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*Männerphantasien* Zur Inszenierung von Körper und Geschlecht im Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 20 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Gliederung

I: Eingang ins Themenfeld
Verortung/en der Arbeit

II: Medienanalysen
„Species“
„fight club“
“Minority Report”
Menschen und Maschinen (Björk: All Is Full Of Love)
Anhang: Songtext zu All Is Full Of Love

III: Fazit/Ausblick

IV: Literatur

Eingang

Im Folgenden soll es um die Bilderproduktion der Massenmedien gehen; um Bilder von Männern, Frauen und Heranwachsenden, die alle sowohl Betrachtende, als auch Dargestellte sind, Subjekte und Objekte der Bilder. Die These ist, dass es dabei ein ganz bestimmter Blick ist, der auf die Körper und ihr Interagieren geworfen wird und dass Medien nicht einfach etwas darstellen, sondern produzieren. Sie bilden nicht nur ab, sie bilden auch neu. Renate Lippert stellt in einem Beitrag zur feministischen Filmtheorie die Frage: „Ist der Blick männlich?“[1] Sie bezieht sich dabei unter anderem auf die Lacansche Relektüre der freudschen Psychoanalyse, die die Frau in den Status des Nicht-Subjekts setzt.

Lacans Behauptung: Die Frau gibt es nicht, lässt sich jedoch auf vielfältige Weise lesen. Dass die Frau vom männlichen Blick erschaffen und damit zwangsläufig funktionalisiert und eingegrenzt wird, ist eine mögliche, wenn auch sehr pessimistische Lesart. Die Frau wird darin zur tabula rasa, die dem einzigen Zweck dient ausgefüllt zu werden: mit Kindern und gesellschafts-stabilisierenden Diskursen über Weiblichkeit, die sich in verschleierter Form auf die beiden Pole Heilige oder Hure beziehen. Michel Foucault hat unter anderen diese regressive Funktionalisierung der Sexualität/ Geschlechtlichkeit als einen Diskurs entlarvt, der der Sicherung ökonomischer Verhältnisse dient.[2]

Ähnliches formulieren Gilles Deleuze und Felix Guattari im Anti-Ödipus. Sie betrachten die Zusammenhänge von Kapitalismus und Schizophrenie und finden, dass die Psychoanalyse nicht etwa den Analysanden aus seinem Gefängnis ödipaler Phantasien befreit, sondern mit der Produktion derselben sein Begehren pervertiert, welches dann kapitalistisch ausgebeutet werden kann. Sie schreiben: „Ödipus setzt eine ungeheure Repression der Wunschmaschinen voraus“[3] Das Unbewußte ist dabei die Wunschmaschine schlechthin, deren innovative Energie verloren geht, wenn der Versuch gemacht wird, ein befestigtes Ich, eine begrenzte Identität zu schaffen. Klaus Theweleit schreibt in Männerphantasien über das Mißlingen solcher Versuche.[4] Er kritisiert dabei auch das freudsche Verständnis von Ich-Bildung, weil diese bei Freud mit Stillegung und Trockenlegung assoziiert wird. „Die mit der Topik von Ich/Es/Über-Ich beschreibbare Person wäre somit konzipiert als trockenes Grab für die Ströme und die Wunsch-maschinen“, schreibt Theweleit.[5] Daran schließt er eine Vermutung an, die mich auch in der vorliegenden Arbeit interessiert zu erforschen, nämlich „dass die konkrete Form des Kampfes gegen die fließend/maschinelle Produktionskraft des Unbewußten als Kampf gegen die Frau, als Kampf gegen die weibliche Sexualität geführt wurde (und wird).“[6]

Inwiefern dieser Kampf tatsächlich stattfindet und wie er möglicherweise medial stattfindet, werde ich im Folgenden näher betrachten.

Verortungen

Wenn man über Bilder schreibt, die massenmedial verbreitet werden, dann scheint eine Eingrenzung nötig zu sein. Viele Texte beziehen sich deshalb auf ganz bestimmte Medien. Es geht dann nur um den Film, um das Hollywoodkino vielleicht oder nur um Videoclips, nur um das Fernsehen, nur um Malerei oder Photografie. Ich werde mich im Folgenden auf drei Filme und einen Videoclip beschränken, da eine Einbindung anderer Medien, wie etwas des World Wide Web, oder andere Künste zu weit führen würde. Wichtig wäre es noch zu erwähnen, dass nach Goodmann oder Derrida, das Bild (also auch das filmische) nicht mehr dem Zeichensystem der Schrift/Sprache entgegengesetzt ist[7]. Auch Bilder seien als Zeichen zu verstehen und als solche zu analysieren, zumal dem Film in den meisten Fällen ein Buch zugrunde liegt (und sei es nur das Drehbuch); dass bei der audiovisuellen Darstellungweise des Films ausschliesslich Distanzsinne ange-sprochen werden, ist eine mögliche Kritik, die ich hier aber nicht vertreten oder näher bearbeiten will. Zu diesem Thema hat Karl-Josef Pazzini in Bilder und Bildung geschrieben. Er vertritt darin die Ansicht, dass die Distanzsinne für die Herauslösung des Individuums aus der symbiotischen Mutter-Kind-Dyade erforderlich und daher unbedingt zu fördern sind.[8]

Über meinen eigenen Blick auf die Medien ist noch zu sagen, dass dieser keinesfalls objektiv sein kann. Immer sieht man die Dinge von einem besonderen Ort aus. Daher will ich diesen noch einmal näher bestimmen. Ich schreibe aus der Perspektive einer psychoanalytischen Film- und Medientheorie und versuche dabei sowohl die auf Lacan rekurrierende Lesart, als auch die von Deleuze und Guattari zu Wort kommen zu lassen. Auf die subjektbildende Funktion des Films, wie sie Christian Metz[9] oder Laura Mulvey[10] beschrieben haben, werde ich nicht genauer eingehen können.

Ich werde den Film vorwiegend im Sinne der Cultural Studies behandeln und davon ausgehen, dass Filme nicht nur die Alltagswirklichkeit der Zuschauer spiegeln, sondern diese im Moment des Konsums, des Anschauens, auch beeinflussen. Wie in der Einleitung bereits deutlich wurde, geht es bei der Medienanalyse auch um die Zweck-Mittel-Frage, also um die Vermutung, dass den Bildern eine bestimmte ideologische Botschaft innewohnt. Die Bilder können gesellschaftliche Imperative sowohl re-produzieren, als auch kritisieren oder revolutionieren; damit wäre eine utopische Dimension der Bilder angesprochen, durch die die vorherr-schenden gesellschaftlichen Strukturen immer wieder neu in Frage gestellt werden können. Ich werde daher auch die ausgewählten Bilder daraufhin analysieren, ob und was sie reproduzieren und ob und wie sie möglicher-weise Neues bilden. Ich werde dabei die eingangs erwähnte These im Blick behalten, dass die fliessend-maschinelle Produktionskraft des Unbewussten stellvertretend am Körper der Frauen unterdrückt wird.

„Species“

Die Frau in diesem Film erscheint als fleischgewordene Männerphantasie. Sie ist groß, schlank und blond. Aber: „Sie verbirgt etwas in ihrem Inneren“, wie einer der Männer zu erahnen glaubt, die damit beauftragt sind sie zu jagen. Denn tatsächlich handelt es sich nicht um eine Frau, sondern um ein Alien, um eine Kreatur, die halb Mensch halb irgendwas aus den unbe-kannten Weiten des Weltraums ist. In „Species“ wird auf etwas klischee-hafte Weise reproduziert, was in unserer Kultur mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert wird, allerdings wird hier die „dunkle“ Seite der weiblichen Schöpferkraft inszeniert.

Der Film beginnt mit einer Szene in einem Labor. In der Mitte des Raumes befindet sich ein achteckiger Würfel aus Panzerglas, in dem sich ein ca. 12-jähriges Mädchen befindet. Das Mädchen wird von einer Crew männlicher Wissenschaftler beobachtet, die sich jenseits des Labors befinden. Dann sieht man, wie zwei Männer Gasflaschen an den Würfel anschliessen. Das Gas strömt in den Würfel und das Mädchen hämmert verzweifelt und bittend an die Innenwände ihres Gefängnisses.

Einer der Wissenschaftler, offenbar Kopf der Mannschaft, weint eine einzige Träne darüber, mehr scheint er sich nicht abringen zu können. Schliesßlich ist der Würfel voll mit dem nebligen tödlichen Gas, doch dann sieht man das Mädchen ausbrechen, sie kann fliehen.

Daraufhin wird eine Gruppe von Leuten mit unterschiedlichen Fähigkeiten engagiert, um sie wieder einzufangen. Es handelt sich um einen Kopfgeldjäger, einen farbigen Mann mit empathischen Fähigkeiten, eine Biologin und einen Anthropologen. In einem etwas ungewöhnlichen Einstellungsgespräch wird ihnen vom Chef der Forschungsabteilung mitgeteilt, dass es sich bei dem entlaufenen Mädchen Sil um ein genetisches Experiment handelt. Es wurde die DNA eines weiblichen Menschen mit der einer ausserirdischen Spezies gekreuzt. Auf die Frage der Biologin, warum sie denn weibliche Gene verwendet hätten, antwortet der Forscher: „Weil Frauen fügsamer und besser zu kontrollieren sind“.

Hier lässt der Film bereits Zweifel an dieser Einschätzung aufkommen, die sich im Laufe der Handlung bestätigen werden. Im Folgenden springt der Film hin und her zwischen der Gejagten und den Jägern. Der Zuschauer wird Zeuge von Sils Verwandlung in eine Frau. Das Mädchen transformiert sich innerhalb weniger Stunden, nachdem sie eine Unmenge proteinhaltiger Nahrungsmittel zu sich genommen hat. Nach einer Art Verpuppung reift sie zu einer erwachsenen geschlechtsreifen Frau. Die Wissenschaftler kommen nach und nach der Tatsache auf die Spur, dass das Alien den Zweck verfolgt sich fortzupflanzen. Dies zu verhindern wird schließlich zum Ziel der Jäger, das am Ende fast erfüllt wird. Es gelingt Sil zwar sich mit einem Mann, dem Anthropologen, zu paaren und innerhalb kürzester Zeit ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen, doch die Wissenschaftler finden Sil und ihren Sohn und töten sie beide.

[...]


[1] Lippert, R.: „Ist der Blick männlich?“ Texte zur feministischen Filmtheorie in: Psyche 1994

[2] Foucault, M.: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M., 1977

[3] Deleuze/Guattari: Anti-Ödipus, Suhrkamp Frankfurt a. M., 1997, S. 8

[4] Theweleit, K.: Männerphantasien Band 1, Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, Verlag Roter Stern Frankfurt a. M., 1977, 325 ff

[5] ebd.: 325

[6] ebd. 325 f

[7] Vgl. den Online-Text Die klassische Trias: Bild, Sprache, Schrift in Telepolis, www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2006/3.html

[8] Pazzini: Bilder und Bildung, Münster: Lit, 1992 (Einbilden und Entbilden; Bd. 1)

[9] Metz, C.: Der imaginäre Signifikant..., 2000 Münster: Nodus-Publikationen

[10] Mulvey, L.: Visuelle Lust und narratives Kino, 1980 Frankfurt a. M.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638348577
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34716
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Inst. für Allgemeine Erziehungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Inszenierung Körper Geschlecht Film Medienrezeption Perspektive

Autor

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