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Erfolgreiche Sozialisation als Strategie zur Überwindung von Armut. Zurück zur gattenzentrierten Familienform?

von Selina Thal (Autor)

Essay 2008 8 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

In den neunziger Jahren entbrannte die Debatte über Kinderarmut (Holz et al. 2000: 19). Ein Grund dafür war und ist die steigende Anzahl der Kinder, die trotzdem sie in hoch entwickelten Industriestaaten leben, von relativer Armut betroffen sind (Belwe 2006: 2). Selbst wenn diese Entwicklung eine Vielzahl an Problemen mit sich bringt, die es gilt durch geeignete politische Maßnahmen zu regeln, existieren immer wieder Fälle, die sich, obwohl sie in familiärer Armut aufwachsen, an der Schwelle von Schule zum Berufsleben aus der Armut befreien können. Da die Lebenslage eines Heranwachsenden im Sinne des mehrdimensionalen Kinderarmutskonzeptes auch maßgeblich von der familiären Lebenssituation und vom privaten Umfeld beeinflusst wird, spielt eine „erfolgreiche“ Sozialisation eine zentrale Rolle bei der Armutsüberwindung (Holz et al. 2000: 31). Ein Theoretiker der erfolgreichen Sozialisation ist Talcott Parsons. Es stellt sich im Folgenden die Frage, welche Sozialisationsprozesse nach Parsons ablaufen müssten, damit trotz relativer Einkommensarmut die Kinderarmut überwunden werden kann. Die neolokale Gattenfamilie wäre dabei das wichtigste Kriterium für eine erfolgreiche Überwindung. Müssen wir, um Kinderarmut zu besiegen, deshalb zurück zur gattenzentrierten Familienform? Die vorliegende Arbeit wird zur Beantwortung dieser Fragen in drei Teile gegliedert. In einem ersten Abschnitt wird auf das mehrdimensionale Kinderarmutskonzept und die Parsons’sche Sozialisationstheorie eingegangen. Danach werden die beiden zuvor genannten Sachverhalte im Hinblick auf die Armutsbewältigung miteinander verknüpft und auf deren Aktualität in der heutigen (deutschen) Gesellschaft hin überprüft. Zum Schluss wird aus den gewonnenen Erkenntnissen ein kurzes Fazit gezogen.

Bedingung für das mehrdimensionale Kinderarmutskonzept bildet die familiäre Armut, die nur dann vorliegt, wenn das jeweilige Haushaltseinkommen die 50%-Grenze des durchschnittlichen gesellschaftlichen Einkommens unterschreitet (Holz et al. 2000: 29). Weiterhin wird die Kinderarmut in vier Lebenslagedimensionen unterteilt: die materielle, kulturelle Versorgung, die Situation im sozialen Bereich und die psychische sowie physische Lage des Kindes (Holz et al. 2000: 28). Zu dem kulturellen und sozialen Bereich zählen u.a. die kognitive Entwicklung, sprachliche und kulturelle Kompetenzen, Bildung, soziale Kontakte und schließlich die sozialen Kompetenzen des Kindes (Holz et al. 2000: 28). Zwar noch nicht hinreichend empirisch überprüft, aber dennoch theoretisch verwendbar, lassen sich folgende Faktoren für eine mögliche Überwindung der Kinderarmut benennen: eine „erfolgreiche“ Sozialisation, die Anerkennung und Bestätigung innerhalb und außerhalb der Familie und eine Einbindung in gesellschaftliche Aktivitäten wie Jugendeinrichtungen, Vereine und Schulen (Holz et al. 2000: 72).

Eine erfolgreiche Sozialisation im Sinne Parsons muss „den Heranwachsenden einer Gesellschaft die Fähigkeit und Bereitschaft zum Handeln in Rollen vermitteln; die Wertorientierungen einer Gesellschaft, die sich (…) in ihren Rollensystemen konkretisieren, müssen von den Individuen im Interesse der Bestandserhaltung des Gesamtsystems und seiner Teilsysteme als »Richtlinien«, Orientierungsmuster des Handelns verinnerlicht werden“ (Baumgart 1997: 83). Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen stellen in diesem Zusammenhang die Familie, Peergroups und die Schule dar (Baumgart 1997: 87). Die Rolle lässt sich als Knotenpunkt, an dem die Gesellschaft und die Persönlichkeit des Individuums zusammentreffen, beschreiben, da die Internalisierung der gesellschaftlichen Werte die Bedingung für ein „reibungsloses Rollenhandeln“ bildet (Baumgart 1997: 86). Speziell die Familie stellt mit ihren vermittelnden partikularistischen Werten die Grundlage für die erfolgreiche Übernahme der universalistischen Werte dar (Tillmann 1989: 96). Partikularistisch steht dabei für persönliche, gefühlsbetonte und universalistisch für unpersönliche, rationale Wertorientierungen (Baumgart 1997: 84). Jene universalistischen Werte sind unerlässlich für das Erlernen der Berufsrolle (Tillmann 1989: 95). Zunächst werden jedoch die Geschlechter- und Generationenrolle erlernt, was wiederum das Vorhandensein einer Mutter und eines Vaters voraussetzt (Baumgart 1997: 86). Mit dem Eintritt in die Schule werden neben universalistischen Werten auch einfache Rollensysteme zu Peergroups aufgebaut (Geißler 1979, zitiert nach Tillmann 1989: 97). Schließlich spielt für eine erfolgreiche Sozialisation auch die Internalisierung kultureller Werte und sozialer Strukturen des jeweiligen gesellschaftlichen Systems eine wichtige Rolle (Tillmann 1989: 97). Parsons Sozialisationsmodell bezieht sich auf die neolokale Gattenfamilie, die entsteht, wenn das Kind ökonomisch unabhängig ist und auszieht, um eine eigene Familie zu gründen (Bertram 2002: 520). Der Vater übernimmt in dieser Familienform die Aufgabe der ökonomischen Versorgung, wohingegen die Frau für „das heimische Wohl“ zuständig ist (Bertram 200: 520).

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  • Selina Thal (Autor)

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Titel: Erfolgreiche Sozialisation als Strategie zur Überwindung von Armut. Zurück zur gattenzentrierten Familienform?