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Die Tür(en) in Franz Kafkas "Die Verwandlung"

Kultur- und Unterscheidungstechniken

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Franz Kafkas „Die Verwandlung“

3. Kultur- und Unterscheidungstechniken der Tür in „Die Verwandlung“
3.1 Kulturtechniken
3.2 Innen / Außen
3.3 Fores, Grenzüberschreitungen und Machtkonstellationen

4. Fazit

Anhang:

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Türen sind nicht nur feste Bestandteile konstruierter Gebäude, vielmehr gelten sie als Medien der Architektur. Durch sie stellen sich in erster Linie Unterscheidungstechniken her, indem überhaupt erst innen und außen in ein besonderes Verhältnis gelangen. Die Funktion der Tür manifestiert sich im Öffnen und Schließen, in jenen Operatoren, die anfänglich vollständig der aktiven menschlichen Kontrolle zugeordnet waren und inzwischen ebenso durch Mechanismen oder Automatisierungen ausgeführt werden können.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Die Tür(en) in Franz Kafkas „Die Verwandlung“: Kultur- und Unterscheidungstechniken. Dabei bietet neben Kafkas Erzählung, Bernhard Siegerts Türen: Zur Materialität des Symbolischen die Grundlage dieser Verschriftlichung. Zuerst soll kurz auf den Inhalt von Die Verwandlung eingegangen werden, um die literarische Tür- Dimension näher zu bringen. In der folgenden Dreiteilung der Analyse wird diese beginnend unter Siegerts Kulturtechnik-Begriff beleuchtet. Danach rücken die durch eine Tür hergestellten Differenzen in den Fokus. Die Öffnungs- und Schließtechniken führen in Kafkas Erzählung zu einem Isolationsmoment, der über das Innen- und Außenverhältnis erforscht werden soll. Dabei wird Georg Simmels Essay Brücke und Tür hinzugezogen, weil hierbei Begrenzungs- und Freiheitsempfinden anhand architektonischer Bestandteile diskutiert und demnach auf den Untersuchungsgegenstand angewendet werden können. Im letzten Teil sollen kurz die Machtkonstellationen erläutert werden, die durch die Tür überhaupt erst hergestellt worden sind. Während der Ausarbeitung wird die Tür nicht nur als ein einzelner Baustein im Raum betrachtet, sondern vielmehr als ein sich im kulturellen System befindendes Element. Im Fazit werden die Erkenntnisse zusammengetragen.

Ziel der Hausarbeit ist es Gregor Samsas Tür aus Die Verwandlung mit den Begriffen aus Bernhard Siegerts Medientheorie zu untersuchen und damit zu überprüfen, ob die wesentlichen Techniken, die durch die Tür hervorgerufen werden, ebenso im literarischen Werk erfahrbar sind.

2. Franz Kafkas „Die Verwandlung“

Die Verwandlung1 ist eine im Jahr 1912 erschienene Erzählung von Franz Kafka, die von der Hauptfigur Gregor Samsa handelt, dessen äußerst plötzliche Verwandlung in ein Ungeziefer die Familienverhältnisse während der Geschichte vollständig umkehrt. Im ersten Abschnitt erscheint die Metamorphose des Charakters nur vorübergehend, sodass er sich nur langsam den Folgen seiner körperlichen Veränderung stellen muss. Durch die Tür hindurch versucht Gregor mit dem Prokuristen (seinem Arbeitgeber) sowie mit seiner Familie zu kommunizieren. Diese vernehmen jedoch einzig Tierlaute, reagieren nach dem ersten Sichtkontakt entsetzt und scheuchen ihn in sein Zimmer zurück. Im zweiten Teil stellt sich heraus, dass Gregors Familie, deren Haupternährer er vor der Verwandlung war, über geheime beachtliche Ersparnisse verfügt. Die Abhängigkeitsverhältnisse drehen sich dabei um, indem nun für den Käfer gesorgt werden muss. Gregor akzeptiert seine neue Identität, verlässt aber sein Zimmer und wird in Folge dessen durch Gewalteinwirkung seines Vaters verletzt. Im letzten Abschnitt erfolgt eine vollständige Isolierung der Hauptfigur. Gregor ist nicht mehr erwünscht und stirbt völlig vernachlässigt in seinem Zimmer.

Das Tür-Motiv taucht bereits zu Beginn der Erzählung auf, indem jeder Person der Handlung eine Tür zugeordnet wird. Zudem befindet sich Gregors Raum zentral in der Wohnung. Er hat von hier aus Zugang zu drei verschiedenen Zimmern, was seine Versorgerrolle in der Familie weiter verdeutlicht. Die Wohnung der Samsas stellt hierbei eine besondere Ähnlichkeit zu Kafkas Prager Wohnhaus aus seiner Kindheit dar. Die Zimmer- und Türenkonstellationen sollen demnach nahezu identisch sein.2

Die Tür ist je nach Fortlauf der Geschehnisse Grenze, Barriere oder Schutz und hat wesentliche Einflüsse auf die Kommunikation mit den anderen Personen. Mit der Wandlung der Charaktere, verändert sich die Funktionalität der Tür.

3. Kultur- und Unterscheidungstechniken der Tür in „Die Verwandlung“

3.1 Kulturtechniken

Bernhard Siegert nähert sich über Theodor W. Adorno an den Begriff der Kulturtechnik. Demnach wird es verlernt „leise, behutsam und doch fest eine Tür zu schließen“.3 In der Technisierung hören für ihn Türen auf kulturelle Medien zu sein, da sie sich in Maschinen verwandeln. Er begriff demnach das Verschwinden der Türklinke als ein Ereignis von epochalem Ausmaß. Adorno setzt Geste und Mechanismus, menschliche und nichtmenschliche Akteure in ein Verhältnis, wobei in der Vermittlung sogar dem letzteren die Macht zukommt, das Subjekt in seinem Sein zu dezentrieren und depotenzieren.4 Kultur ist für ihn etwas, das allein mit den Dingen anthropomorph umgehenden Menschen zugehört; Kulturtechniken wären demnach Gesten, die die Dinge anthropomorphisieren und diese in die Sphäre des Humanoiden einschließen.5

Siegert hingegen bezieht sich auf den Kulturtechnik-Begriff der neunziger Jahre, wobei Kultur im Gegensatz zu Adorno als ein humanoid-technoider Hybrid gilt. Im komplexen Akteur-Netzwerk sind gleichermaßen Objekte und Handlungsketten inbegriffen, sodass das Menschsein und dessen Machtzuschreibung nicht immer schon gegeben sind, sondern durch Kulturtechniken zuallererst konstituiert werden.6

Die Bezeichnung der Kulturtechnik ist heute deswegen so produktiv, weil sie den problematischen Dualismus von Medien und Kultur unterläuft, indem sie die Begriffe Medien, Kultur und Technik gemeinsam zur Disposition stellt.7 Dabei ist jener Terminus stets älter als die Begriffe, die aus diesem generiert werden.8 In diesem Fokus sind jene kultur- und körpertechnischen Ausführungen vorrangig im Öffnen und Schließen der Tür sowie im Auf- und Zuschließen dieser festzumachen. Siegert klassifizierte die Tür bereits in jeglicher Form als eine Maschine, was zuallererst auf den technischen Charakter verweist.9 Die mediale Eigenschaft findet sich darin wieder, dass etwas durch sie getrennt beziehungsweise verbunden wird, dieser Punkt soll später intensiviert werden. Da es sich bei der Entwicklung von Kulturtechniken nicht um Leistungen von Einzelpersonen handelt, sondern geradewegs um einen soziokulturellen Kontext, wobei soziale Interaktion und gesellschaftliches Teilhabe Voraussetzungen sind, ist die individuelle Geschichte der Tür sowie die andauernde Anwendung dieser als kulturelles Konzept anzurechnen, welches tief in den menschlichen Alltag und in unsere Lebenssituationen gelangt.

Nun geht es weniger um den kulturtechnischen Aspekt der Tür an sich, als um die Verknüpfung vom Mensch sein, jenem Begriff und der Zimmertür. Kafka beschreibt im ersten Teil der Erzählung, als Gregor Samsa sich noch mit seinem tierischen Körper neu koordinieren muss, wie mühsam das Öffnen seiner Zimmertür, die er am vorherigen Abend selbst verschlossen hat, für ihn in seiner tierischen Gestalt ist:

„Dann aber machte er sich daran, mit dem Mund den Schlüssel im Schloss umzudrehen. […] womit sollte er gleich den Schlüssel fassen? […] [er] verbiss sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos in den Schlüssel. […] und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.“10

Jener Ausschnitt beinhaltet die Kulturtechnik des Öffnens der Tür durch das Aufschließen (Schlüssel drehen) und das Aufmachen (Klinke herunterdrücken). Die Tür ist hierbei in ihrer Technisierung als auch ihrer Handhabung ein anthropomorphisiertes Ding. Nicht in dem Sinne, dass diese stark menschliche Züge aufweist, sondern eher vom Menschen auf den Menschen zugeschnitten wurde und die Anpassung über die Fertigkeiten der Hände und Finger stattfindet. So ist der Schlüssel einzig von einem Menschen bedienbar. Samsa hat dabei Glück, dass dieser einerseits noch im Türschloss steckt und andererseits sein menschliches Wissen mit der Verwandlung nicht verloren gegangen ist. Er ist fähig, die Funktionalität des Schlüssels zu verstehen. Dennoch sind die Vorgänge, die zur Öffnung der Tür führen, zu komplex für seinen animalischen Körper.

Handlungsmacht wird nach Siegert durch Kulturtechniken erst konstituiert. Bei Gregor Samsa schwindet diese einerseits, da seine ursprünglich menschliche Form nicht mehr vorhanden ist. Andererseits liegt jene Handlungsmacht zumindest auf seiner Seite, da die Tür von innen verschlossen wurde und einzig über den Schlüssel repräsentiert wird, der sich innerhalb des Zimmers befindet. Kafkas Tür und die aus ihr resultierenden Techniken setzen menschliche und nichtmenschliche Akteure in ein Verhältnis, das sowohl Adorno als auch Siegert unterzeichnen würden. Im Akt des Öffnens erschließen sich menschliche oder tierische Merkmale der Akteure, welche auf die Tür hin (de-)zentriert werden.

Adorno betrachtet Kulturtechniken als Gesten, die Dinge anthropomorphisieren und Dinge in die Sphäre des Humanoiden einschließen.11 Siegert formuliert seine These anders, indem bei ihm das Menschsein nicht immer schon gegeben ist, sondern durch Kulturtechniken erst hergestellt wird.12 Samsas Problematik beim Aufschließen der Tür weist demnach auf seine tierische Gestalt hin. In seinem Versagen verdeutlicht sich die Nichtbedienbarkeit jener Kulturtechnik, während dem Leser gleichermaßen der Verlust seiner Menschlichkeit bewusst wird. Im selben Augenblick eröffnen sich Adornos Worte: Schlüssel und Türknauf sind an die Handform und die Feinfühligkeit menschlicher Finger angepasst und daher nicht vom Käfer bedienbar.

[...]


1 Kafka, Franz: Die Verwandlung. Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee 2006. Im Folgenden: Kafka, Franz: Die Verwandlung.

2 Stach, Reiner: Ist das Kafka? Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2012, S. 118ff.

3 Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989, S. 42.

4 Siegert, Bernhard: Türen. Zur Materialität des Symbolischen. In: Engell, Lorenz und Siegert, Bernhard (Hg.): Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Heft 1, Felix Meiner - Verlag, Hamburg 2010, S. 151. Im Folgenden: Siegert, Bernhard: Türen.

5 Ebd.

6 Ebd. S. 152.

7 Engell, Lorenz und Siegert, Bernhard: Editorial. In: Engell, Lorenz und Siegert, Bernhard (Hg.): Kulturtechnik: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Heft 1, Felix Meiner - Verlag,Hamburg 2010. S. 7.

8 Maye, Harun: Was ist eine Kulturtechnik? In: Engell, Lorenz und Siegert, Bernhard (Hg.): Kulturtechnik: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Heft 1, Felix Meiner - Verlag, Hamburg 2010. S. 122.

9 Siegert, Bernhard: Türen. S. 152.

10 Kafka, Franz: Die Verwandlung. S. 14f.

11 Siegert, Bernhard: Türen. S. 151.

12 Ebd. S. 152.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668360150
ISBN (Buch)
9783668360167
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346746
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Medien
Note
1,0
Schlagworte
Tür Franz Kafka Franz Kafka Kulturtechniken Unterscheidungstechniken Kultur Unterscheidung Die Verwandlung Die Verwandlung Medienwissenschaften Kulturwissenschaften Schwellen Übergänge Grenze Innen Außen Gregor Samsa Käfer Anthropomorphisierung Dehumanisierung

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Titel: Die Tür(en) in Franz Kafkas "Die Verwandlung"