Lade Inhalt...

Sind Studium und Spitzensport vereinbar? Das Sportfördersystem in Deutschland und den USA im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 15 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Inklusionsproblem studierender Spitzensportler in Deutschland

3 Das amerikanische Bildungssport-System
3.1 NCAA
3.2 Stipendium
3.3 Sonderstatus Athleten

4 Kritik am amerikanischen System

5 Anwendbarkeit der amerikanischen Systems in Deutschland

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Spitzensportlern, die in Deutschland ein Studium aufnehmen und erfolgreich einen Abschluss zu absolvieren wollen, stellen sich viele Hürden. Noch immer ist das deutsche Hochschulbildungssystem nicht ausreichend entwickelt, um Leistungssportler zu unterstützen und ihre Doppelbelastung Studium und Sport zu reduzieren. Das gewünschte Ziel ist eine Inklusion von Leistungssportlern in das deutsche Bildungssystem. Bisher wird dies zwar erstrebt, konnte aber nur teilweise in die Realität umgesetzt werden.

Viele Förder- und Partnerprogramme wie beispielsweise das Konzept der Partnerschule des Sports symbolisieren dieses Bestreben, doch leider ist es immer noch nahezu unmöglich, ein Studium in Kombination mit einer sportlichen Karriere in der Regelstudienzeit erfolgreich abzuschließen.

In Amerika existiert ein deutlich weiter fortgeschrittenes System, das Leistungssport mit dem Studium sehr gut zu verbinden scheint. Dies liegt vor allem daran, dass die Athleten direkt in der Universität trainieren und für diese bei Wettkämpfen antreten. Es erleichtert eine Kooperation zwischen Akademischem und Sportlichem extrem.

In seinem Artikel „ Spitzensport versus Studium? Organisationswandel und Netzwerkbildung als strukturelle Lösungen des Inklusionsproblems studierender Spitzensportler “ dokumentieren Riedl, Borggrefe und Cachay (2007) den Missstand der Unvereinbarkeit von Studium und Sportkarriere im deutschen Bildungssystem. Er bezeichnet diesen Zustand gesellschaftstheoretisch als Inklusionsproblem. Auf der Basis dieses Artikels soll im folgenden Text die aktuelle Situation in Deutschland dargestellt werden. Des Weiteren soll herausgearbeitet werden, ob das amerikanische College-Sportsystem einen möglichen Lösungsansatz für das Inklusionsproblem in deutschen Hochschulen liefert. Folgender Fragestellung soll daher in dieser Arbeit nachgegangen werden: Kann das amerikanische System als Lösungskonzept für das Inklusionsproblem in Deutschland studierender Spitzensportler dienen?

2 Das Inklusionsproblem studierender Spitzensportler in Deutschland

Zunächst einmal soll die aktuelle Situation der Leistungssportler im Bildungssystem sowie die damit entstehende Problematik dargestellt werden.

Viele Leistungssportler üben Sportarten aus, in denen eine lebenslange finanzielle Absicherung eher unwahrscheinlich ist. Daher ist das Streben nach einer akademischen Ausbildung neben der sportlichen Karriere ein sehr vernünftiger Gedanke. Jedoch gibt es einige Gründe, weshalb dieses Vorhaben ein Problem darstellt. Der Spitzensport und die Universität gehören gesellschaftlichen Funktionssystemen an, die ähnliche Kapazitäten fordern. Laut Riedl et al. (2007) müssen sich Athleten im Spitzensport auf eine hochgradige Vereinnahmung einlassen. Die Erfüllung der Rollenanforderungen des Funktionssystems Bildung wird maßgeblich eingeschränkt oder sogar ausgeschlossen (Riedl et al. 2007).

Diese Hyperinklusion des Spitzensports (Göbel & Schmidt 1998) hat zur Folge, dass weniger Zeit für andere Inklusionsverhältnisse wie dem Studium bleibt.

Dies hat vor allem damit zu tun, dass Studium und Karriere im Spitzensport einige Gemeinsamkeiten besitzen. Zum einen fallen sowohl das Studium wie auch die Spitzensportkarriere in dieselbe Lebensphase. Das Ausüben von Leistungssport wie auch die Immatrikulation in der Hochschule geschehen freiwillig. Beide Bereiche erfordern eine permanente und langfristige Inklusion mit hohem Ressourceneinsatz. Eine regelmäßige Anwesenheit und Motivation wird von beiden Systemen gleichermaßen gefordert, jedoch existieren sie unabhängig voneinander. Die Unabhängigkeit dieser gesellschaftlichen Subsysteme führt zur Problematik von Kooperation und Inklusion.

Nach Tabor und Schütte (2005) besteht aufgrund einer öffentlichen Erwartungshaltung gegenüber Spitzensportlern, internationale Erfolge für Deutschland zu erringen, die Verpflichtung, die Athleten sozial und finanziell ausreichend abzusichern. Damit soll für die Spitzensportler und Sportlerinnen ein erfülltes (Berufs-)Leben nach dem Ende der Sportkarriere gewährleistet werden. Man muss zudem bedenken, dass studierende Spitzensportler keine Seltenheit sind. Anders (2008) fasst mehrere Studien (vgl. Collins & Buller 2003; Braun 1999; Gebauer, Braun & Faure 1999) zusammen, die belegen, dass eine Mehrheit der aktiven Leistungssportler aus der Mittelschicht und aus wohlhabenden Haushalten stammt und daher die Anzahl der Studierenden in diesem Bereich sehr hoch ist.

Solch eine Leistungssportkarriere fordert viele lange Trainingseinheiten mit hohen Belastungen, während das Studium bei manchen zeitgleich Seminare, Tutorien, Hausarbeiten und Lernphasen beinhaltet, die ohne Rücksicht und Sonderregelungen besucht und eingehalten werden müssen. Praktika und Prüfungen sowie Wettkampftermine und Trainingseinheiten müssen aufeinander abgestimmt werden. Oft führt dies zu einem verlängerten Studium, einer erhöhten finanziellen Belastung und sogar zum Studienabbruch oder Karriereende.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass es bisher keine verbindlichen Regelungen oder institutionellen Arrangements gibt, die Spitzensportler in dieser Doppelbelastung unterstützen und entlasten. Leistungssportler haben keinen Sonderstatus und sind im System als ganz normale Studenten vermerkt (Riedl 2007). Um die Doppelbelastung zu erleichtern, müssen nach Riedl (2007) die Inklusionsverhältnisse an Hochschulen in folgenden Bereichen verbessert werden:

Die Anforderungen für die Zulassung zum Hochschulstudium, eine abgestimmte Studien- und Prüfungsorganisation, mehr Unterstützung im Bereich der Studienfinanzierung, sowie die Bereitstellung von Beratern oder Kooperationspartner für sonstige Belange, die die vorhandenen Lücken zwischen den Systemen verkleinern können. Anders (2008) geht sogar so weit zu sagen, dass eine Art „duale Karriere“ geschaffen werden muss, die Leistungssport und Studium ineinander verzahnen lässt und quasi zweigleisig die Möglichkeit der sportlichen und beruflichen Karriere bietet.

Diese Erkenntnisse werden von Tabor und Schütte (2005) bestätigt. Ihrer Befragung zufolge listen Athleten folgende Anliegen beginnend mit den wichtigsten bis hin zu den weniger wichtigen Unterstützungsanfragen:

Prüfungen, speziell Terminverlegungen (75,7%) gefolgt von Beurlaubungen (59,5%) gehören zu den wichtigsten Anliegen, die studierende Spitzensportler haben. Des Weiteren wünschen sie sich mehr Hilfe hinsichtlich der Immatrikulation (35,1%), den Studiengebühren bzw. Studienzeit (16,2%), in der Studienberatung (13,5%), verbesserte Trainingsmöglichkeiten an der Bildungsstätte (10,8%), sowie Unterstützung in Fragen zu Unterbringungsmöglichkeiten (5,4%).

In Amerika werden diese Anliegen durch das leistungssportlerfreundliche System und der vorbildlichen Kooperation von Hochschule und Sportabteilung berücksichtigt und erfolgreich umgesetzt. Doch auch in Deutschland ist dieses Bestreben in einigen bereits existierenden Programmen sichtbar: Die Bundeswehrsportförderungsgruppe und die Bundespolizei bieten Studien- und Ausbildungsprogramme an, die oben gennannte Veränderungen - zumindest teilweise - umsetzen. Auch Eliteschulen und Partnerschulen des Sports wurden etabliert, um den Spagat zwischen sportlicher und beruflicher Karriere zu verkleinern (Hackford & Birkner 2004).

3 Das amerikanische Bildungssport-System

Der amerikanische College-Sport ist die Weiterführung eines sehr erfolgs- und konkurrenzorientierten High-School-Sport-Systems. Bildung und Sport sind bereits im Schulsystem eng miteinander verknüpft. Im amerikanischen Schulwesen werden Schülern und Schülerinnen eine Vielzahl unterschiedlicher Wettkämpfe in verschiedenen Sportarten und Leistungsstufen angeboten. Der Schulsport ist extrem wettkampforientiert, zieht großes öffentliches Interesse auf sich und wurde daher schnell zu einer lukrativen Unterhaltungsindustrie (Digel & Burk 2004). Der High-School-Sport bietet außerdem eine optimale Plattform für Talentsichtungen. Nach ihrem Abschluss können gesichtete Talente aus High-School-Teams direkt in College-Mannschaften aufgenommen werden und sich sowohl auf ihre Karriere wie auch auf ihr Studium konzentrieren (Digel & Burk 2004).

Das amerikanische Bildungssport-System ist demnach optimal in gesellschaftliche Strukturen und Erwartungen eingebettet. Der Sport genießt einen enorm hohen Stellenwert und ist aus dem Bildungssystem kaum wegzudenken. Dies hat nicht zuletzt den Hintergrund, dass das sportliche Ranking der Hochschule fast genauso wichtig ist wie das akademische. Es herrscht eine hohe Konkurrenz zwischen den Hochschulen, da sich die Bildungsstätte mit dem Erfolg der Mannschaften und Sportprogramme identifiziert.

Da Sportprogramme in jeder Schule und Universitäten ein fester Bestandteil sind, wird der Vereinssport regelrecht im Keim erstickt. Doch der amerikanische Hochschulsport setzt das um, was anhand von Partnerschulen des Sports erreicht werden soll, nämlich die Inklusion von Spitzensportlern in das Bildungssystem. Durch eine gute Kooperation zwischen der Universität und seiner Sportabteilung ist eine gute Abstimmung zwischen beiden Bereichen garantiert und Sportler müssen diese optimalen Bedingungen nur noch nutzen und ihren eigenen Beitrag zum Erfolg leisten.

3.1 NCAA

Die NCAA, National Collegiate Athletic Association, organisiert und strukturiert das Collegesport-System in den USA. Auf ihrer Internetseite fasst die NCAA ihre Aufgaben kurz zusammen:

The National Collegiate Athletic Association is a membership-driven organization dedicated to safeguarding the well-being of student-athletes and equipping them with the skills to succeed on the playing field, in the classroom and throughout life“ [Stand: 05.03.2015]

Die wesentlichen Aktivitäten der Organisation verfolgen das Interesse, studierende Sportler so zu unterstützen, dass sie sowohl im sportlichen Wettkampf wie auch im Studium Erfolg haben können.

Mit Hilfe der Verantwortlichen der verschiedenen conferences [1], wird ein Rahmenkonzept mit einem Spielsystem und Regelwerk geschaffen, das einen fairen Wettkampf ermöglichen soll. Das Regelwerk beinhaltet nicht nur Wettkampfregeln, sondern steuert auch die Richtlinien und Rahmenbedingungen zur Vergabe der Stipendien. Bevor ein Stipendium gewährt werden kann, müssen die Athleten auf der Online-Plattform NCAA Eiligibility Center [2]

[...]


[1] conference ist die Bezeichnung für eine Sport-Wettkampfliga in den USA. Ligen/ conferences sind regional eingeteilt. Die Ligen enden mit conference - Turnieren, deren Sieger sich für die National-Finals qualifizieren.

[2] Zugriff auf das NCAA Eligibility Center unter: http://web3.ncaa.org/ECWR2/NCAA_EMS/NCAA.jsp

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668344334
ISBN (Buch)
9783668344341
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344456
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Spitzensport Sportförderung Universitäten Vereinbarkeit Studium Leistungssport Deutschland USA

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sind Studium und Spitzensport vereinbar? Das Sportfördersystem in Deutschland und den USA im Vergleich