doch beinhaltet die reproduktive Autonomie überhaupt das Recht auf ein Kind, wenn die Zeugung auf normalem Wege nicht funktioniert? Und wenn ja, schließt es das Recht auf ein gesundes Kind grundsätzlich mit ein?

Fragen und Diskussionen dieser Art hinken der technischen und biomedizinischen Entwicklung wie so oft hinterher. Währenddessen laufen die Geschäfte mit der Zeugungs- und Empfängnisunfähigkeit und des innigen Kinderwunsches vieler Paare für einige Arzneimittelhersteller, wie beispielsweise dem Chemie- und Pharmakonzern Merck KGaA aus Darmstadt, durchaus lukrativ.5 Das durch den Vioxx-Skandal in Verruf geratene Pharmaunternehmen machte in dieser Sparte zuletzt rund 700 Millionen Euro Umsatz und nach Schätzungen einiger Fachleute erzielen gutlaufende IVF-Zentren inzwischen Umsatzrenditen von bis zu 30 Prozent. Ein Viertel der Erlöse werden aktuell in den Schwellenländern erwirtschaftet, drei Viertel in Europa und Nordamerika. Die Folgen des demographischen Wandels und die fortwährende Verstädterung der Weltbevölkerung lassen diesen Trend zukünftig anhalten. Auch im biomedizinischen Bereich gilt weiterhin das Kredo, dass nur der Einsatz besserer Technologien - oder durch staatlich gelenkte Geburtenkontrolle und der damit verbundenen Zwangsabtreibungen, wie es in China über 30 Jahre mit der "Ein- Kind-Politik" praktiziert wurde -, die Folgen solcher Entwicklungen aufhalten können. Die wesentlichen Kernursachen bleiben indes weiter unbeachtet.

[...]


1 Vgl. Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft, Köln 2010.

2 Vgl. Feyerabend: Reproduktive Freiheit?, unter www.gen-ethisches-netzwerk.de, 2015. 2

3 Vgl. Kaufmann: Zukunft der Familie, München 1990.

4 Vgl. Breitbach: Behandlungs-Methoden, unter www.wunschkinder.net, 2006.

5 Vgl. Balzter & Bittner, Frankfurter Allgemeine: Das Geschäft mit dem Kinderwunsch, 2012. 4

Details

Seiten
6
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668339576
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v343859
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
2,7
Schlagworte
reproduktive freiheit menschenrecht grenzen umweltethik ethik bioethik biomedizin soziologie

Autor

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