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Alice im Unterbewusstsein Carrolls. Die auf Traumdichtung basierende Gesellschaftskritik in "Alice im Wunderland"

Facharbeit (Schule) 2016 14 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die viktorianische Gesellschaft

3. Die Bedeutung des Kindes für Lewis Carroll

4. Alice als Spiegelbild Carrolls

5. Das Wunderland als kritisches Abbild der Gesellschaft

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das wohl bekannteste Werk Lewis Carrolls ist "Alice im Wunderland". Alice fällt durch ein Kaninchenloch und landet in einer neuen, ihr völlig unbekannten Welt: dem Wunderland. Dort trifft sie auf zahlreiche eigenartige Wesen. Die Dialoge zwischen Alice und den Wunderlandbewohnern sind von Missverständnissen geprägt, die Wesen argumentieren oft vollkommen unschlüssig oder verhalten sich völlig seltsam. Während dieser Unsinn einerseits lustig ist, macht er doch auch Angst und obwohl die Wunderlandbewohner so befremdlich sind, kommen sie einem doch bekannt vor, so als hätten sie gewisse menschliche Züge. Es scheint, als würde Carroll mit dem Wunderland nicht nur Lachen erzeugen wollen, sondern eher auf eine subtile und unbewusste Weise dieses Lachen in der Kehle ersticken lassen, denn irgendetwas stimmt nicht mit Alice' beklemmender Reise in das Wunderland.

Bei genauerer Betrachtung von Carrolls Leben, einem Außenseiter, der sich zwar einerseits in seiner Position als Professor für Mathematik völlig gesellschaftskonform verhielt, sich aber andererseits auch die meiste Zeit in seine Phantasie und Tagträume flüchtete, entsteht die Frage, ob Carroll mit "Alice im Wunderland" möglicherweise aufzeigt, wie wenig er sich in der Gesellschaft akzeptiert fühlte, gleich Alice, der das Wunderland und deren sonderbaren Bewohner so fremd sind.

Meine Motivation für diese Facharbeit basiert auf einer Studienarbeit von Florian Dülks, die die sozialkritische und traumdichterische als zwei potentielle Lesarten von "Alice im Wunderland" erläutert. Dülks kommt bei dieser Arbeit zu dem Schluss, dass die "sozialkritische Betrachtung von AW [Alice im Wunderland] als solche nicht vollführt werden [kann]"[1] und im Gegensatz dazu die "traumdichterische Leseart die aufschlussreichere ist"[2]. Um die Traumdichtung in "Alice im Wunderland" zu beweisen, arbeitet Dülks mit Theorien Freuds, die er auf das Werk bezieht. Ich kann Dülks Ausführungen zur Traumdichtung nachvollziehen, jedoch bedeutet dies für mich nicht, dass dort nicht auch Sozialkritik zu finden ist oder diese unschlüssig ist. Um meinen Standpunkt diesbezüglich zu erläutern, werde ich in dieser Facharbeit zunächst grob die viktorianische Gesellschaft beschreiben und im Anschluss daran die Bedeutung des Kindes für Lewis Carroll aufzeigen und vor allem auch auf das Wesen Carrolls eingehen. Hierbei arbeite ich auch mit Theorien Freuds. Darauffolgend werde ich erläutern, warum Alice als Spiegelbild Carrolls zu verstehen ist, was sich auch aus der Bedeutung des Kindes für ihn erschließt. Dülks erörtert diesen Punkt auch noch knapp, jedoch werde ich nun, als logische Schlussfolgerung darauf, dass Alice Carroll ist und "Alice im Wunderland" durch Traumdichtung entstanden ist, also auf Träumen basiert, darauf eingehen, dass das Wunderland vor allem das Unterbewusstsein Carrolls offenbart und, dass folglich "Alice im Wunderland", neben den offensichtlichen Parodien auf die Gesellschaft, die Dülks als die sozialkritische Lesensart versteht, auch eine tiefgehendere Sozialkritik enthält, die sich eher mit dem menschlichen Wesen und dessen Identität in der Gesellschaft befasst.

So ist die leitende Frage meiner Facharbeit, ob, basierend auf der Traumdichtung und den Theorien Freuds, diesbezüglich eine gesellschaftskritische Deutung von "Alice im Wunderland" möglich ist oder nicht.

2. Die viktorianische Gesellschaft

Das viktorianische Zeitalter beschreibt in der Geschichte Englands den Zeitabschnitt von 1837 bis 1901 unter der Herrschaft der Königin Viktoria. Die Folgen der Industrialisierung bedeuteten ein wirtschaftliches Hoch des Landes und die viktorianische Gesellschaft war eine starre Klassengesellschaft, es gab also nur äußerst geringe Aufstiegschancen für die unteren Klassen. Außerdem galt der Utilitarismus als die allgemeine Philosophie, welche vertrat, dass nur Dinge, die tatsächlich nützlich erschienen, auch sinnvoll waren.

So war es eine Welt, die "die äußeren Normen und Konventionen betont[e] und die Rationalität in den Vordergrund rückt[e]"[3]. Oft wird in Verbindung mit der viktorianischen Gesellschaft von "normativer Enge"[4] und dem "Zwang, sich anzupassen"[5] gesprochen. Es war eine Welt, die die Phantasie unterdrückte und somit die "Aufspaltung [eines jeden Bürgers ] in eine "private" Tätigkeit und eine "öffentlich-politische""[6] verantwortete und "als Ausweg gegenüber [diesen] unlösbaren Konflikten zwischen individuellen Wünschen und gesell­schaft­lichen Erwartungen [blieb] nur eine Trennung zwischen dem realen Leben und den Phantasien"[7].

Dieser Zustand der Gesellschaft spiegelte sich auch in der Erziehung und Bildung der Kinder wieder. "Das Schulsystem, das auf Rationalität, Vernunft und der Vermittlung von kognitivem Wissen aufbaut[e] und sehr strenge moralische Normen zu vermitteln sucht[e]"[8] hatte lediglich zum Zweck, die Kinder möglichst schnell zu kleinen Erwachsenen zu machen und somit auch, sie der zu dieser Zeit alles beherrschenden Macht der gesellschaftlichen Zwänge zu unterwerfen.

3. Die Bedeutung des Kindes für Lewis Carroll

Auch Carrolls Kindheit war davon geprägt, möglichst früh zu einem Erwachsenen erzogen zu werden, was zudem davon unterstützt wurde, dass er der älteste Sohn der Familie war. Vielleicht auch gerade wegen dieser überfordernden Erwartungen an ihn "[blieb] er erstaunlich lange in der Rolle des kleinen Kindes befangen"[9], was in Briefen seinerseits an seine Familie deutlich wird, die mit übertrieben kindlicher Sprache und einer auffälligen Nachsicht bezüglich der Rechtschreibung verfasst wurden. Ebendiese Befangenheit ist nach der Freud'schen Theorie "Der Dichter und das Phantasieren" verantwortlich für Carrolls Schaffung der Alice-Bücher, die eine gänzlich neue Welt mit gänzlich neuen Regeln und Ordnungen aufzeigen: das Wunderland. Besonders hier lässt sich die Ähnlichkeit Carrolls zu einem Kind und die immense Bedeutung der Kindheit für ihn festmachen, da auch "jedes spielende Kind sich wie ein Dichter [benimmt], indem es sich eine eigene Welt schafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige, Ordnung versetzt"[10]. Während ein Erwachsener sich seiner Phantasien schämt, genießen Kind sowie Dichter[11] den "heilsamen Effekt des Phantasierens"[12], und der Genuss dieses Phantasierens ist "der Weg zurück in die Kindheit, in das kindliche Bewusstsein [...], der in der Vorstellung Carrolls zu Erlösung führt"[13].

Die Sehnsucht nach dem Weg zurück in die Kindheit lässt Carroll in vielen seiner Werke nostalgisch anklingen und macht damit erneut deutlich, wie sehr die Rolle des angepassten konventionellen Erwachsenen ihn quälte.

Ich würde den ganzen in Jahren angehäuften Reichtum geben / Das späte Ergebnis eines Lebensabschnitts / Um noch einmal ein Kind sein zu können (Lewis Carroll) (Kleinspehn 1997, S. 16.)

[...]


[1] Dülks 2006, S. 26.

[2] Ebd., S. 26.

[3] Kleinspehn 1997 , S. 61.

[4] Ebd., S. 58.

[5] Ebd., S. 65.

[6] Reichert 1974, S. 28.

[7] Kleinspehn 1997, S. 130.

[8] Ebd., S. 63.

[9] Ebd., S. 16.

[10] Freud, Sigmund: Kleine Schriften I, Kapitel 12 : Der Dichter und das Phantasieren (1908). In: Spiegel Online Kultur: Projekt Gutenberg - DE. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-i-7123/12.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Zirker 2010, S. 368.

[13] Ebd., S. 28.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668362345
ISBN (Buch)
9783668362352
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346801
Note
15 Punkte
Schlagworte
Alice im Wunderland Alice Lewis Carroll Carroll Traumdichtung Gesellschaftskritik Unterbewusstsein Sozialkritik

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Titel: Alice im Unterbewusstsein Carrolls. Die auf Traumdichtung basierende Gesellschaftskritik in "Alice im Wunderland"