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Das Haar-Motiv bei Paul Celan

Seminararbeit 2004 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erläuterungen zum Begriff ´Haar´ als Motiv

3 Das Haarmotiv im Kontext verschiedener Gedichte
3.1 Einführung
3.2 ´Sie kämmt ihr Haar´
3.3 ´Erinnerungen an Frankreich´
3.4 ´Marianne´, ´Dein Haar überm Meer´ und ´Die Hand voller Stunden´
3.5 ´Das ganze Leben´
3.6 ´Talglicht´
3.7 ´Todesfuge´
3.8 ´Aschenkraut´
3.9 ´Der Stein aus dem Meer´
3.10 ´Spät und Tief´
3.11 ´In Ägypten´
3.12 ´Strähne´(VS)
3.13 Abschließende Anmerkungen

4 Umfassender Deutungsversuch

5 Abschluss

6 Literaturverzeichnis

7 Internetadressen

1 Einleitung

Paul Celans Gedichte sind sehr schwer zu verstehen. Man benötigt nicht nur fundiertes Hintergrundwissen um den Sinn seiner Texte erfassen zu können, sondern der Leser muss auch mit einem ausgeprägten Assoziationsvermögen den Verständnisvollzug des Textes durchlaufen. Vor allem in den früheren Gedichtbänden sind „Verbindungen zum französischen Surrealismus“[1] zu erkennen, was ein wirkliches Begreifen der Aussage unmöglich machen würde. Deswegen wurde das Werk Celans auch als alogisch bezeichnet. Dennoch ist heute deutlich geworden, dass das Werk Celans doch nicht so hermetisch ist, wie man anfangs dachte. Möchte man sich also an diese nicht leichte Arbeit machen, die Gedichte zu begreifen, ist es sinnvoll gewisse Hilfsmittel zur Verständniserleichterung in Augenschein zu nehmen. Zu solchen Hilfsmitteln gehören unter anderem die Motive, die sich in phantasievollen Wortspielen widerspiegeln. Diese sprachlichen Motive kommen nicht nur in unterschiedlicher Form in den einzelnen Gedichten vor, sondern sind tatsächlich immer wiederkehrende Stilmittel, deren Bedeutung es gilt, sich genau einzuprägen. Gelingt es eine Motivkette zu durchschauen, findet man wesentlich leichter den Zugang zum Text selbst. Es ist natürlich nicht möglich, sämtliche Motivketten erläuternd darzustellen. Im Rahmen dieser Arbeit soll nur das Motiv der Haare untersucht werden. Das Haarmotiv hat nicht nur eine enorm hohe Erscheinungsrate, sondern es scheint für den nicht eingeweihten Leser so skurril, dass es unbedingt weiterer Erklärungen bedürftig ist. Dies lässt sich allein schon an der Tatsache festmachen, dass durchaus Gedichtinterpretationen vorhanden sind, die das Motiv Haar kurz bearbeiten, es aber ansonsten an Literatur und Material mangelt. Es sollte aber jedes Wort genau untersucht werden, da „jedes Wort mit direktem Wirklichkeitsbezug geschrieben ist“[2], wobei jedes einzelne von ihnen das Ziel der celanschen Dichtung, den Holocaust „sprachlich fassbar und gedanklich zugänglich zu machen“[3], näher in Augenschein nimmt.

2 Erläuterungen zum Begriff ´Haar´ als Motiv

Im Index zur Lyrik Paul Celans[4] werden Häufigkeit, Variationen, Kombinationen und Synonyme der in den Texten vorkommenden Wörter aufgezählt. Besondere Aufmerksamkeit wird im Folgenden die Kombination der ´Haare´ mit verschiedenen Adjektiven, also die Komposition von Neologismen, haben. Im Index wurden zeitlich gestaffelt die folgenden Gedichtbände verwendet:

Mohn und Gedächtnis, Stuttgart 1952 (MG)

Von Schwelle zu Schwelle, Stuttgart 1955 (SS)

Sprachgitter, Frankfurt 1959 (SG)

Die Niemandsrose, Frankfurt 1963 (NR)

Atemwende, Frankfurt 1967 (AW)

Fadensonnen, Frankfurt 1968 (FS)

Lichtzwang, Frankfurt 1970 (LZ)

Schneepart, Frankfurt 1971 (SP)

Zeitgehöft, Frankfurt 1976 (ZG)

Im ersten Gedichtband MG lässt sich das Substantiv ´Haar´ genau einunddreißig Mal finden, wobei natürlich in einigen Gedichten ´Haar´ auch doppelt genannt wird. Fünfmal wird es in SS gezählt, nur einmal in NR, aber zweimal in AW. Die Pluralform ´Haare´ und das Adjektiv ´haarigen´ kommen nur einmal im Gesamtwerk in MG vor. Genauso verhält es sich mit den Komposita ´Blondhaar´ und ´Wolkenhaar´. Das ´Haupthaar´ kommt in MG und NR jeweils einmal vor. Das Kompositum ´Meerhaar´ hingegen tritt nur in AW einmal auf. Jeweils einmal in MG und FS lässt sich noch das ´Schamhaar´ zählen, wohingegen das ´Weißhaar´ in MG zweimal und in SS einmal vorhanden ist. Hervorzuheben ist zuletzt noch das Kompositum ´Haarstern´, welches einmal in SS zu finden ist. Des weitern treten einige Synonyme auf, die in der folgenden Untersuchung von Bedeutung sind. Zumeist sind diese Synonyme als Synekdochen zu klassifizieren, da sie einen Teil des Haares repräsentieren. Zum einen ist es die ´Strähne´ und zum anderen die ´Locke´. Untergeordnet sind noch ´Wimpern´ und ´Braue´ anzumerken, deren Bedeutung jedoch nicht gewichtet wird.

Somit ist im Ganzen festzustellen, dass ´Haar´, in welcher Form auch immer, in MG neununddreißig Mal vorkommt. Im darauf folgenden Gedichtband SS kommt es nur noch sieben Mal vor. In SG ist das Motiv gar nicht mehr vorhanden. In NR taucht es lediglich zweimal auf, in AW dreimal Mal, in FS nur einmal und zuletzt in LZ ist es wiederum nicht mehr vorhanden, wobei dort das Synonym ´Locke´ oft erscheint. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass das Motiv im Frühwerk, also vornehmlich in MG eine besondere Rolle spielt und sehr wichtig ist, was sich an den verschieden Kompositionen zeigt, mit denen Celan im Rahmen seiner dichterischen Absichten umgeht. Es scheint fast so, als schöpfe er die Möglichkeiten, die ihm das Haarmotiv bietet, vor allem in den ersten zwei Gedichtbänden völlig aus, um sich danach vermutlich anderen Motiven für seine Dichtung zu widmen.

3 Das Haarmotiv im Kontext verschiedener Gedichte

3.1 Einführung

Es werden nun Überlegungen zu den Gedichten und Vergleiche untereinander angestellt, die sich auf das Haarmotiv beziehen. Vornehmlich sind die Gedichte ausgewählt worden, die sich als besonders wichtig in Bezug auf das Haarmotiv präsentiert haben. Die entstehungszeitliche Reihenfolge wurde nicht beibehalten, da Überschneidungen bei Vergleichsanstellungen natürlich wichtig und gewollt sind. Wie eben dargelegt tritt das Motiv im Gedichtband MG besonders häufig auf, während es in den späteren Bänden eine untergeordnete Rolle spielt. Aufgrund der Häufigkeit des Motivs wird deshalb, bis auf ´Strähne´ aus SS, die Analyse auf den Gedichtband MG beschränkt. Das Gedicht ´Strähne´ wird deshalb näher beschrieben, weil es einige wichtige Komponenten enthält, die für die spätere Gesamtanalyse von Interesse sind.

3.2 ´Sie kämmt ihr Haar´

Dieses Gedicht soll als Einstieg in die Motivkette dienen. Es ist im Februar 1951 entstanden und beinhaltet sogar den Paarreim. Reime sind nur in Celans frühen Gedichten zu finden. Diese Stiländerung lässt sich wahrscheinlich mit der Tatsache begründen, dass es ihm später „nicht um Wohllaut, sondern um Wahrheit“[5][6] ging. Das Haar scheint hier als Indikator für den Zustand einer Person zu stehen (vgl. V.1 „…wie man den Toten kämmt…“). Das Kämmen der Haarpracht einer Toten erinnert an Begräbnisse, in denen man eine Tote in Würde begräbt und so, wie man sie vielleicht in Erinnerung hat, also mit gepflegtem Aussehen und in Frieden. In vielen Kulturen wurde der Tote sogar komplett konserviert. Dies reicht natürlich über die bei katholischen Christen übliche Aufbahrung in der Kirche weit hinaus. Dennoch scheint alles in einem gewissen Zusammenhang zu stehen. Der Tod wird durch die Verschönerung des Leichnams vielleicht nicht verdrängt, jedoch wird versucht ihn erträglicher zu machen. Vielleicht muss gerade deswegen das angesprochene Du, welches noch oft in anderen Gedichten vorkommt, den „Becher Wein“ trinken (vgl. V. 5 u. 6) um in einer Welt aus Scherben (vgl. V. 3), die aber die Realität widerspiegeln, bestehen zu können. Vielleicht wusste die Tote die Worte, die hätten gesagt werden müssen (vgl. V. 4), um auch ohne den Wein, ohne Vertuschung, zu bestehen. Aber in ihrem von Menschen gemachten Grab kann sie ja nur gut aussehen oder, wie hier, lächeln (vgl. V. 4).

3.3 ´Erinnerungen an Frankreich´

Die immense Bedeutung der Haare wird in dem Gedicht ´Erinnerungen an Frankreich´ konkretisiert. Hier spielt das lyrische Ich Karten mit dem angesprochenen Du und einem Monsieur Le Songe (vgl. V. 5), was übersetzt Herr Traum[7][8] bedeutet. Nach dem Verlust der ´Augensterne´ im Spiel leiht das angesprochene Du dem lyrischen Ich anscheinend etwas von großem Wert, nämlich das Haar. Als auch das Haar verloren ist, scheint die Kraft zu schwinden und Monsieur Le Songe kann das Ich und Du töten (vgl. V. 7 u. 9). Haare gelten in der Vorstellung vieler Kulturen als kraftgeladen, mit Lebenskraft erfüllt, so wie sich dies an der alttestamentarischen Legende von Simson und Delilah zeigen lässt. Kahlköpfigkeit[9] kann unterschiedliche kulturelle Bedeutungen haben, ein Zeichen der Trauer sein oder Weltentsagung demonstrieren. Das Hauptmerkmal dieser Verse basiert auf der Bedeutung von Trennung. Das Du und das Ich werden beide vom Haar getrennt, wobei sich das Du dem Ich vollkommen hingibt. Dies zeigt sich sehr deutlich in der schon fast asyndetischen Aneinanderreihung von Aktion, Weiterführung und Konsequenz in Vers sieben. „Das Du leiht aber dem Ich genau jenes, das in den Bukarester Gedichten als Tauschobjekt gehandelt wurde; in jenen Gedichten war das Haar das einzig vom Du Verbleibende, pars, das auf ein verlorenes toto verwies.“[10] Das deutlichste Merkmal des Du, also das Haar, und dessen Verlust besiegeln demnach den Untergang vom Du und Ich.

3.4 ´Marianne´, ´Dein Haar überm Meer´ und ´Die Hand voller Stunden´

In ´Marianne´ aus MG wird, wie auch schon in ´Sie kämmt ihr Haar´, ein anscheinend weibliches Du (vgl. V. 6 …Geliebte…) über die Beschaffenheit ihrer Haare beschrieben. Diesmal sind sie mit dem Adjektiv ´fliederlos´ gekennzeichnet. Der Gemeine Flieder ist ein großer Strauch, der bis zu sechs Meter hoch wird. Im Frühjahr entwickelt er sehr duftende fliederfarbene (violette) Blüten.[11][12][13][14] Wer den Begriff ´fliederlos´ mit Haaren in Verbindung bringt, dürfte wohl mit diesem Zustand ein farbloses, nicht wohl riechendes, unschönes und krankes Haar assoziieren. Es hat seine erotische Anziehungskraft, die ja normaler Weise von einer Geliebten (vgl. V. 6) ausgeht, gänzlich verloren. Der Begriff ´Spiegelglas´, mit dem das Antlitz beschrieben wird, vervollständigt die Vorstellung von Krankheit und Zerbrechlichkeit. So ist auch in ´Die Hand voller Stunden´ das Haar mit negativem Sinn belastet. Es scheint eben nicht braun zu sein (vgl. V. 2 u. 3 …Wage des Leids…). Daraus resultiert das Ungleichgewicht[15] (vgl. V 3), welches anscheinend zwischen dem angesprochenem Du und dem Ich herrscht. Auch hier scheint das Haar einen gewissen Tauschwert zu besitzen weil sie es „feilbieten können auf den Märkten der Lust“ (vgl. V. 4). Durch die antithetische Gegenüberstellung vom schweren Haar und dem leichten Ich scheint das Haar zusätzlich an Bedeutung zu gewinnen. Es bekommt einen melancholischen Nebensinn, der im ganzen Gedicht zu erkennen ist[16]. Das Haar ist also nicht braun, gesund oder fliederfarben, es ist krank oder tot. Es ist zu vermuten, dass „sie“ (vgl. V. 4) den Tod auf den Märkten der Lust anbieten. Das Du flüstert: „Sie füllen die Welt schon mit mir, …“(vgl. V.7). Die anderen scheinen die Welt mit den Haaren, also mit dem synekdochischen Teil vom Du, zu füllen. Der Tod scheint gegenwärtig und das Ich ist nicht im Reinen mit dem Du. „ . . . und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!“

Die Tatsache, dass nicht genau zu bestimmen ist, was das Du und somit die Haare explizit bedeuten, lässt dem Leser großen Spielraum zur Spekulation. Sicher scheint nur, dass auf die Existenz des Du hingewiesen wird, wobei die Haare einen allegorischen Zusatz zum Du bilden.

Zusätzlich erwähnenswert ist das Erscheinen des Synonyms „Locken“ (vgl. V. 6). Da die Locken einen Teil der Haare bilden, impliziert dies nicht den kompletten Verlust der Haare, sondern nur eines Teils von den Haaren des Du. Schöpft man immer mehr aus einem See (vgl. V. 6), so wird er zwangsläufig irgendwann ausgetrocknet sein. Gibt das Du immer mehr von seinen Locken, so wird es bald ohne Haarpracht da stehen. Die Begriffe ´Wasser´ und ´Locken´ werden metaphorisch parallel verglichen. Da Wasser im allgemeinen Symbol des Lebens ist, könnten die Haare ebenfalls ein Zeichen für Leben sein. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass zuviel Wasser auch den Tod bedeuten kann. Das gesunde Mittelmaß ist von Nöten.

[...]


[1] Vgl. Klaus Voswinkel: Paul Celan: verweigerte Poetisierung der Welt – Versuch einer Deutung. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag GmbH, 1974. Kürzel: KV S. 119.

[2] Vgl. Wolfgang Emmerich: Paul Celan. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 4. Auflage 2004. Kürzel: WE S. 11.

[3] Vgl. Klaus Müller-Richter und Arturo Lacarti: Der Streit um die Metapher. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998. S. 21.

[4] Vgl. Karsten Hvidfelt Nielsen und Harald Pors: Index zur Lyrik Paul Celans. München: Wilhelm Fink Verlag, 1981.

[5] Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. Kürzel: KG S. 51.

[6] Vgl. WE: S. 95.

[7] Vgl. KG: S. 34.

[8] Vgl. KG: S. 602.

[9] Vgl. Microsoft® Encarta® Professional 2002. © 1993-2001 Microsoft Corporation. Artikel: Haar.

[10] Vgl. Michael Jakob: Das "Andere" Paul Celans oder Von den Paradoxien rationalen Dichtens. Diss. Genf 1992. München: Fink, 1993. Kürzel: MJ S. 187.

[11] Vgl. KG: S. 28.

[12] Vgl. KG: S. 30.

[13] Vgl. KG: S. 29.

[14] Vgl. Microsoft® Encarta® Professional 2002. © 1993-2001 Microsoft Corporation. Artikel: Flieder.

[15] Vgl. MJ: S. 183.

[16] Vgl. Dietlind Meine>elan. Bad Homburg: Gehlen, 1970. S. 270.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638350358
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34966
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Komparatistik
Note
2
Schlagworte
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