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Negative Faktoren der sozialen Integration Lernbehinderter in Sonderschulen. Ist eine Abschaffung von Sonderschulen gerechtfertigt?

Seminararbeit 2013 9 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Faktoren mit einer negativen Auswirkung auf die soziale Integration in Sonderschulen
2.1 Einfluss der Peergroups und delinquente Gruppen
2.2 Aggressivität und physische Gewalt in Sonderschulen
2.3 Psychische Entwicklung

3. Resümee

4. Verwendete Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Physische Gewalt nach Schulformen

1. Einleitung

Mit dieser Seminararbeit soll aufgezeigt werden, welche Faktoren sich negativ auf die soziale Integration in Sonderschulen auswirken und durch welche Befunde die Abschaffung von Sonderschulen gerechtfertigt ist.

Zur Wahl dieses Themas führte der aktuelle Diskurs über die Abschaffung von Sonderschulen. Artikel 24 (2) der UN-Behindertenrechtskonvention sagt aus, dass „Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben“ (Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2008, S. 24). Die Forschungsfrage lautet daher wie folgend:

„Welche Faktoren wirken sich negativ auf eine soziale Integration Lernbehinderter in Sonderschulen aus und rechtfertigen eine Abschaffung von Sonderschulen?“

In dieser Seminararbeit werden Faktoren wie der Einfluss der Peergroups, Schulschwänzen, Aggressivität und physische Gewalt sowie die psychische Entwicklung der SchülerInnen eine zentrale Rolle spielen und einen wesentlichen Beitrag zur Beantwortung der Forschungsfrage leisten. Um die Auswirkungen der negativen Faktoren in Bezug auf die soziale Integration in Sonderschulen belegen zu können, werden in dieser Arbeit zusätzlich wissenschaftliche Studien herangezogen.

Als Ergebnis ist zu erwarten, dass die Integration in Sonderschulen zu einer erhöhten Aggressivität sowie zu einer schlechteren psychischen Entwicklung der SonderschülerInnen führt. Ebenso wird in dieser Arbeit die negative Auswirkung der Peergroups wesentlich sein, um eine Abschaffung von Sonderschulen sowie die Beschulung in Integrationsklassen zu befürworten.

2. Faktoren mit einer negativen Auswirkung auf die soziale Integration in Sonderschulen

2.1 Einfluss der Peergroups

Die Gleichaltrigengruppen, auch Peergroups genannt, spielen eine zentrale Rolle in Bezug auf das Sozialverhalten. SonderschülerInnen haben oft einen längeren Schulweg zurückzulegen und weniger Freizeitkontakte mit MitschülerInnen der eigenen Klasse oder Schule. Die Sonderschulzugehörigkeit führt zu einer Verringerung der sozialen Integration unter Gleichaltrigen (vgl. Hildeschmidt/Sander 1996, S. 67).

Die in Darmstadt und Kassel durchgeführte Untersuchung von Tent [Anm.d.Verf: Vorname unbekannt] im Jahr 1991 führte zu dem Ergebnis, dass SonderschülerInnen ihre Kontaktbereitschaft und ihr Betragen gegenüber ihren MitschülerInnen negativer einschätzen als RegelschülerInnen. In Bezug auf das Sozialverhalten wurde festgestellt, dass das kooperative Verhalten und Konfliktlösungsverhalten der RegelschülerInnen von deren Lehrpersonen besser beurteilt wurde als in der Sonderschule (vgl. Hildeschmidt/Sander 1996, S. 67).

Der Autor Dietrich Oberwittler (2001) argumentiert in einem Bericht über delinquentes Jugendverhalten, dass der Anteil der Cliquen mit delinquenten Normen in Sonderschulen am größten und in Gymnasien am geringsten ist. Die Mitglieder einer delinquenten Gruppe verbringen mehr Zeit mit ihren Freunden und kommen abends erst später nach Hause als Jugendliche mit nicht-delinquentem Verhalten und Jugendliche ohne Cliquenzugehörigkeit. Eltern von Jugendlichen mit einer Zugehörigkeit zu delinquenten Gruppen wissen oft nicht wo sich ihre Kinder aufhalten und mit wem sie unterwegs sind (vgl. Oberwittler/Blank/Kö-llisch/Naplava 2001, S. 58). Anschließend kann gesagt werden, dass es einen Zusammenhang zwischen delinquentem Verhalten und der Schulzugehörigkeit gibt. Gründe dafür können sehr vielfältig sein. Es kann als eine Reaktion gesehen werden, welche sich durch den psychischen Druck entwickelt, den die SchülerInnen durch eine „Abschiebung“ in die Sonderschule erleben. Die Studie von Frau Schumann bestätigt das Vorhandensein eines Gefühls der Abschiebung ebenso (vgl. Schumann 2008, S. 88).

Ein weiteres Signal für delinquente Neigungen ist das Schulschwänzen. Die Häufigkeit der schulschwänzenden SonderschülerInnen ist im Vergleich zu GymnasiastInnen sowie RealschülerInnen erschreckend hoch. Die Rate des Schulschwänzens beträgt in Sonderschulen etwa 20%, in Hauptschulen etwa 15% und in Realschulen zwischen 5% und 7%. Es zeigt sich also eine deutlich niedrigere Rate von SchulschwänzerInnen in Realschulen (vgl. Oberwittler/Blank/Köllisch/Naplava 2001, S. 73f).

2.2 Aggressivität und physische Gewalt in Sonderschulen

„Bei allen Formen körperlicher Aggressivität steht die Sonderschule für Lernbehinderte an der Spitze, in der Regel gefolgt von der Hauptschule (...)“ (Tillmann 2007, S. 17).

Durch dieses Zitat wird deutlich, dass in Sonderschulen am häufigsten körperliche Aggressivität wahrgenommen wird. Als Grund dafür kann der niedrige sozioökonomische Status der Familie angeführt werden, aus der die lernbehinderten SonderschülerInnen stammen (vgl. Schumann 2008, S. 85). Kinder, die Gewalt in ihrer Kindheit oder in der Erziehung erfahren haben speichern Aggressionen als Lösungsstrategie und neigen somit zu einer erhöhten Aggressivität (vgl. Osman 2011).

Eine Studie zur Gewalt in Schulen zeigt auf, dass 42% der Lehrkörper in Sonderschulen mehrmals wöchentlich, manchmal sogar fast täglich, ernsthafte Schlägereien wahrnehmen. Ebenso wird angegeben, dass die Wahrnehmung physischer Auseinandersetzungen in Sonderschulen viel höher als in anderen Schulformen ist. In Realschulen wird deutlich seltener von physischen Gewalthandlungen berichtet (vgl. Tillmann 2007, S. 85f).

„Verbale Attacken, Beleidigungen und Beschimpfungen scheinen insbesondere Lehrer(innen) an Sonderschulen permanent zu hören, es handelt sich wohl um den ‘normalen Umgangston‘ an ihrer Schule“ (Tillmann 2007, S. 86).

Das häufige Auftreten von Aggressivität in der Sonderschule kann dadurch hergeleitet werden, dass SonderschülerInnen die Sonderschule mit schlechten Startbedingungen und ungewissen Zukunftsperspektiven besuchen. Sie fühlen sich sozial isoliert und unbeliebt. Zu dieser Erkenntnis kommen ebenso die AutorInnen Hildeschmidt und Sander, indem sie die oben genannten Argumente bestätigen (vgl. Hildeschmidt/Sander 1996, S. 65). Der Autor Klaus-Jürgen Tillmann belegt, dass das Vorkommen physischer Gewalt in Sonderschulen für Lernbehinderte besonders hoch ist (vgl. Tillmann 2007, S. 102).

Psychische Gewalt hingegen ist in allen Schulformen in etwa gleich verteilt (vgl. Tillmann 2007, S. 106). Es bedarf deshalb in diese Richtung keine weitere Analyse, da sich diese Arbeit ausschließlich auf die negativen Faktoren bezogen auf die Sonderschule beschränkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Physische Gewalt nach Schulform (Quelle: Tillmann 2007, S. 102)

Diese Abbildung zeigt deutlich die im Vergleich zu anderen Schulformen höhere Gewaltbereitschaft von SonderschülerInnen. SonderschülerInnen weisen in folgenden Bereichen einen deutlich höheren Anteil von physischen Gewalthandlungen innerhalb der letzten 12 Monate auf: 57,9 Prozent der SonderschülerInnen geben an, sich mit einem anderen Schüler/einer anderen Schülerin geprügelt zu haben. Weiters wurde angegeben: anderen gewaltsam etwas weggenommen (36,1%), im Schulgebäude etwas absichtlich beschädigt (31,0%), Schulsachen absichtlich zerstört (23,3%), mit anderen einen Jungen/ein Mädchen verprügelt (37,3%), Sachen von anderem absichtlich kaputtgemacht (23,4%), anderen aufgelauert und sie bedroht (31,3%). Etwa doppelt so hoch als in Haupt-und Realschulen (HR) ist der Anteil der SonderschülerInnen, welche schon eine Waffe in die Schule mitgebracht haben (vgl. Tillmann 2007, S. 102).

Diese deutlich erhöhte Gewaltbereitschaft von SonderschülerInnen ist unter anderem auf deren Unzufriedenheit in den Sonderschulen zurückzuführen. Das Gefühl der Abschiebung in die Sonderschule und die Angst vor einer negativen Etikettierung führt zu einem negativen Selbstkonzept der SonderschülerInnen (vgl. Schumann 2008, S.88). Die Neigung zu aggressivem Verhalten ist ein wesentlicher Faktor, welcher zu Gewalthandlungen führt (vgl. Tillmann 2007, S. 12).

Zur Sicherstellung der Verlässlichkeit der oben genannten Aussagen wird eine weitere Studie herangezogen.

Die Studie „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“, durchgeführt durch das Max-Planck-Institut, bestätigt ebenso, dass in Sonderschulen mehr Gewalt gegen Personen wahrgenommen wird als in der Realschule und im Gymnasium. Für diese Untersuchung wurde im Jahr 1999 eine Befragung von rund 5300 SchülerInnnen an 65 Schulen in Freiburg und Köln durchgeführt (vgl. Oberwittler/Blank/Köllisch/Naplava 2001, S. V; Oberwittler/Blank/Köllisch/Naplava 2001, S. 76).

2.3 Psychische Entwicklung

Negative Schulleistungen verbunden mit einer folgenden Sonderschulzuweisung wirken sich negativ auf die psychische Entwicklung der jeweiligen SchülerInnen aus. Die Folgen können sowohl kurz- als auch längerfristig sein.

Im Zuge einer Elternbefragung wurde festgestellt, dass das Verhalten der Kinder zum Zeitpunkt der diagnostischen Überprüfung von Nervosität, Schulangst, Schlafstörungen, seelischen Tiefpunkten und Angst vor der Prüfung geprägt ist. Viele Kinder waren kurz nach der Umschulung in die Sonderschule von Selbstmordgedanken und sogar Selbstmordversuchen aufgrund der seelischen Belastung beeinflusst, da sie diese Veränderung nicht verkrafteten. Ebenso wirkten sie niedergeschlagen, hatten keinen Appetit und kein Interesse mehr in die Schule zu gehen und es kam öfter zu Streitigkeiten mit Geschwistern und Freunden (vgl. Hildeschmidt/Sander 1996, S. 69ff).

SonderschülerInnen fühlen sich oft dazu gezwungen, ihre Schulzugehörigkeit zu verschweigen. Damit versuchen sie Verluste von Freunden sowie Beschämungen zu vermeiden. Dies führt zu einem negativen Selbstkonzept (vgl. Schumann 2008, S. 85).

Hingegen zeigt sich, dass sich der gemeinsame Unterricht in Integrationsklassen vorteilhaft auf die sozial-emotionalen Beziehungen zwischen den SchülerInnen auswirkt und dadurch ein positives Selbstkonzept angestrebt werden kann. Behinderte und nicht-behinderte SchülerInnen profitieren davon, indem sie lernen sich gegenseitig zu respektieren und zu helfen. Dies wird durch den Autor Dieter Dumke bestätigt (vgl. Dumke 1998, S. 91).

Das nahende Ende der Sonderschulzeit beschäftigt einen Großteil der SonderschülerInnen psychisch sehr stark, da sich die Frage nach der Berufswahl stellt und die Sorge besteht, auf Grund der Behinderung und der Sonderschulzuschreibung in der Arbeitswelt abgewiesen zu werden. Hier gilt es auch wieder die Entscheidung für die Sonderschule in Hinblick auf die Zukunftsaussichten zu hinterfragen. Diese Aussage wird ebenfalls von den AutorInnen Hildeschmidt und Sander bestätigt (vgl. Hildeschmidt/Sander 1996, S. 74).

AbgängerInnen aus Integrationsklassen haben deutlich bessere Jobaussichten. Der Autor Adrian Kniel bestätigt in einer Studie, dass die Anzahl der SonderschülerInnen unter den arbeitslosen Personen überproportional hoch ist. Aufgrund der ungünstigen Jobaussichten bewerben sich SonderschülerInnen seltener, ihre Bewerbungen werden auch häufiger abgewiesen (vgl. Kniel 1981, S. 147).

Mit einer Studie von Willand aus dem Jahr 1999 wird belegt, dass das emotionale Wohlbefinden in Integrationsklassen besser als in Sonderschulen ist. Dabei wurden mit Hilfe eines Fragebogens die Einstellungen und Einschätzungen der Beziehung der SchülerInnen zu den MitschülerInnen, zu den TutorInnen, zum Unterricht sowie zum allgemeinen Wohlbefinden in der Schule untersucht (vgl. Federolf 2011, S. 278).

Ein möglicher Grund dafür ist, dass sich die SonderschülerInnen in der Sonderschule nicht wohl fühlen und so zu vermehrtem Rückzug neigen. Sie fühlen sich abgeschoben und sind mit der Situation, als SonderschülerInnen zu gelten, unzufrieden. Diese Aussage wird durch die Studie von Frau Schumann (2008) bestätigt, welche besagt, dass durch das Verschweigen der für die SonderschülerInnen oft peinlichen bzw. unangenehmen Sonderschulzugehörigkeit ein Gefühl der Wertlosigkeit, Unterlegenheit und Ohnmacht erzeugt wird und dieses sie daran hindert ein positives Selbstkonzept aufzubauen (vgl. Federolf 2011, S. 282).

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Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668355811
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345564
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,0
Schlagworte
negative faktoren integration lernbehinderter sonderschulen abschaffung

Autor

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