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Schwachstellen der feministischen Globalisierurngskritik und mögliche Gegenentwürfe

von Selina Thal (Autor)

Essay 2010 10 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die 2. und 3.Phase der Analyse von Geschlechterverhältnissen in der Weltwirtschaft

Gegenkonzepte- männliche Perspektive und multimoderne Globalisierung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die feministische Globalisierungskritik bildet unmittelbar eine Antwort auf die zuvor „vergessene“ Frage nach dem Zusammenhang von Globalisierung und Gender. Zwar gibt es – und so wird es auch immer wieder betont – eine umfangreiche und stetig anwachsende Literatur zur Globalisierung, aber bis heute bleibt die Genderperspektive immer noch unterrepräsentiert. Genderfokussierte globalisierungskritische Diskurse sind in diesem Zusammenhang äußerst wichtig, um zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen Globalisierung überhaupt erst funktionieren kann und wie sich Geschlechteridentitäten und -verhältnisse verändern, verfestigen oder durch sich selbst auf den Globalisierungsprozess einwirken. Trotz des Erkenntnisgewinns, den man aus der Genderperspektive ziehen kann, ergeben sich auch durch eben jene „Genderbrille“ semantische Ambivalenzen. Zudem werden häufig diskussionswürdige Vorannahmen getroffen, die es gilt in diesem Essay aufzuspüren und Konzepte vorzustellen, die man ihnen entgegenstellen kann. Die Ausgangsbasis bilden dafür die beiden Ansätze von Maria Mies und Brigitte Young. Es wird davon ausgegangen, dass die feministische Globalisierungskritik einerseits oftmals darauf beschränkt ist, entweder eine globale Perspektive oder umgekehrt eine Perspektive einzunehmen, die darauf basiert, die lokalen Effekte globaler Prozesse zu untersuchen. Andererseits wird „der Mann“ oftmals nur unzureichend mit in die Analyse einbezogen und spielt – wenn überhaupt – nur marginal eine Rolle.

Im ersten Abschnitt werden die Analysen von Maria Mies und Brigitte Young dargestellt. Darunter fallen vor allem die Konzepte „Hausfrauisierung“, „Genderregime und Genderordnungen“ sowie als auch ihr Verständnis von Globalisierung. Der zweite Schritt beschäftigt sich mit den konzeptionellen Schwächen beider Autorinnen. Zum Schluss werden alternative Sichtweisen und Perspektiven aufgezeigt, ein kurzes Resümee gezogen und offene Fragen formuliert.

Die 2. und 3.Phase der Analyse von Geschlechterverhältnissen in der Weltwirtschaft

Maria Mies, deren Buch „Patriarchat und Kapital – Frauen in der internationalen Arbeitsteilung“ im Original schon 1986 erschien, hatte zu diesem Zeitpunkt noch keinen handfesten Begriff von Globalisierung entwickelt. Sie kann gemäß dem 3-Phasen-Modell von Saskia Sassen der zweiten Phase der Untersuchungen von Geschlechterverhältnissen in der Weltwirtschaft zugeordnet werden. Jene zweite Phase beschäftigte sich vorrangig mit der „Auslagerung von Industriearbeitsplätzen in unterentwickelte Länder“ (Sassen 1998: 200). Frauen, die zuvor noch nicht dem industriellen Sektor angehörten, waren von nun an diejenigen, die „unabhängig vom Entwicklungsgrad eines Landes […] in bestimmten Industriebereichen wie Bekleidung und der Montage von elektronischen Geräten“ arbeiteten (Sassen 1998: 200). Maria Mies spricht folglich noch von der Neue Internationalen Arbeitsteilung (NIAT) im Gegensatz zu der Alten Internationalen Arbeitsteilung (AIAT) (Mies 1990: 141-143). Bestand die AIAT noch darin, dass die von den Kolonialmächten abhängigen Kolonien zum Zwecke der billigen Produktion von Rohmaterialien und der Herstellung von Absatzmärkten ausgebeutet wurden, so werden im Zuge der NIAT vor allem arbeitsintensive Produktionsprozesse, die einen Teil der industriellen Produktion darstellen, in die sogenannten Länder der „Dritten Welt“ ausgelagert. Nach diesem Verständnis avancieren „Entwicklungsländer“ zum Produzenten der Massenkonsumgüter für die westlichen kapitalistischen Länder. Voraussetzung für das Funktionieren dieser NIAT sei die Mobilisierung von Frauen, die einerseits „billige“ und „leicht manipulierbare“ Arbeitskräfte in der „Dritten Welt“ und andererseits „gehorsame“ und „kaufwillige“ Konsumentinnen in der „Ersten Welt“ sein müssten (Mies 1990: 144). Um die Integration in den kapitalistischen Akkumulationsprozess einerseits und in die „Welt-Marktwirtschaft“ andererseits gewährleisten zu können, würden Frauen auf „beiden Teilen der Welt“ zunehmend als Hausfrauen definiert (Mies 1990: 145). Die zunehmende „Hausfrauisierung“ beruhe auf der Tatsache, dass die von Frauen verrichtete Arbeit keine „richtige“ Arbeit im eigentlichen Sinne darstelle, sondern bloß eine „einkommenserzeugende Aktivität“. Der Mann hingegen werde als der „freie Lohnarbeiter“ definiert. Die NIAT beruhe daher auf einer immer größeren Teilung zwischen Mann und Frau (Mies 1990: 147). Diese ideologische Teilung bringe vor allem den Vorteil der Einsparung von Arbeitskosten – im formellen wie im informellen Sektor – mit sich (Mies 1990: 149): (1) in der „Dritten Welt“, weil es sich um eine Aktivität, nicht um Arbeit, handle; (2) in der „Ersten Welt“, weil es sich um ein zusätzliches Einkommen (zum Ehemann), nicht um Arbeit handle.

Damit eng im Zusammenhang steht das Ideal der Kernfamilie, in dem der Ehemann den Haupternährer darstellt und die nicht erwerbstätige Hausfrau mitsamt den Kindern „unterhält“. Die (internationalen und nationalen) Prozesse und Mechanismen, die dazu führten, dass der Mann in die Rolle des Familienernährers hineinwuchs, bleiben von der Miesschen Analyse relativ unbeachtet. Sie stellt lediglich fest, dass die westliche Hausfrau „atomatisiert und isoliert“ werde und indem sie sich nur noch auf den Haushalt und das Kindergebären konzentriere, bleibe ihr der Blick für die internationalen Zusammenhänge versperrt (Mies 1990: 180). Frauen der „Dritten Welt“ sollten hingegen möglichst wenig konsumieren und wenige Kinder gebären, denn ansonsten wären sie „eine Bedrohung für das Globalsystem“ (Mies 1990: 156). Letzteres stellt für Mies unmittelbar den Beweis einer rassistischen Ideologie innerhalb der NIAT dar. Neben der Teilung zwischen Mann und Frau spiele vor allem auch die zunehmende Teilung zwischen den Frauen auf internationaler Ebene entlang ihrer Klasse eine Rolle (Mies 1990: 152). Zwar seien die Konsumentinnen der „Ersten Welt“ und Produzentinnen der „Dritten Welt“ im Prinzip noch durch die Ware und das Kapital verbunden, doch die Produzentinnen würden durch geschickte mediale Verblendung, in Form von Werbung, für die andere Seite „unsichtbar“ gemacht (Mies 1990: 152). Schließlich fördere die Pleonexie des Kapitals im Zuge der NIAT neben den schon vorhandenen und sich jetzt noch gefestigteren Achsen der Ungleichheit wie Klasse und Rasse[1], eine neue Achse der Ungleichheit, nämlich die zwischen den Frauen der „Ersten“ und der „Dritten Welt“ entlang der Kategorie Klasse (Mies 1990: 180-181). Nur so könnten die stagnierenden Märkte der Industrieländer und das Kapital, welches nahezu ausnahmslos von Männern kontrolliert werde, weiterhin profitieren (Mies 1990: 181). Am stärksten durch die NIAT marginalisiert sei letztendlich die „schwarze kleine“ Frau. Trotzdem – so führt Mies an – trete auch eine Hierarchisierung zwischen den Männern auf internationaler Ebene ein. Auch sie teilten sich in Produzenten und Konsumenten und erhielten ihre „Funktionszuschreibung“ durch die Kategorien Rasse und Klasse.

Auch wenn Mies noch nicht explizit von der Globalisierung sprach, so war sie in ihren Hauptaussagen wegweisend für die darauffolgenden Debatten um die Rolle der Frau in den Globalisierungsprozessen.[2] Schon bei Mies stellen folgende Fragen: Ist die Frau wirklich so passiv den Prozessen der NIAT (später: der Globalisierung) unterworfen? Differenzieren sich Frauen auf internationaler Ebene wirklich vorrangig über die Kategorien Klasse und Rasse aus oder kommen im Zuge der Globalisierung noch andere Kategorien zum Tragen? Ist es außerdem nicht zu einseitig, Männer mit dem „profitbegierigen“ Kapital gleichzusetzen und sie somit de facto zu den Gewinnern der NAIT zu machen? Vernachlässigt Mies zuletzt durch ihre internationale Perspektive lokale und dadurch auch kulturelle und religiöse Unterschiede? Stellt die Unterscheidung zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“ in diesem Zusammenhang nicht eine zu grobe Simplifizierung dar?

Einige Antworten auf diese Fragen vermögen uns die aktuelleren Texte von Brigitte Young zu geben. Young ist der dritten Phase der Untersuchungen zu den Geschlechterverhältnissen zuzuordnen. Dabei beschäftigt sich diese Phase vorrangig mit den Transformationen der Geschlechterverhältnisse und -rollen im Rahmen der globalen Wirtschaft (Sassen 1998: 200-201). Young betont im Gegensatz zu Maria Mies, dass beide Geschlechterseiten VerliererInnen und GewinnerInnen hervorbringen (Young 1998a: 171). Es käme unter dem Druck der Globalisierung zu einer sukzessiven „Überlagerung von Klassen- und Geschlechterverhältnissen, von Migration und rassistischer Diskriminierung“, die „ganz neue Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse“ hervorbringe (Young 1998a: 171). In ihrem Text „Genderregime und Staat in der globalen Netzwerk-Ökonomie“ von 1998 stellt sie sich die Frage nach der Neukonstituierung der Genderregime und -ordnungen im Zuge der Transformation des fordistischen Akkumulationsregimes hin zu einem globalen Akkumulationsregime. Genderregime sind für sie „institutionalisierte Geschlechterpraktiken und Formen […], die als Geflecht von Normen, Regelungen und Prinzipien in den Strukturen gesellschaftlicher Praktiken verankert sind“ (Young 1998b: 177). Das im Fordismus herrschende Genderregime zeichnete sich beispielsweise durch folgende drei Elemente aus (Young 1998b: 180): (1) die „westliche“ Frau war für den Reproduktionsbereich zuständig; (2) der „westliche“ Mann war der Familienernährer; (3) die Öffentlichkeit galt als die Sphäre des Mannes, die Privatheit hingegen als die der Frau. Genderordnungen verkörperten eben „diese institutionalisierten Praktiken auf der symbolischen Ebene“ (Kron 2002: 1). Keineswegs seien Genderregime und -ordnungen feststehende Gebilde, vielmehr seien sie qua Definition ein umkämpftes Terrain und deshalb ein dynamischer Prozess. Globalisierung ist im Sinne Youngs keineswegs nur mit Ab- und Umbau des Sozialstaates gleichzusetzen. Es handle sich um einen widersprüchlichen Prozess, in dem einerseits ökomische und finanzielle Steuerungsmittel „aus national-staatlichen sozialen und politischen Bindungen“ herausgelöst und andererseits neue globale horizontal-netzförmige Steuerungssysteme entstehen würden (Young 1998b: 181). Die neuen Genderregime und -ordnungen würden sich durch die Aufweichung des fordistischen Familienernährermodells, die weitgehende Neudefinition von der Trennung der öffentlichen und privaten Sphäre, der zunehmenden Ungleichheit zwischen den Frauen und schließlich durch geschlechtsspezifische Gesellschaftsspalten auszeichnen (Young 1998b: 188-193).

Trotzdem – so merkt es Stefanie Kron berechtigterweise an – leitet Young die weltweite Veränderung der Genderregime und -ordnungen letztendlich doch nur von der Transformation vom Fordismus zum Postfordismus ab, ein Phänomen, das sich fast ausschließlich „auf die westeuropäischen und nordamerikanischen Industriestaaten beschränkt“ (Kron 2002: 1).

[...]


[1] Unter dem Begriff Rasse versteht die Autorin die Hautfarbe einer Person.

[2] Siehe hierzu auch Christa Wichterichs Buch „Die globalisierte Frau“ von 1998. Wichterichs Analysen wurden stark von Maria Mies beeinflusst.

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    Selina Thal (Autor)

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