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Religionsunterricht für alle oder konfessioneller Religionsunterricht. Welches Modell ist das Geeignetere im Rahmen interreligiösen Lernens?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. „Religionsunterricht für alle“ nach dem Hamburger Modell
2.1 Definition und Ziele
2.2 Vorzüge und Nachteile dieses Modells

3. Konfessioneller Religionsunterricht
3.1 Definition und Ziele
3.2 Vorzüge und Nachteile

4. Anwendung der beiden Konzepte am Beispiel Interreligiösen Lernens zwischen Christentum und Islam

5. Reflexion zu den beiden vorgestellten Konzepten in Bezug auf die Praxis

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit „Religionsunterricht für alle oder konfessioneller Religionsunterricht- welches Modell ist das Geeignetere im Rahmen Interreligiösen Lernens?“ zum Seminar „Interreligiöses Lernen“ beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Form von Religionsunterricht die meisten Vorzüge bietet, wenn es darum geht, in der heutigen Zeit an Gymnasien interreligiös zu lernen. Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, Wege religiösen Lernens zu öffnen und eine Stigmatisierung anderer Religionen zu verhindern (Ziebertz/Leimgruber 2001, S.434). Gerade heutzutage befinden wir uns in einer anderen Ausgangssituation, da die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Nationen, Religionen oder sogar Erdteilen nahezu alltäglich geworden ist (ebd., S.433). Wir haben es nicht mit einer Religion, dem Christentum, in unserem Alltag in Deutschland zu tun, sondern mit mehreren verschiedenen Religionen, wie beispielsweise zu einem großen Teil dem Islam aber auch mit dem Judentum sowie fernöstlichen Religionen wie dem Buddhismus oder dem Hinduismus. Interreligiöses Lernen hat das Ziel, die Erfahrungen der anderen Traditionen wahrzunehmen und versuchen zu verstehen (ebd., S.434). Dies beinhaltet sowohl kognitive als auch emotionale und sprachliche Dimensionen (ebd.). Klar ist, dass gerade dieses Thema sehr komplex ist und es ohnehin einen langen Prozess darstellt, einen guten Überblick zu erhalten. Das Ziel des Religionsunterrichtes ist dennoch, dass die Schülerinnen und Schüler die Kompetenz erlangen, die eigene und die fremden Religionen in den wichtigen Charakteristiken zu beschreiben, dass sie andere Religionen besser verstehen (ebd., S.434). Aus der Perspektive der fremden Religion soll die eigene Religion wahrgenommen werden (ebd.). Daraufhin stellt sich zwangsläufig die Frage, in welcher Art von Religionsunterricht diese Kompetenz besser erlangt werden kann und wie sie jeweils erlangt wird. Auf der einen Seite gibt es den konfessionellen Religionsunterricht, bei dem Schülerinnen und Schüler einer Konfession unterrichtet werden und von der eigenen Konfession ausgehend die anderen Religionen kennenlernen. Auf der anderen Seite gibt es den „Religionsunterricht für alle“ nach dem Hamburger Modell, bei dem alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden und aus einer neutralen Perspektive andere Religionen vorgestellt werden. Hier stellt sich nicht nur die Frage, welches Modell in Bezug auf Interreligiöses Lernen besser ist, sondern auch, ob es nicht von der jeweiligen Region abhängt, welches Konzept besser ist, da beispielsweise die Ausgangslage in katholisch geprägten Gebieten (z.B. Eifel) eine andere ist als in multikulturellen Großstädten (z.B. Hamburg). Es wird aller Voraussicht nach keinen „Königsweg“ geben, sondern einen, der vom jeweiligen Kontext abhängig ist und dazu beiträgt, dass die Schülerinnen und Schüler tatsächlich die fremde Religion kennen lernen.

Seit den 90er- Jahren überwiegt der pluralistisch-theozentrische Ansatz in der Theologie, der besagt, dass man sich mit den vielen Religionen in der Welt verständigen soll und sie vollständige, ebenbürtige Heilswege bieten (ebd., S.436). Dies ist eine Abkehr vom einstigen Exklusivismus, bei dem nur eine bestimmte Religion wie beispielsweise der Katholizismus die echte religiöse Erfahrung und die Hoffnung auf das Heil hatte (ebd.). Somit stehen die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gut, dass gerade dem Interreligiösen Lernen eine immer größere Bedeutung zu Teil kommt. Es handelt sich demnach um eine aktuelle und sehr interessante Fragestellung, die im Folgenden bearbeitet wird.

2. „Religionsunterricht für alle“ nach dem Hamburger Modell

2.1 Definition und Ziele

Das Konzept „Religionsunterricht für alle“, das zurzeit an Hamburger Schulen praktiziert wird, versteht sich als Entwurf interreligiösen Lernens im Kontext des schulischen Religionsunterrichts. Das Besondere an diesem Konzept ist die Tatsache, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nach ihren Konfessionen oder Religionen getrennt werden, sondern stets gemeinsam unterrichtet werden (Schröder 2005, S.523). Alle Religionsgemeinschaften, die im Unterricht besprochen werden, können auch gleichzeitig vertreten sein, da beispielsweise muslimische, christliche und jüdische Schülerinnen und Schüler am gleichen Unterricht teilnehmen (ebd.). Die Planung eines solchen Religionsunterrichts geschieht an dieser Stelle mit Hilfe von Mitgliedern verschiedener Religionsgemeinschaften (ebd.). Der Religionsunterricht für alle setzt sich aus unterschiedlichen Sichtweisen zusammen- daher ist er multiperspektivisch. Er wird in evangelischer Verantwortung erteilt, ist jedoch von der Position und der Art und Weise der Behandlung von Themen neutral (Doedens 2004, S.1ff.) und interreligiös geöffnet. Diese neutrale Form wird nicht von einer bestimmten Religion besonders stark beeinflusst, was auch für die Lehrperson gilt, die nicht einer bestimmten Konfession angehören muss.

Die Themen, die in dieser Form des Religionsunterrichts behandelt werden sind in der Sekundarstufe I beispielsweise der Ursprung der Erde, das Leben in der Gemeinschaft, Frieden und Gewalt, Gerechtigkeit und Armut, die Suche nach dem Sinn des Lebens sowie die Frage nach Einzigartigkeit und Gemeinsamkeit in den Weltreligionen (ebd.).

Durch die Pluralität in der heutigen Zeit, die sich dadurch bemerkbar macht, dass an immer mehr Schulen unterschiedliche Nationalitäten, Religionen und Weltanschauungen der Schülerinnen und Schüler fast schon selbstverständlich geworden sind, wird interreligiöses Lernen immer wichtiger (Schlüter 2005, S.556). Gleichzeitig hat man gerade in einer multikulturellen Millionenstadt wie Hamburg das Problem, die Schülerinnen und Schüler für den konfessionellen- also vor allem für den protestantischen Religionsunterricht- zusammenzubekommen, da es schon unter den Protestanten verschiedene Richtungen wie beispielsweise die Calvinisten oder die Lutheraner gibt. In Hamburg hat man es zudem mit insgesamt 106 verschiedene Religionsgemeinschaften (Doedens 2004, S.1ff.) zu tun. Die Tendenz, dass es immer mehr Pluralität in Hamburg geben wird, ist auch steigend. Diese heterogene Zusammensetzung führte zur Entwicklung des Konzepts, das den „Religionsunterricht für alle“ vorsieht. Das Ziel, das gleichzeitig verfolgt wird, ist, dass sich die Lernenden mit verschiedenen Religionen intensiv auseinandersetzen und gerade die multireligiöse Zusammensetzung der Lerngruppe den Weg dafür freimacht, den Austausch und die Begegnung mit dem Fremden zu suchen (Schlüter 2005, S.558). Begegnung und Dialog sind zwei besonders wichtige Aspekte, die vorangetrieben werden sollen; im Unterricht begegnen sich die Schülerinnen und Schüler verschiedener Religionen und Konfessionen und treten durch die Unterrichtsgespräche in Dialog (ebd.).

2.2 Vorzüge und Nachteile dieses Modells

Überlegt man sich die Vorzüge eines solchen Modells, wie es in Hamburg praktiziert wird, so erkennt man in Anknüpfung an die Definition und die Ziele des „Religionsunterrichts für alle“, dass die Schülerinnen und Schüler, die Religionsunterricht haben, nicht getrennt werden, sondern in einem Verband bleiben und gemeinsam unterrichtet werden können. Dadurch kann das Gemeinschaftsgefühl der Klasse gestärkt werden, da die Kinder und Jugendlichen nicht nach ihren unterschiedlichen Religionen separiert werden und wer sich für einen Religionsunterricht entscheidet und nicht als Alternative Ethik oder Philosophie wählt, ist „automatisch“ im „Religionsunterricht für alle“. Dies macht den Weg frei, sich in einer heterogenen Zusammensetzung beispielsweise mit den verschiedenen Weltreligionen auseinanderzusetzen. In der Entdeckung des Anderen hat man die Möglichkeit, das Eigene zu entdecken und das Fremde zu reflektieren (Doedens 2004, S.1ff.). Gerade wenn man mit Schülerinnen und Schülern anderer Religionen in Kontakt kommt, lernt man typische Charakteristiken der anderen Religion aus erster Hand kennen, entdeckt das, was gemeinsam ist und warum in der fremden Religion vieles doch anders ist. Das führt dazu, dass Vorurteile leichter abgebaut werden können oder gar nicht erst entstehen, da gerade der „Religionsunterricht für alle“ sehr zielgerichtet das Interreligiöse Lernen behandelt. Die Antwort auf eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft, in der die Schülerinnen und Schüler in der Vielfalt ihre eigene religiöse Identität erkennen sollen, wird mit diesem Modell gegeben (Doedens 2004, S.1ff.).

Nachteile, die allerdings aus diesem Modell resultieren, sind gerade die relativ große Heterogenität der Zusammensetzung des Religionskurses, dass man keinen Raum hat bestimmte konfessionsspezifische Feinheiten oder Details genauer zu besprechen. Das ist beispielsweise an der Stelle der Fall, an der man aus christlicher Perspektive die Fastenzeit oder das Kirchenjahr gerne im Religionsunterricht behandeln möchte. Obwohl sich die Möglichkeit eröffnet aus einer neutralen Perspektive über die Fastenzeit im Christentum zu sprechen, so hat man auf der einen Seite nicht den zeitlichen Umfang, den man sonst hätte, und auch das Vorwissen, was die Feste im Kirchenjahreskreis oder liturgische Farben betrifft, wäre höchstens bei einigen von den christlichen Schülerinnen und Schülern vorhanden. Auch wenn es um das interreligiöse Lernen geht, erfahren die Schülerinnen und Schüler viel Neues über die Weltreligionen und deren Charakteristiken, doch ist es gerade beim Religionsunterricht für alle kompliziert, die Grenze zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ zu ziehen, weil die Perspektive neutral ist, die Klasse aus ganz unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zusammengesetzt ist und man keine Basis im Sinne von einer grundlegenden Konfession hat, die man als Bezugsniveau nehmen kann. Es handelt sich vielmehr um eine „Weltreligionskunde“, auch wenn persönliche Erfahrungen ausgetauscht werden können, da es ja gerade eine so heterogene Zusammensetzung gibt und auch die Lehrperson sehr viele Religionen, nämlich die, der sie nicht angehört, nur aus der Vogelperspektive wahrnehmen kann. Zudem kann die Mehrzahl der im „Religionsunterricht für alle“ zu behandelnden Themen wie z.B. „das Leben in der Gemeinschaft“, „die Suche nach dem Sinn des Lebens“ oder auch „das Leben in einer Welt mit vielen Religionen und Kulturen“ (Doedens 2004, S.1ff.) ebenso in einem Unterricht von Lebensgestaltung und Ethik, wie es ihn auch in einigen ostdeutschen Bundesländern gibt, besprochen werden. Dies gilt auch für das Thema Weltreligionen und Kulturen, weil jeder Mensch damit konfrontiert wird und man auch in einem Klassenverband an nahezu jeder weiterführenden Schulform darüber sprechen könnte, ohne den Unterricht als Religionsunterricht zu bezeichnen. Es fehlt also ein stärkerer religiöser Bezug in verschiedenen Themenbereichen, doch würde gleichzeitig ein sehr ausgeprägter Bezug zu einer bestimmten Religion an die Grenzen stoßen, gerade weil ein großer Teil des Religionskurses nicht so gut mitreden kann, da das Vorwissen nicht vorhanden ist und auch in der Form nicht so einfach da sein kann.

3. Konfessioneller Religionsunterricht

3.1 Definition und Ziele

Der konfessionelle Religionsunterricht hat einen inneren Anspruch, der sich aus einer institutionalisierten religiösen Form her ableitet (Esser 1975, S.7.). Dies ist in Deutschland beispielsweise dann der Fall, wenn die katholischen und die evangelischen Kirchen für den Religionsunterricht verantwortlich sind und er aus der Perspektive der jeweiligen Glaubensgemeinschaft erteilt wird. Beim konfessionellen Religionsunterricht ist der Glaube an eine lebendige Glaubensgemeinschaft geknüpft und bildet so die Voraussetzung für den Religionsunterricht (ebd.). Dementsprechend geht man im konfessionellen Religionsunterricht immer von einer gleichen Basis, nämlich der jeweiligen Konfession aus, auf deren Grundlage der Religionsunterricht in allen seinen Facetten erteilt wird.

Das Konfessionalitätsprinzip, das hierbei gilt besagt, dass die Lehre, die Lehrpersonen und die Schülerinnen und Schüler in der Konfessionalität übereinstimmen müssen (ebd.). In vielen deutschen Schulen bedeutet dies zum Beispiel, dass der Lehrer und seine Schülerinnen und Schüler jeweils katholisch bzw. evangelisch sein müssen und die Lehre sich auch an der katholischen bzw. evangelischen Kirche orientiert. Nach diesem Prinzip werden die Schülerinnen und Schüler wiederum als Glieder der Kirche, die in der Gesellschaft leben, verstanden (ebd.), was bedeutet, dass sie vom Standpunkt der jeweiligen Kirche ausgehen und sich da beheimatet fühlen. Da der Begriff der Konfession besagt, dass es ein bestimmtes formuliertes Bekenntnis des christlichen Glaubens gibt auf das Verbindlichkeit abgezielt wird, den Glauben zu verantworten, sieht man an dieser Stelle, dass der Religionsunterricht hier das Ziel hat, gezielt die Lehre der jeweiligen Kirche zu verkünden und die Schülerinnen und Schüler sich in den verschiedenen Themenbereichen immer auf ihre „Basis“ des gemeinsamen Glaubens berufen können (Rendtorff 1975, S.13).

Wenn man im konfessionellen Religionsunterricht über Interreligiöses Lernen spricht, so geht man von einer jeweiligen Konfession aus, die Schülerinnen und Schüler und die Lehrperson haben, also beispielsweise die Katholische und kann so bei der Frage nach den Gemeinsamkeiten zwischen Katholizismus und beispielsweise Islam eine klare Linie zwischen dem Eigenen und dem Fremden ziehen. Die Identität kann nur verantwortet werden, wenn sie die Grenzen zum Fremden aufzeigt (ebd., S.14).

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Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668369375
ISBN (Buch)
9783668369382
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349924
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Schlagworte
interreligiöses Lernen Religionsunterricht

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