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Soziale Konstruktion von Differenzen. Eine exemplarische Analyse von Namibia-Reiseangeboten

Das Afrikabild im Reisekatalog

Ausarbeitung 2016 32 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Theorien
2.1 Foucault
2.2 Diskurs und Macht
2.3 Rassismus

3. Der Untersuchungsgegenstand: Rundreisen Namibia

4. Analyse des Untersuchungsgegenstands in Anlehnung an die Situationsanalyse nach Clarke
4.1 Die Situationsanalyse von Diskursen nach Adele Clarke
4.2 Analyse des Untersuchungsgegenstands
4.3 Zusammenfassung der Befunde

5. Bildungswissenschaftliche Perspektive

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang A:

Auswertungstabellen:

„Namibias Land und Leute“

„Into the Wild“

„Perle am Atlantik“

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Diskurse „ Namibias Land und Leute“

Abbildung 2: Diskurse“ Into the Wild“

Abbildung 3: Diskurse „Perle am Atlantik“

1. Einleitung:

Reisen sind seit dem 16. Jahrhundert ein Instrument zur Erziehung und Bil- dung von Menschen. Diese sogenannten „Grand Touren“, des Adels und der Oberschicht, nach dem Studium führen zunächst durch Europa, später auch nach Afrika. Sie dienen dazu, andere Kulturen und Länder kennen zu lernen. Reisen ist in der damaligen Zeit ein Erlebnis, heute ist Reisen eher ein schnel- ler Wechsel von einem zum anderen Ort, bedingt durch die Globalisierung. Der Ausbau der Eisenbahnstrecken im 19 Jahrhundert, das Erscheinen der ersten Reiseführer und die Gründung des Reiseveranstalters Thomas Cook haben die Bedeutung und den Zweck von Reisen verändert (Brilli, 2012, S. 7ff). Die Europäer reisen immer mehr, speziell die Deutschen werden als „Reise-Weltmeister“ gesehen. Dienen Reisen und der damit verbundene Kul- turaustausch dazu, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Feindschaft zu überwinden? Oder tragen die Reisenden die Vorurteile und rassistischen An- sichten, die wir über verschiedene Medien, wie dem Reisekatalog, mit uns im Handgepäck? Lassen sich die mitgebrachten Vorurteile auf der Reise verän- dern? (Backes et al, 2002, S.6 ff). Für Geulen bedingt die Globalisierung den Rassismus (Geulen, 2014, S. 7ff). Hängen Reisen und Rassismus wirklich so eng zusammen? Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und in wie weit wird ein rassistisches und koloniales Bild von Namibia durch die angebo- tenen Reisen suggeriert wird. Zur Beantwortung diese Frage wird eine Hypo- these aufgestellt: Es wird vermutet, dass durch die einseitige Darstellung Na- mibias im Reiseprogramm stereotypische Vorstellungen und Vorurteile geför- dert werden.

Der französische Philosoph Michel Foucault bildet den theoretischen Hinter- grund für diese Ausarbeitung. Kapitel 2 beschäftigt sich mit seiner Sicht auf die Thematik des Diskurses und die damit verbundenen Machtstrukturen. Herangezogen werden dafür seine Werke „Die Ordnung des Diskurses“, „Ar- chäologie des Wissens“ und „Analytik der Macht“. Um den Begriff Rassismus zu erfassen wird Albert Memmi verwendet. Der dieser Arbeit zugrunde liegen- de Untersuchungsgegenstand in Form zweier Reiseangebote aus dem Reise- katalogs des Anbieters „Meier´s Weltreisen“ und einer Rundreise des Disco- unters “Aldi” wird im dritten Kapitel vorgestellt. Der Untersuchungsgegenstand wird mit Hilfe der Situationsanalyse nach Adele Clarke analysiert. Die Metho- de wird kurz in Kapitel vier vorgestellt und durchgeführt. Die aufgestellte Hypo- these wird mit Hilfe der Analyseergebnisse am Ende des Kapitels modifiziert. Die leitende Forschungsfrage wird hier ebenfalls beantwortet. Im Anschluss an die Analyse werden die bildungswissenschaftlichen Konsequenzen und Perspektiven erläutert, die sich aus den Ergebnissen der Analyse ergeben mit Bezugsnahmen auf die theoretische Grundlage der Arbeit. Das Fazit rundet die Arbeit ab.

2. Darstellung der Theorie

2.1 Foucault

Den theoretischen Hintergrund für diese Arbeit liefert der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984). Sein Gesamtwerk ist sehr umfassend und bezieht sich auf viele wissenschaftliche Disziplinen. Foucault hat sich in seinen Werken mit den drei Begriffen „Diskurs“, „Macht“ und „Ethik des Selbst“ auseinander gesetzt (Ruoff, 2009, S. 13ff). Speziell seine Sicht auf die Thematik des Diskurses und die damit verbundenen Machtstrukturen sind für die Analyse des Reisekatalogs relevant.

2.2 Diskurs und Macht

In Foucaults Werken „Archäologie des Wissens“ und „Die Ordnung der Dinge“ nimmt der Diskurs eine wichtige Stellung ein (Ruoff, 2009, S. 91ff). Allerdings ist „Die Ordnung des Diskurses“ seine informativstes Werk zum Thema Diskurs (ebd., 2009, S. 35).

Foucault definiert Diskurs als eine Menge von Aussagen die einem gleichen Formationssystems zugehören (Foucault, 1981, S. 156). In seinem Werk „Ar- chäologie des Wissens“ erläutert Foucault welche Regeln der Diskurs in sei- nen eigenen Formationen folgt. Foucault geht auf die Formatierungen der Ge- genstände, Äußerungsmodalitäten, Begriffen und Strategien ein. Der Grund- gedanke dahinter ist, dass der Diskurs zu seiner eigenen produktiven Erweite- rung in der Lage ist (Ruoff, 2009, S. 33). Die Bedingung für das In Erscheinen Treten eines Gegenstands als Diskurs betitelt er als zahlreich und gewichtig (Foucault, 1981, S 67ff). Foucault sieht es als Aufgabe an, den Diskurs nicht mehr als Gesamtheit von Zeichen, sondern Diskurse als Praktiken zu sehen, die systematisch die Gegenstände bilden von denen sie sprechen (ebd., 1981, S. 74). Über den Diskurs sagt Foucault auch:

„er erscheint als ein endliches, begrenztes, wünschenswertes, nützli- ches Gut, das seine Erscheinungsregeln, aber auch seine Aneignungs- und Anwendungsbedingungen hat. Ein Gut, das infolgedessen mit sei- ner Existenz (und nicht nur in seinen ›praktischen Anwendungen‹) die Frage nach der Macht stellt. Ein Gut, das von Natur aus der Gegenstand eines Kampfes und eines politischen Kampfes ist“ (Foucault, 1981, S.175).

Hier wird ein erster Zusammenhang zwischen Diskurs und Macht hergestellt. In seiner Antrittsrede am College de France 1970, bekannt als „Die Ordnung des Diskurses“, ändert Foucault seine Sicht auf den Diskurs. Der Fokus liegt nun auf den Kotrollverfahren des Diskurses, somit auf den Machtmechanis- men die auf den Diskurs einwirken. Er unterteilt die Kontrollverfahren in die Ausschließungssysteme, die den Diskurs von außen einschränken und in die Verknappungssysteme, die auf den Diskurs von innen einwirken (Ruoff, 2009, S. 35ff).

Er setzt voraus, dass jede Gesellschaft den Diskurs hinsichtlich seiner Pro- duktion kontrolliert, selektiert, kanalisiert und organsiert (Foucault, 1970, S. 10ff). Foucault nennt drei große Ausschließungssysteme, die auf den Diskurs einwirken: das verbotene Wort, die Ausgrenzung des Wahnsinns und der Wil- le zur Wahrheit. Sie betreffen den Diskurs in Zusammenhang mit Macht und Begehren (ebd., 1970, S 16ff). Als Beispiel für die Ausschließungssysteme führt er die Mendelsche Vererbungslehre an. Er fragt sich wie es ein kann, dass die Biologen dieser Epoche nicht gesehen haben, dass die Aussagen von Mendel wahr sind. Er kommt zu dem Schluss, dass Mendel von Gegen- ständen spricht und Methoden verwendet, die den Biologen dieser Zeit fremd sind. Mendel sagt die Wahrheit, diese entspricht aber nicht dem biologischen Diskurs der damaligen Epoche. Mendel ist somit nicht im Wahren (ebd., 1910, S 23-24). Als Verknappungssysteme, die von innen auf den Diskurs einwirken, nennt Foucault den Kommentar, dessen Funktion es ist aufzuzeigen, was ver- schwiegen worden ist und den Autor, weniger als den Urheber des Textes, mehr als Prinzip von Gruppierung von Diskursen und als Mittelpunkt ihres Zu- sammenhalts (ebd., 1970, S. 19ff). Auch die gesellschaftliche Aneignung des Diskurses stellt für Foucault eine Form der Verknappung da. Er sieht in jedem Erziehungssystem eine politische Methode zur Aneignung des Diskurses so- wohl des Wissens als auch der Macht, diesen Diskurs aufrecht zu erhalten oder zu verändern (ebd., 1970, S. 30). Foucault sieht im Diskurs eine Spiege- lung der Wahrheit. Er ist der Auffassung, dass alles die Form des Diskurses annahmen kann. „Alles kann schließlich die Form des Diskurses annehmen, es lässt sich alles sagen und der Diskurs lässt sich zu allem sagen, weil alle Dinge ihren Sinn manifestiert und ausgetauscht haben und wieder in die Stille der Innerlichkeit des Selbstbewusstseins zurückkehren können (ebd., 1970, S. 32). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nach Foucault alles ein Diskurs sein kann, das Ungesagte und das Gesagte üben Macht auf den Diskurs aus und beeinflusst diesen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Wissen oder Nicht-Wissen im Zusammenhang mit Diskursen auch ein Machtfaktor ist. Foucault stellt dar, dass wenn menschliche Subjekte in Produktionsverhältnis- se und Sinnbeziehungen eingebunden sind, auch komplexe Machtverhältnis- se vorhanden sind. Seiner Auffassung nach gibt es bisher keine Werkzeuge um diese Machtbeziehung zu analysieren (Foucault, 1982, S. 241). Im Text „Subjekt und Macht“ von 1982 definiert Foucault den Begriff Macht zusam- menfassend wie folgt:

„ [ … ] [Die Macht] ist ein Ensemble von Handlungen in Hinsicht auf mögli- che Handlungen; sie operiert auf dem Möglichkeitsfeld, in das sich das Verhalten der handelnden Subjekte eingeschrieben hat; sie stachelt an, gibt ein, lenkt ab, erleichtert oder erschwert, erweitert oder begrenzt, macht mehr oder weniger wahrscheinlich; im Grenzfall nötigt oder ver- hindert sie vollstÄndig; aber stets handelt es sich um eine Weise des Einwirkens auf ein oder mehrere handelnde Subjekte, und dies, sofern sie handeln oder zum Handeln fÄhig sind. Ein Handeln auf Handlun- gen “(ebd., 1982, S. 254ff).

Foucault sieht die Machtbeziehungen tief in der Gesellschaft verwurzelt. Diese lassen sich nicht vollständig beseitigen. Gesellschaften können nicht ohne Machtbeziehungen existieren (ebd., 1982, S. 258).

Die Analyse von Machtbeziehungen ist für diese Arbeit wichtig um aufzuzeigen, welche Machtfaktoren in den Diskursen vorhanden sind um rassistische Vorurteile und koloniales Denken über Namibia zu suggerieren.

2.3 Rassismus

Es gibt eine Vielzahl Definitionen für den Begriff. Für diese Arbeit wird die Rassismus-Definition von Albert Memmi als theoretische Grundlage hinzuge- zogen. Seine Definition ist in die Encyclopedia Universalis aufgenommen und wird seit dem in Forschung und Lehre angewandt (Memmi, 1992, S. 2). Die ursprüngliche Definition bezieht sich auf die biologischen Unterschiede zwi- schen den Menschen. Memmi hat im Laufe seiner Arbeit festgestellt, dass diese zu eng gefasst ist. Alle anderen Unterschiede wie Abneigung wegen des Lebensstils oder etwaigerer Verhaltensweisen beinhaltet diese Definition nicht. Um diese weite Fassung des Begriffes zu bestimmen hat Memmi den Begriff Heterophobie geschaffen. Dieser beinhaltet Ablehnung jeglicher Art auf Grund jedweder Unterschiede aller Art. Daraus folgert er, dass Rassismus ein Sonderfall der Heterophobie ist (ebd., 1992, S. 124). Die in der Encyclopedia Universalis aufgeführte Definition von Rassismus beinhaltet beide oben ge- nannte Ansichten. Sie ist auf der Grundlage entstanden, dass beide Bedeu- tungen in derselben Definition gelten müssen, aus dem Grunde, da die grund- legenden Mechanismen des Rassismus identisch sind (ebd., 1992, S. 213). Rassismus ist demnach:

„ Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsÄch licher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des AnklÄgers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen. “ (Memmi, 1992, S. 175).

Memmi gibt an, dass Rassismus auf der Annahme basiert, dass unveränderli- che Unterschiede zwischen Menschen unterschiedler Menschengruppen eine Vorstellung von Ungleichheit hervorbringen. Egal, ob diese real oder fiktiv sind. Rassismus beruht nicht auf der Feststellung dieses Unterschiedes, son- dern auf der Verwendung des Unterschieds gegen den anderen (ebd. 1992, S. 214). Für Memmi kommt Rassismus auch nicht von irgendwo her, sondern er wird kulturell vermittelt, im Grunde über die Erstsozialisation in der Familie (ebd., 1992, S, 200). Laut Memmi lässt sich Rassismus in drei Schritten analysieren: Die Hervorhebung der Unterschieden, eine Wertung dieser Unterschiede und den Gebrauch dieser Unterschiede zu Gunsten des Anklägers (ebd. 1992, S, 44). Dies ist ein wichtiger Aspekt für die Analyse des hier vorliegenden Untersuchungsgegenstands.

3. Gegenstand: Rundreise Namibia

Meier´s Weltreisen ist nach eigenen Angaben ein Spezialist für Fernreisen (Meier´s Weltreisen, 2015/2016, S. 4). Im Afrika / Orient Reisekatalog für den Winter 2015/2016 werden verschiedene Reiseziele in Afrika und im Orient angeboten. Das Angebot umfasst auch Reisen nach Namibia. Um den Rah- men der Arbeit nicht zu sprengen, wird der Fokus der Untersuchung auf zwei unterschiedliche Reiseangebote gelegt, eine als Studienreise ausgewiesene Rundreise „Namibia Land und Leute“ (ebd., S. 322) und die Rundreise „Into the Wild“ (ebd., S. 326-327). Die als Studienreise deklarierte Rundreise setzt andere Erwartungshaltungen an die Reise als die „normalen“ Rundreisen vo- raus. Um noch einen Unterschied in den Zielgruppen für die Namibia Rundrei- se zu erhalten wird ebenfalls ein Reiseangebot des Diskounters Aldi unter- sucht (Aldi Reisen, 2016). Die Aldi Reise findet in Kooperation mit dem Reise- anbieter Berge und Meer statt.

Das Reiseziel Namibia wird als Untersuchungsgegenstand auf Grund seiner Geschichte gewählt. Deutsch-Südwestafrika, heute bekannt als Namibia, war von 1884 bis 1915 eine Kolonie im deutschen Kaiserreich. Namibia ist heute eine unabhängige Republik mit ca. 2 Millionen Einwohnern (Konrad - Adenauer-Stiftung, 2015).

4. Analyse des Untersuchungsgegenstands in Anlehnung an die Situationsanalyse nach Clarke

4.1 Die Situationsanalyse von Diskursen nach Adele Clarke

Adele Clarke hat mit ihrem Band „Situationsanalyse“ einen Entwurf zur Wei- terentwicklung der Grounded Theory nach Strauss vorgelegt. Ihre Gewichtung liegt auf den Aspekten Macht und Objekte und schließt Foucaults Diskurskon- zept mit ein (Diaz-Bone, 2013, S. 1). Die Diskursanalyse nach Foucault analy- siert nur den mächtigsten Diskurs im Untersuchungsgegenstand. Die situati- onsanalytische Diskursanalyse nach Adele Clarke betrachtet alle wichtigen Diskurse im Untersuchungsgegenstand. Dadurch werden auch die stillen Dis- kurse aufgezeigt und die Analyse hat eine höhere Bandbreite (Clarke, 2012,S. 96ff). Clarke nennt mehrere Wege, um die Situationsanalyse von Diskursen durchzuführen. Für die hier vorliegenden Untersuchungsgegenstände wird ein Komparatives Mapping & Analyse gewählt. Jeder Untersuchungsgegenstand wird für sich mittels der Grounded Theory kodiert, in Situationsmapps darge- stellt und analysiert. Die Ergebnisse werden im Anschluss miteinander vergli- chen (Clarke, 2012, S. 214).

4.2 Analyse des Untersuchungsgegenstands

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Diskurse „Namibia Land und Leute“, eigen Darstellung

Die Studienreise „Namibias Land & Leute“ zielt auf die Gruppe der Kulturinte- ressierten, die sowohl die Kultur und Tradition Namibias kennen lernen wollen als auch Tierbeobachtungen durchführen möchten. Es ist zu vermuten, dass der Reisende sich einen Bildungseffekt von der Rundreise verspricht. Bil- dungselemente finden sich viele in dieser Reise. Beginnend mit den Stadt- rundfahren in Windhoek und Swakopmund. Beide sind allerdings sehr einsei- tig. Der Fokus liegt hier auf Bauten aus der Kolonialzeit. Moderne Bauwerke in beiden Städten finden keine Erwähnung, ebenso wird kein Bezug auf die Ko- lonialgeschichte und deren Folgen genommen. Das moderne Afrika wird nicht gezeigt. Das koloniale Afrikabild wird aufrechterhalten. Die Kultur und Traditi- on Namibias wird mit Hilfe von Besuchen verschiedener ethnischen Bevölke- rungsgruppen vermittelt. Auffällig ist bei diesen Ausflügen, dass hier immer wieder auf Bezeichnungen zurückgegriffen wird, die dem kolonialen Sprach- gebrauch zuzuordnen sind. Es werden Begriffe wie „Ureinwohner“, „Hirten- volk“, „Buschmänner“ und „Naturvolk“ verwendet. Die Wahl der Bezeichnung für die verschiedenen ethnischen Völker Namibias wertet diese als primitiv und unterlegen ab und konstruiert so die Überlegenheit der Weißen (Sow in Arndt and Ofuatey-Alazard, 2015, S. 694). Auch das enthaltende Foto der Himba-Kinder vermittelt den Eindruck, dass Afrika kindlich und naiv und die Bevölkerung nicht zivilisiert ist. Beschreibungen, wie die am Tag 6: „bis heute konnte sich das Hirtenvolk…seine ethnische Eigenart und Kultur bewahren“ (Meier´s Weltreisen, 2015a/2016), vermitteln den Eindruck, dass die Men- schen in Namibia nach wie vor ein einfaches unmodernes Leben führen, im Gegensatz zu den Touristen. Auch hier wird die Überlegenheit der deutschen Kultur gegenüber der namibischen Kultur aufgezeigt. Es wird in der Reisebe- schreibung nicht weiter darauf eingegangen, ob es sich bei den besuchten Dörfern der Himba oder Damara um reale Dörfer handelt oder um künstlich geschaffene Touristenorte. Hier könnte der Eindruck entstehen, dass eine moderne Art der Völkerschauen stattfindet. Mit den vorliegenden Materialen lässt sich dieser Aspekt nicht weiter untersuchen. Durch die Besuche der Dör- fer der Einheimischen wird die Unterlegenheit dieser Volksgruppen gegenüber den Reisenden aufgezeigt. In den Beschreibungen zum Reiseverlauf sind vie- le Informationen zu geologischen, archäologischen und geographischen Be- sonderheiten untergebracht. Dem Reisenden wird schon im Vorfeld Wissen über Namibia vermittelt. Einen großen Teil der Reisebeschreibung beschäftigt sich mit der Tierwelt Namibias und der Möglichkeit, diese zu beobachten. Be- trachtet man den Reiseverlauf als Gesamtbild, bekommt man den Eindruck, dass Namibias Städte nur aus Kolonialbauten bestehen, die ansässigen eth- nischen Völker leben primitiv mit den dort heimischen Tieren in den Weiten der landschaftlichen Besonderheiten. Geschichtliche Hintergründe oder As- pekte des modernen Afrikas finden hier keine Erwähnung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Diskurse „Into the Wild“, eigene Darstellung

Die zweite Reise „Into the Wild“ ist eine Selbstfahrerrundreise. Angesprochen werden damit komfortbewusste Individualisten. Auffällig bei der Reisebe- schreibung ist dass der Reiseablauf sehr romantisch beschreiben ist und die Beschreibungen wohl die Fantasie der Reisenden anregen soll. Beispielhaft kann hier die Ballonfahrt am Tag 5 erwähnt werden. Betont wird auch die luxu- riöse Unterbringung während der Reise. Es wird so suggeriert, dass auf den Komfort der Zivilisation in Afrika nicht verzichten werden muss. Ein Beispiel hierfür ist das Bild von des Mowani Mountain Camp. Luxuriöse Unterbringung mit Blick in die atemberaubende Landschaft. Unterschwellig schwingt dort auch Überlegenheit mit, weil die Standards der westlichen Welt aufrechterhal- ten bleiben. Aussagekräftiger ist hier das zweite Bild einer Unterbringen (& Beyond Soussuvlei Dessort Lodge). Eine weiße Frau wird von einem schwar- zen Mann bedient. Hier wird nochmal deutlich gemacht, dass die Weißen den Schwarzen überlegen sind. Dazu kann auch sagen werden, dass die koloniale Weltanschauung aufrechterhalten wird. Im Fokus dieser Reise stehen mehr die Tierwelt Namibias und die Landschaft. Der Tierschutz wird in Form von Besuchen von speziellen Schutzeinrichtungen thematisiert. Die Beschreibung der Straßenverhältnisse lässt vermuten, dass die Infrastruktur in Namibia rückständig ist. Es wird nur von Schotterpisten und dergleichen gesprochen, modern ausgebaute Straßen scheint es nicht zu geben. Namibia wird somit auf die Tierwelt und die landschaftlichen Besonderheiten reduziert. Es wird lediglich eine Stadt besucht, die mit einen deutschen Nordseebad verglichen und gleichgesetzt wird. Das koloniale Erbe steht hier im Vordergrund. Es gibt keine Informationen zu afrikanischen Sehenswürdigkeiten oder modernen Bauten. Das moderne Namibia existiert scheinbar nicht. Es ist ganz so als wäre die Zeit still stehen geblieben. Stolz wird auf das koloniale Erbe in Swa- kopmund hingewiesen „So ist Swakopmund ein Erlebnis für sich, ein Stück koloniales Erbe und ein afrikanisches Unikum“ (Meier´s Weltreisen, 2015b/2016). Ebenfalls lassen sich in der Reisebeschreibung kaum Informati- onen zu der namibischen Bevölkerung finden. Bei den wenigen Erwähnungen werden koloniale Begriffe wie „Buschmann“ benutzt. Das Angebot am Reise- tag 14ist eine Geparden-Beobachtung oder einen „Buschmann“-Rundgang, und es suggeriert, dass hier Tiere und die Völker Namibias gleichgesetzt sind. Es wird kein Unterschied zwischen Mensch und Tier gemacht. Auch hier ist wieder eine Herabsetzung der verschiedenen ethnischen Völker Namibias zu sehen. „Into the Wild“ vermittelt ein romantisch, luxuriöses Bild von Namibia- Reisen und suggeriert, dass das Land nur aus Tieren und weiten Landschaf- ten besteht und das die namibischen Städte identisch zu deutschen Städten sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Diskurse „Perle am Atlantik“, eigene Darstellung

Bei der Busrundreise „Eine Perle am Atlantik“ fällt direkt die sprachliche For- mulierung des Reiseverlaufs ins Auge. Der Reisende wird immer wieder direkt durch die Fragen im Text angesprochen. Der Reisende identifiziert sich dadurch gleich mit dem Reiseverlauf. Das Reiseangebot wird persönlicher und ist nicht mehr so abstrakt. Die Beschreibung des Reiseverlaufs regt die Fanta- sie des Reisenden an. Ihm wird vermittelt, dass er sich auf ein großes Aben- teuer einlässt, so wie es die ersten Pioniere taten, die nach Afrika kamen. Im Vorwort zu Reise wird gleich gefragt: Wer weiß, was Namibia noch für Sie bereithält?“. Die beigefügten Bilder zeigen gleich, was die Reise beinhaltet: Tiere, Landschaft und Kolonialbauten. Das moderne Namibia findet keine Be- achtung. Die Landschaft Namibias und die Tierwelt nehmen auch hier einen großen Teil der Reise ein. Es gibt allerdings auch Ausflüge, die über die Kultur und Tradition der ethnischen Völker Namibias informieren. Am Tag 5 wird das „Living Museum“ der Damara besucht. Im Museum wird das frühere Leben dieser Volksgruppe dargestellt. Daraus lässt sich schließen, dass Damara heute anders leben. Auch das wird in dem Museum dargestellt, findet aber keine Erwähnung in der Reisebeschreibung (http://www.lcfn.info/de/damara/programme-preise). Die Bildung eines diffe- renzierten Bildes über das Volk der Damara ist so nicht wirklich möglich. Die Bezeichnung der verschiedenen ethnischen Völker Namibias erfolgt wertneut- ral. Am Tag 12 wird beispielweise der Begriff „Einheimische“ verwendet. Das ist nach Ofuatey-Alzarad eine mögliche Bezeichnung, die nicht abwertend wirkt (Arndt and Ofuatey-Alazard, 2015, S. 683). Stadtbesichtigungen finden an Tag 6 (Swakopmund) und Tag 13 (Windhoek) statt. In beiden Reisebe- schreibungen werden auf koloniale Bauten verwiesen, moderne Gebäude oder afrikanische Bauten werden nicht erwähnt. Dabei steht direkt neben der Christuskirche der moderne Bau des National Museum of Namibia. Geschicht- liche Fakten zur Kolonialzeit finden auch keine Erwählung, ebenso wie eine kritische Hinterfragung des Kolonialismus. Die Möglichkeit des Besuchs des handwerklichen Marktes in Swakopmund besteht an Tag 6, explizit wird hier auf das handwerkliche Geschick der Menschen verwiesen. Die Reduzierung auf das handwerkliche Geschick vermittelt dass diese Menschen weit weniger entwickelt sind als die Reisenden, sie sind ihnen durch die handwerklichen Arbeiten unterlegen. Durch die fantasieanregenden Beschreibungen wird der Namibia-Urlaub als Abenteuer dargestellt, auf dem viele landschaftliche High- lights, Tiere und deutsche Vergangenheit in Form kolonialer Bauten und In- formationen zu Kultur und Tradition der ethnischen Völker Namibias den Rei- severlauf kreuzen.

Die drei unterschiedlichen Reisen sind einzeln analysiert worden. Die Reisen sprechen unterschiedliche Zielgruppen an, doch konnten einige Gemeinsam- keiten festgestellt werden. Der Schwerpunkt liegt bei allen Reisen in der Tier- beobachtung. Alle Reisen vermitteln Wissen über die landschaftlichen Beson- derheiten. In keiner der Reisen wird auf das moderne Namibia verwiesen, im Gegenteil, der Fokus liegt auf der kolonialen Vergangenheit des Landes, ohne dabei jedoch auf die Kolonialgeschichte einzugehen oder kritisch zu hinterfra- gen. Auffällig ist, dass gerade die als „Studienreise“ deklarierte Rundfahrt „Namibias Land und Leute“ häufig kolonialgefärbte Sprache nutzt, um die ein- heimische Bevölkerung zu beschreiben. Es wird zwar Wissen über die Kultur der namibischen Einheimischen vermittelt, allerdings wird hier kein differen- ziertes Bild gezeichnet. Die Aldi-Reise arbeitet die Kultur und Tradition der einheimischen Bevölkerung offensichtlich am besten auf. Auf der Selbstfahrer- rundreise ist die einheimische Bevölkerung gar kein Thema. Diese Reise hat den Fokus auf die Tiere und den Tierschutz gelegt. Die Aldi-Reise in Koopera- tion mit Berge und Meer vermittelt das differenzierteste Bild von Namibia, wo- bei es immer noch nicht sehr komplex ist und viele Elemente nicht erwähnt werden.

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Details

Seiten
32
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668364349
ISBN (Buch)
9783668364356
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346941
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Rassismus Namibia Afrika Reiseangebot Soziale Konstruktionen soziale Differenzen

Autor

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Titel: Soziale Konstruktion von Differenzen. Eine exemplarische Analyse von Namibia-Reiseangeboten