Lade Inhalt...

Sexualität und Partnerschaft in den Lagern des Gulag

Hausarbeit 2015 23 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Sexuelle Gewalt
2.1 Kriminelle und politische Gefangene
2.2 Sexuelle Gewalterfahrungen weiblicher Häftlinge
2.3 Sexuelle Gewalterfahrungen männlicher Häftlinge
2.4 Zur Rolle des Wachpersonals und der Lagerleitung

3 Prostitution
3.1 Prostitution unter weiblichen Häftlingen
3.2 Prostitution unter männlichen Häftlingen

4 Einvernehmliche Beziehungen

5 Folgen geschlechtlicher Kontakte
5.1 Geschlechtskrankheiten
5.2 Schwangerschaft und Geburt

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Akronym Gulag steht nicht allein für die sowjetische Bezeichnung Hauptabteilung der Besserungsarbeitslager und Kolonien(Glawnoe uprawlenie isprawitelno-trudowych lagerej). Es dient spätestens seit den Veröffentlichungen von Alexander Solschenizyns Roman ,Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch‘ im Jahr 1962 und seiner Aufzeichnungen ,Der Archipel Gulag‘ im Jahr 1973 als Inbegriff für jene Verbrechen, welche zwischen 1917 und 1953 an Millionen Männern, Frauen und Kindern im Namen der Sowjetregierung begangen wurden. Lange Zeit waren solche literarischen Berichte ehemaliger Häftlinge die einzigen historisch verwertbaren Quellen für diesen Aspekt der russischen Geschichte. Da die russischen Archive bis in die frühen 90er Jahre verschlossen waren und auch der Besuch ehemaliger Lagerstätten nicht möglich war, konnte über viele Jahre hinweg kein breiter wissenschaftlicher Diskurs über das sowjetische Lagersystem stattfinden.[1] Einzelne Veröffentlichungen der späten achtziger Jahre[2] und die „Archivrevolution“[3] im Jahr 1991 leiteten jedoch eine Zäsur in der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung des Systems Gulag ein. Die enorme Menge an Archivmaterial, welche in den darauffolgenden Jahren von zahlreichen Historikern untersucht wurde, ermöglichte einen sehr detaillierten Einblick in die Funktionsweise des sowjetischen Lagersystems.[4] Diese amtlichen Dokumente stellen daher eine unverzichtbare Quelle für die Erforschung des Gulag dar. Allerdings können sie keinen umfassenden Einblick in die Lebenswelt der Gefangenen bieten, da sie vor allem quantitative Informationen beinhalten. Die Geschichte der Menschen im Gulag, wie Zacharcenko zu Recht betont, findet aus diesem Grund in der historischen Forschung noch zu wenig Beachtung.[5] Einen Aspekt dieses bisher nur wenig erforschten Bereiches stellen die Themen Sexualität und Partnerschaft dar. Verwertbare Informationen dazu lassen sich nur unzureichend in den russischen Archiven finden. Sie müssen vor allem den Memoiren und literarischen Werken der Überlebenden entnommen werden.

Geschlechtliche Kontakte zwischen den Gefangenen waren in den Lagern streng verboten.[6] Einzelne Berichte ehemaliger Lagerhäftlinge beweisen jedoch, dass sich über dieses

Verbot hinweggesetzt wurde. Das Problem bei dieser Thematik ist allerdings, dass Erinnerungen diesbezüglich aufgrund gesellschaftlicher Tabuisierung oft von Schamgefühlen überlagert sind. Dies führt dazu, dass Aspekte aus den Bereichen Sexualität, Prostitution und Vergewaltigungen entweder nicht erinnerbar sind oder ausgelassen werden.[7] Dies scheint insbesondere für Berichte über gleichgeschlechtliche Kontakte und sexuelle Gewalt gegen Männer zu gelten. In den Memoiren ehemaliger Häftlinge finden sich nur selten Hinweise darauf und wenn davon berichtet wird, dann handelt es sich dabei um die Erfahrungen der Mithäftlinge. Der Autor oder die Autorin selbst distanziert sich in der Regel davon.[8] Weiterhin muss bedacht werden, dass Berichte über sexuelle Gewalt auch traumatisierende Erlebnisse beinhalten, welche die Erinnerung des Autors oder der Autorin beeinflussen können. Es ist deshalb davon auszugehen, dass viele ehemalige Häftlinge den Bereich der Sexualität aus ihren Memoiren ausklammern. Dies wiederum erschwert die Suche nach verwertbarem Material und ist ein Grund dafür, dass dieser Aspekt der russischen Geschichte bisher nur wenig erforscht ist.

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich daher einen Beitrag zur Erforschung dieses Themas leisten. Dabei soll geklärt werden, welchen Stellenwert Sexualität und Partnerschaft im Alltag der Häftlinge einnahmen, wer damit in Kontakt kam, davon profitierte, darunter litt und welche Folgen daraus resultierten. Außerdem soll untersucht werden, welche Funktionen der Sexualität in ihren Ausformungen zugeschrieben wurden und wie das Wachpersonal sowie die Lageradministration mit dem sexuellen Verlangen der Häftlinge sowie deren Verlangen nach einer Partnerschaft umgingen. Da, wie bereits erwähnt, offizielle Dokumente nur wenig Auskunft über diesen Aspekt des Lageralltages geben können, basiert diese Arbeit zu einem großen Teil auf den Erinnerungen und Aussagen ehemaliger Häftlinge. Deren literarische Werke und die von verschiedenen Historikern mit ihnen geführten Interviews bieten eine gute Grundlage zur Erforschung dieser Thematik. Um die zuvor genannten Fragen beantworten zu können, wurde in jenen Quellen nach Äußerungen bezüglich Sexualität und Partnerschaft gesucht. Diese Äußerungen wurden miteinander verglichen und in Beziehung zueinander gesetzt, wodurch die Einteilung in die vier Bereiche ,Sexuelle Gewalt4, prostitution4, ,Einvemehmliche Beziehungen4 und ,Folgen sexueller Kontakte4 entstanden. Weiterhin wurde die aktuelle Forschungsliteratur auf bereits gesammelte Erkenntnisse zu diesem Bereich untersucht, um die Aussagen der Zeitzeugen ergänzen und von wissenschaftlicher Seite festigen zu können.

2 Sexuelle Gewalt

Sexualität im sowjetischen Lagersystem ist in den Erinnerungen der ehemaligen Gefangenen oft untrennbar mit Gewalt verbunden. Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung und Nötigung gehörten zum normalen Alltag[9] und begannen nicht erst in den jeweiligen Lagern, sondern schon kurz nach der Festnahme[10] und während der Gefangenentransporte.[11] Offizielle Zahlen zur Häufigkeit sexueller Übergriffe lassen sich nicht finden. Allerdings berichtet jede dritte weibliche Lagerinsassin in ihren Erinnerungen von sexuellen Belästigungen oder Missbrauch, deren Zeugin oder Opfer sie wurde.[12] Aussagen männlicher Opfer sind deutlich weniger zu finden, was aber nicht bedeutet, dass Männer von solchen Angriffen verschont blieben.[13] Auch sie wurden Opfer sexueller Gewalt, allerdings scheinen Scham und Abscheu die Zeugen davon abzuhalten, sich öffentlich darüber zu äußern. Ebenso wie die Opfer waren auch die Täter beiderlei Geschlechts und sowohl unter den Mithäftlingen als auch unter den Lagerangestellten zu finden. Allerdings war sexuelle Gewalt in Haftanstalten keine Problematik, die erst mit der Errichtung des Gulag-Systems auftauchte. Schon in den zaristischen und den frühen sowjetischen Gefängnissen war sexuelle Gewalt gegen Häftlinge allgegenwärtig und Teil der Gefängniskultur. Die Errichtung des Gulag-Systems jedoch potenzierte Healey zufolge die schlimmsten Merkmale dieser Subkultur[14], wodurch die Lager zu wahren Brutstätten sexueller Gewalt wurden.[15]

2.1 Kriminelle und politische Gefangene

Die Frage, ob sie während ihrer Lagerhaft vergewaltigt wurde, verneint die ehemalige Gefangene Margarethe Ottillinger. Sie fügt allerdings hinzu, dass dies nur auf Zufall und Glück zurückzuführen sei, da in ihrem Lager die kriminellen Gefangenen von den Politischen getrennt waren.[16] Bei Berichten über sexuellen Missbrauch taucht diese gängige Unterscheidung zwischen politischen und kriminellen Häftlingen immer wieder auf. Ihren Ursprung hat diese Unterscheidung im sowjetischen Strafrecht. All jene, welche nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches verurteilt wurden, galten als politische Gefangene. Der Rest zählte zu den gewöhnlichen Kriminellen. Allerdings war diese Einteilung in vielen Fällen nicht zutreffend. Weder waren alle nach Artikel 58 Verurteilten Oppositionelle, noch waren alle als kriminell Eingestuften wirkliche Straftäter. Zwar lebten in den Lagern tatsächlich antisowjetische Aktivisten sowie Gewalt- und Berufsverbrecher. Aber gerade durch die Massenverhaftungen gerieten viele Menschen in die Lager, die weder politisch aktiv waren, noch schwerere Verbrechen begangen hatten.[17] In den Köpfen der meisten Häftlinge war diese Unterscheidung nichtsdestoweniger präsent, weshalb sie auch im Rahmen dieser Arbeit beibehalten werden soll. Zunächst soll also geklärt werden, warum gerade die als kriminell eingestuften Häftlinge mit sexueller Gewalt in Verbindung gebracht werden.

Die Gruppe der kriminellen Häftlinge stand in der Hierarchie der Lagerinsassen über den Politischen und obwohl diese Gruppe auch in sich hierarchisiert war, so genossen doch die meisten ihrer Mitglieder einen vergleichsweise höheren Lebensstandard als die nach Artikel 58 Verurteilten.[18] Dies erklärt zum Teil auch, warum meist die kriminellen Häftlinge als sexuelle Gewalttäter in Erscheinung traten. Durch die bessere Verpflegung konnte, wie der ehemalige Häftling Eberhard Pautsch berichtet, „die nächste Stufe der Bedürfnispyramide“[19] erklommen werden. Nur wer überdurchschnittlich gut ernährt war, konnte also neben dem Selbsterhaltungstrieb auch noch seinen Sexualtrieb erhalten. Für alle anderen spielte das Verlangen nach Sex so gut wie keine Rolle.[20] Hierbei muss allerdings erwähnt werden, dass diese Voraussetzung nicht nur von Kriminellen erfüllt wurde.[21] So schildert Lotte Strub, wie sie von einem Wirtschaftsverwalter und zwei weiteren Funktionshäftlingen, welche offensichtlich nicht zu den kriminellen Gefangenen gehörten, sexuell bedrängt wurde. Entscheidend waren in diesem Fall die Posten der Häftlinge. Johann Urwich-Ferry konkretisiert dies, indem er betont, dass „[j]eder kleinere oder größere Leiter, jeder Brigadier-Natschalnik, Chefkoch, Sanitäter oder Informant, wie auch jeder Nutznießer eines Lebensmittelüberflusses“[22] genug Energiereserven für sexuelles Verlangen hatte. Erweitert wird diese Liste durch Herbert Killian, der auch „Brotschneider, Bademeister, Friseure [und] Schuster“[23] dazu zählt. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass jeder, der einen solchen Posten inne hatte, auch zu sexueller Gewalt oder Nötigung bereit war. Es scheint, dass die Hemmschwelle zu sexueller Gewalt bei politischen Häftlingen weitaus höher lag. In den Memoiren der Überlebenden werden Vergewaltigung und Missbrauch daher überwiegend Mitgliedern krimineller Vereinigungen zugerechnet.

Allerdings muss hierbei erwähnt werden, dass der größte Teil der Memoiren von ehemaligen politischen Gefangenen verfasst wurde.[24] Die als kriminell eingestuften Häftlinge haben kaum Erinnerungen geschrieben, sodass über sexuelle Gewalt in den Lagern lediglich aus Sicht der nach Artikel 58 Verurteilten berichtet werden kann. Außerdem unterschieden auch die kriminellen Gefangenen innerhalb ihrer Kaste zwischen gewöhnlichen Kriminellen und denjenigen, die bereit waren, Frauen zu vergewaltigen und zu töten.[25] Es wäre also falsch, ein simples Täter-Opfer Schema allein anhand der Gruppenzugehörigkeit der Häftlinge zu zeichnen. Aufgrund der Quellenlage muss allerdings angenommen werden, dass der Großteil der Täter aus den Reihen der kriminellen Häftlinge stammte.

2.2 Sexuelle Gewalterfahrungen weiblicher Häftlinge

In den Erinnerungen der ehemaligen Gefangenen waren es meist Frauen, welche Opfer sexueller Gewalt wurden. Mit einem Anteil von sechs bis 38 Prozent an der Gesamtpopulation der Lager stellten Frauen eine absolute Minderheit dar.[26] Durch diesen buchstäblichen Frauenmangel waren die weiblichen Gefangenen somit besonders begehrt bei männlichen Häftlingen.[27] Wie bereits erwähnt, kam es bereits während der Gefangenentransporte in die Lager zu Vergewaltigungen. So berichtet Janusz Bardach, dass es kriminellen Gefangenen im Jahr 1942 gelang, während der Schiffsüberfahrt nach Kolyma die Wand zum Laderaum der weiblichen Gefangenen zu durchbrechen und dutzende Frauen zu vergewaltigen sowie zu töten.[28] Auch Elinor Lipper[29] und Elena Glinka[30] berichten von solchen Gräueltaten während der Gefangentransporte per Schiff. Allerdings fanden die von ihnen beschriebenen Ereignisse im Jahr 1944 und 1951 statt, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die hier genannten Beispiele keine Einzelfälle darstellten. Sowohl Bardach als auch Lipper berichten davon, dass die Frauen den Vergewaltigern schutzlos ausgeliefert waren. Die Mehrheit der nicht beteiligten Männer hielt sich zurück. Diejenigen, welche versuchten, den Frauen zu helfen, wurden erstochen und auch das über Deck postierte Wachpersonal griff viel zu spät oder gar nicht ein. Bestraft wurde, Glinka und Bardach zufolge, keiner der Täter.[31] Elinor Lipper berichtet jedoch, dass zumindest der Kommandeur der Wachmannschaft nach Bekanntwerden dieses Falles in Magadan verhaftet worden sei.[32] Über Vergewaltigungen während Eisenbahntransporten ließen sich keine Berichte finden. Hier war es wahrscheinlich der strikten Geschlechtertrennung in einzelnen Waggons zu verdanken, dass Frauen von sexueller Gewalt verschont blieben.

In den Lagern selbst gab es ebenfalls strenge Vorschriften zur Geschlechtertrennung. Obwohl auch reine Frauenlager existierten, waren die meisten Lager gemischtgeschlechtlich organisiert und in verschiedene Bereiche für Frauen und Männer separiert. Die Vorschrift, dass jeder Gefangene in seiner Zone zu bleiben hatte, wurde jedoch oft gebrochen und so bot diese Trennung kaum Schutz vor den Übergriffen der männlichen Mithäftlinge.[33] Der ehemalige Lagergefangene Gustaw Herling-Grudzmski beschreibt in seinen Memoiren, wie einzelne Gruppen krimineller Gefangener regelrecht Jagd auf Frauen machten, welche sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb ihrer Baracken aufhielten.[34] Dies war für die Gewalttäter umso einfacher, da in jenem Lager nachts lediglich zwei Wachen am Tor postiert waren und der Rest des Geländes somit unbewacht blieb.[35] Aber auch tagsüber und während der Arbeitszeit waren Frauen sexuellen Übergriffen männlicher Häftlinge ausgesetzt.[36] Die Täter agierten dabei oft in größeren Gruppen und gingen skrupellos mit ihren Opfern um. Diese Massenvergewaltigungen kamen so häufig vor, dass sich dafür unter den Gefangenen und dem Lagerpersonal der Ausspruch „sie ist unter die Trambahn gekommen“[37] etablierte. Dieser Ausdruck hat seinen Ursprung wahrscheinlich im Vorgehen der Gewalttäter. Elena Glinka zufolge begannen die Vergewaltigungen auf Befehl eines „tram driver[s]“[38], welcher auch bestimmte, wie lange jeder Mann über das Opfer herfallen durfte, bis der nächste Täter an der Reihe war. Wie sich erahnen lässt, hatten die vergewaltigten Frauen keine Chance, sich zur Wehr zu setzen. Dennoch existieren auch Berichte davon, wie sich Frauen einer drohenden Vergewaltigung entziehen konnten. Allerdings konnte auch dies den Frauen zum Verhängnis werden, da viele Häftlinge nicht davor zurückschreckten, wehrhafte Frauen zur Strecke zu bringen.[39] Neben den männlichen Häftlingen stellten auch die weiblichen Kriminellen eine Gefahr für Frauen dar. Zwar sind die Berichte über gleichgeschlechtliche Vergewaltigung seltener zu finden, allerdings muss dies nicht bedeuten, dass solche Taten seltener begangen wurden. Homosexualität war und ist ein Tabuthema der russischen Kultur und so verwundert es nicht, dass seltener darüber geschrieben wurde.[40] Dennoch existieren auch Augenzeugenberichte von Vergewaltigungen unter Frauen.[41]

2.3 Sexuelle Gewalterfahrungen männlicher Häftlinge

Eine ähnlich kleine Anzahl an Berichten lässt sich über sexuelle Gewalt gegen Männer finden. Bei weiblichen Tätern kann davon ausgegangen werden, dass Vergewaltigungen in der Tat seltener vorkamen. Möglich war dies nur, wenn die Frauen deutlich in der Überzahl[42] oder den Männern körperlich überlegen waren.[43] Beides kam in den Lagern nur selten vor. Allerdings gehörten die weiblichen Täter auch in solchen Erinnerungen stets den kriminellen Häftlingen an. Bei Berichten über männliche Täter hingegen spielen Schamgefühle und die Tabuisierung des Erlebten wieder eine wichtige Rolle. Igor S. Kon zufolge sei gleichgeschlechtliche Vergewaltigung für Männer selbst heute noch mit mehr Schamgefühlen behaftet als für Frauen, weshalb viele Opfer weder darüber sprechen, noch davon berichten. Ausschlaggebend sei dabei die Angst, selbst als homosexuell zu gelten.[44] Wie groß die Schamgefühle in stalinistischer Zeit sein mussten, als homosexuelle Handlungen unter Männern einen Straftatbestand darstellten, lässt sich erahnen.[45] So ist es nicht verwunderlich, dass es fast keine Berichte über Vergewaltigungen von Männern durch Männer gibt. Eine Ausnahme bildet Janusz Bardach. In seinen bereits erwähnten Erinnerungen an die Vergewaltigungen an Bord eines Transportschiffes berichtet er von einer solchen Situation:

„Als den Vergewaltigern die Frauen ausgingen, kehrten einige von den bulligeren Männern zu den Pritschen zurück und machten Jagd auf junge Burschen. Diese Jugendlichen wurden ebenfalls Opfer des Gemetzels; regungslos lagen sie auf ihren Bäuchen auf dem Boden, bluteten und weinten.“[46]

[...]


[1] Applebaum, Anne: Der Gulag. Berlin 2003, 15.

[2] ebd., 18.

[3] Fein, Elke: Geschichtspolitik in Russland: Chancen und Schwierigkeiten einer demokratisierenden Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft Memorial 2000, 188.

[4] An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass längst nicht alle Archive, insbesondere die des NKWD/MWD, für Historiker zugänglich sind. Siehe dazu: Zacharcenko, Aleksej V.: Die Aufarbeitung der Geschichte des Gulag in Russland. In: Julia Franziska Landau und Irina Scherbakowa (Hrsg.): Gulag - Texte und Dokumente. Göttingen 2014, 70-79, 70.

[5] Zacharcenko 2014, 74f.

[6] Hedeler, Wladislaw und Stark, Meinhard: Das Grab in der Steppe. Leben im GULAG. Paderborn 2008, 199.

[7] Haumann, Heiko: Blick von innen auf den Stalinismus. Zur Bedeutung von Selbstzeugnissen. In: Heiko Haumann (Hrsg.): Erinnerung an Gewaltherrschaft. Frankfurt am Main 2010, 51 -76, 75; Wespe, Aglaia: Verletzte Weiblichkeit verweigern. Die Bildchronik der Evfrosinija Kersnovskaja als Selbstzeugnis und Erinnerungsort. In: Jörg Ganzenmüller und Raphael Utz (Hrsg.): Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung. München 2014, 177-196, 193.

[8] Kuntsman 2009, 309.

[9] Stark, Meinhard: Ich muss sagen, wie es war. Deutsche Frauen des GULag. Berlin 1999, 169.

[10] Applebaum 2003, 172.

[11] ebd., 198.

[12] Stark, Meinhard: Frauen und Kinder im Gulag. In: Julia Franziska Landau und Irina Scherbakowa (Hrsg.): Gulag - Texte und Dokumente. Göttingen 2014, 118-126, 119.

[13] Barnes, Steven A.: Death and Redemption: The Gulag and the Shaping of Soviet Society 2011, 105.

[14] Healey, Dan: Homosexual Desire in Revolutionary Russia. The Regulation of Sexual and Gender Dissent. Chicago 2001, 230.

[15] Kon, Igor S.: The Sexual Revolution in Russia: From the Age of the Czars to Today 1995, 222.

[16] Donga-Sylvester, Eva; Czernetzky, Günter und Toma, Hildegard: Ihr verreckt hier bei ehrlicher Arbeit! Deutsche im Gulag 1936-1956 : Anthologie des Erinnerns. Graz 2000, 182 (An dieser Stelle sei auf eine wichtige Diskussion bezüglich rechtsextremer Tendenzen des Leopold Stocker Verlags verwiesen. Trotz dieser zweifelhaften politischen Ausrichtung werden die im hier zitierten Quellenband enthaltenen Aussagen ehemaliger Häftlinge genutzt. Weitere Informationen zur Diskussion unter http://no-racism.net/article/1101/ [23.08.2015]).

[17] Applebaum 2003, 320 f.

[18] ebd., 312.

[19] Donga-Sylvester, Czernetzky und Toma 2000, 186.

[20] Hedeler und Stark 2008, 196 f.

[21] ebd., 197.

[22] Donga-Sylvester, Czernetzky und Toma 2000, 184.

[23] ebd., 180.

[24] Applebaum 2003, 337.

[25] Bardach, Janusz und Gleeson, Kathleen: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Mein Überleben im Gulag. München 2000, 242.

[26] Stark 2014, 118.

[27] Applebaum 2003, 336.

[28] Bardach und Gleeson 2000, 241 f.

[29] Lipper, Elinor: Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern. Zürich 1950, 86.

[30] Applebaum 2003, 198 f.

[31] ebd., 199.

[32] Lipper 1950, 87.

[33] Stark 1999, 143, 169; Applebaum 2003, 218.

[34] Herling-Grudzinski, Gustaw: Welt ohne Erbarmen. München, Wien 2000, 38.

[35] Applebaum 2003, 217.

[36] Applebaum 2003, 339; Applebaum, Anne: Gulag Voices. An Anthology. New Haven 2011, 39 ff.; Lipper 1950, 139; Stark 1999, 169 f.

[37] Lipper 1950, 139.

[38] Glinka, Elena: The Kolyma Tram. In: Anne Applebaum (Hrsg.): Gulag Voices. New Haven 2011, 39-48, 46.

[39] Donga-Sylvester, Czernetzky und Toma 2000, 182; Stark 1999, 169 f.

[40] Applebaum 2003, 336.

[41] Applebaum 2003, 338.

[42] Donga-Sylvester, Czernetzky und Toma 2000, 185.

[43] Lipper 1950, 140.

[44] Kon 1995, 220.

[45] ebd., 71.

[46] Bardach und Gleeson 2000, 241.

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668361393
ISBN (Buch)
9783668361409
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346930
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
sexualität partnerschaft lagern gulag

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sexualität und Partnerschaft in den Lagern des Gulag