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Der Ausgang des Siebenjährigen Krieges - ein Mirakel?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die alliierte Kriegsführung
2.1 Die Kriegsziele der alliierten Großmächte
2.1.1 Die Kriegsziele Rußlands
2.1.2 Die Kriegsziele Frankreichs
2.1.3 Die Kriegsziele Österreichs
2.2 Die politische Zusammenarbeit
2.3 Die militärische Zusammenarbeit

III. Die preußische Kriegsführung.

IV. Das Mirakel des Hauses Brandenburg
4.1 Das erste Mirakel: Die Schlacht bei Kunersdorf 1759
4.2 Das zweite Mirakel: Der Tod der Zarin Elisabeth 1762

V. Schlußbetrachtung

VI. Auswahlbibliographie

VII. Anhang

I. Einleitung

Der Siebenjährige Krieg war der erste weltumspannende Konflikt der europäischen Großmächte. Während Frankreich und England in Nordamerika, Teilen Europas und auf den Weltmeeren um die Vorherrschaft der Neuen Welt rangen, kämpfte die neue Großmacht Preußen gegen die Übermacht Österreichs, Rußlands, Frankreichs, Schwedens und des Reiches um ihr Überleben.[1] Obwohl die alliierten Mächte dem preußischen Gegner quantitativ weit überlegen waren – Österreich, Frankreich, Rußland und Schweden besaßen gemeinsam 20 mal so viele Einwohner wie Preußen[2] und verfügten über dreimal so viele Truppen[3] –, gelang es ihnen weder, die verlorengegangene Provinz Schlesien wiederzugewinnen, noch kam es zu einer déstruction totale de la Prusse. Angesichts der erdrückenden Übermacht der Koalition, die in der Staatengeschichte des ancien régime ohne Beispiel blieb, ist der uneingeschränkte Fortbestand der preußischen Monarchie als Ergebnis des Siebenjährigen Krieges als ein entschieden bemerkenswerter Umstand zu erachten, den Historiker wie Zeitgenossen lange Zeit nur mit einem Mirakel zu erklären wußten, wobei es Friedrich der Große höchstpersönlich war, der den Begriff des Mirakels in diesem Zusammenhang geprägt hat.[4]

So geschah es am 12. August des Jahres 1759, daß das preußische Heer in der Schlacht bei Kunersdorf eine vernichtende Niederlage davontrug. Von den 49.000 Preußen, die an der Schlacht beteiligt waren, blieben 19.000 tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld zurück. Lediglich 3.000 Mann waren anschließend noch in geschlossenen Einheiten beisammen, die übrigen befanden sich in wilder Flucht, während der König um ein Haar selbst in Gefangenschaft geraten wäre.[5] Nach vier Jahren unerbitterlicher Kämpfe schien Preußen fast vernichtet. Noch am gleichen Abend gab der König den Oberbefehl über die preußische Armee ab und verließ das sinkende Schiff:[6] In dieser schwärzesten Stunde trat jedoch das völlig Unerwartete ein: Die Österreicher und Russen nutzten ihren Sieg nicht aus und unterließen den erwarteten Vorstoß nach Berlin. Preußen war somit der Gnadenstoß erspart geblieben, worauf der König seinem Bruder Heinrich das „Mirakel des Hauses Brandenburg“[7] verkündete.

Obwohl sich die Auswirkungen der Katastrophe von Kunersdorf letztlich auf den Verlust Dresdens beschränkten und der König bereits am 16. August den Oberbefehl wieder aufnehmen konnte, hatten die Alliierten die einmalige Chance, den König von Preußen in nur einer einzigen Entscheidungsschlacht zu bezwingen, leichtfertig vertan. Eine vergleichbare Gelegenheit kehrte niemals wieder, so daß auch in der Folgezeit kein Ende des Krieges in Sicht war.[8] Erst im Verlauf des Jahres 1760 begannen bei den kriegführenden Mächten allmählich Ermüdungserscheinungen aufzutreten, die vor allem auf preußischer Seite dazu führten, daß sich der kriegerische Wert der Truppen mehr und mehr zu verschlechtern begann, weshalb es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis Preußen der erdrückenden Überlegenheit seiner Gegner erliegen würde.[9]

Dann verstarb am 5. Januar 1762 die Zarin Elisabeth Petrovna, die als eine der erbittertsten Feindinnen des Königs galt. Ihr folgte der „verrückte“[10] Peter III., den alles preußische berauschte, auf den Thron. Peter veranlaßte umgehend einen außenpolitischen Kurswechsel, der am 5. Mai in einen russisch-preußischen Frieden mündete, welchem sich Schweden am 22. Mai anschloß. Bereits am 19. Juni folgte dem Friedensabkommen ein Bündnisvertrag, in dessen Rahmen der Zar dem König ein Hilfskorps von 20.000 Mann zur Verfügung stellte, was die militärische Lage Preußens von Grund auf änderte.[11] Für den Kriegsverlauf bedeutete dieses zweite Mirakel nicht nur eine Stärkung Preußens, sondern vor allem auch die Beendigung des Cauchemar des coalitions. Auch wenn Peters Frau Katharina mit Hilfe des Heeres ihren Gemahl am 9. Juli stürzen konnte und in der Folge das Bündnis mit dem König annullierte, änderte dies nichts an der Tatsache, daß die antipreußische Koalition auseinandergebrochen und der Weg für einen auf dem Status quo ante bellum basierenden Frieden frei war. Dem König war es somit gelungen, den Staat Preußen in seinen Grenzen zu bewahren und die drohende déstruction totale de la Prusse abzuwenden, die erst knapp zwei Jahrhunderte später mit dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin und der völkerrechtlichen Auflösung des preußischen Staates konsequent verwirklicht werden sollte.[12]

Die enorme Tragweite des Todes der Zarin sowie das Ausbleiben des österreichisch-russischen Vormarschs auf Berlin lassen zunächst vermuten, daß in der Tat „das Spiel des Zufalls“[13] den Siebenjährigen Krieg entschieden hat. Trotz aller augenscheinlicher Plausibilität dieser These gilt es allerdings zu berücksichtigen, daß der Siebenjährige Krieg einen Sachverhalt von außerordentlicher Vielschichtigkeit und Komplexität darstellt, dessen Verlauf im wesentlichen durch vier rational ergründbare Faktoren bestimmt wurde, die dem unbestreitbar irrationalen Aspekt des Mirakels gegenüberzustellen sind: die Kriegsziele der Alliierten, die politische Zusammenarbeit im Rahmen der antipreußischen Koalition, die militärische Kooperation sowie die preußische Kriegsführung.

Grundlage für die Kriegsführung der alliierten Großmächte – Schweden und das Reich waren nur marginal an der alliierten Kriegsführung beteiligt, weshalb ihnen im Rahmen dieser Arbeit kein besonderes Gewicht beigemessen werden kann – bilden unzweifelhaft die außen- wie innenpolitischen Interessen der einzelnen Regierungen, die im wesentlichen in den jeweiligen Kriegszielen ihren Ausfluß fanden. Die Kriegsziele bzw. ihre Vereinbarkeit können in ihrer Bedeutung für die Koalitionskriegsführung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, schließlich bestimmten sie die Möglichkeiten der politischen wie militärischen Zusammenarbeit entscheidend. Eine für die Kriegsführung ebenso bedeutende wie grundsätzliche Problematik stellt die Verflochtenheit von Militärpolitik und militärischen Entscheidungen dar, die insbesondere russischerseits erhebliche Auswirkungen auf die Effektivität der militärischen Operationen hatte.[14] Angesichts der immensen Bedeutung, die das österreichisch-russische Versagen bei Kunersdorf für den Kriegsausgang besaß, ist ein besonderes Augenmerk auf die militärische Kooperation zu richten und die Frage aufzuwerfen, inwiefern die logistischen Bedingungen, die Heeresorganisation sowie die strukturellen Rahmenbedingungen, in denen sich die Kriegsführung des 18. Jahrhunderts bewegte, das Mirakel des Hauses Brandenburg bedingt haben.[15]

Da die antipreußische Koalition jedoch nicht nur an sich selbst, sondern vor allem auch am unnachgiebigen Widerstand des Königs und seiner ruhmreichen Armee, die durch das Feuer von 22 Schlachten gegangen war,[16] zerbrach, gilt es ebenso, die preußische Seite politisch wie militärisch zu beleuchten. Welches Gewicht muß dem König von Preußen für die Selbstbehauptung seines Staates zugemessen werden?[17] War es seine Standfestigkeit, die dem Zufall eine Chance gab, Preußen vor dem Untergang zu retten?[18]

Der beispiellose Vorgang, daß ein Staat von rund fünf Millionen Einwohnern einem feindlichen Bündnis von 90 Millionen standhielt und sich damit einen Platz unter den Großmächten sicherte, mußte die Geister lebhaft beschäftigen, wobei insbesondere die Dramatik des Kriegsverlaufs sowie die umstrittene Kriegsschuldfrage das Interesse der Historiker immer wieder auf sich gezogen haben.[19] Dem Ausgang des Siebenjährigen Krieges ist hingegen verhältnismäßig lange wenig Bedeutung beigemessen worden, bis Johannes Kunisch mit seiner Arbeit über das Mirakel des Hauses Brandenburg den ersten fundierten Beitrag zur Frage nach den Ursachen für das alliierte Scheitern im Siebenjährigen Krieg leistete. Kunischs Erklärungsansatz beschäftigt sich mit der Frage, wie das Auseinanderklaffen von Kriegspolitik und Kriegsführung und damit zugleich auch das Mirakel des Hauses Brandenburg erklärt werden kann.[20] Da das kriegsgeschichtliche Interesse nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig erlahmt war, ist Kunischs Untersuchung, die sich in ihrem Schwerpunkt vorwiegend auf die militärischen Operationen konzentriert, bis heute von fundamentaler Bedeutung. Eine wahre Fülle an Fakten liefern zudem die Arbeiten von Christopher Duffy, dessen Darstellung über Friedrich den Großen und seine Armee für den Ausgang des Siebenjährigen Krieges ebenso aufschlußreich ist, wie Bangerts Untersuchung über die russisch-österreichische Zusammenarbeit in den Jahren 1758 und 1759, die in besonderem Maße auf die erheblichen Probleme der Koalitionskriegsführung der Gegner des preußischen Königs eingeht. Weit weniger überzeugend ist hingegen Olaf Groehlers Arbeit über die Kriege Friedrichs des Großen, die jedoch aufgrund der Tatsache, daß sie das historische Geschehen im Sinne der sozialistischen Geschichtsauffassung darstellt, trotzdem Eingang in diese Arbeit findet.[21]

Im Gegensatz zur nahezu unüberschaubaren Fülle an Literatur, die über Friedrich den Großen und den Siebenjährigen Krieg publiziert worden ist, sind Quellen und Forschungsberichte zur Kriegs- und Militärgeschichte nur noch in einem sehr bescheidenen Maße vorhanden, da fast die gesamte schriftliche Überlieferung der preußischen Armee beim Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 den Flammen zum Opfer gefallen ist. Den Krieg überdauert haben hingegen die Œuvres Friedrichs des Großen wie auch seine Politische Korrespondenz, die alle wichtigen politischen und militärischen Schreiben des Königs in chronologischer Reihenfolge enthält und somit genügend Möglichkeiten für eine detaillierte Aufarbeitung des Siebenjährigen Krieges bietet.[22] Daneben existiert mit Tempelhoffs Geschichte des Siebenjährigen Krieges, dem Generalstabswerk sowie mit Maslovkijs Darstellung über die russische Kriegsführung ein weiterer enormer Fundus an Quellen, von deren Verwendung im Rahmen dieser Hauptseminararbeit jedoch leider abgesehen werden muß, da dies den quantitativen Rahmen entschieden sprengen würde.

II. Die alliierte Kriegsführung

2.1 Die Kriegsziele der alliierten Großmächte

2.1.1 Die Kriegsziele Rußlands

Auf den ersten Blick läßt sich für Rußland kein materielles Interesse an einem Konflikt mit dem friderizianischen Staat feststellen, denn das Zarenreich hatte weder eine Provinz an Preußen verloren, noch mußte es einen preußischen Angriff auf die russischen Grenzen befürchten.[23] Die Motive für das russische Engagement sind vielmehr in den großmachtpolitischen Ansprüchen zu suchen, die seit Ivan IV. traditionell auf eine Expansion in Richtung Ostsee und Schwarzes Meer abzielten. Genau diese grundlegenden außenpolitischen Leitlinien glaubte man in Sankt Petersburg aber durch die preußische Machtstellung gefährdet.[24] Die Annexion Schlesiens 1740 und die bis 1756 andauernde preußische Entente mit Rußlands Hauptgegner Frankreich beendeten nicht nur die bisherige preußische Abhängigkeit vom Zarenreich, sondern sie gefährdeten auch die russischen Sicherheitsbedürfnisse in Ostmitteleuropa. Unter diesem „unbeständigen und leichtfertigen Herrscher“[25] stellte Preußen einen unberechenbaren Faktor im europäischen Mächtesystem dar, dessen Existenz den russischen Handlungsspielraum erheblich beeinträchtigte.[26] Es war jedoch nicht die neugewonnene Machtstellung Preußens, die dem Zarenhof heftige Kopfschmerzen bereitete. Viel schwerer wog die Annäherung des Königs an Versailles, denn das französisch-preußische Bündnis führte nicht nur zu einer fundamentale Kräfteverschiebung in Ostmitteleuropa zugunsten der französischen Barrière de L’Est,[27] sondern es bedeutete gleichzeitig den Zusammenbruch des gesamten russischen Defensivsystems. Mit dem Anschluß Preußens an die Barrière gewann Frankreich einen militärisch handlungsfähigen und potenten Verbündeten, der zwar eher Österreich als Rußland als unmittelbaren Gegner betrachtete, dessen Intervention in Ostmitteleuropa jedoch aber auch das Zarenreich in Gefahr bringen konnte. Rußlands Außenpolitik richtete sich folglich nicht gegen den preußischen Machtzuwachs an sich, sondern zielte auf eine Wiederherstellung des Status quo ante 1740 ab, in welchem Preußen ohne Schlesien weit weniger Gewicht besessen hat.[28]

Außenpolitisch lehnte sich Rußland in den Jahren nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg an die Habsburgermonarchie an, mit welcher bereits 1726 und 1746 Bündnisverträge geschlossen wurden. Mit England einigte man sich am 30. September 1755 über einen Subsidienvertrag, der jedoch durch die preußisch-englische Neutralitätskonvention von Westminster vom 16. Januar 1756 hinfällig wurde.[29] Der russischen Außenpolitik versetzte die Westminsterkonvention einen schweren Schlag, zumal sich die Zarin von England hintergangen fühlte. Die daraus resultierenden Verstimmungen zwischen Sankt Petersburg und London trieben den Zarenhof beinahe unweigerlich in die Hände seines bisherigen Hauptgegners Frankreich, das sich seit 1754 in kolonialen Verwerfungen mit England befand. Besonders vertrauensvoll wurde das russisch-französische Verhältnis allerdings nie, schließlich gelang es zu keinem Zeitpunkt, das enorme gegenseitige Mißtrauen aus der Welt zu schaffen – zu gegensätzlich waren die jeweiligen Interessen in Ostmitteleuropa. Daß es trotz dieser Disharmonien zwischen Versailles und Sankt Petersburg überhaupt zu einem Bündnis und damit zum renversement des alliances kam, lag zum einen am österreichisch-russischen Bündnis, zum anderen am Bruch zwischen Preußen und Frankreich.[30] Der König hatte mit dem Abschluß der Westminsterkonvention einen fait accompli geschaffen und völlig überraschend die Fronten gewechselt. Seinen bisherigen Verbündeten Frankreich ließ er fallen und trat auf die Seite des französischen Kontrahenten in Übersee, England. Für Rußland schied Preußen damit aber aus der Reihe der Barrière -Staaten aus und stellte von nun an keinen potentiellen Kontrahenten der Vorfeldpolitik in Ostmitteleuropa mehr dar. Einem Engagement gegen den friderizianischen Staat war damit indessen jegliche Grundlage entzogen. Dennoch verschrieb sich Rußland im Versailler Vertrag vom 1. Mai 1756 einer déstruction totale de la Prusse.[31] Wenn Preußen nach dem renversement des alliances keine Bedrohung für die russischen Sicherheitsinteressen in Ostmitteleuropa mehr darstellte, so stellt sich die Frage nach den tatsächlichen Motiven und Zielen eines russischen Engagements gegen Preußen.

Aufschluß über die russischen Pläne gegenüber Preußen liefert letztendlich der vom russischen Kanzler Bestužev im Frühjahr 1756 eingesetzte Petersburger Kriegsrat, der die gesamten Kriegsvorbereitungen sowohl auf militärischer als auch auf diplomatischer Ebene koordinierte. Bezüglich der Kriegsziele einigte man sich an der Neva zunächst auf eine kontrollierte Machtverringerung Preußens als primäres Ziel, allerdings hatte man eine mögliche Abtretung Ostpreußens als Tauschobjekt für polnische Gebiete sehr wohl im Hinterkopf.[32] Mit Beginn des Krieges zeichnete sich dann mehr und mehr eine Akzentverschiebung in Bezug auf das Verhältnis dieser beiden Kriegsziele zueinander ab. Die ursprünglich gesetzten Prioritäten begannen sich allmählich umzukehren, das heißt, die Erwerbung Ostpreußens, das man 1758 besetzen konnte, trat zunehmend in den Vordergrund des Interesses.[33] Die Niederwerfung Preußens wie auch die Restitution Schlesiens zugunsten Österreichs verschwanden allmählich und verkamen zu völliger Bedeutungslosigkeit.[34] Dem Zarenreich ging es keineswegs mehr um die Wahrung seiner Sicherheitsinteressen in Ostmitteleuropa oder um eine nachhaltige Schwächung des Königs, sondern um eine territoriale Neuordnung Ostmitteleuropas, die nahezu in gespenstischer Weise an die sowjetischen Pläne im Zweiten Weltkrieg und danach erinnert.[35]

2.1.2 Die Kriegsziele Frankreichs

Eine enge Allianz mit dem erst kürzlich in den Kreis der Hegemonialmächte aufgestiegenen Zarenreich erschien den alliierten Bundesgenossen keineswegs unproblematisch.[36] Insbesondere Frankreich sah die russischen Ambitionen auf Ostpreußen sowie die Operationspläne in Polen mit äußerster Skepsis und machte daher nie einen Hehl daraus, daß man solch weitgehenden Vorstellungen mit vehementem Widerstand begegnen werde. Frankreich, dessen primäre Interessen in Nordamerika, Indien und im Mittelmeer lagen, beharrte in völliger Übereinstimmung mit dem Wiener Hof kategorisch auf dem Prinzip, nach welchem Rußland einerseits zwar zu äußersten militärischen Anstrengungen gegen Preußen gedrängt werden sollte, andererseits durfte das russische Engagement keinesfalls auch zu nur temporären Terraingewinnen führen, schon gar nicht in Polen, was beweist, daß der Versailler Hof nach wie vor in den außenpolitischen Kategorien der Barrière dachte. Die französisch-russische Allianz war demnach kein von Vertrauen erfülltes Bündnis und konnte folglich auch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß Rußland bis 1756 der Hauptfeind Frankreichs auf dem Kontinent gewesen ist. Die europäischen Kriegsziele konzentrierten sich demgemäß weniger auf eine déstruction totale de la prusse als vielmehr darauf, eine russische Kontrolle über Ostmitteleuropa zu verhindern. Die französischen Obstruktionen während des Krieges zielten einzig und allein darauf ab, den Handlungsspielraum der russischen Kriegsführung derart einzuengen, daß eine Besetzung Danzigs und Pommerns verhindert werden konnte.[37]

[...]


[1] Vgl. Lindner, S. 1.

[2] Vgl. Lindner, S. 5.

[3] Vgl. Preussische und Österreichische Acten zu Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges, S. V.

[4] Vgl. Kunisch 1978, S. 48.

[5] Vgl. Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11335: Au ministre d’état comte de Finckenstein à Berlin.

[6] Vgl. Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11337: An den Generalleutnant von Finck.

[7] Politische Correspondenz, Bd. 18, Nr. 11393: Au prince Henri de prusse.

[8] Vgl. Schieder, S. 196-197.

[9] Vgl. Lindner, S. 1.

[10] Duffy, S. 315.

[11] Vgl. Fiedler, S. 289.

[12] Das alliierte Kontrollratsgesetz vom 25. Februar 1947 erklärte: „Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat zu existieren aufgehört […]. Seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.“ – Vgl. hierzu Müller, S. 201.

[13] Kunisch 1987, S. 199.

[14] Vgl. Bangert, S. 10.

[15] Vgl. Kunisch 1978, S. 46.

[16] Vgl. Heinrich, S. 219.

[17] Vgl. Kunisch 1987, S. 199.

[18] Vgl. Heinrich, S. 219.

[19] Vgl. Lindner, S. 1, 5.

[20] Vgl. Kunisch 1978, S. 12.

[21] Vgl. Lindner, S. 5, 24-25.

[22] Vgl. Henning, S. IX-XIII.

[23] Vgl. Müller, S. 200.

[24] Vgl. Bangert, S. 299.

[25] Kunisch 1978, S. 32.

[26] Vgl. Kunisch 1978, S. 31-32. – Vgl. auch Müller, S. 200.

[27] Die Barrière de L’Est geht auf Richelieu zurück, der durch eine Einflußnahme in Schweden, Polen und dem Osmanischen Reich Rußland als Verbündeten Österreichs zu neutralisieren versuchte. – Vgl. hierzu Müller, S. 203.

[28] Vgl. Kunisch 1978, S. 31-34. – Vgl. auch Müller, S. 205-206.

[29] Vgl. English Historical Documents, Vol. X, S. 934-935: The Convention of Westminster, 16 January 1756.

[30] Vgl. Bangert, S. 301.

[31] Vgl. Müller, S. 215.

[32] Vgl. Winfried Baumgart, S. 159. – Vgl. auch Müller, S. 211-212.

[33] Vgl. Müller, S. 213.

[34] Vgl. Bangert, S. 309.

[35] Vgl. Winfried Baumgart, S. 159.

[36] Vgl. Kunisch 1990, S. 24.

[37] Vgl. Müller, S. 216-217.

Details

Seiten
31
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638349093
Dateigröße
798 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34788
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Ausgang Siebenjährigen Krieges Mirakel

Autor

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Titel: Der Ausgang des Siebenjährigen Krieges - ein Mirakel?