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Therapeutisierung der Sozialen Arbeit. Kritik und Gefahren am Beispiel der Pathologisierung von Erwerbslosigkeit

Bachelorarbeit 2016 35 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen und Grundlagen zur Erwerbslosigkeit
2.1 Definitionen
2.2 Stand der Arbeitslosenforschung
2.3 Bedeutung von Arbeit

3. Klassifikation psychischer Krankheiten
3.1 Entwicklung vom ICD
3.2 Entwicklung vom DSM

4. Ursache- und Wirkungszusammenhänge
4.1 Selektionshypothese
4.2 Kausalitätshypothese
4.3 Dualität von Selektions- und Kausalitätshypothese

5. Erwerbslosigkeit als sozialpädagogisches Problem
5.1 Armut
5.2 Soziale Ausgrenzung
5.3 Identitätskrise
5.4 Schutzfaktoren

6. Stigmatisierung

7. Therapeutisierung der Sozialen Arbeit
7.1 Chancen der Therapeutisierung
7.2 Risiken der Therapeutisierung

8. Konsequenzen für die Soziale Arbeit

9. Fazit

1. Einleitung

Die Lebenssituation von Arbeitslosen ist wiederkehrender Gegenstand politischer und medialer Diskurse. Ein Auslöser für diese Debatten dürfte sein, dass die Zahl derjeniger, die in ihren Lebensläufen auf kontinuierliche Beschäftigung zurückblicken können, immer mehr zurückgeht (vgl. Marquardsen 2012) . In der Forschungsliteratur begegnete mir im Verlauf meiner Recherchen fortlaufend eine vermeintlich hohe Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Krankheit - Phänomene, die in keinem objektiven Zusammenhang stehen. Bereits in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde bei den Arbeitslosen von Marienthal (1933) der Verlust der Erwerbstätigkeit im Hinblick auf dessen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit untersucht. Hierbei lag der Fokus auf den Folgen langandauernder Arbeitslosigkeit, die durch die Weltwirtschaftskrise 1929/1930 vermehrt aufgetreten war. Die zentrale Fragestellung lautete, ob die Reaktionen der betroffenen Menschen eher in revoltierendem Verhalten oder in Apathie münden. In weiteren Unterkategorien wurden die Wirkungen auf den physischen sowie psychischen Zustand untersucht (vgl. Müller 2008).

Die Tatsache, dass psychische Störungen tatsächlich existieren, ist heutzutage weitestgehend anerkannt. Jedoch ist es Fakt, dass früher pathologisierte Verhaltensweisen wie zum Beispiel Homosexualität heute in keinem Klassifikationssystem sowie in weiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr als krankhaft gelten und dies auch für die im ICD-10 noch verankerte Transsexualität zu erwarten ist. Während Wandel und Entgrenzung der Diagnosesysteme in den 1970er Jahren noch als ,,Entpathologisierung psychischer Störungen'' (Lutz 2016, S. 749 nach Hitzler 2011) begrüßt wurden, wird heute mehr und mehr kritisch unter dem Schlagwort der Hyperflation (vgl. Frances 2013) und Individualisierung (vgl. Lutz 2016, Markard 2016, Anhorn & Balzereit 2016) betrachtet. Im Folgenden werden daher die Auswirkungen der Konstruktion von Andersartigkeit sowie deren Dynamik betrachtet.

Diese Arbeit soll einen Beitrag zur Analyse der Gefahren durch die Pathologisierung von konfliktreichen gesellschaftlichen Gegebenheiten und die Therapeutisierung der Sozialen Arbeit leisten. Dazu wird die Frage betrachtet, ob und in wessen Interesse Professionalisierungs- und Spezialisierungsbestrebungen der Mitarbeiter*innen gefordert sind und welche Folgen die Individualisierung gesellschaftlicher Konflikte mit sich bringt. Aufgezeigt wird dies am Beispiel der Erwerbslosigkeit. Der Fokus wird dabei auf dem Arbeitsfeld der Sozialpädagogik sowie auf den betroffenen Personen und den Risiken, denen sie durch ihre Lebenssituation ausgesetzt sind, liegen.

Primär werden individuelle Folgen dieser Krisenerfahrung untersucht. Auch nach dem Studium sind viele Studierende mit einer Umbruchphase konfrontiert, die in vorübergehender Arbeitslosigkeit münden kann, was für mich ausschlaggebend war, meine Arbeit anhand dieses Beispiels aufzubauen.

Zunächst werden relevante Begriffe definiert, um anschließend anhand aktueller Forschungsliteratur den Stand der Arbeitslosenforschung darzulegen und der Frage nachzugehen, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und psychischer Störung besteht. Dazu soll weiterhin erörtert werden, welchen Wert Arbeit für das Individuum im Hinblick auf den Faktor der psychischen Belastung bei Verlust derselbigen hat. Anschließend werden die geltenden Diagnoseklassifikationssysteme vorgestellt, um einen Überblick über Krankheits- und Gesundheitsdefinitionen zu bekommen. Danach werden die Selektions- und Kausalitätshypothese erläutert, um so die Gründe für potenzielle Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Erkrankung zu erörtern. Zudem werden individuelle Risiko- und Schutzfaktoren mit besonderem Fokus auf das Problem der Stigmatisierung durch die Pathologisierung von Arbeitslosigkeit beleuchtet, um erneut den Bezug zum Arbeitsbereich der Sozialen Arbeit herzustellen. Im darauffolgenden Kapitel liegt dann der Fokus auf der Therapeutisierung derselbigen. Dabei sollen sowohl positive als auch negative Effekte betrachtet werden, um den potenziellen Bedarf besonderer Maßnahmen der Prävention und Intervention darzulegen. Zuletzt folgt ein Ausblick auf die Konsequenzen, die die vorher dargestellten Ergebnisse für die Sozialarbeit bedeuten. Es folgt ein abschließendes Fazit über die Gefahr der Therapeutisierung der Sozialen Arbeit am Beispiel der Pathologisierung von Arbeitslosigkeit.

2. Begriffserklärungen und Grundlagen zur Erwerbslosigkeit

In diesem Teil der Arbeit werden die Grundbausteine für den weiteren Verlauf der Untersuchung gelegt. Zunächst erfolgen einige Begriffsdefinitionen sowie eine Darlegung des aktuellen Forschungsstandes in Bezug auf Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit. Im Anschluss folgt der Versuch der Klärung der Bedeutung von Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft, um ein Verständnis für die später zu behandelnde Problematik des Verlusts der Erwerbstätigkeit und den darauf folgenden Konsequenzen zu gewinnen.

2.1 Definitionen

Für die Diskussion um die seelische Gesundheit von Erwerbslosen sind einige grundlegende Aspekte zu berücksichtigen. Die Hauptaufgabe dieser Arbeit soll keineswegs darin liegen, Begriffe und Kernaufgaben der Sozialpolitik auszuarbeiten. Jedoch ist eine gewisse Aufmerksamkeit für die Macht und Wirkung der Sprache notwendig, weshalb in diesem Kapitel zunächst einige grundlegende Begriffe definiert werden.

Für den Begriff der Arbeitslosigkeit existiert keine international einheitliche Definition. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezeichnet all diejenigen Personen als arbeitslos, die zwar nicht erwerbstätig, aber potenziell für den Arbeitsmarkt verfügbar und auf der Suche nach Arbeit sind. Medizinische und motivationale Faktoren werden somit neben dem situativen Fakt der Nichterwerbstätigkeit miteinbezogen (vgl. Statistisches Bundesamt 2005).

Arbeitslose sind keine homogene Gruppe. Als spezifische Untergruppen können beispielsweise Langzeitarbeitslose gelten, Arbeitslose mit Migrationshintergrund oder ungesichertem Aufenthaltsstatus, Arbeitslose ohne festen Wohnsitz oder arbeitslose Männer und Frauen, um nur einige der Zielgruppen Sozialer Arbeit zu nennen. Für die Fragestellung dieser Arbeit ist keine Untergliederung notwendig, weshalb, wenn nicht explizit anders genannt, alle erwerbslosen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland gleichermaßen gemeint sind. Weiterhin erfolgt keine Differenzierung zwischen ,Erwerbslosigkeit' und ,Arbeitslosigkeit'; die Begriffe werden gleichbedeutend verwendet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen ,,Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens'' (WHO 2014). Dieser Begriff erweckt dadurch den Anschein einer Utopie, die niemals erreicht werden kann (vgl. Lütz 2010, S. 39). Vielmehr erscheinen Gesundheit und Krankheit als abstrakte, multidimensionale Begriffe, die unter anderem durch subjektive Einschätzungen beeinflusst werden. Es handelt sich eher um ein Kontinuum, auf dem sich Menschen in dynamischer Weise zwischen zwei Extremen befinden. Die Evaluation des Gesundheitszustandes in der Forschung erweist sich gerade daher als problematisch.

In den beiden Klassifikationssystemen, die im nächsten Kapitel im Detail vorgestellt werden, wird nicht mehr von Krankheit oder Erkrankung gesprochen, sondern von ,,Störung'' beziehungsweise disorder. Dabei soll es ,,sich vornehmlich um eine beschreibende Klassifikation [handeln], die klinisch erkennbare Komplexe von Symptomen oder Verhaltensauffälligkeiten aufzeigen soll'' (Klosinski 2005, S. 1447). Psychische Krankheit ist generell als komplexes Konstrukt zu verstehen, für das keine befriedigende Definition existiert. ,,[S]o wie ,,geisteskrank'' einst ein gebräuchliches Wort war, so wird auch ,,seelisch gestört'' eines Tages wie ein Schimpfwort klingen'' (Blech 2014, S. 259), weshalb in dieser Arbeit keine Differenzierung zwischen den Begriffen Krankheit, Beeinträchtigung, Erkrankung und Störung vorgenommen wird.

Als ,,Soziale Ungleichheit'' werden nach Hradil ,,gesellschaftliche Vor- und Nachteile von Menschen bezeichnet'' (Hradil 2009, S. 36). Weiterhin schreibt der Autor, dass diese Ungleichheiten sowohl auf Ressourcen, ,,das heißt Hilfsmittel autonomen Handelns, wie etwa Bildungsabschlüsse und Einkommen'' (ebd.) bezogen sein können als auch auf Lebensbedingungen wie beispielsweise belastende Arbeitsbedingungen. Im Weiteren spricht Hradil von einer ,,modernen Industriegesellschaft'' (ebd.), in der ,,sich immer mehr der Beruf als zentrale Ungleichheitsdeterminante'' (ebd.) herauskristallisiert hat.

Als ,,Vulnerabilität'' bezeichnet Streich ein ,,hinsichtlich seiner Kausalität weitgehend unaufgeklärtes Missverhältnis von potenziell krankmachenden und krankheitsbegünstigenden Faktoren auf der einen und von Widerstandskräften auf der anderen Seite'' (Streich 2009, S. 303). Im Folgenden projiziert er den Begriff auf den sozialen Kontext und charakterisiert beispielsweise ,,Geringqualifizierte'' als vulnerabel gegenüber Arbeitslosigkeit (vgl. ebd.). Weiterhin arbeitet der Autor heraus, ,,dass in zivilisierten Gesellschaften die Gefahr einer Verwundung weniger durch unmittelbare physische Gewalt (mittels Waffen), als durch (un-)soziale Verhältnisse, Mangelsituationen und hierdurch hervorgerufene, widrige Lebensbedingungen (Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, soziale Diskriminierung etc.) besteht'' (ebd.), was im Verlauf der Arbeit ein wichtiges Thema sein wird.

Therapeutisierung umschreibt allgemein ,,eine systematische (wenn auch in sich widersprüchliche) Politik der Individualisierung und Personalisierung von gesellschaftlichen Konfliktverhältnissen und Interessensgegensätzen betrieben, die auf eine Entpolitisierung von strukturellen (Problem-)Zusammenhängen gerichtet ist und an ihrer Stelle das Individuum (in seinen Selbst verhältnissen, seiner Selbst verantwortung, seiner Selbst wirksamkeit, seinem Selbst management) zum bevorzugten Politikum macht'' (Anhorn & Balzereit 2016, S. XVIIII). Morus Markard stellt zudem die These auf, ,,dass Psychologisierung der allgemeinere Begriff ist, vor dessen Hintergrund Therapeutisierung wie Pädagogisierung des Sozialen zu fassen sind'' (Markard 2016, S. 227). Auf die Problematik der Therapeutisierung werde ich im Verlauf der Arbeit ausführlich eingehen.

Bezüglich der Konstruktion von Andersartigkeit setzt Franz Bettmer die Begriffe ,,Abweichung'' und ,,Normalität'' zueinander in Beziehung und schreibt, dass durch sie Verhaltensweisen mit dem Kriterium der Einhaltung beziehungsweise Überschreitung sozialer Normen klassifiziert werden. Weiterhin arbeitet er die Problematik der Möglichkeit einer objektiven Bestimmung heraus und stellt die These auf, dass der ,,Bezugspunkt für die Unterscheidung […] nur in der Reproduktion gesellschaftlicher Ordnung liegen'' (Bettmer 2005, S. 1) kann. Auch Allen Frances thematisiert die Schwierigkeit, dass es keine klare Definitionsgrenze gibt, sondern ,normal' und ,unnormal' im Lexikon ,,ausschließlich als das Negativ des jeweils anderen definiert'' (2013, S. 26) werden. Was in einer Gesellschaft als normal gilt, kann unter anderen Rahmenbedingungen als abweichend oder krankhaft gelten. Schön fordert daher, Normen und Werte in ihrer Relativität zu sehen und ,,herauszufinden, was sie für die Betroffenen in einer konkreten Lebenswelt bedeuten'' (Schön 2005, S. 64). Geltungsansprüche von Werten und Normen bringen immer auch Exklusionsrisiken mit sich und können Betroffene in ihren Handlungsmöglichkeiten einschränken. Eine Integration der Adressat*innen Sozialer Arbeit kann ,,nur über den Weg einer Inklusion in die funktional differenzierten gesellschaftlichen Teilsysteme'' (Bettmer 2005, S. 6) erreicht werden. Die Frage nach einer absoluten ,,Metanormalität'' (Rohrmann 2011, S. 188) bleibt.

2.2 Stand der Arbeitslosenforschung

Diese Analyse der Arbeitsmarktsituation in Deutschland erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen Überblick über die für diese Arbeit relevanten Bereiche liefern. Metaanalysen und Längsschnittstudien lassen mittlerweile reliable Aussagen über die psychischen Begleiterscheinungen von Arbeitslosigkeit zu, die in Querschnittstudien häufig nicht reliabel herausgearbeitet werden konnten. Es liegt eine große Fülle empirischer Daten zu schichtspezifischer Morbidität und Mortalität vor. Die Schichtzugehörigkeit in einer modernen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland hat allerdings nur selten und in sehr extremen Fällen direkte Auswirkungen auf die Gesundheit. Jedoch zieht sie häufig ungleiche Lebensbedingungen und -chancen nach sich, wie im Verlauf der Arbeit deutlich wird (vgl. Hradil 2009).

In den Medien sowie in der Literatur ist häufig die Rede von einer ,,Arbeitsmarktkrise'', was eine Unterbeschäftigung meint, von der etwa sieben Millionen Menschen in der Bundesrepublik betroffen sein sollen (vgl. Ludwig-Mayerhofer 2008, S. 219). Der Arbeitsmarkt ist durch prekäre, befristete und geringfügige Beschäftigungen sowie die Ausweitung sogenannter Mini- und Midi-Jobs flexibler geworden. Viele Arbeitnehmer*innen sind somit immer einer gewissen Unsicherheit ausgesetzt, sie verbleiben ,,dauerhaft an der Grenze zwischen Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit'' (Marquardsen 2012, S. 23) und sehen sich aufgrund dessen mit dem Druck eines deutlich erhöhten Risikos des Arbeitsplatzverlustes konfrontiert.

Die Arbeitsmarktforschung ist quantitativ geprägt. Betroffene erscheinen als anonyme Zahlen, über Heterogenität, individuelle Bedingungen und Verarbeitungsstrategien wird meist nichts bekannt. Die Zahl der Menschen, die im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal arbeitslos werden, ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert bis heute kontinuierlich gestiegen (vgl. Rogge 2015 nach Müller 2008).

Im Bereich der psychischen Beeinträchtigungen zeigen sich extreme Unterschiede zwischen Erwerbstätigen und Arbeitssuchenden. Rogge bezieht sich unter anderem auf internationale Metaanalysen von McKee-Ryan (2005), in denen 105 psychologische Studien, die seit dem Jahr 1897 veröffentlicht wurden, untersucht wurden, sowie auf Primärstudien von Paul und Moser (2009), nach denen Arbeitslose im Vergleich zu Erwerbstätigen mehr psychosoziale Symptome sowie stärkere Angstsymptome aufweisen und über ein signifikant geringeres Selbstwertgefühl verfügen. Weiterhin konstatiert er, dass soziologische Studien sowie Haushaltspanelstudien ähnliche Effekte, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, nachweisen (vgl. Rogge 2015).

Das Forscherteam um Marie Jahoda arbeitete in ihrer Studie um die Arbeitslosen in Marienthal (1933) ,Die Ungebrochenen' heraus. Diese bildeten neben Resignation, Apathie und Verzweiflung eine der vier Unterkategorien, in die die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen eingeteilt wurden. Charakteristisch für eine ungebrochene Haltung waren demnach unter anderem subjektives Wohlbefinden und aufrechterhaltene Lebenslust (vgl. Müller 2008).

Paul, Hassel und Moser arbeiten in ihrer Zusammenfassung zum Thema psychischer Gesundheitseffekte von Arbeitslosigkeit (2010) aus 237 Querschnitt- und 87 Längsschnittstudien heraus, dass sich die Beeinträchtigung der Gesundheit für mehrere Indikatoren nachweisen lässt. So gehe Erwerbslosigkeit beispielsweise mit Depressionssymptomen, psychosomatischen Beschwerden, einer Einschränkung des Selbstwertgefühls und weiteren Belastungssymptomen, die nicht näher ausgeführt werden, einher. Deshalb kommen die Autor*innen zu dem Schluss, dass psychische Belastungssymptome mit Arbeitslosigkeit insofern korrelieren, dass ,,[a]rbeitslose Personen […] signifikant mehr Symptome psychischer Beeinträchtigung und geschmälerten Wohlbefindens [zeigen] als Erwerbstätige'' (Paul, Hassel & Moser 2010, S. 41). Zusammenfassend liegt also der Schluss nahe, dass Arbeitslose im Vergleich zu Beschäftigten einen nachweisbar schlechteren Gesundheitszustand haben und unter einem signifikant höheren Risiko der psychischen Erkrankung leiden.

2.3 Bedeutung von Arbeit

Karin Böllert definiert in ihrem Beitrag den Terminus der Arbeitsgesellschaft und arbeitet heraus, dass ,,die Lebensperspektiven eines jeden Einzelnen mehr oder weniger ausschließlich an die Erwerbsarbeit gebunden sind'' (Böllert 2005, S. 1286) und ,,[s]ozialer Status, soziale Absicherung, Konsum- und Qualifizierungsmöglichkeiten […] mehr oder weniger ausschließlich mit Erwerbsarbeit verknüpft'' (ebd.) sind. Auch Marquardsen folgert, dass wir in einer ,,Gesellschaft [leben], in der sich soziale Zugehörigkeit und Teilhabe maßgeblich über Erwerbsarbeit'' (2012, S. 24) definieren. Arbeitsgesellschaft, Leistungsgesellschaft und Konsumgesellschaft sind in diesem Zusammenhang keine seltenen Begriffe.

Marie Jahoda zur Folge erfüllt Erwerbsarbeit neben dem Gelderwerb weitere latente Funktionen. Darunter versteht sie unter anderem die Beteiligung an gemeinsamen Zielen, eine regelmäßige Tätigkeit, Aufbau und Erhalt sozialer Kontakte, Erfolgserlebnisse sowie Anerkennung (vgl. Jahoda 1983, S.70).

Wolfgang Ludwig-Mayerhofen betont in Bezug auf sozialen Ausschluss, dass in unserer Gesellschaft ,,im Prinzip alle wichtigen Güter auf Märkten gegen Geld eingetauscht werden können und das Mithalten mit gesellschaftlichen Konsumstandards ein wesentlicher Faktor sozialer Anerkennung ist'' (2008, S. 220).

Die durch den Statuswechsel folgenden Konsequenzen bei Verlust jener Erwerbsarbeit werden in einem späteren Kapitel detailliert ausgearbeitet. Jedoch wird an dieser Stelle schon deutlich, dass neben der materiellen Schwierigkeiten auch Identitätsprozesse, Selbstbild und soziale Zugehörigkeit durch verschiedenste Faktoren beeinflusst werden.

3. Klassifikation psychischer Krankheiten

Zur Klassifikation psychiatrischer Erkrankungen gibt es zwei international anerkannte Diagnosesysteme, die in diesem Kapitel vorgestellt werden. Sie sollen der internationalen Angleichung von Diagnostik und Therapie dienen und befinden sich in stetiger Revision. Bei den Diagnosen handelt es sich um eine ,,zweckgerichtete Erkenntnis'' (Lütz 2010, S. 29) mit dem Ziel der Behandlung und Therapie leidender Menschen.

3.1 Entwicklung vom ICD

Die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, kurz ICD, wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben und ist seit 1991 in zehnter Auflage in Gebrauch, daher ICD-10. Mittlerweile wird es in über vierzig Sprachen übersetzt. Eine elfte Version befindet sich in der Erprobung. Das fünfte Kapitel (V) klassifiziert unter ,,F'' psychische Störungen. Im Vergleich zu dem vorangegangenen ICD-9 wird dabei überwiegend auf eine Einteilung der Krankheitsbilder nach ihrer Ursache verzichtet. Stattdessen werden verschiedene Symptome beschrieben, die wenn sie über einen bestimmten Zeitraum auftreten für ein bestimmtes Krankheitsbild sprechen (vgl. Dilling 2011).

Der Punkt F 43 beschreibt Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen. F 43.0 ist eine akute Belastungsreaktion, die beispielsweise auf Arbeitslosigkeit und finanzielle Problemen folgen kann. Dabei handelt es sich um ,, [e]ine vorübergehende Störung, die sich bei einem psychisch nicht manifest gestörten Menschen als Reaktion auf eine außergewöhnliche physische oder psychische Belastung entwickelt […]. Die individuelle Vulnerabilität und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmechanismen (Coping-Strategien) spielen bei Auftreten und Schweregrad […] eine Rolle'' (Trost 2013).

F 43.2 beschreibt Anpassungsstörungen, bei denen es sich ,,um Zustände von subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung'' (ebd.) handelt. Diese können aus einer Krise wie dem Nicht-Erreichen eines Zieles resultieren, auch hier spielt die ,,individuelle Prädisposition oder Vulnerabilität'' (ebd.) eine Rolle für die Anzeichen der Störung. Es ist davon auszugehen, dass das Krankheitsbild ohne die akute Belastung nicht entstanden wäre.

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Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668353961
ISBN (Buch)
9783668353978
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345365
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Arbeitslosigkeit Pathologisierung psychische Krankheit Soziale Arbeit Erwerbslosigkeit Biographie Erwerbsleben Therapeutisierung

Autor

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