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"Enorm in Form". Gesundheitsförderung bei übergewichtigen oder adipösen Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

Projektarbeit 2016 54 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Ausgangssituation für das Projekt ‚Enorm in Form‘
2.1 Organisatorische und institutionelle Rahmenbedingungen
2.2 Problemanalyse
2.3 Projektzielgruppe
2.4 Prozessbezogene Operationalisierung
2.5 Strukturbezogene Operationalisierung

3 Projektverlaufsbeschreibung
3.1 Projektorganisation
3.2 Projektplanung und Vorbereitungsphase
3.2.1 Arbeitspaket 1: Projektvorstellung
3.2.2 Arbeitspaket 2: Teamberatung
3.2.3 Arbeitspaket 3: Erfassung des Ist-Standes
3.2.4 Arbeitspaket 4: Eltern- und Kinderinformationsabend
3.2.5 Arbeitspaket 5: Projektteamberatung
3.3 Projektrealisierung
3.3.1 Arbeitspaket 6: Einführungsveranstaltung
3.3.2 Arbeitspaket 7: Bewegungstherapie
3.3.3 Arbeitspaket 8: Bewegungstherapie mit den Eltern
3.3.4 Arbeitspaket 9: Abschlusssportprogramm mit Eltern
3.3.5 Arbeitspaket 10: Elternabend

4 Projektevaluation
4.1 Evaluationsgegenstand
4.2 Bewertungsmethoden
4.3 Evaluationsbericht
4.3.1 Datenauswertung: Eltern und Fachpersonal des ÜFZ
4.3.2 Datenauswertung: Hauswirtschaftliches Personal
4.3.3 Datenauswertung: Beteiligte Kinder

5 Fazit

Literaturnachweise

Internetquellen

1 Einleitung

Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen unterliegt in öffentlichen Diskursen einer wachsenden Bedeutung. Schaut man sich das Angebot von ungesunden Lebensmitteln[1] für Kinder an, scheint es nicht grundlos besorgniserregend zu sein, dass mittlerweile 15 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen übergewichtig und 6 Prozent davon sogar adipös sind[2]. Hinsichtlich dieser Fakten sind überproportional häufig behinderte Kinder und Jugendliche betroffen.[3] So leben nach Hochrechnungen in Deutschland etwa 28 Tausend übergewichtige und 20 Tausend adipöse Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.[4] Demgemäß gelangen inzwischen alle Verantwortlichen zu der Erkenntnis, dass gesundheitliche Problemlagen im Kindesalter perspektivisch Konsequenzen auf Gesundheit und Krankheit im weiteren Leben mit sich bringen.[5] Da besonders in der Kindheit zentrale gesundheitsrelevante Verhaltensmuster geprägt werden, ist es überaus wichtig, entsprechende Rahmenbedingungen für eine gewinnbringende Realisierung von Gesundheits- und Präventionsprogrammen zu schaffen. Hier bietet die Institution Schule als wesentlicher Teil der Lebenswelt der Kinder den idealen Zugang, um Gesundheitsprinzipien im Bewusstsein der Heranwachsenden zu verankern.[6]

Entsprechend des zuvor kurz beschriebenen Problemaufrisses besteht die dringende Notwendigkeit effektiver Präventions- und Interventionsstrategien zur Übergewichtsreduktion beeinträchtigter Menschen insbesondere vor dem Hintergrund der Verbesserung ihrer sozialen Teilhabe.[7]

Das folgende Projekt stellt eine gesundheitsfördernde Maßnahme für adipöse Kinder im überregionalen Förderzentrum für körperlich und geistig behinderte Kinder[8] dar. In dieser Einrichtung arbeite ich als leitende Physiotherapeutin inmitten eines multiprofessionellen Teams, welches sich zusammensetzt aus Sonderpädagogen[9], Logopäden, Ergotherapeuten, klassenbegleitendem Personal mit sonderpädagogischer Aufgabenstellung[10] und einem Schulpsychologen. Zudem betreut ein Allgemeinmediziner die Schüler schon über mehrere Jahre medizinisch.

Der vorliegende Projektbericht stellt einen Überblick der Planung, Durchführung und Evaluation des Projektes ‚Enorm in Form‘ dar. Dazu wird anfänglich die Ausgangssituation des Projektes inbegriffen der institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen, einer Problemanalyse sowie der Projektzielgruppe dargelegt. Entsprechend der aufgezeigten Problemanalyse werden die Ziele und Handlungsleitlinien entwickelt, welche der anschließenden Projektplanung zugrunde liegen. Der darauf folgende Projektverlauf wird mittels eines Projekttagebuches veranschaulicht und evaluiert. Ineinem abschließenden Fazit wird zusammenfassend dargelegt, ob das Projektwirkungsziel nachhaltig erreicht werden konnte und in welchem Maß die Handlungsschritte des Fachpersonals dazu beigetragen haben. Diese Ergebnisse und Erkenntnisse können dann in den praktischen Arbeitsverlauf mit einbezogen werden, z. B. zur Übertragung auf ähnliche Projekte und deren Optimierung. Der Ergebnisdarstellung folgen Erkenntnisse, wie durch Prozessveränderungen Projekte optimiert und neue Handlungsleitlinien abgeleitet werden können.[11]

2 Ausgangssituation für das Projekt ‚Enorm in Form‘

Die Idee, ein sport-, ernährungs- und verhaltensbezogenes Therapieprojekt für behinderte adipöse Kinder und Jugendliche im ÜFZ zu gestalten, entstammt dem seit 1998 laufenden Projekt „Moby Dick“. Dies ist ein ambulantes Langzeitprogramm, welches in Hamburg gegründet und für übergewichtige Heranwachsende ohne Handicap und deren Eltern konzipiert wurde. Das hier vorgestellte Projekt ‚Enorm in Form‘ musste, um den Bedürfnissen der behinderten Kinder zu entsprechen, in ein zielgruppenspezifisches Therapieangebot modifiziert werden.[12]

Für dieses Projekt werden neben der Betrachtung aus medizinischer Perspektive, ernährungs- und sportwissenschaftliche sowie soziologische Gesichtspunkte unter der Berücksichtigung von Lebensstilaspekten und risikotheoretischen Zusammenhängen von Bedeutung sein. Ferner erfolgen Bezüge- zur gesundheitlichen- und sozialen Chancengleichheit, zum gesundheitsfördernden Ernährungs- und Bewegungsverhalten und zur Verhaltensprävention. So werden die Lebensumstände der Kinder berücksichtigt und ihre gesamte Familie in das Programm einbezogen. Denn letztlich folgt das Konzept dem Modell der Salutogenese von Antonovsky[13], welches dem Einzelnen und der Gemeinschaft hilft, ein Gesundheitsgefühl durch Aktivierung gesundheitsfördernder Ressourcen, Kompetenz und Eigenverantwortung zu entwickeln.

Die Planung, Durchführung und Evaluation des Projektes im Rahmen der Qualitätssicherung und zur Überprüfung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen erfolgte auf der Grundlage des Setting-Ansatzes zu den Leitlinien Qualitätszentrierter Schulentwicklung (QZS) und der von der BZgA[14] entwickelten Qualitätskriterien für Präventions- und Therapieprogramme bei Übergewicht und Adipositas von Kindern und Jugendlichen sowie den konsensbasierten Leitlinien der AGA[15] zur Diagnostik, Therapie und Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Der Setting-Ansatz stellt eine innovative strategische Konzeption dar, wenn Veränderungen in komplexen Systemen unter gesundheitsförderlichen Bedingungen angeregt werden sollen und gilt als Strategie zur Umsetzung von Gesundheitskonzepten auf der Ebene von Organisationen. Die Entwicklung eines Settings durch Gesundheit erfordert, dass die Rahmenbedingungen von Gesundheit, die durch die Organisation selbst geschaffen werden, zu gestalten sind. Dabei hat ein entsprechend ausgerichtetes Schulmanagement die eigenverantwortlich gestaltete Qualitätsentwicklung zum Ziel und bringt diese in Übereinstimmung mit dem an die Institution Schule gerichteten Auftrag zur Gesundheitserziehung und -bildung. Dies hat zur Folge, dass auf der Ebene der gesamten Organisation Voraussetzungen geschaffen werden, die es ermöglichen, diesen Auftrag zur Gesundheitserziehung und -bildung nachhaltig zu erfüllen[16].

Insofern fand zur Realisierung des Projektes im Rahmen des Projektmanagements eine umfassende Projektplanung statt, welche in einem konkreten Meilenstein- und Maßnahmeplan mündete und mit einer systematischen Evaluation beendet wurde.

2.1 Organisatorische und institutionelle Rahmenbedingungen

Im Rahmen der Projektvorbereitung und -durchführung müssen zunächst die Leiterin des Förderzentrums als Vertreter des Trägers sowie der die Einrichtung betreuende Allgemeinarzt, der Diätkoch, der Psychologe, die Wirtschaftsleiterin, die Sonderpädagogen und das zur Begleitung der Kinder notwendige Personal zur interdisziplinären Zusammenarbeit gewonnen werden. Hier bietet das ÜFZ optimale personelle und fachliche Voraussetzungen. Die Projektleitung sowie auch das Bewegungsmodul werde ich als leitende Physiotherapeutin übernehmen. Der Allgemeinmediziner, der über eine ernährungsmedizinische Qualifikation verfügt und seit langem die Kinder und Jugendlichen des ÜFZ betreut, sowie der angestellte Schulpsychologe mit verhaltenstherapeutischer Expertise können die medizinische Begleitung und die verhaltenstherapeutischen Interventionen absichern. Ein in der schuleigenen Küche angestellter Diätkoch garantiert die Ernährungsschulung sowie die Kochpraxis und wird nach den Leitlinien der DGE[17] gesonderte Mahlzeiten in Form der optimierten Mischkost[18] für die betreffenden Kinder zubereiten.

Bedeutend in der Projektorganisation ist, dass die Rollen und Kompetenzen der Leitung und des Teams geklärt werden und der Projektleiterin eine gesamtverantwortliche Projektrolle zukommt. Neben der Führung umfasst diese Rolle die Koordinierung, die Motivation und das Controlling des Prozesses. In dieser organisierten Formation sollen in der Vorbereitungsphase und in der Durchführungsphase jeweils zwei Projektteamsitzungen und zur Projektevaluation eine Teamsitzung stattfinden. Da Planungsdaten sich während eines Projektes verändern können, besteht die Notwendigkeit diese auf ihre Richtigkeit zu prüfen, auszuwerten und unter Umständen anzugleichen. Die praktische Umsetzung dieses Faktums erfolgt in den Teamsitzungen des ÜFZ, welche alle zwei Wochen stattfinden.[19]

Das Projekt ist für die Dauer von sechs Monaten geplant. Wenn das Interventionsziel in einer nachhaltigen Gewichtsreduktion und umfassenden Verhaltensmodifikation besteht, sollte es sich wenigstens über sechs Monate erstrecken.[20]

Bedeutend für die Auswahl der Räumlichkeiten ist neben der erforderlichen behindertengerechten Ausstattung auch die barrierefreie Erreichbarkeit. Diese Ansprüche erfüllt ein großer und gut ausgestatteter Sportraum in der eigenen Sporthalle des ÜFZ. Dieser würde dann für die Laufzeit des Projektes einmal in der Woche für zwei Stunden genutzt werden können, um die Verhaltens- und Bewegungsangebote zu vermitteln. In zwei weiteren Stunden der Woche können die Kinder die behindertengerecht ausgestattete Lehrküche des ÜFZ zur Vermittlung von Kenntnissen zur Ernährungsumstellung nutzen, um ihre alten Ernährungsgewohnheiten abzulegen. In dieser Zeit würde der Diätkoch den Mitwirkenden Wissen zur gesunden und ausgewogenen Ernährungsweise anhand des DGE-Ernährungskreises[21] vermitteln und durch gemeinsame Zubereitung von Mahlzeiten diese praktisch vertiefen. Zusätzlich finden in einem Schulungsraum der Einrichtung regelmäßige Elternabende statt, welche Fragestunden sowie Fortbildungen beinhalten und einen festen Bestandteil des Projektes bilden.

2.2 Problemanalyse

Mit einem kurzen Exkurs werden im Folgenden die Begriffe Übergewicht und Adipositas definiert. Diese werden im allgemeinen Sprachgebrauch zumeist synonym verwendet. Medizinisch betrachtet ist das nicht korrekt, denn Übergewicht bedeutet einen erhöhten Anstieg des körpergrößenbezogenen Körpergewichtes. Hingegen zeigt das Bild der Adipositas gegenüber der Gesamtkörper-Masse einen pathologisch erhöhten Körperfettanteil, der gesundheitsgefährdend und behandlungsbedürftig ist.[22] Übersteigt die Energiezufuhr über längere Zeit den individuellen Energieverbrauch, entstehen Übergewicht und Adipositas, wobei letztere als multifaktorielle Erkrankung gilt, da genetische sowie auch soziale Faktoren ursächlich zusammen wirken.[23]

Bei Erwachsenen hat sich für die Messung des Übergewichts der Body-Mass-Index (BMI) international durchgesetzt. Der BMI ist definiert als das Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Meter. Da der BMI bei Kindern und Jugendlichen von den alters- und geschlechtsabhängigen physiologischen Veränderungen der Körpermasse abhängig ist, können keine genauen Grenzwerte bestimmt werden. Um in Deutschland einheitliche Definitionen heranzuziehen, hat sich die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) darauf geeinigt, die BMI-Kategorien über bestimmte Perzentilen dieser Referenzdaten wie folgt zu definieren:

- Übergewicht: BMI-Perzentile > 90 - 97
- Adipositas: BMI-Perzentile > 97 - 99,5
- Extreme Adipositas: BMI-Perzentile > 99,5.[24]

Die Prävalenz von übergewichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Industriestaaten stetig angestiegen. Verschiedene nationale sowie internationale Fachliteratur und Studien dokumentieren einstimmig, dass behinderte Kinder und Jugendliche im Vergleich zur nichtbehinderten Altersgruppe häufiger zu Übergewicht und Adipositas tendieren. Basierend auf den repräsentativen Daten der KiGGS-Studie ist in Deutschland mit etwa 28 Tausend übergewichtigen und 20 Tausend adipösen Kindern und Jugendlichen zu rechnen.[25] Zudem erhöht Übergewicht bzw. Adipositas im Kindes- und Jugendalter die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener ebenfalls übergewichtig oder gar adipös zu werden.[26] Neben den Auswirkungen wie metabolische Störungen (z. B. Bluthochdruck), Diabetes mellitus Typ 2 (Altersdiabetes) oder Herzkreislauf- und Skeletterkrankungen besteht eine enorme psychosoziale Belastung für die Heranwachsenden. Auf Grund ihres Übergewichtes werden sie oftmals stigmatisiert und diskriminiert, was wiederum das Selbstwertgefühl negativ beeinflusst und perspektivisch zur sozialen Isolation und zu psychosozialen Verhaltensstörungen führen kann.[27] Zudem wächst die Tendenz zu Ausgrenzungen mit zunehmendem Alter, da besonders Jugendliche ein gängiges Schönheitsideal verfolgen und sie somit Übergewichtige und deren Körperbild negativ darstellen. Ferner reduziert es die Beweglichkeit und erschwert sich modisch zu kleiden.[28]

Die Ursachen dieser Problematik im Kontext behinderter Kinder und Jugendlicher lassen sich als multikausal beschreiben. Als eine aussagekräftige Komponente stellt sich hier die soziale Herkunft der behinderten Kinder und Jugendlichen dar, welche grundsätzliche Auswirkungen auf deren Gesundheitsverhalten und –zustand haben. So erhöht sich mit Abnahme der Schichtzugehörigkeit die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas. Diese Tatsache lässt sich zurückführen auf ungesunde Essgewohnheiten, familiäre Belastungen und ungenügende körperliche Aktivitäten. Teilweise kommt noch erschwerend die Nichtinanspruchnahme therapeutischer und pädagogischer Hilfe hinzu. Behinderte Kinder und Jugendliche wachsen, wenn auch nicht generell feststellbar, oftmals in derartigen benachteiligten Lebensbedingungen auf.[29] Diese niedrige sozioökonomische Sachlage ist oftmals gepaart mit defizitären und inkonsequenten Erziehungsstilen innerhalb der familialen Strukturen. Überdies sind sich die Eltern einer Vorbildfunktion hinsichtlich ihrer Verhaltensweisen oftmals nicht bewusst. Somit fehlen ihren Kindern positive Modelle. Die Auswirkungen dessen zeigen sich häufig in einer emotionalen Überforderung der Heranwachsenden, wobei die vermehrte Nahrungsaufnahme als ‚kompensatorisches Ventil‘ genutzt wird.[30] Besonders gravierend ist der Aspekt, wenn Essen als Instrument für Belohnung oder Bestrafung eingesetzt wird. In diesem Fall wird Nahrung als Symbol für emotionale Zuwendung missbraucht oder bei sanktioniertem Essensverzicht als schmerzlicher Verlust erlebt.[31] Überdies neigen einige Eltern dazu durch übermäßige Gabe von Süßigkeiten ihre behinderten Kinder ruhig zu stellen, ihnen eine Freude bereiten oder sie trösten zu wollen oder einfach nur deren Langeweile zu bekämpfen.[32]

Ein weiterer Aspekt ist, dass behinderte Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer physischen, sensorischen und kognitiven Beeinträchtigungen oftmals nicht an speziellen Sportarten oder Breitensport teilnehmen können. Dazu erschweren z. B. komplizierte Primärerkrankungen sowie Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen die aktive Teilnahme am Sport. Eine aktive Bewegung ist aber auch durch einen immer noch unzureichenden behindertengerechten Sozialraum eingeschränkt. So stellen z. B. zu enge, teils defekte Gehwege oder fehlende Rampen besonders für Rollstuhlfahrer gravierende Bewegungsbarrieren dar. Aber auch unsichere oder zur Überbehütung neigende Eltern nehmen ihren beeinträchtigten Kindern jegliche aktive Bewegung aus Angst vor Verletzungen. Aufgrund der eingeschränkten Teilhabe behinderter Kinder entsteht ein Gefühl der Isolation, welches mit vermehrter Nahrungsaufnahme versucht wird zu kompensieren. Ferner verursacht ein überhöhter Medienkonsum (Fernsehen, Computer) bei den betroffenen Kindern einen Bewegungsmangel, der die Gewichtsproblematik noch verstärkt.[33]

Als Gesetzesgrundlage wurden im SGB IX wichtige Aspekte der ICF[34] aufgenommen, um behinderte Menschen bei Leistungen zur Teilhabe zu unterstützen. Dennoch stellen übergewichtige und adipöse behinderte Kinder und Jugendliche eine bislang kaum beachtete Gruppe in unserem Gesundheitssystem dar. Das liegt zum einen an ungeklärten Finanzierungsplänen und zum anderen verhindern die komplexen Krankheitsbilder im Kontext Behinderung in der Regel die Teilnahme an speziellen Behandlungsmaßnahmen sowie eine Zentralisierung von entsprechenden Experten außerhalb von Spezialkliniken.[35]

2.3 Projektzielgruppe

Die Zielgruppe des Projektes setzt sich zusammen aus sechs behinderten Kindern, zwei Jungen und vier Mädchen, im Alter von acht bis elf Jahren. Alle sechs Kinder haben gemäß der BMI-Kategorie die 90. alters-und geschlechtsspezifische Perzentile überschritten und gelten somit als übergewichtig.[36] Die Gruppenzusammensetzung stellt sich bezüglich des Alters und des Intellekts der Kinder als homogen dar. Zudem ist die Gruppengröße als optimal zu bewerten. Alle Kinder sind nicht auf Hilfsmittel wie z. B. Rollstühle oder Laufhilfen angewiesen, da ihre Krankheitsbilder als kombinierte Entwicklungsverzögerungen diagnostiziert sind. Diese weisen ein unterschiedliches Beeinträchtigungsausmaß der kognitiven und motorischen Leistungen vor, welches aber im vorliegenden Fall nicht so erheblich ist, dass es sich als hinderlich oder gravierend einschränkend auf die Gruppendynamik auswirken könnte.

Ferner sind die Eltern eine relevante Zielgruppe im Rahmen des Projektes, da sie als aktive Mitarbeiter von enormer Bedeutung für den Erfolg der Maßnahme sind und auch darüber hinaus motivierende und unterstützende Verantwortung tragen.

Letztendlich sollen aber nicht nur die Kinder und deren Eltern davon profitieren, sondern auch den Wissensstand der mitwirkenden Fachkräfte des ÜFZ erweitern. Diese stehen dem Projekt sehr aufnahmebereit und interessiert gegenüber, da sie somit aktiv an der Verbesserung der Rahmenbedingungen beteiligt sind.

2.4 Prozessbezogene Operationalisierung

Die Zielsetzungen dieses Gewichtsmanagementkonzeptes schließen hinsichtlich einer gelingenden Umsetzung gesundheitsfördernder Verhaltensmethoden die drei Komponenten Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie mit ein. Insofern gilt dieses Konzept als multimodales Therapieangebot und nicht als Schlankheitsdiät. Denn eine alleinige Ernährungsumstellung hat zumeist nur geringe Langzeiteffekte auf den Gewichtsstatus und sollte deshalb mit anderen Therapiebausteinen wie der Steigerung der körperlichen Aktivität und der Verhaltensänderung kombiniert werden.[37] Demgemäß deuten aktuelle Forschungsergebnisse darauf hin, „dass eine isolierte (…) Steigerung der Aktivität (…) nicht zu einer Gewichtsabnahme führt. Um eine solche zu erzielen, müssen zusätzlich diätetische Maßnahmen ergriffen werden“[38].

Ferner besteht nur mit konkreten und realistischen Zielformulierungen dieses Projektes die Möglichkeit gerichtete Interventionen und Arrangements zu vollziehen. Zudem bilden sie für die Entstehung eines Aktionssystems sowie auch für die Evaluation eine wichtige Basis, um Handlungsschritte abzusprechen.[39]

Des Weiteren müssen die Projektziele eindeutig und nachvollziehbar für alle am Projekt Beteiligten sowie auch für Außenstehende sein. Dies erfolgt durch eine verständliche und präzise Formulierung. Angepasst an die institutionellen Rahmenbedingungen des ÜFZ müssen die Ziele eine realistische Erreichbarkeit vorweisen.[40]

Die Projektziele unterteilen sich in Wirkungs- und Handlungsziele, die in einer harmonischen fachlichen Verbindung stehen und sich auf Problemstrukturen und Lösungen beziehen.[41]

Für das vorliegende Projekt ergeben sich Wirkungsziele, welche eine richtungsweisende und orientierende Funktion für die Arbeitsziele des Fachpersonals beinhalten, über den Projektrahmen hinaus bestehen bleiben[42] und an die Leitlinien der AGA angelehnt sind.[43] Ferner betreffen Wirkungsziele die Adressaten, in diesem Fall die übergewichtigen beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen.

Aufgrund der Problemanalyse ergeben sich die folgenden Wirkungsziele:

- Langfristige Reduktion des Übergewichtes und Stabilisierung des Gewichtes unter Zuhilfenahme des Lernens von Verhaltensstrategien.
- Verbesserung des Ess- und Bewegungsverhalten des Kindes unter Einbezug der Familie.
- Reduktion der Energiezufuhr- Einübung und Stabilisierung eines kontrollierten Essverhaltens durch optimierte Mischkost
- Verminderung sekundärer Folgeerkrankungen.
- Verbesserung der psychosozialen und psychischen Befindlichkeiten sowie der physischen Leistungsfähigkeit.
- Stärkung von Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit
- Verbesserung der sozialen Teilhabe.[44]

Bei der Formulierung von Handlungszielen wurde darauf geachtet werden, dass diese im Verlauf des Projektes erreichbar sind, sie sprachlich positiven Charakter tragen, zudem eindeutig die Zuständigkeiten benennen und verständlich sowie ethisch und fachlich vertretbar sind. Ferner sind Handlungsziele kennzeichnend für die Erfüllung der Wirkziele und stellen für die beteiligten Fachkräfte die anzustrebenden Arbeitsziele dar.[45]

Demgemäß formulieren sich für das Projekt ‚Enorm in Form‘ und die daran beteiligten Fachkräften folgende Handlungsziele:

- Durch die am Projekt beteiligten Fachkräfte gewinnen die Kinder und deren Eltern in der Ernährungsberatung und Kochpraxis an grundlegendem Ernährungswissen gemäß den Grundlagen der DGE-Empfehlungen.
- Die medizinischen und pädagogischen Fachkräfte entwickeln zielgruppengerecht Ernährungsprogramme und Bewegungsangebote zur Gewichtsreduktion.
- Die professionellen Fachkräfte vermitteln in verhaltenstherapeutischen Sitzungen Bewältigungs- und Umsetzungsstrategien.
- Die Fachkräfte unterstützen die Kinder und deren Eltern das veränderte Bewegungs- und Essverhalten mit in den häuslichen Alltag zu übernehmen.
- Das medizinische Personal agiert aufklärend und verfolgt dokumentarisch den Gewichtsverlauf des zu betreuenden Kindes.

Auf der Grundlage der formulierten Handlungsziele ergeben sich folgende Handlungsleitlinien für das Projekt:

1. Es findet jeweils zur Vorbereitung und zur Evaluation eine Elternversammlung statt.
2. Der Diätkoch bereitet eine gesonderte Mittagsmahlzeit entsprechend der DGE-Richtlinien in Form der optimierten Mischkost zu.
3. Der Diätkoch und die Kinder besprechen in der Ernährungsberatung gemeinsam den Speiseplan für die kommende Woche.
4. Einmal wöchentlich vermittelt der Diätkoch den Kindern durch Ernährungsberatung und gemeinsame praktische Kochübungen Wissen zur Ernährungsumstellung.
5. Der Diätkoch bringt die in der Kochpraxis gekochten Speisen auf Rezeptkarten, damit die Kinder und Eltern angeregt werden, diese in der Häuslichkeit nachzukochen.
6. Die Kinder füllen regelmäßig jeden Morgen am Wasserautomaten in der Küche ihre Wasserflasche.
7. Für das zweite Frühstück wird den Kindern ein Beutel mit verschiedenen Obst-und Gemüsesorten angeboten.
8. Durch die Mitbestimmung am Speiseplan und der aktiven Mitarbeit in den Koch- und Ernährungsberatungen nehmen die Kinder das Essen bewusster wahr und erleben es als eine positive Erfahrung.
9. Unter der Leitung des Diätkoches findet für die Eltern einmal im Monat eine Elternfortbildung zur Ernährungsumstellung und zur Übernahme dieser in die Häuslichkeit statt.
10. Das wöchentliche Bewegungstraining mit einer Stunde steigert das Körperbewusstsein und den Energieverbrauch der Kinder.
11. Die Bewegungseinheiten bestehen aus psychomotorischen Elementen, Ausdauertraining und spielerischen Übungen.
12. Die psychomotorischen Bewegungselemente motivieren und begeistern die Kinder zu aktiver Bewegung.
13. Die Kinder können ihr Leistungsvermögen realistisch einschätzen.
14. Es werden Umsetzungsmöglichkeiten zur Steigerung der körperlichen Alltagsaktivitäten vermittelt.
15. Die Auswahl der Bewegungselemente ist dem aktuellen körperlichen Leistungsstand der Kinder angepasst.
16. Durch das regelmäßige Training erfolgt eine aktive Förderung von Eigeninitiative und Eigenverantwortung zu mehr Bewegung.
17. Die theoretische Wissensvermittlung zu Effekt und Nutzen körperlicher Aktivität und die praktische Übernahme dieser in die Freizeitaktivitäten der Familie finden als Elternschulung in einem Elternabend statt.
18. Durch verhaltenstherapeutische Interventionen werden ein aktiveres Ernährungs- und Bewegungsverhalten in der Familie gefördert und die Vorbildfunktion der Eltern gestärkt.
19. Durch verhaltenstherapeutische Schulungen werden die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt.
20. Die Eltern werden geschult wie sie als positive Verstärker wirken können.
21. Im Rahmen des Projektinformationsabends klärt der Allgemeinarzt über Symptome, Verhaltensfaktoren und Gewichtsregulationsmechanismen bei Übergewicht auf.
22. Der Allgemeinarzt führt eine Eingangsuntersuchung durch, in welcher die Körpergröße, das Gewicht und der BMI jeden Kindes bestimmt werden.
23. Der Allgemeinarzt führt eine Abschlussuntersuchung durch, in welcher die Körpergröße, das Gewicht und der BMI jeden Kindes bestimmt werden.

[...]


[1] Siehe Anlage 1 und 2.

[2] Siehe Anlage 3.

[3] Vgl. Reinehr 2010: 269.

[4] Vgl. Wabitsch/Kunze 2015: 90.

[5] Vgl. Eichfeld/ Trommer 2010: 93.

[6] Vgl. Pott 2000: 7f.

[7] Vgl. Reinehr 2010: 272.

[8] Im Folgenden als ÜFZ benannt.

[9] Im gesamten Text wird das generische Maskulinum verwendet, welches die weibliche Form mit einschließt.

[10] Im Folgenden als PmsA bezeichnet.

[11] Vgl. von Spiegel 2007: 24.

[12] Vgl. Petersen 2009: 22.

[13] Vgl. Mühlum/ Gödecker-Geenen 2003: 104.

[14] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

[15] Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Leitlinien verabschiedet auf der Konsensus-Konferenz der AGA am 15.10.2015 (vgl. www.a-g-a.de).

[16] Vgl. Grossmann/Scala 2001: 15.

[17] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (vgl. www. dge.de 2014: o. A.).

[18] Fett- und zuckerreduzierte Kost (30% Fett, 15% Proteine, 55% Kohlenhydrate inklusive 5% Zucker).

[19] Vgl. Nüß/ Schubert 2004: 10.

[20] Vgl. Hauner et al. 2000: 7.

[21] Siehe Anlage 4.

[22] Vgl. Lehrke 2004: 15.

[23] Vgl. Vögele 2003: 283.

[24] Vgl. Wabitsch et al. 2005: 26.

[25] Vgl. Wabitsch/Kunze 2015: 88.

[26] Vgl. Reinehr 2010: 269.

[27] Vgl. Petersen 2009: 22.

[28] Vgl. Lehrke 2004: 30.

[29] Vgl. Eichfeld /Trommer 2010: 101f.

[30] Vgl. Vahabzadeh/ Ernst: 2007: 83.

[31] Vgl. Petermann/Härig 2003: 263.

[32] Vgl. Reinehr 2010: 270.

[33] Vgl. Ebenda: 271f.

[34] International Classification of Functioning, Disability and Health.

[35] Vgl. Reinehr 2010: 272.

[36] Vgl. Anlage 5.

[37] Vgl. Wabitsch/Kunze 2015: 57.

[38] Vgl. Wabitsch et al. 2005: 54.

[39] Vgl. von Spiegel 2004: 2.

[40] Vgl. Nüß/ Schubert 2004: 8f.

[41] Vgl. von Spiegel 2007: 18.

[42] Vgl. von Spiegel 2007: 18.

[43] Vgl. Wabitsch/Kunze 2015: 91.

[44] Vgl. Wabitsch/Kunze 2015: 91.

[45] Vgl. von Spiegel 2007: 18.

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Titel: "Enorm in Form". Gesundheitsförderung bei übergewichtigen oder adipösen Kindern und Jugendlichen mit Behinderung