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Struktur, Ästhetik und die Rückenfigur als Moment der Malerei in Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer"

Studienarbeit 2016 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vita
2.1 Herkunft und Familie
2.2 Geistige und Künstlerische Ausbildung
2.3 Caspar David Friedrich in Dresden
2.4 Künstlerische Erfolge
2.5 Friedrichs Patriotismus

3.Der Wanderer über dem Nebelmeer
3.1 Einordnung und Bildbeschreibung
3.2. Die Rückenfigur
3.2.1 Die Rückenfigur als Element der Malerei
3.2.2 Der Wanderer als Rückenfigur

4. Ästhetik
4.1 Der Begriff Ästhetik
4.2 Die Theorie des Erhabenen
4.2.1 Edmund Burke
4.2.2 Immanuel Kant
4.2.3 Das Erhabene in Friedrichs Wanderer

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Selbstständigkeitserklärung

1. Einleitung

Caspar David Friedrich ist bis heute einer der bedeutendsten Maler der deutschen Romantik. Seine Gemälde schmücken unzählige Galerien und Museen und erschienen in verschiedensten Reproduktionen.

Doch was fasziniert die Menschen an Caspar David Friedrich? Ist es seine nahe Beziehung zur Natur und zur Landschaft als Voraussetzung für sein künstlerisches Schaffen? Weshalb verweigern sich seine Bilder trotz ihrer emotionalen Schönheit einem unmittelbaren Verstehen?

Friedrich selbst schrieb dazu in seinen „Gedanken zur Landschaftsmalerei (1830): „Nicht die treue Darstellung von Luft, Wasser, Felsen und Bäumen ist Aufgabe des Bildners, seine Seele, seine Empfindung soll sich in seinen Bildern widerspiegeln.“

Die breite Meinung zur Deutung von Friedrichs Werken bedarf einer Annäherung von verschiedenen Blickpunkten.[1] (Greve, 2006)

Friedrich richtet seine konstruierten Bilderfindungen auf eine bestimmte Wirkungsästhetik aus, die mit dem damals geläufigen Kunstbegriff der Romantik bricht. Doch genau dieses Kunstverständnis Friedrichs ist sein großer Beitrag zur modernen Kunst. Er vollzieht einen Bruch mit der tradierten Landschaftsmalerei vorheriger Epochen.

Landschaft – Mensch – Religion wirken in Friedrichs Bildern in einer Ästhetik des Erhabenen. Dieses werde ich am Beispiel von Kants „Kritik der Urteilskraft“ und seiner Analytik des Erhabenen zeigen. Friedrichs besondere Vita wird lange als Ausgangspunkt für seine Werkdeutung verstanden. Ich beschäftige mich zu Beginn mit einem kurzen Blick auf seine Biografie

Mit meinem gewählten Beispielbild: „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ möchte ich die Sinntiefe der konstruierten Malerei Friedrichs vorstellen, die der Künstler selbst „Erfinden“ nannte. Dafür betrachte ich das Bild, seine Struktur und Ästhetik und besonders die Rückenfigur als Moment der Malerei.

2. Vita

2.1 Herkunft und Familie

Caspar David Friedrich, als sechstes von zehn Kindern, geboren am 05. September 1774 in Greifswald, entstammte einer Handwerkerfamilie. Der Vater war Seifensieder und Lichterzieher Adolf Gottlieb Friedrich. Gerüchten zufolge entsprang die Familie einem alten Grafengeschlecht. Diese Vermutungen sind allerdings nur wenig belegbar und vermutlich darauf zurückzuführen, dass „man das Besondere von Friedrichs Person und Malerei nicht mit seiner Herkunft aus kleinbürgerlichen Handwerkerkreisen vereinbaren wollte.“[2] (Fiege, 1977)

Caspar David Friedrich und seine Geschwister wurden im lutherischen Glauben mit puritanischer Strenge erzogen. Friedrichs Brüder verblieben in ihren Ausbildungen im Handwerksstand. Für Caspar David bedeutete der Beruf des Künstlers zweifelsohne einen sozialen Aufstieg.

Traumatische Erfahrungen seiner Kindheit waren unumstritten der frühe Tod der Mutter sowie der seines jüngeren Bruders, welcher den ins Wasser gefallenen Caspar David rettete und dabei selbst verstarb. Ein Erlebnis, welches der Maler sein gesamtes Leben nie überwinden konnte.[3]

2.2 Geistige und Künstlerische Ausbildung

Über einen Schulbesuch Caspar David Friedrichs ist wenig bekannt. Seine Schwester vermerkte in ihren Aufzeichnungen einen Hauslehrer. Des Weiteren ist nicht klar, wer seine künstlerische Begabung entdeckte.

Der Universitätszeichenlehrer Johann Gottfried Quistorp unterrichtete Caspar David um 1790 eine Stunde pro Woche im Zeichnen. Aufgabe des Schülers war es unter anderem Zeichnen nach Modellen und nach Natur zu erlernen. Außerdem gehörte zur Ausbildung das Architekturzeichen sowie das Anfertigen von Baurissen. Zweifelsohne ein Grundstein für Friedrichs spätere Zeichnungen von Denkmälern und Kirchenrestaurierungen.[4]

Quistorps Einflüsse mochten es auch gewesen sein, die Friedrich den ästhetischen Blick für Natur und Landschaft Nahe brachten. Auch die Verbindung mit dem Schriftsteller Kosegarten, welcher auf Rügen Pastor war, wurde sicherlich über den Erzieher Quistorp arrangiert, der mit Kosegarten in regem Kontakt stand.

So wichtig diese frühen Anregungen für Friedrichs geistig-künstlerische Entwicklung auch war, Greifswald war kulturelle und künstlerische Provinz. Die Stadt konnte Friedrich die Grundlagen bieten, für seine weitere Entwicklung jedoch zog es den jungen Künstler in das künstlerische Zentrum Kopenhagen. Dort studierte Friedrich seit 1794 an der Königlich Dänischen Kunstakademie, die, Ende des 18. Jahrhunderts, zu den liberalsten Europas zählte.

„Das Kopenhagener kulturelle Leben bildete einen Mittelpunkt der frühen Romantik und des nordischen Pietismus; es war beeinflusst [sic!] von den Strömungen der Empfindsamkeit und des Ossiankultes englischer Provenienz.“[5] (Fiege, 1977)

2.3 Caspar David Friedrich in Dresden

Friedrich verließ 1798 Kopenhagen und zog im Sommer des Jahres nach Dresden um. Unter dem Einfluss von Johann Christian Klengel und Christian Gottfried Schulze sowie weiteren Lehrern der Dresdner Akademie entwickelte sich Friedrichs Kunstverständnis weiter. Zahlreiche Skizzen und Zeichnungen der Umgebung sind aus dieser Zeit erhalten geblieben. Aus diesem Motivkanon bediente sich Friedrich in späteren Gemälden nimmer wieder.

Friedrich bevorzugte zunächst Federzeichnungen mit Tusche und Aquarell. Er war einer der ersten freien Künstler, der seinen Unterhalt nicht mehr mit Aufträgen aus Fürstenhäusern erstritt. Er verkaufte Sepiablätter an Kunden in Dresden und Pommern und verdiente sich so seinen Lebensunterhalt.[6] Das bevorzugte Thema in Friedrichs Werken war der Tod, stellte er doch selbst seine eigene Beerdigung im Bild dar.[7]

Vermutlich erlitt Caspar David Friedrich zu dieser Zeit eine schwere Lebenskrise mit depressiven Phasen, die zu einem Suizid-Versuch geführt haben sollen, dieser soll sich zwischen 1801 und 1805 ereignet haben. Die Friedrich-Forschung ist sich darüber uneinig.[8]

Aus Berichten von Zeitzeugen ist zu entnehmen, dass der Maler lange Zeit krank gewesen war und seine künstlerische Produktion nahezu zum Erliegen kam. Möglicherweise verschärfte sich seine Depression durch eine unglückliche Liebe.[9]

2.4 Künstlerische Erfolge

Nach dieser scheinbar sehr depressiven Phase in Friedrichs Leben wurde ihm um 1805 wieder beruflicher Erfolg zu teil. Zwar war er schon seit 1799, 1801 und 1803 auf Dresdner Kunstausstellungen vertreten und seine Bilder erhielten in Zeitschriften positive Rezensionen,[10] doch erst 1805 erfuhr er die erste bedeutende Anerkennung als er die Hälfte des ersten Preises der „Weimarer Kunstfreunde“ zugesprochen bekam. Johann Wolfang Goethe, in seiner Funktion als Initiator der Weimarer Kunstausstellung, verfügte die Auszeichnung, obwohl die beiden eingereichten Landschaften den Vorgaben, eine antike Sage zu illustrieren nicht entsprachen. Der Preis schloss die Präsentation in einer Ausstellung sowie eine wohlwollende Erwähnung von Johann Heinrich Meyer in den „Propyläen“[11] ein.

In den folgenden Jahren erweiterte Friedrich sein künstlerisches Schaffen von Sepia-Bildern hin zu Ölgemälden. Auf seinen vielen Reisen durch die Landschaften Neubrandenburgs, Breesens, Greifswalds, Rügens und Nordböhmens sowie ins Riesengebirge und in den Harz entwickelte er sich von den Sepiabildern hin zur Ölmalerei, die ihm neue Ausdrucksformen ermöglichte. Die Ölmalerei ließ ihn noch differenziertere Stimmungsnuancen wiedergeben. So konnte er durch das Medium der Farbe seine Gedanken und Empfindungen zum Ausdrucksträger machen.[12]

Den vollen Durchbruch in der Ölmalerei gelang Friedrich bei seinem Werk: „Kreuz im Gebirge („Tetschener Altar“).

„In ihm manifestiert sich der neue Stil in Friedrichs ganz persönlicher Ausprägung. Das wurde von Kritikern wie Verteidigern erkannt und verhalf Friedrich zu erster Berühmtheit.“[13] (Fiege, 1977)

Innerhalb eines Jahres starben erst seine Schwester Dorothea (22. Dezember 1808) und dann sein Vater Adolph Gottlieb Friedrich (6. November 1809). In Folge dieser einschneidenden Erlebnisse entstanden wahrscheinlich die Bilder „Der Mönch am Meer“ sowie die „Abtei im Eichwald“. Diese Werke veranlassten Heinrich von Kleist anlässlich der Berliner Akademieausstellung 1810 zu einer sehr euphorischen Rezension der Gemälde und machte sie damit einem größeren Publikum bekannt. In diesem Zusammenhang wurden die Gemälde auf Betreiben des Kronprinzen Friedrich Wilhelm durch den Preußischen König Friedrich Wilhelm III. erworben. Vor diesem Hintergrund wählte die Berliner Akademie den Künstler am 12. November 1810 zu ihrem Mitglied.

2.5 Friedrichs Patriotismus

Caspar David Friedrich lebte zur Zeit der Napoleonischen Feldzüge in Sachsen. Das Land war immer wieder Schauplatz kriegerischer Ereignisse. Immer wieder wurde es von Franzosen, Preußen oder Russen besetzt und musste den Durchzug der unterschiedlichsten Armeen hinnehmen. Auch Dresden hatte besonders unter der fremdländischen Besetzung zu leiden.[14]

Der Einfall des französischen Feldherrn hatte in den deutschen Ländern verschiedenartige Reaktionen hervorgerufen. Zumeist war man über Napoleon selbst, als Auslöser allen Übels, erbost, löste sich aber nicht von der Sympathie gegenüber der französischen Kultur im Allgemeinen.[15]

Neben Friedrich gehörten unter anderem auch Kleist, Arndt und Körner zur nationalen Befreiungsbewegung und steigerten sich in ihrer nationalen und freiheitlichen Gesinnung zu einem chauvinistischen Franzosenhass.[16]

„Die Auflehnung konnte zunächst nur in Worten und Bildern im vertrauten Kreise äußern. Doch wurden diese Zirkel wichtige Keimzellen für die spätere Erhebung und für die Forderung nach Beendigung der Kleinstaaterei und nach demokratischen Verfassungen mit gleichen politischen Rechten für alle Bürger laut.“[17]

Friedrich malte 1813/1814 das Ölgemälde „Das Grab des Arminius“. Dieses Werk sowie alle weiteren Gemälde mit politischem Bezug sind geprägt vom starken Wunsch nach politischer Veränderung, gehen aber nicht über diesen Wunsch hinaus. Im Gegensatz zu Körner und Kleist sind Friedrichs Werke keine Mittel der Agitation. Ganz ähnlich wie in den religiös konnotierten Bildern Friedrichs sind die Werke Kommunikationsmedien für Gleichgesinnte und Eingeweihte.

[...]


[1] Greve, Gisela: Caspar David Friedrich. Deutungen im Dialog. Tübingen, 2006. S. 7.

[2] Fiege, Gertrud; Caspar David Friedrich. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten; in: Naumann, Uwe (hrsg.); rowohlts monographien. Hamburg, 1977. S.8.

[3] Vgl. Fiege, 1977. S. 10.

[4] Vgl. ebd. S. 11.

[5] Fiege, 1977. S. 12

[6] Vgl. ebd. S.29.

[7] Vgl. Zschoche, Herrmann; Caspar David Friedrich. Die Briefe. Hamburg, 2006. S. 24.

[8] Vgl. siehe dazu: Börsch-Supan, Helmut; Caspar David Friedrich. Gefühl als Gesetz. Berlin, 2008. S. 128 sowie: Spitzer, Carsten; Zur operationaliserten Diagnostik der Melancholie Caspar David Friedrichs. Ein Werkstattbericht. In: Bormuth, Matthias; Podoll, Klaus; Spitzer, Carsten; Kunst und Krankheit. Studien zur Pathographie. Göttingen, 2007. S. 87

[9] Vgl. Börsch-Supan; Caspar David Friedrich. Gefühl als Gesetz, 2008. S. 128.

[10] Vgl. Fiege, 1977. S. 29.

[11] Die „Propyläen“ ist eine von Johann Wolfgang von Goethe von Ende 1798 bis Ende 1800 herausgegebene Fachzeitschrift für bildende Kunst. Inhaltlich nahm vorallem Goethe selbst sowie der mit ihm befreundete Maler und Kunsthistoriker Johann Heinrich Meyer Anteil an der Gestaltung der Zeitschrift. Außerdem arbeiteten Friedrich Schiller, Wilhelm und Caroline von Humboldt daran mit.

[12] Vgl. Fiege, 1977. S.30.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Fiege, 1977. S. 45.

[15] Vgl. ebd. S. 49.

[16] Vgl. ebd. S. 50. Siehe ebd.: „Sie hielten diesen Ha[ß] nicht nur für gerechtfertigt, sondern verbanden ihn mit Religiosität, da nach ihrer Meinung, die Franzosen sich gegen Gott versündigt hatten, indem sie Deutschland mit Krieg überzogen. Jetzt schien es ihnen die gerechte Sache Gottes zu sein, gegen die Franzosen zu wirken.“

[17] Ebd. S. 51.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668428393
ISBN (Buch)
9783668428409
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350427
Institution / Hochschule
Dresden International University
Note
1,0
Schlagworte
struktur ästhetik rückenfigur moment malerei caspar david friedrichs wanderer nebelmeer

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Titel: Struktur, Ästhetik und die Rückenfigur als Moment der Malerei in Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer"