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Die Tugend als Problemkonfiguration in "Miß Sara Sampson"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Bürgerliche Trauerspiel
2.1 Die Empfindsamkeit
2.2 „Miss Sara Sampson“

3 Die Tugend
3.1 Definition
3.2 Die weibliche Tugend
3.3 Keuschheit als zentrale Tugend

4 Die Tugend als Problemkonfiguration in „Miss Sara Sampson“
4.1 Dichotomie: Heilige oder Hure
4.2 Der Verdachtsmoment und seine Relevanz
4.3 Personenverhältnisse innerhalb des konstruierten Tugendbegriffs
4.3.1 Sir William – Sara
4.3.2 Mellefont – Sara
4.3.3 Mellefont – Marwood
4.3.4 Marwood – Sara
4.3.5 Waitwell – Sir William – Sara
4.3.6 Norton - Mellefont
4.4 Der Tod als letzte Instanz der Reinheit

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Tugendbegriff als Problemkonfiguration in „Miss Sara Sampson“.

Der erste Teil behandelt das Thema „bürgerliches Trauerspiel“ und die dazu gehörende Empfindsamkeit.

Der zweite Teil beinhaltet den Tugendbegriff und die Vorgaben und Aufgaben einer idealen, tugendhaften Frau bzw. Tochter. Dabei spezialisiere ich mich auf die Keuschheit, die als zentrale Tugend eine bedeutende Rolle in bürgerlichen Trauerspielen hat.

Im dritten Teil, dem Hauptteil, gehe ich auf die verschiedenen Problemkonfigurationen ein, die die Tugend in Miss Sara Sampson kreiert. Es handelt sich hierbei um drei Hauptpunkte, die ich bereits zum gleichnamigen Referat am 06.04.2016 ausgearbeitet habe und einen zusätzlichen vierten Hauptpunkt, der sich mit dem Tod als Reinheit der Tugend beschäftigt. Der erste Hauptpunkt ist die konträre Vorstellung von Weiblichkeit, im Sinne der Dichotomisierung der Frau als Heilige oder Hure. Der zweite Hauptpunkt beschäftigt sich mit dem Verdachtsmoment und ob er in diesem Kontext überhaupt von Relevanz ist. Der dritte und letzte Hauptpunkt beinhaltet weitere Unterpunkte, die die wichtigsten Personenkonstellationen (z.B. Sir William – Sara, Mellefont – Sara, Mellefont – Marwood etc.) darstellt. Zusätzlich werde ich prägnante Tugendansichten, wie z.B. von Waitwell und Norton herausarbeiten.

Im Fazit fasse ich die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

2 Das Bürgerliche Trauerspiel

Der Begriff des „Bürgerlichen Trauerspiels“ fiel zum ersten Mal 1750 in der Zeitschrift „Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters“ von Lessing und Mylius. Die Definition blieb in Deutschland in den 1750er erstmals unbestimmt. Eine Schwierigkeit der Definition war das Wort „bürgerlich“. Nach Guthke war „bürgerlich […] also nicht primär den [der] Stand, sondern die Lebensweise, die Gesinnung“.[1],[2] Für Hohendahl ist „der Ausdruck ‚Bürgertum‘ im modernen Sprachgebrauch durch Vorstellungen belastet, die dem 19. Jahrhundert angehören und auf die Epoche der Aufklärung nicht anwendbar sind“. Kocka unterscheidet drei Bedeutungen von ‚Bürger‘:

1. traditioneller Staatsbürger
2. Wirtschaftsbürger
3. Bildungsbürger

Da jede Gruppe gemeinsame Schnittmengen und übergreifende Übergänge hat, wird die undifferenzierte Verwendung des ‚Bürgertums‘ angewandt.[3]

Für Lessing haben Trauerspiele die Absicht „Tränen des Mitleids, und der sich fühlenden Menschlichkeit“ zu erwecken oder eben gar keine Absicht. Das „Mitleiden“ ist für Lessing eine Art „Konditionstraining in sozialer Kompetenz, eine Übung der Voraussetzungen von Kommunikation, eine Übung in Diskursfähigkeit, - die Einübung einer Meta-Tugend.[4]

2.1 Die Empfindsamkeit

Die Empfindsamkeit wird als Größe aufgefasst, die die Rahmenbedingungen für eine „nicht-unbürgerliche“ Moral schafft. Hempel zählt auf, dass die „nicht-unbürgerliche“ Moral es schafft den Menschen zu rühren, und somit die Emotionalität des Einzelnen anspricht. Des Weiteren ist die Empfindsamkeit eine nicht-höfische Ideologie, in der sittliche Gefühle unmittelbar umgesetzt werden. In der Empfindsamkeit werden Moral und Gefühl zusammengelegt und „schafft somit eine ideologische Voraussetzung für den emotionalisierten Umgang mit moralischen Fragen. Das bedeutet für die nicht-höfische Familie im bürgerlichen Trauerspiel, „einen gefühlvollen, nicht-höfischen Umgang mit moralischen Konflikten“.[5] Nach Pikulik ist das Bürgerliche Trauerspiel ein Produkt der Empfindsamkeit, dabei ist die Empfindsamkeit nicht bürgerlich, sondern er geht soweit sie als „Gegenbegriffe“ zu bezeichnen,[6] da der Bürger nur seinem Verstand glaubt und alles Irrationale als „verderbliche Macht“ empfindet.[7]

2.2 „Miss Sara Sampson“

Die Tragödie „Miss Sara Sampson“[8] wurde von G. E. Lessing im Jahre 1755 verfasst und aufgeführt. Es ist das erste wichtige bürgerliche Trauerspiel in Deutschland. Lessing wurde u.a. von George Lillo und Samuel Richardson beeinflusst. Im bürgerlichen Trauerspiel wird der Ort der Handlung in die Intimität des Privatbereichs verlegt. Im Zentrum von MSS steht der Konflikt zwischen Tugend und Laster.[9]

3 Die Tugend

Die Tugend ist das Hauptthema, um das alle Gespräche in MSS drehen. Nach Stephan werden feine Unterschiede gemacht zwischen „bewährter Tugend“, „schwacher Tugend“ und „unerfahrener Tugend“.

3.1 Definition

Für Stephan ist die Tugend in der Frühaufklärung eine Eigenschaft, die durch die Vernunft definiert ist und auf Wissen zielt. Sie führt fort, dass die Tugend somit keine spezifische weibliche Eigenschaft, sondern eine Eigenschaft des vernünftigen, aufgeklärten Menschen sei.[10]

3.2 Die weibliche Tugend

Hempel schreibt, dass tugendhafte Töchter in ihrem Verhalten die kindliche Liebe und den kindlichen Gehorsam mit weiblicher Tugend, mit Häuslichkeit und mit der empfindsamen Familie die Kunst des Ausgleichens und Zurücksteckens vereinen.[11] Nach Campe ist die ideale Tochter und Frau auf Ausgleich bedacht, sittsam, gehorsam und hegt keinerlei Ambitionen über ihr häusliches Betätigungsfeld. Er rät ihnen das Beste aus diesem unveränderbaren Zustand zu machen und empfiehlt ihnen „Abhärtung“ und „wahre weibliche Verdienste“.[12] Des Weiteren ist die Tochter moralisch gut, weil sie die Autorität des Vaters stützt und damit das System der Familie stabilisiert. Unmoralisch sind sie hingegen, wenn ihre Verhaltensweisen das Wohl der Familie gefährden sowie wenn sie sich ihrer Rolle entziehen. Auffallend ist die starke Betonung auf die sexuelle Enthaltsamkeit.[13]

3.3 Keuschheit als zentrale Tugend

Gespräche über die Tugend beziehen sich eigentlich nur auf den Reinheitsgebot der Frau. Die Tugend wird mit sexueller Enthaltsamkeit gleichgesetzt, denn keine der Töchter wie Emilia, Luise und auch Sara scheinen in Gefahr trinksüchtig zu werden, zu geizen, zu stehlen oder zu morden[14]. Der weibliche Tugendbegriff wird verengt und beschränkt sich auf die Sexualität.[15] Hempel spricht das „Ehrlichkeitsgebot“ an, welches eine strikte Einhaltung der Sexualität beinhaltet. Hierbei erkennt sie, dass dieses „Ehrlichkeitsgebot“ sich nur an die Frau richtet und es gewährleisten soll, dass die Frau ihre Unschuld bzw. Tugend noch innehat. Für Hempel ist dies eine Doppelmoral, da die Männer hierarchisch über den Frauen standen und sie ihre Sexualität frei ausleben konnten. Die „Unschuld“ wird für Hempel ein Zustand, welcher auch die „Unberührtheit des Geistes“ umfasst. Des Weiteren führt sie fort, dass die moralisch intakte Frau keusch und somit begehrenswert ist, aber sie in ihrem Selbstverständnis asexuell sein soll. Die Töchter sind kurzum rein, unschuldig und tugendhaft, die zwar Gefühle haben und auch ausdrücken dürfen, jedoch Achtsam sein müssen, dass ihre Reinheit und Keuschheit nicht bedroht wird. Durch den ständigen Druck und der Angst, diese Reinheit zu bewahren, sind sie für die Familie wie für die Gesellschaft kontrollierbar. Früher konnte man sagen, dass der Teufel als Anstifter zur Verleumdung steckt, jedoch ist dies im 18. Jahrhundert keine Ausrede mehr. Die Menschen hatten die Einstellung, dass das Verderben bereits in der Frau selbst liegen muss und schon damit ein Indiz für mangelnde Tugend ist. Hempel erklärt, dass moralisch Verdächtige schon deshalb verdächtig sind, da sie bereits den Verdacht angeregt haben.[16] Die weibliche Tugend wird als eine gefährdete Angelegenheit angesehen, die durch Verführung vom Pfad der Tugend abgeleitet wird, und genau das ist das reizvolle für die Männer. Ihr größter Reiz gilt der sexuellen Reinheit der Frau, welche sie auch gleichzeitig nehmen wollen. Stephan erkennt, dass es die Reinheit nur um den Preis des Todes gibt.[17]

4 Die Tugend als Problemkonfiguration in „Miss Sara Sampson“

Die Tugend ist im Drama MSS ein dauerhaftes Gesprächsthema. Im Folgenden werden verschiedene Problemkonfigurationen präsentiert, die durch die mangelnde Tugend bzw. durch den Wunsch die Tugend zu retten, in MSS entstanden sind.

4.1 Dichotomie: Heilige oder Hure

Das Frauenbild ist laut Stephan eine „Form männlicher Wunsch- und Ideologieproduktion“. Die Heilige sowie die Hure sind Typen der Weiblichkeit und verursachen beim Mann verschiedene gegensätzliche Assoziationen. Die Bild der Hure ist eine verzerrte, negative Weiblichkeit und eine Distanzierung zum frühaufklärerischen Ideal der klugen und selbstständigen Frau. Man spricht von einer Dichotomisierung der Weiblichkeit. Jedoch ist das objektivierende Frauenbild sehr realitätsfern, denn beide Typen entsprechen nicht vollends den für sie entwickelten Typen und sind vielschichtiger. Da die Tugend mit sexueller Enthaltsamkeit gleichgesetzt wird, kann es zu einer schnellen Verurteilung der Frau als Hure kommen. Dies passiert mit Marwood, die als „Schande ihres Geschlechts“ (II, 6) als „wollüstige, eigennützige, schändliche Buhlerin“ (II, 7) und als „Niederträchtige“ (ebd.) von Mellefont bezeichnet wird. Er verurteilt ihre „Bereitwilligkeit“ (ebd.). Marwood erkennt die Doppelmoral der Männer und der Gesellschaft. Sie wehrt sich und antwortet „Was geht dich meine Unschuld an, wann und wie ich sie verloren habe?“ (ebd.).

[...]


[1] Schmidtsdorf: Die Ursprünge des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert, S. 3.

[2] Vgl.auch Guthke: Bürgerliches Trauerspiel, S. 5-6.

[3] Hempel: Drei tugendhafte Töchter, S.11.

[4] Eibl: Bürgerliches Trauerspiel, S. 79-81.

[5] Hempel: Drei tugendhafte Töchter, S. 18-19.

[6] Pikulik: Bürgerliche und empfindsame Moral im Familiendrama des 18. Jahrhunderts, S. 101.

[7] Pikulik: Bürgerliches Trauerspiel, S. 79.

[8] Lessing: Miß Sara Sampson. Künftig im Text zitiert als MSS mit Angabe der Akt- und Szenenangabe.

[9] Vgl. Kindlers Literatur Lexikon: „Miß Sara Sampson“ .

[10] Stephan: Frauenbild und Tugendbegriff bei Lessing und Schiller, S. 19.

[11] Hempel: Drei tugendhafte Töchter, S. 32.

[12] Ebd. S.33. sowie im Original: Campe: Väterlicher Rath, S. 18 und S. IX.

[13] Ebd. S. 33.

[14] Ebd. S. 34.

[15] Stephan: S o ist die Tugend ein Gespenst, S. 2.

[16] Hempel: Drei tugendhafte Töchter, S. 35 – 38.

[17] Stephan: S o ist die Tugend ein Gespenst, S. 23 - 24.

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668339996
ISBN (Buch)
9783668340008
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344304
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln
Note
2,7
Schlagworte
Miß Sara Sampson Tugend Problem
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Titel: Die Tugend als Problemkonfiguration in "Miß Sara Sampson"