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Die Legitimität der Abtreibung. Kritische Analyse und Auseinandersetzung mit Peter Singers Werk „Praktische Ethik“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 20 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.Hinführung

2.Grundzüge der Ethik Singers
2.1.Prinzip der gleichen Interessensäbwagung
2.2.Differenzierung der Begriffe Person und Mensch

3.Schwangerschaftsabbruch
3.1. Peter Singers Position und ihre Konsequenzen
3.1.1.Die Qualität des Lebens von Föten
3.1.2.Potenzialität

4.Kritische Analyse

5.Schlussbetrachtung

6.Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. HINFÜHRUNG

„Die Vorstellung, manches Leben sei ‚unwert’ und nicht würdig, gelebt zu werden, ist mit dem Nationalsozialismus konkret geworden. Sie führte zur Tötung mehrerer hunderttausend Menschen [...], deren Leben als ‚lebensunwert’ definiert wurde.“ (Ahmann Was bleibt vom menschlichen Leben unantastbar? 2001, S. 1). Doch nicht nur zur damaligen Zeit, sondern auch heute - was nicht zuletzt auch der Forschung und den neusten Entwicklungen in Medizin und Biologie geschuldet ist - ist der zu klärende Sachverhalt, wann ein Leben lebenswert und wann es unwert ist, gelebt zu werden, äußerst aktuell - auch wenn Fragen dieser Art historisch bedingt lange Zeit tabuisiert wurden.

Mit der Veröffentlichung seines Werkes „Practical ethics“ im Jahre 1979 und 1984 auch in Deutschland unter dem Namen „Praktische Ethik“ (Singer Praktische Ethik 2013), widmet sich der australische Moralphilosoph Peter Singer unter anderem dieser Frage und setzte zahlreiche Proteste frei. Durch das Thematisieren des Tabuisierten durchbricht Sin- ger eine Scharmgrenze, die insbesondere in Deutschland recht hoch zu sein scheint. Er wendet sich in erster Linie gegen das dogmatisch verwendete Prinzip von der Heiligkeit des menschlichen Lebens und zeigt auf, wie sich eine Verneinung dieses Prinzips aus prä- ferenzutilitaristischer Sichtweise1 auf diverse Handlungsentscheidungen auswirkt. Am kontroversesten diskutiert wurden vor allem seine Theorien über die Abtreibung und Eu- thanasie und „[stießen] […] am meisten auf Widerstand […].“ (Ebd., S. 13).

Die folgende wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf Singers Legitimationsver- such der pränatalen Tötung. Wann ist es rechtens ein Leben zu nehmen? Welchen Wert haben fötale Homo sapiens im Rahmen Singers Ethikkonzeption? Hat seine „Praktische Ethik“ das Potenzial die Abtreibungsdebatte zu beenden? Diese Fragen stehen im Zentrum der Arbeit. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu überschreiten, beschränkt sich die Be- trachtung allgemein auf Föten und Embryonen, wobei Föten mit Beeinträchtigung und postnatale Tötungen nicht gesondert beleuchtet werden. Da „im Zusammenhang mit derar- tigen Fragen [...] die Art des Denkens und Analysierens, die die Philosophen praktizieren, tatsächlich einen Unterschied ausmachen [kann]“ (ebd., S. 10), soll zuvorderst der Präfe- renzutilitarismus behandelt werden. Daran anschließend - um im Weiteren Singers Argu- mentationsstruktur nachvollziehen zu können - folgen grundlegende Aspekte in Peter Sin- gers „Praktische[r] Ethik“, darunter das Prinzip der gleichen Interessensabwägung und seine Differenzierung zwischen den Begriffen Person und Mensch. Daran anknüpfend soll konkret die Thematik Abtreibung behandelt werden: Zuvorderst wird detailliert Peter Singers Position und ihre Konsequenzen dargestellt, wobei vor allem Singers Bewertung bezüglich der Qualität fötalen Lebens und die Rolle dessen Potenzialität im Vordergrund stehen soll. In einem nächsten Schritt folgt eine kritische Analyse Singers ethischer Konzeption und der hierfür zugrundeliegenden Argumentation. Die Schlussbetrachtung der Arbeit besteht aus einem kurzen Resümee, vordergründig jedoch aus der Rekapitulation und Rezension der gewonnen Erkenntnisse.

2. GRUNDZÜGE DER ETHIK SINGERS

Ein Überblick über die Grundzüge Singers praktischen Ethikentwurfs ist grundlegend, denn - wie auch Singer postuliert - „[u]m innerhalb der Ethik eine brauchbare Diskussion führen zu können, ist es notwendig, ein wenig ü ber Ethik zu reden, damit wir klar verste- hen, was wir tun, wenn wir ethische Fragen diskutieren.“ (Singer 2013, S. 21, Hervorhe- bung im Original).

Das Fundament von Singers Ethik stellt nicht die Religion dar. Jene erscheint völlig losgelöst von dieser, denn laut ihm ist unser Moralverständnis dem langen Evolutionspro- zess geschuldet und wurde uns nicht, wie des Öfteren behauptet wird, „von einem göttli- chen Schöpfer gegeben.“ (Ebd., S. 25). Des Weiteren verneint er in seinem Kapitel „[ü]ber Ethik“ (ebd., S. 21) die in erster Linie um 1950 entstandene Behauptung, „Ethik oder Mo- ral sei ein System von Verboten, die sich hauptsächlich auf den Sexualbereich beziehen.“ (Ebd., S. 22). Darüber hinaus distanziert sich Singer von deontologischen, theologischen und all den Ethikkonzeptionen, die laut ihm nur in der Theorie ihren Nutzen haben, jedoch nicht in der Praxis. Ein weiterer allgemeiner Punkt, auf welchen der Moralphilosoph ein- geht, ist, dass Ethik weder eine Sache des subjektiven Geschmacks oder der Meinung dar- stellt, noch wird sie durch die Gesellschaft, der man angehört und in der man lebt, bedingt (vgl. ebd., S. 29ff.).2 Stattdessen lässt sie sich viel mehr als eine Auffassung beschreiben (vgl. ebd., S. 33).

Im bisherigen Verlauf konnte festgestellt werden, dass Singer sich weder für eine subjektivistische, relativistische oder für eine theoretische auf einem Regelwerk basierende Auffassung von Ethik ausspricht, noch stützt sich seine Auffassung auf ein religiöses Fundament. Unter Beachtung der zugrundeliegenden Thematik stellt sich nun jedoch die Frage, welche Auffassung von Ethik und welche ethische Theorie Singer vertritt?

Ethik nimmt einen universalen Standpunkt ein. Dies bedeutet nicht, dass ein einzelnes moralisches Urteil universal anwendbar sein muss. Je nach den Umständen ändern sich die Gründe [...]. Es bedeutet vielmehr, dass wir dort, wo wir moralische Urteile fällen, über unsere eigenen Neigungen und Abneigungen hinausgehen. (Singer 2013, S. 37f.).

Die Akzeptanz eines „universalen Standpunkt[es]“ der Ethik liefert - ohne den Anspruch auf die allgemeine Akzeptanz einer ethischen Theorie - die Basis für eine weiter gefasste utilitaristische Position (vgl. ebd., S. 38f.). Eine solche impliziert, dass Handlungsentschei- dungen - über die eigene Disposition hinaus - anhand der Berücksichtigung anderer ge- troffen werden müssen. Postament Singers Ethik sind Präferenzen3 und seine Auffassung ist „unter dem Namen >>Präferenz-Utilitarismus<< bekannt, weil sie behauptet, dass wir das tun sollten, was per saldo die Präferenzen der Betroffenen fördert.“ (Ebd., S. 41.).

Singers Präferenzutilitarismus geht aus dem von Jeremy Bentham und John Stuart Mill begründeten Utilitarismus hervor. Hiernach wird eine Handlung anhand ihrer mut- maßlichen Folgen - unabhängig, ob direkt oder indirekt - evaluiert, wobei Glück und Un- glück bzw. Lust und Unlust als Gütekriterien einer Handlung dienen (vgl. Lohner Recht- fertigung der Abtreibung? 1993, S. 16). Daraus folgt, dass eine Handlung ihre Rechtferti- gung erhält, sofern diese zu einer allgemeinen Maximierung des Glücks bzw. der Lust führt „und Schmerz oder Unglück verringert.“ (Singer 2013, S. 41). Die präferenzutilita- ristische Position Singers geht jedoch darüber hinaus und stellt somit eine Erweiterung dar, denn der klassische Utilitarismus ist lediglich „eine minimale, eine erste Grundlage, zu der wir gelangen, indem wir den vom Eigeninteresse geleiteten Entscheidungsprozess univer- salisieren.“ (Singer 2013, S. 43). Der Schritt, durch den Singer sich „sowohl vom quanti- tativen Hedonismus von Jeremy Bentham [...] als auch von John Stuart Mill [abgrenzt]“ (Ahmann 2001, S. 42, siehe Fußnote), ist, dass bei einer Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Handlungsalternativen die Präferenzen aller, die von der Handlung betroffen sind, berücksichtigt werden müssen.

Doch wie kann man sich die Berücksichtigung der Präferenzen aller Betroffenen konkret vorstellen? Wie stehen die Präferenzen der einzelnen Individuen einander gegen- über und welche Auswirkungen haben sie auf die Handlungsentscheidung? Eine grundle- gende Annahme seines praktisch-ethischen Entwurfs stellt sowohl das Prinzip der gleichen Interessensabwägung als auch seine definitorische Differenzierung zwischen den Begriffen Mensch und Person dar. Diese für seine ethische Theorie und zum Verständnis seines Prä- ferenzutilitarismus entscheidenden Leitgedanken sollen nun in den beiden folgenden Kapi- teln genauer betrachtet werden, bevor es möglich ist, sich exemplarisch den Konsequenzen zu widmen.

2.1. PRINZIP DER GLEICHEN INTERESSENSABWÄGUNG

Wie sich gezeigt hat, geht ethisches Handeln bei Singer immer mit Universalität einher, was bedeutet, dass nicht nur die eigenen Interessen, sondern die Interessen aller von der Handlung betroffenen berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus ist ein essenzieller Pfeiler Singers Ethiktheorie, dass das Eigeninteresse nicht stärker gewichtet werden darf als die Präferenzen anderer, stattdessen muss das eigene Interesse „gegen die konträren Präferenzen anderer abgewogen werden.“ (Singer 2013, S. 42). Die Abwägung der unter- schiedlichen Interessen basiert bei Singer somit auf dem Gleichheitsprinzip:

Das Prinzip der gleichen Interessensabwägung funktioniert wie eine Waagschale: Interessen werden unparteiisch abgewogen. Echte Waagen begünstigen die Seite, auf der das Interesse stärker ist oder verschiedene Interessen sich zu einem Übergewicht über eine kleinere Anzahl ähnlicher Interessen verbinden; aber sie nehmen keine Rücksicht darauf, wessen Interessen sie abwägen. (Ebd., S. 53).

Dies impliziert auch, dass weder die Rasse noch das Geschlecht eine entscheidende Rolle darstellt, ebenso wenig wie sich Gattung oder Spezies nicht als Grenzen bei der Abwägung der Interessen erweisen. Würde man die Rasse oder das Geschlecht herausgreifen und da- mit die Abwägung beeinflussen, so müsste man sich ebenso fragen, warum der Familien- name oder das Geburtsjahr nicht auch Berücksichtigung bei der Handlungsentscheidung finden sollten (vgl. ebd.). Somit spielen sämtliche andere Faktoren - wie Intelligenz oder ethnische Herkunft - bei der Abwägung der Interessen keine Rolle, denn „Interesse ist Interesse, wessen Interesse es auch immer sein mag.“ (Ebd., S. 52). Grundvoraussetzung für eine Handlungsentscheidung ist lediglich, dass ein Individuum Interessen besitzt. Dar- aus folgt, dass nach Singers Prinzip der gleichen Interessensabwägung die Entscheidung von nur einem Merkmal abhängig gemacht werden darf, nämlich dem, dass Interessen vorhanden sind (vgl. ebd., S. 54).

An dieser Stelle stellt sich, wenn wir Singer speziesunabhängige Auffassung von Moral behandeln, die Frage, ob allen Lebewesen ein Recht auf gleiche Interessensabwä- gung zukommt - auch darauf geht der australische Moralphilosoph in seinem praktischen Ethikentwurf ein. Die Empfindungsfähigkeit stellt nach Singer eine notwendige Bedingung für das Vorhandensein von Interessen dar, denn erst, wenn ein Wesen in der Lage ist Leid oder Freude beziehungsweise Glück zu empfinden, kann von Interessen die Rede sein (vgl. Singer 2013, S. 101). Dies bedeutet, dass nicht empfindungsfähige Wesen nicht bei der Interessensabwägung berücksichtigt und somit nur indirekt einkalkuliert werden, nämlich dann, wenn es dem Interesse eines oder mehrerer anderer empfindungsfähiger Wesen wi- dersprechen würde. Aufgrund der Tatsache, dass die Fähigkeit zu leiden und Freude oder Glück zu empfinden Voraussetzung für den Besitz von Interessen darstellt, „ist die Grenze der Empfindungsfähigkeit [...] die einzig vertretbare Grenze für die Rücksichtnahme auf die Interessen anderer.“ (Ebd., S. 101f.). Wie sich diese Rücksichtnahme genauer gestaltet, wird zu einem späteren Zeitpunkt genauer betrachtet. In der nachfolgenden Ausführung soll jedoch zuerst auf Singers Unterscheidung der Begriffe Mensch und Person eingegan- gen werden und darauf, welche Auswirkungen diese besitzt, um im späteren Verlauf um- fassend die Konsequenzen, die sich aus seiner Theorie in Bezug auf Abtreibung ergeben, darlegen und bewerten zu können.

2.2. DIFFERENZIERUNG DER BEGRIFFE PERSON UND MENSCH

Bereits im ersten Drittel seiner Schrift „Praktische Ethik“ prägt Singer den Begriff Spezie- sismus, der einen Vorwurf an diejenigen Personen beinhaltet, die alleinig der Spezies Mensch ein Recht auf Leben zusprechen und deren Leben aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens mehr wertschätzen als das anderer Wesen. Den Glauben an die Heiligkeit des menschlichen Lebens weist Singer klar zurück (vgl. ebd., S. 137f.) und so- mit kann dieser nicht der Beantwortung der Frage, wann es unrecht ist ein Wesen zu töten, dienen. Die Wertung einer Tötung bezüglich ihrer moralischen Richtigkeit zeigt zum ei- nen, dass das im vorherigen Kapitel behandelte Prinzip der gleichen Interessensabwägung in seiner Anwendung nicht immer ganz eindeutig ist (vgl. ebd., S. 137) und zum anderen kohäriert die Frage, ob ein Wesen ein Recht auf Leben besitzt, nach Singer damit, ob jenes eine Person ist.

Im heutigen Sprachgebrauch werden die Begriffe Mensch und Person oftmals syno- nym verwendet, obwohl diese, Singer folgend, nicht gleichbedeutend sind, denn „es könnte eine Person geben, die nicht Mitglied unserer Spezies ist.

[...]


1 Der Präferenzutilitarismus und weitere Grundzüge Singers Ethik werden in Kapitel 2 noch ausreichend thematisiert und erläutert, sodass eine möglichst genaue Vorstellung von einer präferenzutilitaristischen Sichtweise nach Singer ermöglicht wird.

2 Mit dieser These weist Singer zum einen - in Referenz auf Engels und Marx - den Relativismus mit der Mit dieser These weist Singer zum einen - in Referenz auf Engels und Marx - den Relativismus mit der Begründung, dass eine ethische Entscheidung nicht durch die Erwartungen unserer Gesellschaft getroffen wird, sondern dass jedes einzelne Individuum für sich die Entscheidung treffen muss - ungeachtet dessen, dass jedes Individuum stark durch die Gesellschaft, in der es lebt, beeinflusst wird - zurück (vgl. Singer 20133, S. 29f.). Denn „sobald wir über sie [: die Gesellschaft] nachzudenken beginnen, können wir entscheiden, ob wir nach ihnen handeln oder nicht.“ (Ebd., S. 30) Darüber hinaus siehe Singer 20133, S. 27-30. Zum anderen weist er auch den Subjektivismus zurück, denn „[w]as für den Relativisten in Bezug auf die Uneinigkeit zwischen Menschen verschiedener Gesellschaften galt, das gilt für den Subjektivisten in Bezug auf sämtliche Uneinigkeit in ethischen Fragen.“ (Ebd., S. 31).

3 Singer verwendet den Begriff Pr ä ferenz (Sg.) synonym zum Begriff Interesse (vgl. Singer 20133, S. 39). Diese Arbeit schließt sich dem Verwendungsprinzip der Begriffe an und nimmt keine Unterscheidung vor.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668360754
ISBN (Buch)
9783668360761
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346644
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
legitimität abtreibung kritische analyse auseinandersetzung peter singers werk praktische ethik

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Titel: Die Legitimität der Abtreibung. Kritische Analyse und Auseinandersetzung mit Peter Singers Werk „Praktische Ethik“