Lade Inhalt...

Von der Greed-Theorie zur Feasibility-Hypothese. Theoretischer Fortschritt oder Kapitulation vor einer aussagekräftigen Mikrofundierung?

Hausarbeit 2015 29 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Geschichte der Internationalen Beziehungen

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Seitenzahl

Vorwort

I. Mikro-Makro-Modelle
1. Begründung der Wahl eines Mikro-Makro-Modells als nalyseraster des Vergleichs
2. Die „Coleman-Esser‘sche-Badewanne“ als Prototyp eines Mehr-Ebenen-Modells

II. Die „Greed“-Theorie und die „Feasibility“-Hypothese
1. Die „Greed“-Theorie
1.0. Der ideengeschichtliche Ursprung
1.1. Vorgehen von Collier und Hoeffler in „Doing Well out of War
1.2. Die empirischen Ergebniss e
1.3. Die wahre Motivation: „Greed“ unter dem Deckmantel von „Grievance“
2. Der Kausalpfad der „Greed“-Theorie
3. Die „Feasibility“-Hypothese
3.0. Erläuterung der „Feasibility“-Hypothese
3.1. Der ideengeschichtliche Ursprung
3.2. Vorgehen von Collier et al. in „Beyond Greed and Grievance: Feasibility and Civil War“
3.3. Die Variablen der „core regression“
3.4. Die empirischen Ergebnisse
4. Der Kausalpfad der „Feasibility“-Hypothese

III. Vergleichende Gegenüberstellung
1. Der Makro-Mechanismus
2. Der Mikro-Mechanismus
3. Fokusverschiebung von der Mikro-Ebene auf die Makro-Ebene
4. Kritische Würdigung der „Greed“-Theorie
5. Kritische Würdigung der „Feasibility“-Hypothese

Literaturverzeichnis

Vorwort

Während des vergangenen halben Jahrhunderts hat Bürgerkrieg zwischenstaatlichen Krieg als die am häufigsten auftretende Form gewaltsamer Konflikte verdrängt. Einmal begonnen sind Bürgerkriege nur schwer zu stoppen. Sie dauern mehr als zehnmal so lange wie internationale Kriege und ihre Konsequenzen sind normalerweise verheerend. Leider wurde bisher viel zu selten versucht die Entstehung von Bürgerkriegen theoretisch zu erklären. Vor allem Paul Collier hat sich mit drei theoretischen Erklärungsversuchen profiliert, die allesamt bemerkenswerten Debatten und Kritik ausgesetzt worden sind. Gegenstand dieser Arbeit ist die Gegenüberstellung der „Greed“-Theorie von Collier (2000) und der „Feasibility“- Hypothese von Collier, Hoeffler und Rohner (2009), die beide das Risiko eines Landes auf einen innerstaatlichen Konflikt erklären wollen. Hierzu werden beide nacheinander vorgestellt und dann in das Mehr-Ebenen-Modell von Coleman und Esser eingebettet. So können analytisch die Stärken und Schwächen aufgezeigt werden, um die Ansätze am Ende konstruktiv kritisieren zu können.

Der Wert dieser Arbeit liegt zum einem darin, dem Leser durch die Einbettung in das Mikro- Makro-Modell die Möglichkeit zu geben die beiden Theorien eingehend durchdringen zu können, indem die üblicherweise nur verbal wiedergegebenen Theorien graphisch dargestellt werden. Erst dieses „Graphische-auf-den-Punkt-Bringen“ ermöglicht ein tiefgehendes Verständnis der postulierten Kausalität. Zum anderen ermöglicht die Einbettung in das Mikro-Makro-Modell einen systematischen Vergleich. Die Leistung dieser Arbeit besteht also darin analytisch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der „Greed“- Theorie und der „Feasibility“-Hypothese aufzuzeigen. Drittens stellt die zweifache Einbettung zwei nwendungsbeispiele der „Coleman-Esser’schen-Badewanne“ dar und zeigt dabei implizit die Vorzüge und Nachteile der Wahl dieses Analyseinstrumentes auf. Am Ende kann die Frage beantwortet werden, ob es sich bei der „Feasibilty“-Hypothese um einen theoretischen Fortschritt handelt oder ob sie als Kapitulation vor einer aussagekräftigen Mikrofundierung zu werten ist.

Sich mit den Ansätzen von Collier et al. zu beschäftigen macht Sinn, da sie zu den meistzitierten Werken der Konfliktforschung gehören und einen großen Einfluss haben.

Immer wieder werden die unterschiedlichen Ansätze jedoch als homogen dargestellt. Dass solche Darstellungen ungenügend sind, werde ich analytisch mithilfe des vor allem in der Soziologie anerkannten Analyserasters, dem Mikro-Makro-Modell nach Coleman und Esser, aufzeigen.

Das Ergebnis der Einbettung in die „Coleman-Esser’sche-Badewanne“ ist, dass die „Greed“- Theorie in einem ausdifferenzierten Mikro-Mechanismus Gier als erklärungskräftige Motivation von Individuen ausmacht, die das Risiko eines Landes auf einen innerstaatlichen Konflikt erklären soll. Dabei wird vom Menschen als ökonomischer Nutzenmaximierer ausgegangen. Nachdem mit der „Grievance“-Theorie (2004) eine zweite Theorie zur Erklärung des Bürgerkriegsrisiko entwickelt wurde, die bei der individuellen Motivation ansetzt, möchte die „Feasibility“-Hypothese vollkommen ohne Mikrofundierung auskommen und erklärt das Bürgerkriegsrisiko ausschließlich über die finanzielle und militärische Durchführbarkeit einer Rebellion: „Where rebellion is feasible it will occur“ (Collier/Hoeffler/Rohner 2009: 24). Von der „Greed“-Theorie hin zur „Feasibility“-Hypothese findet also eine Fokusverschiebung von der Mikro- auf die Makro-Ebene statt. Diese Arbeit widerspricht Opp (2013) und Esser (1993) und sieht in der „Feasibilty“-Hypothese einen theoretischen Fortschritt im Zuge eines Erkenntnisprozesses der Autoren, trotz fehlendem Mikromechanismus, weil es aufgrund der Komplexität, Permeabilität und Vielschichtigkeit der Gesellschaft und ihrer Individuum nicht möglich ist Bürgerkrieg nur aus einer bestimmten Motivation des Menschen heraus plausibel und realitätsnah zu erklären. Die „Grievance“-Theorie wird in dieser Arbeit nicht behandelt, weil sie erstens genauso wie die „Greed“-Theorie bei der Motivation des Individuums ansetzt und ich die Gegenüberstellung einer der „Motivationstheorien“ mit der „Feasibility“-Hypothese“ (die der Motivation gar keine kausale Erklärungskraft mehr einräumt) deutlich fruchtbarer finde als die Gegenüberstellung der beiden „Motivationstheorien“. Sowohl die „Greed“- als auch die „Grievance“-Theorie der „Feasibility“-Hypothese gegenüberzustellen hätte entweder den Rahmen dieser Arbeit gesprengt oder wäre auf Kosten einer nicht verantwortbaren Oberflächlichkeit passiert. Die „Feasibility“-Hypothese sollte zudem unbedingt in diese Gegenüberstellung Einzug halten, da sie der aktuellste Zugang zur Erklärung des Risikos auf einen innerstaatlichen Konflikt von Collier et al. ist.

I. Mikro-Makro-Modelle

1. Begründung der Wahl eines Mikro-Makro-Modells als Analyseraster des Vergleichs

Die explizite Ausformulierung von Mikro-Makro-Mechanismen kann zeigen, wie gehaltvoll eine Erklärung ist und gilt deshalb als eine fruchtbare theoretische Strategie. Der Grund warum man dabei auf die Mikro-Ebene zugreifen sollte ist, dass die Makro-Ebene ohne die Mikro-Ebene wie eine „black box“ ist. Man weiß also nicht, was zwischen der unabhängigen und der abhängigen Variable passiert (vgl. Opp 2009: 19). Man sollte mit einer Makro- Erklärung erst dann zufrieden sein, wenn man die Prozesse auf der Individualebene kennt, die zu dem kollektiven Ergebnis geführt haben. Im Anschluss an Prosch (Prosch 2008: 4188) halte ich die „Coleman-Esser’sche Badewanne“ deshalb als durchaus fruchtbar für soziologische Erklärungen und für ein sinnvolles Analyseinstrument des hier angestrebten Vergleichs.

2. Die „Coleman-Esser’sche-Badewanne“ als Prototyp eines Mehr-Ebenen-Modells

In die soziologische Debatte wird das Modell von Coleman (Coleman 1986: 1310ff)

eingeführt, um Webers Theorie der Entstehung des Kapitalismus aus dem Geist des

Protestantismus zu rekonstruieren. Ziel dieser Rekonstruktion ist das Aufzeigen von Defiziten einer Makro-Makro-Erklärung. Esser (Esser 1993: 98ff) erweitert diese Metatheorie methodisch um die Konzepte der Logik der Situation, die Logik der Selektion und die Logik der Aggregation. In der Folgezeit erreicht Essers Modell der soziologischen Erklärung immer stärker den Status einer eigenständigen Sozialtheorie (vgl. Greve/Schnabel/Schützeichel 2008: 7). Die von Esser für die Soziologie angepasste Coleman’sche Badewanne wird meist wie in Abb. 1 dargestellt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Quelle: (vgl. Greve/Schnabel/Schützeichel 2008: 1)

Mit folgendem Satz erklärt Esser seine Erweiterung der Makrotheorie von Coleman: „Der makrosoziologische Zusammenhang, das „strukturelle“ Gesetz, wird ausschließlich als ein indirekter Effekt über die Mikrofundierung interpretiert und „tiefenerklärt““ (Esser 1993: 100). Um eine unnötige Wiederholung zu vermeiden und das Modell verständlicher werden zu lassen, wird das Modell nun nicht explizit erklärt. Eine ausführliche Erläuterung der „Coleman-Esser’schen-Badewanne“ erfolgt während ihrer konkreten Anwendung später. Kurz zusammengefasst lässt sich aber sagen, dass das Ziel der Anwendung der „Coleman- Esser’schen-Badewanne“ ist, ein Kausalmodell explizit als Mikro-Makro-Modell zu konstruieren. Dabei gilt es immer die Frage zu klären: Wie werden Mikro- und Makroebene miteinander verbunden?

II. Gegenüberstellung der „Greed“-Theorie und der „Feasibility“-Hypothese

1. Die „Greed“-Theorie

1.0. Der ideengeschichtliche Ursprung

Bereits 1998 untersuchen Paul Collier und Anke Hoeffler, ob die Entstehung von

Bürgerkriegen wirtschaftliche Gründe hat. Das analytische Framework, das sie entwickeln, stützt sich auf Grossman (1995), Azam (1995) und Hirshleifer (1987). Diese behaupten: Krieg ist mit einem Kosten-Kalkül verbunden. Auf die Frage, wann Rebellen einen Bürgerkrieg durchführen werden, finden Collier und Hoeffler die ntwort: „rebels will conduct a civil war if the perceived benefits outweigh the costs of rebellion.“ (Collier/Hoeffler 1998: 563). Wie Grossmann versuchen sie den Nutzen und die Kosten von Rebellion in einem Bürgerkrieg algebraisch zu modellieren. Dabei stellen sie eine Formel auf, für (1) die Entscheidung von Rebellen einen Krieg anzufangen, (2) den Nutzen von Rebellen, (3) den Startzeitpunkt eines Bürgerkrieges und (4) die maximal erwartete Dauer eines Bürgerkrieges. (vgl. Collier/Hoeffler 1998: 565). Diese Annahmen werden per Regressionsanalyse getestet. Zusammenfassend machen sie als Anreiz für Krieg die Möglichkeit aus Erfolg zu haben und von dessen Konsequenzen zu profitieren (Collier/Hoeffler 1998: 564). Daraus entwickeln sie eine einfache Aufstellung, wann der Anreiz für einen Bürgerkrieg steigt und wann er sinkt: “The incentive for rebellion was increasing in the probability of victory, and in the gains conditional upon victory, and decreasing in the expected duration of warfare and the costs of rebel coordination.” (Collier/Hoeffler 1998: 571). 2000 wird aber auf die Ausdifferenzierung der Befunde in mathematischen Formeln verzichtet. Das Ländersample wird erweitert (von 98 auf 161 Länder) und es werden detailliertere Ausführungen zum theoretischen Hintergrund der Befunde formuliert.

1.1. Vorgehen von Collier in „Doing Well out of War“

Collier untersucht 2000 erneut statistisch die globalen Muster von „large-scale civil conflicts“. Sein Ziel ist wieder Muster in der Entstehung von Bürgerkriegen herauszufinden. Dabei leitet er individuelle Motivation aus beobachtetem Verhalten ab. Er behauptet, dass es zwei mögliche Motivationen für das Beginnen eines Bürgerkrieges gibt: „Greed“ (Gier) und „Grievance“ (Groll). Hinter Gier steckt die Motivation viele Ressourcen zu erbeuten. Diese Motivation nennt er Handeln entlang einer „ökonomischen genda“ (vgl. Collier 2000: 95). Auf der ökonomischen Agenda befinden sich Möglichkeiten der Rebellen, sodass Gier : “the economic opportunity to fight” (Murshed/Tadjoeddin 2009: 4) meint. Diese Möglichkeiten können in drei Komponenten disaggregiert werden: Finanzierung, Rekrutierung und Geographie (Murshed/Tadjoeddin 2009: 4). Hinter Groll dagegen steht das Ziel, das Land oder die Gruppe von Menschen, mit denen man sich identifiziert, von einem als ungerecht empfundenes Regime zu befreien (Collier 2000: 92).

1.2. Die empirischen Ergebnisse

Collier erwartet eine enge Beziehung zwischen Messungen von Hass und Groll und dem Auftreten und der Häufigkeit von Konflikten zu finden. Stattdessen findet er heraus, dass die ökonomische Agenda zentral dabei ist zu verstehen, warum Bürgerkrieg beginnt. „Greed“ scheint die entscheidende Erklärung zu sein, nicht „Grievance“ (Collier 2000: 96), wie es im vorherrschenden Diskurs über Konflikte häufig angenommen wird: „Die wahre Ursache von vielen Bürgerkriegen ist nicht der laute Diskurs des Grolls, sondern der leise Zwang der Gier.“ (Collier 2000: 101). Bezüglich der Möglichkeit der Finanzierung arbeitet er heraus, dass die häufigste Quelle von Rebellenfinanzierung natürliche Ressourcen sind. Als Indikator der Abhängigkeit eines Landes von diesen grundlegenden Rohstoffen („primary commodities“) verwendet er den Anteil der Rohstoffexporte am BIP. Ein Land, das grundlegende Rohstoffe exportiert, erhöht deshalb sein Konfliktrisiko viermal gegenüber einem Land, das dies nicht tut. Dieser Befund ist statistisch hochsignifikant (Collier 2000: 97).

Seine Annahme zur Möglichkeit der Rekrutierung lautet: Je besser die Bildung, desto geringer das Konfliktrisiko. Bildung ist dabei relativ gesehen noch wichtiger als der Anteil an jungen Männern. Ein Land mit vielen natürlichen Ressourcen, vielen jungen Männern und geringer Bildung ist weit mehr konfliktanfällig als eines mit den gegensätzlichen Charakteristika. Als Indikator der Einkommensmöglichkeit wählt er die Menge an Bildung in der Gesellschaft, genauer die durchschnittliche Anzahl an Bildungsjahren, die ein Mensch in der Gesellschaft erhält. Murshed nennt den Befund, den die Autoren mithilfe dieser Indikatoren gewinnen: „Armutsfalle“ (Murshed/Tadjoeddin 2009: 3), die Rebellion für einen jungen Mann attraktiver macht. Rekrutierung ist also laut der „Greed“-Theorie vor allem erfolgreich bei einem hohen Anteil junger Männer in der Bevölkerung, die schlecht gebildet und Armut ausgesetzt sind. Wenn junge Männer nur mit der Option der Armut konfrontiert sind, neigen sie eher dazu sich einer Rebellion anzuschließen, als wenn sie andere, bessere Möglichkeiten haben.

Die Erfassung der Möglichkeiten des Handelns entlang der „ökonomischen genda“ besteht also aus „grundlegenden Rohstoffen“, dem „ nteil junger Männer an der Gesellschaft“ und der „ usstattung an Bildung“. Collier hält fest, dass noch viele Faktoren auf der ökonomischen Agenda denkbar sind, wie z.B. Rüstungshandel und Möglichkeiten bürokratischer Korruption. Die meisten von ihnen seien aber schwierig in vergleichender Hinsicht zu messen und werden deshalb aus seiner Analyse ausgeschlossen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Anhaltspunkte der Konfliktursachen weisen auf wirtschaftliche Faktoren als die Hauptursachen von Konflikten hin. Die Kombination vieler Exporte grundlegender Ressourcen, ein niedriges Bildungsniveau, ein hoher Anteil junger Männer und wirtschaftlicher Niedergang erhöhen das Risiko drastisch: „Greed seems more important than grievance“. (Collier 2000: 104)

1.3. Die wahre Motivation: „Greed“ unter dem Deckmantel von „Grievance“

Wie Murshed richtig herausarbeitet, behauptet Collier, dass Gier “elite competition over valuable natural resource rents, concealed with the fig leaf of collective grievance” (Murshed/Tadjoeddin 2009: 1) reflektiert. Die Theorie behauptet, dass es die rationalste Entscheidung ist, sich als Rebell von Gier leiten zu lassen, aber in der Öffentlichkeit dies unter dem Deckmantel von Groll zu tarnen. Collier behauptet, dass sich auf Groll anstatt auf Gier als Motivation zu berufen drei Vorteile hat (Collier 2000: 95f). Zum einen ist es extern weit funktionaler, weil es vor der internationalen Gemeinschaft besser wirkt. Zum anderen ist es ist auch persönlich weitaus überzeugender. Schließlich ermöglicht es der Bezug auf Groll zusätzliche Rekruten billiger zu bekommen, weil hasserfüllte Rekruten nicht auf eine hohe Besoldung aus sind. Er argumentiert also, dass beide - groll- und gier-motivierte Rebellenorganisationen- ihr Verhalten in Erzählungen von Groll einbetten und dass die Untersuchung dieser Erzählungen deshalb keinen informativen Inhalt liefert bezüglich der „wahren“ Motivation der Rebellen. (Collier 2000: 93)

2. Der Kausalpfad der „Greed“-Theorie

Collier möchte in der „Greed“-Theorie, wie bereits 1998, erklären, wie und warum Bürgerkriege entstehen. Es ist dann wahrscheinlich, dass ein Bürgerkrieg ausbricht, wenn es in dem Land ein hohes Konfliktrisiko gibt. Sie wollen also erklären, wie es zu einem hohen Konfliktrisiko in einem Land kommt. Dabei geht er implizit von einer sozioökonomischen und sozialen Unzufriedenheit in der Bevölkerung aus, indem er sich häufig auf Entwicklungsländer bezieht, in denen dies der Fall ist. Collier differenziert die soziale Situation, aus der heraus er argumentiert, allerdings nicht ausdrücklich aus. Unschwer zu erkennen, kann dieser Makro-Makro-Zusammenhang zwischen sozioökonomischer und sozialer Unzufriedenheit und einem hohen Risiko auf einen innerstaatlichen Konflikt, genau wie Esser es behauptet, nur eine Korrelation darstellen. Um die kausalen Zusammenhänge hinter Colliers Theorie zu verstehen, ist es notwendig nun den expliziten Kausalpfad über die Mirko-Ebene zu rekonstruieren. Um von der sozialen Situation auf das Individuum schließen zu können, bedarf es laut Esser der Logik der Situation (Esser 1993: 94ff.). Durch diese Logik der Situation wird festgelegt, welche Bedingungen in der Situation gegeben sind. Diese Festlegung geschieht bei Collier und Hoeffler ganz explizit: Manche Gruppen würden in dieser Situation der Unzufriedenheit von einem Konflikt profitieren, da innerstaatliche Konflikte wirtschaftliche Möglichkeiten für eine Minderheit der Akteure ermöglichen, auch wenn die Möglichkeiten für die Mehrheit dabei zerstört werden (Collier 2000: 92). Die Logik der Situation verlangt die Formulierung einer Kontexthypothese, die gegebenenfalls von Brückenhypothesen gestützt wird (vgl. Opp 2013: 113). Die Kontexthypothese drückt dabei aus, wie gesellschaftliche Strukturen auf Wahrnehmung und Entscheidungsmöglichkeiten von Akteuren einwirken können. Collier und Hoeffler legen ihrer „Greed“-Theorie klar das theoretische Modell eines Nutzenmaximierers des „homo oeconomicus“ zu Grunde. Mit diesem Modell legen die Autoren eine exogenisierte, eindeutige Handlungslogik und Präferenzstruktur des Individuums fest, nämlich die Maximierung ökonomischer Ressourcen: „The rules of the game are clear: agents are rational, and act by materialistic motivations“ (Sanin 2004: 3).

Damit grenzt sich der Kausalpfad der „Greed“-Theorie klar von konstruktivistischen Theorien ab, die davon ausgehen, dass Strukturen Individuen prägen. Der Mensch ist in der „Greed“- Theorie also unabhängig von der sozialen Situation ein ökonomisch-nutzenmaximierendes, gieriges Individuum. Die Kontexthypothese, die der „Greed“-.Theorie am ehesten entspricht, ist folgende: Je höher die sozioökonomische und politische Unzufriedenheit, desto stärker verhält sich der Mensch ökonomisch nutzenmaximierend. Diese Formulierung soll keinesfalls einen konstruktivistischen Eindruck beim Leser suggerieren. Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass der Mensch in der „Greed“-Theorie als ökonomischer Nutzenmaximierer per se betrachtet wird. D.h. die Unzufriedenheit ist nicht die Ursache des Seins des Menschen, sondern verschärft nur die Präferenzrelation der Präferenzordnung eines jeden Individuums, in der „Greed“ als handlungsanleitende, intrinsische Motivation fungiert. Um die Kontexthypothese besser zu verstehen, bedarf es der bereits erwähnten Brückenhypothese, die die Verbindung zwischen der objektiven Situation, den subjektiven Motiven und dem subjektiven Wissen der Akteure herstellt. Aus der Verschärfung der Präferenzrelation bei soziökonomischer und sozialer Unzufriedenheit lässt sich die Kontexthypothese auf folgende Brückenhypothese der „Greed“-Theorie stützen: Je ärmer und ungebildeter Menschen sind, desto gieriger werden sie, da arme und ungebildete Menschen einen besonders hohe Motivation haben viele Ressourcen zu erbeuten und auf ihrer Präferenzordnung die ökonomische Nutzenmaximierung besonders alternativlos ist. Eine Mikrofundierung wurde übrigens bereits 1998 bedacht: „The framework treats the rebels as a single agent.“ (Collier/Hoeffler 1998: 565).

Die Logik der Selektion stellt die kausale Beziehung zwischen den situativen Erwartungen und Bewertungen beim Akteur und dessen Handeln her. Aus Logik der Selektion entsteht also soziales Handeln. Selektieren kann das „gierige“ Individuum aus den lternativen: Friedlich und inaktiv bleiben oder rebellieren. Dies ist aber keine Entscheidung, die spontan und unüberlegt getroffen wird, sondern das klare Ergebnis eines Kosten-Nutzen-Kalküls des Individuums. Collier und Hoeffler gehen anhand ihrer Befunde von einer eindeutig ökonomischen Präferenzstruktur des Individuums aus: „die ökonomische Agenda erscheint zentral dabei zu verstehen, warum Bürgerkrieg beginnt“ (Collier 2000: 92), An dieser Stelle lässt sich Essers Wert-Erwartungstheorie als Rational-Choice-Selektionsregel wunderbar verwenden, um die Nutzenerwartung der beiden Handlungsmotive zu modellieren, denn die Wert-Erwartungstheorie ist ein Entscheidungsmodell, mit dem ein kteur „genau die Alternative wählt, bei der die sog. Nutzenerwartung maximiert wird" (Esser 1996: 95). Um die Nutzenerwartung zu bestimmen, wird der Nutzen, den der Akteur mit der aus der Handlungsalternative resultierenden Handlungsfolge verbindet, mit der Wahrscheinlichkeit, dass die Folge bei Wahl der Handlungsalternative tatsächlich eintritt, multipliziert. Anders als Esser es nahelegt wird auf eine konkrete Berechnung der Nutzenerwartung einer Handlungsalternative verzichtet, da die Festsetzung der Wahrscheinlichkeitswerte so gut wie immer willkürlich erfolgen muss und bei einer konkreten Berechnung immer nur ein Akteur berücksichtigt werden kann (Miebach 2006: 403). Der Menschen entscheidet sich dann für die Partizipation an der Rebellion, wenn die Situation so geartet ist, dass diese Entscheidung den Reichtum wahrscheinlich eher vermehrt als weitere Inaktivität. Wenn der Nutzen einer Rebellion groß ist, also wenn die Partizipation daran potentiell viel wirtschaftlichen Ertrag verspricht und es wahrscheinlich ist, dass dieser Nutzen auch tatsächlich eintritt, ist die Nutzenerwartung der Partizipation an einer Rebellion hoch und mit ihr die Motivation zur Rebellion. Dies führt zu folgender Entscheidungsregel: Je größer die potentiellen Gewinne durch eine Rebellion sind und je einfacher diese zu erlangen sind, desto wahrscheinlicher schließt sich ein Individuum aus ökonomischen Kalkül heraus einer Rebellion an. Durch die eindeutige Präferenzstruktur der Akteure ist die Logik der Selektion in der „Greed“-Theorie also exogen angenommen und nicht variabel.

Um den letzten Schritt von der Mikro-Ebene (und der Motivation zur Partizipation eines Individuums an einer Rebellion) auf die Makro-Ebene (und dem Risiko eines Landes auf einen innerstaatlichen Konflikt) zu verstehen, bedarf es der Logik der Aggregation. Diese übersetzt individuelle Entscheidungen in kollektive Effekte und legt fest, wie sich die Handlungsfolgen zu dem zu erklärenden Makro-Phänomen aggregieren (Miebach 2006: 400). Als Transformationsmodell innerhalb der Logik der Aggregation wird hier auf Essers „Frame-Skript-Model“ zurückgegriffen. llerdings wird es ähnlich wie die Wert- Erwartungstheorie nicht in formalisierter, algebraischer Form Anwendung finden, da diese Formalisierung erst interessant wird, wenn man sie auf eine Vielzahl von sozialen Situationen vergleichend angewendet (vgl. Miebach 2006: 424), was vorliegend nicht der Fall ist. Das „Frame-Skript-Modell“ (Esser 1999: 56) ist ein Modell der Situationsanalyse ist.

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668363618
ISBN (Buch)
9783668363625
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v347037
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Collier Hoeffler Rohner Greed Grievance Feasibility Theorievergleich Coleman Esser Mikro-Makro-Modell

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Von der Greed-Theorie zur Feasibility-Hypothese. Theoretischer Fortschritt oder Kapitulation vor einer aussagekräftigen Mikrofundierung?