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Die Rolle der Gerechtigkeit und ihre Bedeutung für die Gesellschaft in Adam Smith’s "Theorie der ethischen Gefühle"

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Begriffsentwicklung
2.1 Belohnung und Bestrafung
2.2 Gerechtigkeit und Wohltätigkeit

3. Die Bedeutung für die Gesellschaft
3.1 Gerechtigkeit und Wohltätigkeit im Vergleich
3.2 Die zweifache Begründung von Strafe

4. Exkurs
4.1 Die besondere Rolle der Gerechtigkeit unter den Tugenden
4.2 Die drei Arten der Gerechtigkeit

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man die philosophische und politische Diskurslandschaft in Hinblick auf Adam Smith, so wird dieser in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geborene schottische Philosoph hauptsächlich mit seinem berühmten ökonomischen Hauptwerk ÄDer Wohl- stand der Nationen“ in Verbindung gebracht. Das Erscheinen dieses Klassikers, und die darauf folgende Geburtsstunde der englischen Nationalökonomie, prägen für viele das Bild Adam Smiths als Vorreiter des Wirtschaftsliberalismus mit Grundideen wie der Me- tapher der Äunsichtbaren Hand“ und seinem Einfluss auf nachfolgende Ökonomen. Tat- sächlich ist dieses, in der öffentlichen Wahrnehmung am populärsten in Erscheinung getretene, Werk über siebzehn Jahre nach Smiths Hauptwerk der Moralphilosophie ÄTheorie der ethischen Gefühle“ erschienen. Smith folgt hiermit formal der Aristoteli- schen Dreiteilung aus Ethik, Ökonomie und Politik. Die Theorie der ethischen Gefühle bildet so sein Hauptwerk über die Ethik und der Wohlstand der Nationen das Hauptwerk der Ökonomie. Seine Konzeptionen zur Politik bzw. zur Jurisprudenz konnte er begrün- det durch sein fortgeschrittenes Alter nicht mehr vollenden, weshalb zu diesem Gebiet nur vereinzelte Mitschriften zweier seiner Studenten vorliegen.

Das erstmals 1759 in London erschienene Werk ÄThe Theory of Moral Sentiments“1 be- schäftigt sich so im Kern mit der Frage, wie der Mensch als soziales Wesen fühlt und wie es ihm möglich ist moralisch zu handeln, bzw. seine und andere Handlungen zu beurteilen und auf moralische Richtigkeit zu prüfen. Das von Smith entwickelte Prinzip der Sympathie als Grundpfeiler seiner Moraltheorie ermöglicht dem Menschen so Hand- lungen zu billigen oder nicht zu billigen, wohingegen der von ihm eingeführte Äunparteii- sche Beobachter“ das Kriterium für diese Beurteilung bildet. Methodisch bedient sich Smith dabei einer fast ausschließlich deskriptiven Darstellung der ethischen Gefühle in Verbindung mit dem Ziel der Rückführung dieser Phänomene auf gewisse grundlegende Prinzipien.2 Ihm geht es dabei in erster Linie um eine Beschreibung der Tatsachen und der natürlichen Gegebenheiten, also von dem Äwas tatsächlich ist“, anstatt normative Aussagen darüber zu treffen Äwas sein soll“.

In der folgenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Kernfrage bezüglich der Rolle der Gerechtigkeit und der Wohltätigkeit in Smiths Moraltheorie und ihrer besonderen Bedeu- tung für die Gesellschaft. Ich werde mich dahingehend zunächst mit seinen Überlegun- gen über die Belohnung und Bestrafung von Handlungen befassen, welches den Aus- gangspunkt für die folgende Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs darstellt. Diese trifft Smith in Unterscheidung zur Wohltätigkeit, welche sich mit der Gerechtigkeit verglei- chend untersuchen lässt, und somit den unterschiedlichen Charakter dieser beiden Tu- genden herausstellt. Ausgehend von dieser Analyse kann dann die Bedeutung der Ge- rechtigkeit für die Gesellschaft und für den Menschen in der Gemeinschaft betrachtet werden. Im Kern steht dabei die Frage ob eine Gesellschaft ohne Gerechtigkeit möglich ist bzw. funktionieren kann, und wie Smiths Antwort auf diese Frage begründet wird. Als Exkurs soll abschließend noch die besondere Rolle der Gerechtigkeit unter den Tugen- den betrachtet werden. Ich erhoffe mir mit dieser Ausarbeitung eine ausführliche Analyse des von Adam Smith erläuterten Gerechtigkeitsbegriffs geben zu können, sowie daran anschließend dessen besondere Bedeutung für die Gesellschaft und letztlich auch für das Individuum selbst herauszustellen.

2. Die Begriffsentwicklung

2.1 Belohnung und Bestrafung

Um die Begriffe der Gerechtigkeit und Wohltätigkeit, wie sie Adam Smith verwendet, hinreichend erläutern zu können, ist es im Vorfeld notwendig seine Überlegungen zu den Gegenständen der Belohnung und Bestrafung zu klären. So konstituiert Smith im ersten Abschnitt des zweiten Teils, dass es Eigenschaften von menschlichen Handlungen gibt, die eine besondere Art von Billigung bzw. Missbilligung bilden. Diese sind die Eigen- schaften der Lobenswürdigkeit und der Strafwürdigkeit.3 Es gibt also Verhaltensweisen, die eine besondere Art von Schicklichkeit bzw. Unschicklichkeit4 aufweisen, und somit in besonderem Maße das Gemüt auf Basis der Sympathie positiv oder negativ erregen. Besonders schickliche Handlungen erwecken so beim Betrachter das Gefühl der Beloh- nung, während besonders unschickliche Handlungen das Gefühl der Bestrafung erwe- cken. Dieses Gefühl resultiert in einem Antrieb5 diese Handlungen, insofern sie das Ge- fühl der Belohnung erwecken, mit Dankbarkeit zu erwidern, und insofern sie das Gefühl der Bestrafung erwecken, mit Vergeltung zurückzuzahlen. Grundlage für Smiths Be- obachtung ist hier die Idee der Widervergeltung (im positiven wie im negativen Sinne) und das Prinzip der Wechselseitigkeit (ÄGleiches mit Gleichem“). Es genüge dem Men- schen dabei nicht wenn einer Person dementsprechend zufällig Belohnung oder Bestra- fung zukommt, sondern es ist notwendig, dass sich dieser selbst zum ÄWerkzeug für die Beförderung der Glückseligkeit“6 bzw. der Vergeltung des anderen macht. Die wechsel- seitige Widervergeltung ist dabei solange schicklich, also angemessen, solange diese von unparteiischen Beobachter gebilligt wird.7

Ebenso ist es uns durch die Sympathie möglich auf zweierlei Weise ein Gefühl für die Verdienstlichkeit von Handlungen zu erlangen. Smith unterscheidet hier zwischen der direkten Sympathie, die wir mit den Neigungen und Beweggründen des Handelnden empfinden, und der indirekten Sympathie, die wir mit der durch die Handlung betroffenen Person empfinden. Der Beobachter prüft so die Schicklichkeit der Taten des Handelnden sowie die Schicklichkeit der Reaktionen des Behandelten. Verurteilt der Beobachter die Motive des Handelnden und sympathisiert mit den Gefühlen des leidenden Behandelten, so erweckt es in ihm auf natürliche Weise den Vergeltungstrieb den Handelnden zu bestrafen.8 Es wird also in zwei Schritten notwendig geprüft welche Handlungen schicklich und welche unschicklich sind: ÄBevor wir dem Vergeltungsgefühl des Leidenden beipflichten, müssen wir die Beweggründe des Handelnden mißbilligen und fühlen, daß unser Herz sich von aller Sympathie mit den Neigungen lossagt, die sein Verhalten bestimmt haben.“9 In einem anderen möglichen Fall sympathisiert der Beobachter mit den schicklichen Beweggründen des Handelnden, und empfindet diese als natürlichen Gegenstand der Belohnung. Diese Handlungen erfreuen das Gemüt des Beobachters in solcher Weise, als dass sie Ädann eine entsprechende Gegenleistung fordern, ja wenn ich so sagen darf, sie scheinen laut nach ihr zu rufen“.10

Je nachdem welche Motive und Absichten der Beobachter nun als schicklich erachtet, unterteilt dieser die Handlungen in Recht und Unrecht.11 Die Handlungen und Empfindungen die der Beobachter als schicklich empfindet, betrachtet er als Recht, und die unschicklich empfundenen entsprechend als Unrecht.

2.2 Gerechtigkeit und Wohltätigkeit

Zu Beginn des zweiten Abschnitts wiederholt Adam Smith noch einmal die Erkenntnisse aus dem vorangegangenen Kapitel. Er fasst hier zusammen, dass wir Handlungen nach ihren Beweggründen und ihren Absichten beurteilen, und dementsprechend bestimmte Gefühle entwickeln. Handlungen aus schicklichen Beweggründen gepaart mit wohltäti- gen Absichten erwecken so das Gefühl der Dankbarkeit und scheinen Belohnung zu verdienen. Handlungen aus unschicklichen Beweggründen gepaart mit schädlichen Ab- sichten erwecken dagegen das Vergeltungsgefühl und scheinen Bestrafung zu verdie- nen.12

Im Folgenden führt Smith den Begriff der Wohltätigkeit ein. Dieser umfasst dabei alle Handlungen, die aus uneigennützigen Gründen auf den wohltätigen Erfolg eines ande- ren abzielen, und werden auch als Menschenliebe, Freundschaft oder Edelmut bezeich- net. Dabei sei diese immer frei, und der bloße Mangel rechtfertige noch keine Bestra- fung, da kein positiver Schaden generiert wird. Ein Mangel an Wohltätigkeit kann so zwar ein gerechtfertigtes Gefühl der Missbilligung beim Beobachter hervorrufen, da dieser z.B. in der Hoffnung auf ein bestimmtes Gut getäuscht wurden, es erfüllt jedoch nicht die Kriterien für eine Bestrafung.13 Ein bloßer Mangel an Dankbarkeit erzeugt in dieser Hin- sicht ebenfalls kein Vergeltungsgefühl, da eine Person keinen tatsächlichen Schaden erlitten hat. Würde ein Mensch nun doch den bloßen Mangel an Wohltätigkeit bestrafen wollen, so würde sich dieser selbst in hohen Maße unschicklich verhalten: Ä[...] so wäre das wohlmöglich noch unschicklicher, als daß er selbst es unterließ, diese Handlung zu vollbringen“.14 Wohltätigkeit ist so in hohem Maße frei und kann nicht erzwungen werden.

Entscheidend ist hierbei Smiths eingeführte Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten der Missbilligung bzw. der Unschicklichkeit von Handlungen. Wie im vorigen Kapi- tel dieser Arbeit beschrieben, gibt es Handlungen, die auf natürliche Weise15 das Gefühl der Vergeltung erwecken. Wie Smith nun herausstellt ist das immer dann der Fall, wenn einer Person ein tatsächlicher, also positiver, Schaden zugefügt wird. Als positiven Scha- den ist im Extremfall die Bedrohung der leiblichen Sicherheit, also des eigene Lebens oder des von Freunden und Familie gemeint. Smith trifft dazu im zweiten Kapitel eine durchaus präzisierte Abstufung verschiedener Grade der Übel, welche einem Individuum zugefügt werden können. Der Tod stellt dabei die am schwersten wiegende, und das größte Maß an Vergeltung erfordernde, Verletzung der Freiheitsrechte einer Person dar. Darauf folgen Verletzungen des Eigentums (Diebstahl etc.) und letztlich Vertragsbre- chungen (entspricht dem Nichteinhalten von Versprechungen). Je nach dem passt sich so auf natürliche Weise das Vergeltungsgefühl des unparteiischen Beobachters an die Schwere des Verbrechens an. Das Vergeltungsgefühl wird indes nur geweckt, wenn sich ein Beobachter in dieser Weise bedroht sieht und sich verteidigen muss, bzw. einen bereits erlittenen Schaden wiedervergelten will. Smith charakterisiert das Vergeltungs- gefühl deshalb als Ä[…] Schutz der Gerechtigkeit und Sicherung der Unschuld“.16 Da also ein Mangel an Wohltätigkeit keinen tatsächlichen Nachteil mit sich bringt, sondern ledig- lich einen evtl. Vorteil vorenthält, ist es nicht notwendig diese zu Verteidigen.

Im Unterschied dazu gibt es eine Tugend, deren bestehen absolut notwendig ist, und die darum mit Gewalt erzwungen werden kann: die Gerechtigkeit.

[...]


1 Ich beziehe mich in allen folgenden Originaltextverweisen auf die im Literaturverzeichnis angegebene deutsche Übersetzung von Walther Eckstein aus dem Jahre 2010

2 Smith, Adam; Eckstein, Walther; Brandt, Horst D. (2010): Theorie der ethischen Gefühle, vgl. Einleitung S. XVII

3 Vgl. Smith, Adam; Eckstein, Walther; Brandt, Horst D. (2010): Theorie der ethischen Gefühle, S. 103

4 Schicklichkeit bezeichnet die Übereinstimmung der eigenen Gefühle mit denen der betrachteten Person. Unschicklichkeit bezeichnet die entsprechend nicht vorhandene Übereinstimmung.

5 Vgl. ebd., S. 104

6 Siehe ebd., S. 105

7 Vgl. ebd., S. 108

8 Vgl. ebd., S. 109

9 Siehe ebd., S. 115

10 Siehe. ebd., S. 115

11 Vgl. ebd., S. 113

12 Vgl. ebd., S. 124

13 Vgl. ebd., S. 125

14 Siehe. ebd., S. 125

15 Als Änatürlich“ werden hier und im Folgenden alle Vorgänge und Gefühle beschrieben, die beim unpar- teiischen Beobachter entstehen, wenn dieser eine Handlungen aus seiner objektiven Sichtweise betrach- tet.

16 Siehe. ebd., S. 126

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668365322
ISBN (Buch)
9783668365339
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349728
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,7
Schlagworte
Adam Smith Theorie der ethischen Gefühle Moral Gerechtigkeit Philosophie Gesellschaft Moraltheorie

Autor

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Titel: Die Rolle der Gerechtigkeit und ihre Bedeutung für die Gesellschaft in Adam Smith’s "Theorie der ethischen Gefühle"