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Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" im Vergleich zu Georg Büchners "Lenz" und "Woyzeck"

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Lebensdaten des Bahnwärters Thiel
1.1. Die Ehefrauen des Bahnwärters: Minna und Lene
1.2. Das Aufeinandertreffen zweier Welten
1.3. „Allsonntäglich“ – Besonderheiten der Erzähltechnik

2. Inhaltlicher Vergleich: Lenz – Thiel – Woyzeck
2.1. Isolation und Wahnsinn: Woyzeck
2.2. Isolation und Wahnsinn: Lenz
2.3. Isolation und Wahnsinn: Bahnwärter Thiel

3. Monologe des Wahnsinns – Woyzeck und Thiel

4. Der Tod eines Kindes – Lenz und Thiel

5. Verwandte Motive: Der Mond
5.1 Verwandte Motive: Blutmetaphorik
5.2. Verwandte Motive: Wasser

6. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Ich bin mit Leben und Werk Georg Büchners bereits seit meiner Jugend vertraut und habe für beides somit früh eine große Bewunderung entwickelt. Mich hat es fasziniert, wie dieser Dichter trotz seines kurzen Lebens und mit nur vier literarischen Werken, von denen eines sogar Fragment geblieben ist, es schaffte, einen so sicheren Rang im Kanon der deutschen Literaturgeschichte zu erlangen (von weiteren Leistungen wie akademi­scher Laufbahn und politischem Engagement mal abgesehen). Zudem war ich gleich von der Fähigkeit Büchners beeindruckt, seinen Charakteren mit einer besonderen Figuren­psychologie unverwechselbare Züge zu verleihen.

Als ich mich im Sommersemester 2004 im Seminar „Literatur der Jahrhundertwende 1900“ erstmals mit Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel beschäftigte, fühlte ich mich an das, was ich an Büchners Texten so mochte, erinnert, so dass mir alsbald die Idee kam in einer wissenschaftlichen Hausarbeit den Bahnwärter Thiel mit Büchners Woyzeck und Lenz zu vergleichen.

Ich möchte in dieser Arbeit in einem ersten Schritt grob einige zentrale Aspekte des Bahnwärter Thiel vorstellen und im zweiten Teil einen Vergleich auf inhaltlicher und sprachlicher Ebene zwischen den drei Texten versuchen.

Auf alle Besonderheiten der jeweiligen Texte und auf alle Ähnlichkeiten zwischen den­selben detailliert einzugehen ist sicherlich im Rahmen einer Proseminararbeit nicht mög­lich; somit orientiere ich mich an meinen eigenen Interessen. Ich hoffe aber, dass ich eine interessante Auswahl treffe und wünsche viel Vergnügen!

1. Lebensdaten des Bahnwärters Thiel

Da der Hauptcharakter der novellistischen Studie von Gerhart Hauptmann auch in den weiteren Kapiteln dieser Arbeit näher charakterisiert wird, seien hier zu Beginn zunächst einige Lebensdaten, gleichsam der Ausgangspunkt der Novelle, zu nennen.

Thiel wohnt in „Schön-Schornstein“[1], einer kleinen Kolonie mit „etwa zwanzig Fischern und Waldarbeitern mit ihren Familien“[2]. Dort arbeitet er als Bahnwärter mit Wechsel­schichten, d.h., dass er (scheinbar in wöchentlichem Wechsel) Tag- und Nachtschichten übernimmt.[3] Thiel heiratet Minna, die nach zwei Jahren Ehe bei der Geburt des gemeinsa­men Sohnes Tobias stirbt.[4] Ein Jahr nach Minnas Tod heiratet Thiel erneut, diesmal die Kuhmagd Lene[5], die ihm nach zwei Jahren Ehe ebenfalls einen Sohn gebärt.[6]

Thiel ist ein kräftiger Mann von „herkulinische[r] Gestalt“[7] mit „sehnigen Arme[n]“[8] und „vom Wetter gebräunte[m]“[9] Gesicht. Er erscheint in der Kirche stets gepflegt in „seiner sauberen Sonntagsuniform“ mit blank geputzten Knöpfen, die Haare „wohl geölt und militärisch gescheitelt“.[10] Insgesamt wird Thiel als sehr fromm beschrieben: in zehn Jah­ren war er mit nur zwei Ausnahmen, die durch Unglücksfälle bei seiner Arbeit begründet waren, „allsonntäglich“[11] in der Kirche, sofern er keinen Dienst hatte.

1.1. Die Ehefrauen des Bahnwärters: Minna und Lene

Die beiden Ehefrauen des Bahnwärters stehen in Kontrast zu einander, der bereits in der Beschreibung ihrer körperlichen Erscheinung deutlich wird: Minna ist schmächtig und kränklich[12], Lene hingegen dick und stark[13]. Während Minna als „junge[s], zarte[s]“[14] Geschöpft dargestellt wird, erscheint Lene als „eine unverwüstliche Arbeiterin“[15].

Analog zur Beschreibung der Mütter verläuft die der beiden Söhne. Minnas Sohn Tobias, bei dessen Geburt sie ihren Tod fand, wird als „schwächlich“[16] und zurückgeblieben[17] beschrieben. Er ist von einer „kläglichen Gestalt“ und entwickelt sich nur langsam.[18] Lenes Sohn, dessen Name im Text nicht genannt wird, wird im Gegensatz zum kränkli­chen Tobias als das „von Gesundheit strotzende Brüderchen“[19] beschrieben.

Doch nicht nur äußerlich unterscheiden sich die Ehefrauen, sondern auch in ihrem jewei­ligen Verhältnis zum Bahnwärter: Thiels Zuneigung zu Minna ist „eine mehr vergeistigte Liebe“, seine Beziehung zu Lene wird dagegen von der „Macht roher Triebe“[20] be­stimmt. Diese beiden Arten des Verhältnisses spiegeln sich auch in den Namen der Ehe­frauen wieder. Minna lässt sich vom mittelhochdeutschen Wort minne, also der Liebe, ableiten[21], „wohingegen ‚Lene’ sowohl auf die biblische Magdalena als auch auf die an­tike Helena hinweist, zwei Frauengestalten, die für ihre gefährliche […] Sinnlichkeit be­kannt wurden.“[22] Einer solchen Sinnlichkeit verfällt Thiel alsbald und wird Lene sexuell hörig.

1.2. Das Aufeinandertreffen zweier Welten

Aufgrund seiner moralisch-religiösen Gesinnung empfindet Thiel für seine sexuelle Ab­hängigkeit gegenüber Lene „Ekel und versucht, seine Schwäche durch doppelte Andacht und Religiosität auszugleichen“[23]. Somit zieht er sich auf seinen Posten zurück, der durch seine Abgeschiedenheit den Bahnwärter ungestört lässt und „seine mystischen Neigun­gen“[24] fördert: Die Umgebung seines Arbeitsplatzes erklärt Thiel „für geheiligtes Land“[25]. Das Bahnwärterhäuschen verwandelt sich in eine Kapelle, in einen Tempel zur Huldigung der verstorbenen Frau.[26] Thiel errichtet einen Altar mit Bibel, Gesangbuch und einem Foto von Minna und steigert sich durch Gesang und Bibellektüre in eine Eks­tase, die soweit führt, dass er „die Tote leibhaftig vor sich“[27] sieht.

Thiel trennt diese Stätte der Spiritualität von der alltäglichen Welt seines Heimes, in der er unter der „Herrschsucht“[28] Lenes leidet und die Misshandlung seines älteren Sohnes durch Lene duldet. Lene ist der Ort, an dem sich der Arbeitsplatz ihres Mannes befindet, gänzlich unbekannt. Der Bahnwärter ist sehr darauf bedacht „[…] seine Frau davon ab­zuhalten, ihn dahin zu begleiten.“[29] Seine Zeit somit auf „die Lebende und die Tote“[30] zu verteilen, beruhigt Thiel, da ihn, wie bereits angemerkt, wegen seiner sexuellen Hörigkeit ein schlechtes Gewissen plagt.[31]

Als Lene ihren Mann schließlich doch zu seinem Arbeits- und Gebetsplatz begleitet – und somit die beiden Welten aufeinander treffen –, kommt es zur Katastrophe: Tobias wird von einem Zug überfahren und stirbt später an den Folgen. Nach dieser „äußeren Katastrophe“[32] folgt die „innere“[33]: Der Bahnwärter verfällt dem – bereits voraus gedeute­ten – Wahnsinn und ermordet Lene und ihr gemeinsames Kind.

Die Bahngeleise können als Symbol für das Aufeinandertreffen der beiden Welten gese­hen werden: Sie verlaufen zueinander offensichtlich parallel, wenn jedoch ein Betrachter in die Ferne schaut, so gewinnt er den Eindruck, dass sie sich aufeinander zu bewegen und schließlich zu einem Fluchtpunkt verschmelzen.[34]

1.3. „Allsonntäglich“ – Besonderheiten der Erzähltechnik

Direkt zu Beginn der novellistischen Studie fällt auf, dass Thiel durch die Beobachtung der Leute, die ihn „allsonntäglich“[35] in der Kirche betrachten, vorgestellt wird. Statt die Lebensdaten Thiels respektive die Bewertung derselben als feststehende Fakten darzu­stellen, beruft sich der Erzähler auf die Beobachtung der Leute: „[…] wie die Leute meinten […]“[36], „[…] wie die Leute versicherten […]“, „Es war die allgemeine Ansicht […]“[37].

Die Leute beurteilen, wie gut Thiel und seine jeweilige Frau von ihrer optischen Erschei­nung her zusammenpassen. Minna wird für wenig passend befunden, Lene als geeignet: „Gegen das neue Paar […] hatten die Leute äußerlich durchaus nichts einzuwenden.“[38] Doch nach dieser äußerlichen Einschätzung folgt die Beobachtung der Zustände im Hause Thiel: „Nach Verlauf eines halben Jahres war es ortsbekannt, wer in dem Häu­schen des Wärters das Regiment führte. Man bedauerte den Wärter.“[39]

[...]


[1] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. Durchgesehene Ausgabe 2001 auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibung. Stuttgart: Reclam, 1970. S. 3. Bezug auf diesen Text im Folgenden abgekürzt durch BT.

[2] BT 14.

[3] Vgl. BT 27.

[4] Vgl. BT 3ff.

[5] Vgl. BT 4.

[6] Vgl. BT 9.

[7] BT 3.

[8] BT 5.

[9] BT 3.

[10] BT 4.

[11] BT 3.

[12] Ebd.

[13] BT 4.

[14] BT 3.

[15] BT 5.

[16] BT 4.

[17] BT 9.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] BT 6.

[21] Vgl. Matthias Lexers mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch (mit neubearb. u. erw. Nachtr.). 37. Auflage, unveränd. Nachdr. Stuttgart: Hirzel, 1983.

[22] Fullard, Katja: Mildernde Umstände für Thiel? - Die Schuldfrage in Hauptmanns Novelle. In: Literatur für Leser. Frankfurt am Main etc. 2000: Heft 3. S.134.

[23] Ebd., S. 138.

[24] BT 8.

[25] BT 7.

[26] vgl. BT 7ff.

[27] BT 8.

[28] BT 6.

[29] BT 7.

[30] Ebd.

[31] Vgl. BT 7.

[32] Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung. München: Beck, 1984. S. 189.

[33] Ebd.

[34] Vgl. BT 19.

[35] BT 3.

[36] Ebd.

[37] BT 4.

[38] BT 5.

[39] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638349635
ISBN (Buch)
9783656069683
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34861
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
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Titel: Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" im Vergleich zu Georg Büchners "Lenz" und "Woyzeck"