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Jean-Paul Satre und Sigmund Freud. Ein freudianischer Blick auf "Huis clos"

Hausarbeit 2016 33 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Gliederung / Inhaltsverzeichnis

1. Jean-Paul Sartre und Sigmund Freud

2. Ein freudianischer Blick auf Jean-Paul Sartres huis clos
2.1 Angst – Garcin und Inès
2.2 Das Lustprinzip
2.3 Das Struktur- oder Instanzenmodell der Psyche
2.4 Narzissmus – Estelle (und Garcin)
2.5 Der Todestrieb
2.6 Die Verdrängung
2.7 Augen, Spiegel, Doppelgänger

3. „L´enfer, c ' est les Autres“

4. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

Internetquellen:

1. Jean-Paul Sartre und Sigmund Freud

Jean-Paul Sartre und seine philosophischen Schriften stehen Sigmund Freud und seinen psychoanalytischen Theorien kritisch gegenüber. Sartre erhebt den Vorwurf des Synkretismus[1] sowie „die Verschmelzung von Gedankengut aus verschiedenen Philosophien ohne Nachweise der inneren Einheit, wobei die Widersprüchlichkeit der verschiedenen Konzepte verdeckt wird“[2], fasst Dandyk zusammen. Denn in Sartres Existentialismus „ist der Trieb keine Substanz im Menschen, sondern eine Relation zwischen Mensch und Welt“[3], die eine unzertrennliche Einheit bilden und „nicht in selbständige Substanzen und unselbständige Relationen zerlegt werden“[4] können. Auf Grund jener kritischen Haltung Sartres scheint eine Betrachtung seiner Werke aus einer freudianischen Perspektive interessant. Sind trotz der offensichtlichen Abgrenzung Elemente der freudianischen Psychoanalyse auf die Dramen Sartres anwendbar?

Sartre verbindet in seinen Werken meist Mythos mit Alltäglichem[5]: Beispielsweise in dem Drama huis clos treffen Inès, Garcin und Estelle in der Hölle, welche ein Zimmer im Stil des Second Empire ist, aufeinander. Sie versuchen, trotz fehlendenr Gemeinsamkeiten den Grund für ihr Zusammentreffen zu ergründen und das Fehlen eines Henkers zu erläutern. In den Dialogen ergründen und verhandeln sie deshalb progressiv die Schuld jedes einzelnen und erkennen schließlich die eigene Abhängigkeit vom Fremdbild der anderen: Alle drei scheitern bei dem Versuch, dem Gegenüber eine konkrete Perspektive auf die eigene Person und ihre Vergangenheit zu forcieren. „Da die Beteiligten von den Anderen jeweils eine ganz spezifische Anerkennung benötigen, geraten sie unweigerlich in das Spannungsfeld des gegenseitigen „Erblickens“ und „Erblickt-werdens“[6], erfasst Ziegler die Problematik. Als Konsequenz der Tatsache, keinen von der eigenen Sichtweise seiner selbst überzeugen zu können, resultiert Unzufriedenheit, Verzweiflung und Aggression in einer verhängnisvollen Dreierkonstellation. Estelle weckt Inès sexuelles[7] Begehren, möchte jedoch ihrerseits von Garcin, welcher wiederum Inès von seinem Heroismus[8] überzeugen will, begehrt werden und reduziert sich selbst somit zum Objekt sexueller Verführung.[9] Die resultierende Erkenntnis pointiert die Aussage „L‘enfer, c‘est les Autres!“[10].

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob bestimmte Theorien Freuds trotz Sartres Kritik an der Psychoanalyse auf huis clos anwendbar sind und welche Funktion diese im Stück einnehmen. Bei dem Versuch einer Betrachtung des Dramas aus dem Blickwinkel der freudschen Psychoanalyse steht vor allem die Manifestation des Todestriebes im Fokus. Doch auch die von Freud beschriebene Angst, das Instanzenmodell der menschlichen Psyche, das Lustprinzip, der von Freud definierte Narzissmus sowie das Verdrängen fließen in die Betrachtung mit ein. Auf Grund der Thematik des Stückes liegt darüber hinaus ein Schwerpunkt auf der Verwendung des Motivs der Augen und des Blickes.

2. Ein freudianischer Blick auf Jean-Paul Sartres huis clos

2.1 Angst – Garcin und Inès

Freud kategorisiert verschiedene Formen der Angst und sieht diese als Affekt, dessen Auftreten verschiedene Ursprünge haben kann. Einerseits gründet die Angst im befürchteten Liebesentzug, der bereits durch die Mutter stattfand. Außerdem resultiert Angst aus der Kastrationsdrohung in Folge des Ödipuskomplexes sowie aus der Strenge des Über-Ich und der Vorstellung vom Tod.[11] Die Androhung der Kastration ist eine Reaktion des Vaters auf infantile sexuelle Phantasien gegenüber der Mutter.[12] Der Kastrationskomplex des Kindes resultiert aus jener Kastrationsangst, wohingegen Mädchen das Fehlen eines Penis als bereits stattgefundenen Kastration und Nachteil gegenüber den Männern, welcher kompensiert oder bestenfalls akzeptiert werden muss, wahrnehmen.[13] Der Begriff Trieb umfasst in der Psychoanalyse die „leidenschaftliche Wünsche, Phantasien und Gefühle, die im sinnlichen Kontakt mit der Außenwelt Befriedigung und Erfüllung finden.“[14]

Garcins Kontrolldrang äußert sich in der detaillierten Erfassung seiner Situation, denn er wird ungerne von äußeren Umständen überrascht, sondern versucht alle Possibilitäten im Voraus zu bedenken. Die von ihm empfundene Gefahr durch Unbedachtes verbalisiert er mit der Personifikation „Je ne veux pas qu‘elle [la situation, Anm. d. Verf.] saute sur moi par-derrière“ (S. 11), welche bereits seine begrenzten Handlungsmöglichkeiten und das Gefühl des Ausgeliefertseins verdeutlicht. Inès Frage nach der Möglichkeit, den Raum zu verlassen, bezieht Garcin auf sich („Je comprends [..] que ma présence vous importune.“, S. 15), weshalb er antwortet, ebenfalls allein sein und sein Leben ordnen zu wollen. Inès wirkt durch jene Frage, welche eine Allusion auf Ausweich- oder Fluchtmöglichkeiten ist, ängstlich. Die Aussicht, mit Garcin alleine in einem Raum zu sein, scheint bei ihr Furcht auszulösen. Den Kastrationskomplex Garcins als Folge der Kastrationsangst und das sexuelle Interesse an Inès belegen die Tatsache, vermeintliche Schwächen nicht zugeben zu wollen, um sein Gesicht zu wahren („Garcin va pour répondre, mais il jette un coup d‘oeil à Inès“, S. 14).

Auch durch Inès wird Garcin indirekt als ängstlich aussehend charakterisiert, was er abstreitet („Je n‘ai pas peur“, S. 15). Die Wertung der Frau ist aus freudianischer Perspektive ein Angriff auf Garcins Männlichkeit und weckt auf diese Weise die Kastrationsangst. Denn das Empfinden von Angst steht im Widerspruch zu Garcins Verständnis der eigenen Männlichkeit, wodurch Inès ihm diese abspricht. Zudem bedeutet der von Garcin wahrgenommene und auf ihn gerichtete Blick seitens Inès einen neuen und unkontrollierbaren Bewandtniszusammenhang, den ihr Erscheinen zur Folge hat.[15] Garcin möchte seine eigene Nervosität und Angst als Teil des Kastrationskomplexes nicht zugeben, erwartet jedoch Ängstlichkeit von Inès („Vous n‘avez pas peur, vous?“, S. 16), woraufhin sie die Existenz von Hoffnung als Voraussetzung von Angst und somit ihre Situation als hoffnungslos darstellt (S. 16). Die Ungewissheit der Zukunft verunsichert jedoch beide („Alors? Qu‘est-ce qui va venir?“, S. 16), da keine Einschätzung möglich ist.

Inès interpretiert die Aussagen Garcins weiterhin als Zeichen seiner Angst und seines Sicherheitsbedürfnisses („Avez-vous tellement besoin de vous rassurer?“, S. 20), denn ihrer Meinung nach ist nichts an der Situation zufällig. Durch „ils ne laissent rien au hasard“ (S. 20) stellt sich die Frage, wen Inès mit „ils“ meint und die Frau scheint wissend im Vergleich zu Garcin. Dieser empfindet das Geschehen auch als unangenehm, da er die Situation nicht einschätzen kann, obwohl dies für ihn ein Grundbedürfnis ist.

Garcins Aussage „S‘ils m‘avaient logé avec des hommes [..] les hommes savent se taire“ (S. 29) im Zuge der Verdeutlichung von Estelles Flirtversuchen durch Inès, lässt auf sein klischeehaftes Rollenverständnis schließen. Seine Kastrationsangst kann deshalb auch als Verlustangst des Patriarchats gedeutet werden.[16] Obwohl er damit Inès Aussage und deren Bedeutung abwertet, fragt er Estelle direkt „Alors, petite, je te plais?“ (S. 29), was sein Streben nach Bestätigung verdeutlicht. Die darauf folgende Ablehnung verdrängt er und ist sich seiner Wirkung auf Frauen im Allgemeinen sicher („J‘aimais beucoup les femmes [..] Et elles m‘aimaient beaucoup.“ (S. 29). Durch den wiederholten Vergleich mit nackten Würmern („nues comme des vers“, S. 29) drückt er Triebhaftes aus, aber auch das Unangenehme der Situation, der sich keiner der Anwesenden entziehen kann.

Garcin wiederholt die vermeintlichen Gedanken seiner Kollegen „Garcin est un lâche“ (S. 43), was die Wichtigkeit des Eindruckes, den er bei den Menschen auf der Erde hinterlässt, zeigt. Feigheit ist nicht mit Garcins Bild eines Mannes vereinbar, weshalb die Aussage des Kollegen einer Kastration gleichkommt. Mertens interpretiert den Drang des Mannes nach Anerkennung in der Hölle durch eine der Frauen als Voraussetzung für sein „patriarchalisches Selbstbild“[17].

Am Ende möchte er mit Hilfe von Inès sein Selbstbild wiederherstellen und seine vorherigen Taten vergessen, weshalb er fragt „Peut-on juger une vie sur un seul acte?“ (S. 48). Doch diese führt ihm seine Flucht wiederholt vor Augen und spricht ihm mit der Begründung „seules les actes décident de ce qu‘on a voulu.“ (S. 48) den von ihm angestrebten „heroisme“ (S. 48) ab, was einer Kastration Garcins gleichkommt. Er hat bereits erkannt, wie die Gestaltung seines vergangenen Lebens ihn zum Feigling und nicht zum Helden macht.[18] Doch die Einsicht kommt zu spät: „Je suis mort trop tôt. On ne m‘a laissé le temps de faire mes actes“ (S. 48). Für Inès ist diese Diskussion ein Spiel, denn sie ermutigt Garcin zu weiteren Überzeugungsversuchen und nutzt seine Schwachstelle. Ihre Überlegenheit und Macht sowie die ihr zugewiesene Urteilskraft demonstriert Inès mit der Repetitio „Tu es un lâche, Garcin, un lâche parce que je le veux [..] je le veux [..] je le veux“ (S. 48).

Folglich stehen sich Inès und Garcin gegenüber: Garcins Demonstration seiner Angst wird von seinen Vorstellungen eines Mannes unterdrückt, weshalb sein Affekt lediglich indirekt in seinen Aussagen und seinem Verhalten Ausdruck findet. Bei ihm überwiegt die Kastrationsangst in Form des Verlusts seiner als männlich wahrgenommenen Stärke, welche er Inès als Frau beweisen will. Diese zeigt jedoch anstelle von Angst Gleichgültigkeit und Resignation. Ihr Fokus liegt auf dem Umgang mit Garcins Anwesenheit und dem Spiel mit seinen Schwächen. Garcin erscheint durch die Thematisierung seiner Angst menschlich, ebenso wie abhängig von anderen und angreifbar durch Inès. Diese hingegen wird als grausam, unmenschlich und distanziert wahrgenommen.

2.2 Das Lustprinzip

Selbstbeherrschung spielt für Garcin eine wichtige Rolle, da seine emotionalen Ausbrüche nur von kurzer Dauer sind (S. 14) und er vorgibt, sich mit der Situation abfinden zu können. Diese Aussage steht im Widerspruch zu Freuds Lustprinzip, welches von einem Streben des Menschen nach Reduktion des eigenen Leides durch Einflussnahme auf die Quelle der Unlust ausgeht. Denn die Erregung eines Triebes führt zu Spannung, welche in Unlust resultiert. Folglich bewirkt die Reduktion jener Spannung das Empfinden von Lust.[19] Findet Garcin sich jedoch mit der Unlust ab, strebt er nicht nach einer Leidverminderung, sondern akzeptiert und habitualisiert. Zur Reduktion von Spannung stehen dem Individuum drei Möglichkeiten zur Verfügung: Die subjektive Realität kann entsprechend der eigenen Lust umgestaltet, der eigene Organismus beeinflusst oder soziale Beziehungen zur Reduktion der Unlust und dem Erleben von Lust erotisiert werden.[20]

Inès unterstützt Estelle gegenüber Garcin („Vous entendez, Garcin?“, S. 17) und der Versuch Garcin zu verdrängen, verdeutlicht ihr Interesse („Inès passe devant lui.“, S. 17) – eine Konkurrenzsituation um die Aufmerksamkeit Estelles entsteht („Garcin s‘incline à nouveau.“, S. 17). Inès nutzt Komplimente (S. 18), um eine Beziehung zu der jungen Frau aufzubauen und ihre Begierde lässt Estelle zum Objekt werden.[21] Freud sieht Homosexualität als Erbe der ehemaligen Bisexualität des Menschen sowie als eine mögliche Folge der gescheiterten Bewältigung des Ödipus-Komplexes. Denn jedes Kind hat zu beiden Elternteilen eine mit einem Triebwunsch verbundene Objektbeziehung, weshalb die Homosexualität ebenso auf die Beziehung zur Mutter zurückgeht.[22]

Die Importanz des Zimmers und das Ausgeliefertsein der Anwesenden drückt die Personifikation „Cette chambre nous attendait“ (S. 21) aus. Denn die Tatsache – und Quelle der Unlust der drei Figuren –, in der Hölle gefangen zu sein, kann nicht durch eine Umgestaltung der Realität zur Herstellung von Lust reduziert werden.[23] Garcin offenbart seinen Pazifismus und sein Harmoniebedürfnis („Je ne vous veux aucun mal“, S. 24) in dem Versuch, praktische Lösungen für ein erträglicheres Zusammensein zu suchen. Den irrealen Charakter dieses Versuches wird in der Aussage „Je crois que je pourrais rester dix mille ans sans parler“ (S. 24) deutlich, was auch ein Indiz für die Selbstüberschätzung des Mannes ist.

Das Gespräch über Estelles Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes als „apprivoisée“ (S. 27) und Inès Frage „Et qui t‘empêche de m‘apprivoiser?“ (S. 27) ist sexuell aufgeladen und kann als Versuch der Verdrängung der Realität und Quelle der Unlust gesehen werden. Estelle stellt ihre sexuelle Orientierung schließlich diplomatisch mit „J‘ai de la peine à tutoyer les femmes“ (S. 27) klar, wodurch die Quelle der Unlust für Inès in Form ihres unbefriedigten Triebes bestehen bleibt. Dennoch reagiert diese auf ihre Unlust weiterhin mit der Erotisierung der Beziehung zu Estelle: Sie interpretiert in Estelles Verhalten kontinuierlich deren sexuelle Bedürfnisse – allerdings gegenüber Garcin und nicht ihr selbst, was sie mit „[..] tu te frottais contre lui et tu faisais des mines pour qu‘il te regarde“ (S. 28) verbalisiert.

Garcin möchte Distanz zu den beiden Frauen wahren („Je n‘ai pas affaire à vous“, S. 28) und verfolgt das Geschehen an seinem ehemaligen Arbeitsplatz. Dieser Distanzierungsversuch wird durch das Vermeiden des Blickkontaktes und sein Schweigen verstärkt. Freud definiert als Quellen der Unlust die äußere Realität, ebenso wie die sozialen Beziehungen. Sowohl die Anwesenheit der beiden Frauen, als auch das Geschehen auf der Erde stellen Quellen für Garcins Unlust dar. Durch seine aus der Situation resultierende Unzufriedenheit ist er hin- und hergerissen, weshalb er mit „Et voilà! Je vous avais suppliées de vous taire.“ (S. 28) in einem Versuch der Leidminderung das Gespräch sucht, aber dieses kurz darauf wieder als Quelle der Unlust sieht und deshalb befiehlt „Mais taisez-vous!“ (S. 28). Durch die Möglichkeit der Beobachtung des Geschehens auf der Welt, entsteht eine zweite entfernte Handlungsebene, die es den Figuren zwar ermöglicht, zu beobachten, aber nicht aktiv einzugreifen oder zu partizipieren. Dies ist einerseits Teil ihrer Strafe, zeigt jedoch auch die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein und die erzwungene Passivität.

Die Quelle der Unlust ist auch in Estelles Fall die äußere Realität[24], welcher sie durch das Erotisieren der Beziehung zu Garcin als Leidreduktion entkommen will. Das Beobachten ihres Liebhabers und ihrer Freundin bringt Estelle zu der rhetorischen Frage „Est-ce que je suis vraiement plus rien?“ (S. 37). Laut Mertens kommt in der „Frage nach Identität [..] eine Sehnsucht zum Ausdruck: Vom Gegenüber [..] so erkannt zu werden, wie man sich selbst erlebt.“[25], was zeigt, wie Estelle ihre Bedeutung für die ihr ehemals nahestehenden Menschen, ihre sozialen Beziehungen, überschätzt hat.

Schließlich verliert Estelle die Verbindung zur Welt, was sie mit der Personifikation „La terre m‘a quittée“ (S. 39) ausdrückt, und deshalb Trost bei Garcin sucht. Jene Personifikation der Welt beschreibt diese als Quelle der Unlust und die empfundene Hilflosigkeit sowie erzwungene Passivität der Frau.

Mit „Estelle, il faut me donner ta confiance“ (S. 42) verbalisiert Garcin sein Bedürfnis nach ihrem Vertrauen, was mit Nähe und Ehrlichkeit in einer sozialen Beziehung verbunden ist. Estelle verweigert ihm dies, indem sie ihren Körper anbietet, aber sagt „Mais je n‘ai pas de confiance à donner moi“ (S. 42). Auf neurotisch wirkende Art und Weise erwartet sie von Garcin zwanghaft, ihr Bedürfnis nach Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu befriedigen, verweigert ihm jedoch mit Ausnahme der sexuellen seine Bedürfnisse. Hintergrund von Neurosen sind laut Freud allgemein verschiedene Mechanismen wie die Verdrängung infantiler, sexueller Triebe.[26]

Garcin möchte erneut die Möglichkeit des Handelns haben, da er aus der aktuellen Perspektive anders agieren würde (S. 44). Die Quelle der Unlust Garcins ist die äußere Realität, die er auf Grund seines Todes beobachten, nicht aber umgestalten kann und somit nicht die Handlungskompetenz besitzt, sein eigenes Leid zu minimieren. Nur in dem Glauben Estelles sieht er die Rettung – Leidverminderung – und erscheint durch seine Aussage „S‘il y avait une âme, une seule, pour affirmer de toutes ses forces que je n‘ai pas fui [..] que j‘ai du courage, que je suis propre [..] je suis sure que je serais sauvé“ (S. 44) verzweifelt, wie auch naiv.

Inès interpretiert Estelles Verhalten gegenüber Garcin als Manifestation ihrer Bedürfnisse nach „un homme [..] un bras d´homme autour de sa taille [..] un désire d´homme dans des yeux d‘un homme“ (S. 45). Hintergrund für ihre Aussage ist der Penisneid, da Garcin ausschließlich auf Grund seiner männlichen Genitalien zum Objekt der Begierde Estelles und damit zur Quelle der Unlust für Inès wird. Als Garcin erkennt, wie Estelle mit ihm spielt, sagt er zu beiden Frauen „Vous me dégoutez“ (S. 45) und reagiert mit einem Fluchtreflex. Die Flucht zeigt Garcins Libido, den Lebensdrang, da er sich selbst vor der Gefahr, welche die Frauen für ihn darstellen, retten will. Unter Libido versteht Freud das „Streben nach sinnlicher Erregung und das Begehren sinnlicher Lust [..] [die, Anmerkung d. Verf.] dynamische Äußerung des Sexualtriebs im Seelenleben“[27], was somit ein Äquivalent jeglichen Strebens nach dem Erhalt des Lebens, dem biologischen Zweck des Sexualtriebes, gleichzusetzen ist.

Quelle der Unlust sind für alle drei Figuren die äußere Realität. Dabei ist zwischen der äußeren Realität auf der Erde, welche nur passiv beobachtet und somit nicht verändert werden kann, und der Realität in der Hölle zu differenzieren. Das Streben nach Reduktion der Unlust äußert sich bei jeder Figur anders: Garcin erlebt den Eindruck und die Anwesenheit der anderen als Quelle der Unlust, weshalb er versucht, zumindest Inès und vor allem Estelle von ihm zu überzeugen. Inès erlebt Unlust durch die sexuelle Zurückweisung Estelles und deren Begehren Garcins. Estelle wiederum flieht vor der Erkenntnis der eigenen Unwichtigkeit in den Versuch Garcin zu verführen. Somit begeben sich alle Drei durch die Erwartung an andere, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, in ein Abhängigkeitsverhältnis.

2.3 Das Struktur- oder Instanzenmodell der Psyche

Inès tritt durch ihre Frage nach Florences Verbleiben in Erscheinung, was auf die Wichtigkeit von Florence schließen lässt, wertet diese jedoch gleich darauf ab (S. 14) und betont den ihren Mangel an Reue. Dorn interpretiert Reue als bereuen des eigenen Handelns, nachdem der Trieb kurzzeitig die Anteile des Über-Ich im Ich verdrängen konnte.[28] Das Über-Ich ist im Instanzenmodell Unterdrücker der Wünsche, resultierend aus den Erwartungen der Eltern stellvertretend für die Gesellschaft. Das Ich bestimmt, welche physischen Bedürfnisse des Es mit den Ansprüchen des Über-Ich vereinbar sind, kann jedoch in seiner Rolle als Vermittler versagen.[29] So wird Inès durch ihr Verhalten als Person, die keine Schwächen und Emotionen[30] zeigen will, wahrgenommen.

[...]


[1] „(bildungssprachlich) Vermischung verschiedener Religionen, philosophischer Lehren o. Ä.“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Synkretismus; 30.07.2016, 12:45 Uhr)

[2] Dandyk, Alfred: Unaufrichtigkeit. Die existentielle Psychoanalyse Sartres im Kontext der Philosophiegeschichte. Würzburg: Königshausen und Neumann 2002, S. 9

[3] Dandyk: Würzburg 2002, S. 8

[4] Dandyk: Würzburg 2002, S. 8

[5] Buffat, Marc: Les mains sales de Jean-Paul Sartre. Paris: Édition Gallimard. Paris 1991, S. 13

[6] Ziegler, Walther Urs: Anerkennung und Nicht-Anerkennung. Studien zur Struktur zwischenmenschlicher Beziehung aus symbolisch-interaktionistischer, existenzphilosophischer und dialogischer Sicht. Bonn: Bouvier Verlag 1992, S.

[7] sexuell schließt in der Psychoanalyse die orale, anale, phallische und genitale Komponente der Sexualität mit ein. (Brunner, Charles: Grundzüge der Psychoanalyse. Frankfurt a. M.: Fischer 1972, S. 170)

[8] Garcins Vorstellung von einem Mann, dessen Verhalten und Werten

[9] Tsoupas, Artemis: Handeln und Sein. Zur Konstitution von Subjektivität bei Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2010, S. 121

[10] Sartre, Jean-Paul: Huis Clos. Texte et documents. Présentés et annotés par Monika Beutter u. A. 1. Auflage. Stuttgart: Editions Klett 2014, S. 69

[11] Marcus, Ludwig: Sigmund Freud. Sein Bild vom Menschen. Hamburg: Rowohlt 1956S, S. 111 f

[12] Müller-Pozzi, Heinz: Psychoanalytisches Denken. Eine Einführung. Stuttgart: Huber 1991, S. 159

[13] Ebd, S. 161

[14] Ebd, S. 72

[15] Ziegler: Bonn 1992, S. 61

[16] Mitchell, Juliet: Psychoanalyse und Feminismus. Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1976, S. 110

[17] Mertens, Wolfgang: Widersprüche männlicher Geschlechtsidentität aus psychoanalytischer Sicht. In: Widersprüche geschlechtlicher Identität. Johannes Cremerius (Hg.). Würzburg: Königshausen und Neumann 1998, S. 51

[18] Fritsch, Renate: Motive, Bilder und Schlüsselwörter in Jean-Paul Sartres literarischen Werken. Bern: Lang 1976, S. 210

[19] Schmidt-Hellerau, Cordelia: Lebenstrieb & Todestrieb. Libido & Lethe. Ein formalisiertes konsistentes Modell der psychoanalytischen Trieb- und Strukturtheorie. Stuttgart: Verlag Internationale Psychoanalyse 1995, S. 279

[20] Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. In: Studienausgabe. Band 9. Fragen der Gesellschaft,

Ursprünge der Religion. Alexander Mitscherlich u. A. (Hg.). Frankfurt a. M.: Fischer 1997, S. 213

[21] Fritsch: Bern 1976, S. 164

[22] http://www.werkblatt.at/nitzschke/text/sexualitaet.htm; 15.07.2016, 14:35 Uhr

[23] Freud: Frankfurt a. M. 1997, S. 213

[24] Alle äußeren Gegebenheiten, welchen sich das Individuum passiv ausgesetzt sieht und auf die nur bedingt Einfluss genommen werden kann.

[25] Mertens: Würzburg 1998, S. 35

[26] Schlederer, Franz: Die Gesellschaft-, Kultur- und Religionskritik bei. In: Freud und die Folgen (I). Von der klassischen Psychoanalyse. Dieter Eicke (Hg.). Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band 2. Zürich: Kindler Verlag 1976, S. 1006

[27] Müller-Pozzi: Stuttgart 1991, S. 82

[28] Dorn, Anton: Schuld, was ist das? Versuch eines Überblicks; das Phänomen Schuld in Literatur, Psychologie, Verhaltensforschung, Jurisprudenz, Philosophie und Theologie. Donauwörth: Auer 1976, S. 55

[29] Müller-Pozzi: Stuttgart 1991, S. 69

[30] Emotion: „Emotion ist ein komplexes Interaktionsgefüge subjektiver und objektiver Faktoren das von neuronal/ hormonalen Systeme vermittelt wird, die (a) affektive Erfahrungen, wie Gefühle der Erregung oder Lust/Unlust, bewirken können; (b) kognitive Prozesse, wie emotional relevante Wahrnehmungseffekte, Bewertungen, Klassifikationsprozesse, hervorrufen können; ausgedehnte physiologische Anpassungen an die erregungsauslösenden Bedingungen in Gang setzten können; (d) zu Verhalten führen können, welches oft expressiv, zielgerichtet und adaptiv ist.“ (Kleinginna, P. R. und Kleinginna; A. M: A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. Motivation and Emotion. 5. 1981, S. 355)

Details

Seiten
33
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668374324
ISBN (Buch)
9783668374331
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350913
Note
1,0
Schlagworte
jean-paul satre sigmund freud blick huis

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Titel: Jean-Paul Satre und Sigmund Freud. Ein freudianischer Blick auf "Huis clos"