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Soziale Netzwerke und Katastrophenkommunikation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Bevölkerung und Katastrophe
2.1 Begriffsbestimmung Katastrophe
2.2 Verhalten der Bevölkerung

3. Katastrophenkommunikation
3.1 Katastrophenkommunikation der Behörden
3.2 Katastrophenkommunikation der Medien
3.3 Katastrophenkommunikation der Bevölkerung

4. Soziale Netzwerke als Kommunikationsmittel
4.1 Nutzen
4.2 Ist - Zustand

5. Fazit
5.1 Lösungsansätze
5.2 Diskussion
5.3 Prognose

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heutige Kommunikation stallt andere Ansprüche an die Definition von Raum und Zeit.

Frank Dommenz (1961)

Die Gesellschaft entwickelt sich im Bereich der ständig zur Verfügung stehenden Informationen stets weiter und viele Kommunen und Städte haben diesen Bereich bereits für sich erkannt und aufgegriffen. Dadurch ist es möglich geworden, den Bürgern eine große Anzahl von Informationen jeder Zeit zur Verfügung zu stellen. Auch im Rahmen von katastrophalen Ereignissen bieten soziale Netzwerke eine Unmenge von Informationen die nützlich sein können. Daher stellt sich die Frage ob die Nutzung von sozialen Netzwerken für Behörden sinnvoll ist und ob diese Plattformen eine geeignete Möglichkeit darstellen Informationen anzubieten und zu erhalten? Dabei soll die Rolle der herkömmlichen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitung mit den neuartigen Medien wie z.B. Twitter, Facebook und Warn-Apps verglichen werden, wobei in der vorliegenden Arbeit Facebook im Fokus steht. Die Definition des Begriffs Katastrophe zeigt bereits die ersten Schwierigkeiten im Umgang mit dem Thema. Über die beobachtbaren Verhaltensweisen der Bevölkerung und die verschiedenen Möglichkeiten der Kommunikationskanäle, wird am Beispiel des Hochwassers in Dresden aufgezeigt, welches Potenzial in dem sozialen Netzwerk Facebook steckt und das eine Nutzung des selbigen durch die Behörden sinnvoll ist. Die Darstellung des Ist-Zustandes am Beispiel Berlin und das Aufzeigen von Hinderungsgründen führen zum letzten Kapitel. Am Ende soll eine Prognose Anregung für die Behörden bieten, die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke für sich zu nutzen und so, grade in kritischen Situationen, transparente und verständliche Informationen anzubieten, für getroffene Entscheidungen mehr Verständnis innerhalb der Bevölkerung zu erlangen und durch ein modernes Auftreten ein positives Image erlangen. Die Nutzung von sozialen Netzwerken ist sinnvoll und für Behörden eine nutzbare Informationsquelle.

Im Rahmen einer qualitativen systematischen Literaturrecherche, wurde die Fragestellung mit Fachliteratur und weiteren Quellen untersucht. Die Literaturrecherche habe ich überwiegend in der Universitätsbibliothek der Humboldt - Universität zu Berlin betrieben, wobei der Fokus hier auf der Soziologie lag und als weitere Recherchemöglichkeit habe ich die Bibliothek der Technischen Hochschule Wildau genutzt. Neben einigen Internetquellen, liegt mir auch eine Analyse über die Kommunikation über Facebook während des Hochwassers 2013, durch die SPD Fraktion Dresden in Auftrag gegeben, vor.

2. Bevölkerung und Katastrophe

Woher stammt der Begriff Katastrophe und wie wird er heute verwendet. Mit Hilfe einiger Definitionen von Soziologen, Gesetzen und Lexika werden einige Definitionen aufgeführt und erklärt. Auf den Versuch eine allgemeingültige Definition zu finden, wurde in der vorliegenden Arbeit bewusst verzichtet. Der zweite Teil des Kapitels beschreibt das Verhalten der Bevölkerung vor, während und nach katastrophalen Geschehen nach einer Theorie von Quarantelli.

2.1 Begriffsbestimmung Katastrophe

Die Herkunft des Begriffes 'Katastrophe' ist im altgriechischen zu finden. Das Wort καταστροφή setzt sich aus dem Wort κατα, das so viel wie 'Umkehr' bedeutet und dem Wort στροφή, das so viel wie 'Wende' bedeutet, zusammen (vgl. Adam 2006, S. 59). Sinngemäß bedeutet es Wendung nach unten, Wendung zum schlimmen. Im Alltagsgebrauch hat der Begriff Katastrophe verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. So beschreibt er persönliche Schicksale, Schicksale die einen Teil der Gesellschaft betreffen oder gar ein ganzes Land. Nur sind es immer Menschen, die von einer Situation, von einem Moment, entsetzt sind und denen es die Sprache verschlägt. (vgl. Voss 2006, S. 10) Eine auf alle Bereiche anwendbare Definition für den Begriff Katastrophe zu finden, ist eine schwere Aufgabe. Schon Jäger (vgl. Jäger 1977, S. 27) stellt fest, dass es in der BRD viele Versuche einer Katastrophendefinition gibt. Den meisten Versuchen ist gemein, dass sie die Natur, die Technik und menschliches Versagen für die Entstehung von Katastrophen verantwortlich machen (ebd., S. 34). Andere wiederum gehen davon aus, „[...]dass Katastrophen nicht einfach geschehen[...]“, sondern dass es sich meist um zum Teil bewusst geschaffene Situationen handelt (Grossmann 2008, S. i). Lars Clausen geht sogar noch einen Schritt weiter indem er sagt, dass es aus der Sichtweise der sozialen Verflechtungen betrachtet, keine reinen Naturkatastrophen gibt (vgl. Clausen ©1983, S. 43). Unstrittig ist natürlich das Erdbeben reine Naturkatastrophen sind. Nur wird doch aus dem Naturphänomen Erdbeben erst eine Katastrophe, weil sich in dem gefährdeten Gebiet Menschen angesiedelt haben.

Auch die deutsche Gesetzgebung bringt keine greifbare Definition. So gibt es in jedem Bundesland ein eigenes Katastrophenschutzgesetz und entsprechend unterschiedliche Definitionen von dem Begriff Katastrophe. So zum Beispiel das Katastrophenschutzgesetz von Berlin:

㤠2 Begriffsbestimmungen

1. Katastrophen im Sinne dieses Gesetzes sind Großschadensereignisse, die zu einer gegenwärtigen Gefahr für das Leben oder die Gesundheit einer Vielzahl von Menschen, für die Umwelt oder für sonstige bedeutsame Rechtsgüter führen und die von den für die Gefahrenabwehr zuständigen Behörden mit eigenen Kräften und Mitteln nicht angemessen bewältigt werden können.
2. [ ]“ (Berliner KatSG §2 Satz 1und 2, 1999)

Oder das Brandenburgische Brand- und Katastrophenschutzgesetz unter Teil 1 Aufgaben und Aufgabenträger:

㤠1 Ziele und Aufgaben

1. [ ]

2. Katastrophen insbesondere Naturereignisse oder durch Mensch oder Technik verursachte Ereignisse, die eine Beeinträchtigung oder unmittelbare Gefährdung von Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen, erheblicher Sachwerte, lebensnotwendiger Unterkünfte oder der Versorgung der Bevölkerung bedeuten und dabei zugleich erhebliche Störungen oder unmittelbare Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung verursachen, durch Kräfte der Feuerwehr und des Rettungsdienstes und trotz Nachbarschaftshilfe nicht in angemessener Zeit beseitigt werden können und den Einsatz der Einheiten und Einrichtungen des Katastrophenschutzes unter einheitlicher Führung erfordern.“ (BbgBKG §1 Abs. 2 Satz 1 und 2, 2004)

Vergleicht man nun alleine diese beiden Gesetze miteinander, so ist zu erkennen, dass schon die Ansätze verschieden sind. Während das Katastrophenschutzgesetz Berlin von Großschadens-ereignissen spricht, stützt sich das Brandenburgische Brand- und Katastrophenschutzgesetz auf Naturereignisse und durch Mensch oder Technik verursachte Ereignisse. Entscheidend sind also die auslösenden Ereignisse, die typischerweise an die Bedingungen der jeweiligen Region angepasst sind. Auch die Gesetzgebung auf Bundesebene ist wenig präzise und differenziert im Artikel 35 Grundgesetz lediglich zwischen Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen (GG Art. 35 Satz 2, 2014). Was aber alle Katastrophenschutzgesetze gemein haben ist, das von einer Störung oder unmittelbaren Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung die Rede ist. Auch die Soziologie gibt Definitionen zum Begriff Katastrophe.

Neben verschiedensten Definitionen, die sich auf die auslösenden Faktoren beziehen, gibt Elke M. Geenen eine Zusammenfassung. So können Ereignisse als Katastrophe bezeichnet werden, wenn die mit dem Ereignis einhergehenden Gefahren heftige und plötzliche Störungen im Alltag von Gesellschaften auslösen (Clausen et al. 2003, S. 12). Die dem Lexikon zur Soziologie entnommenen Definition spricht von: „1 ein plötzlich hereinbrechendes Ereignis mit entsetzlichen Folgen.2 Bezeichnung für einen Prozess, der in unvermuteter Form radikalen und rapiden Wandel bedingt“ (L. Clausen)“ (Fuchs­Heinritz 1995, S. 331).

2.2 Verhalten der Bevölkerung

Nach Quarantelli lassen sich vier Phasen erkennen und unterscheiden. Er spricht von der Prophylaxe, der Einsatzbereitschaft, dem Einsatz und der Erholung. Natürlich sind die einzelnen Phasen nicht isoliert zu betrachten, sondern zusammenhängend, da das Handeln in einer Phase die folgenden beeinflusst. Um einen kurzen Überblick zu erhalten, wird hier nur das Verhalten der Individuen beschrieben. Die Einzelnen bzw. auch Haushalte sind in der Phase der Prophylaxe nicht sonderlich besorgt und zeigen wenig Interesse an Ereignissen die vielleicht eintreten könnten. Als Grund seien z.B. die alltäglichen Sorgen und Nöte genannt und das die eventuelle Folgen für einen selber nur schwer absehbar sind. Die nun folgende Phase der Einsatzbereitschaft beginnt, wenn eine Warnung erfolgt ist. Die Reaktionen der Bevölkerung auf eine solche Warnung, werden als verständig erlebt. Warnungen die deutlich machen, dass ein schadendes Ereignis eintreten wird, werden insbesondere von denjenigen sehr ernst genommen, die selbst davon betroffen sein werden. Die Phase des Einsatzes beginnt wenn das schadende Ereignis eingetreten ist. Das Verhalten des einzelnen wird als sehr angemessen bezeichnet. Es entwickeln sich sehr schnell verschiedene Formen von sozialem Verhalten, wie z.B. Such- und Rettungsaktionen durch Anwohner in den betroffenen Gebieten. Dagegen werden Massenfluchten und/oder Plünderungen in der Forschungs-literatur, zumindest in der westlichen Welt, als Mythen bezeichnet. In der Phase der Erholung zeichnen sich wenig dauerhafte Konsequenzen ab. Natürlich bleiben die Erinnerung und die Erfahrungen an die zurück liegenden Ereignisse und es wird die eine oder andere Konsequenz geben, jedoch zeichnen sich dauerhafte Veränderungen im Verhalten nur sehr selten ab (vgl. Clausen et al. 2003, S. 27f).

3. Katastrophenkommunikation

Neben den Verhaltensmustern spielt auch die kommunikative Ebene eine große Rolle. Sei es während eines katastrophalen Geschehens oder danach. In den folgenden Kapiteln werden die Aufgaben und Möglichkeiten der Behörden, der Medien und der Bevölkerung heraus gearbeitet und kurz beschrieben. Auf die rechtlichen Aspekte wird nicht eingegangen, da diese den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten würden.

3.1 Katastrophenkommunikation der Behörden

Die Behörden haben in einem Krisen- bzw. Katastrophenfall eine besondere kommunikative Rolle. Zum einen soll die gewohnte Arbeitsstruktur so gut wie möglich beibehalten werden und zum anderen müssen die Informationskanäle für mittel- und unmittelbar Betroffene, sowie für Medienvertreter und natürlich für die eigenen Mitarbeiter offen gehalten werden. Das Ziel der Krisenkommunikation ist die Abwendung oder zumindest Reduzierung eines möglichen Vertrauensverlusts. Dazu ist es notwendig eine einheitliche und klare Kommunikationslinie zu schaffen, denn die Krisenkommunikation soll „[...] eine unverzügliche, transparente, sachgerechte und wahrheitsgetreue (Medien-) Berichterstattung und Information der Bevölkerung über Ursachen, Auswirkungen und Folgen einer Krise [...]“(Bundesministerium des Innern, Referat KM 1, Alt-Moabit 101, 10559 Berlin 2008, S. 14) ermöglichen. Die Behörden unterscheiden hier nach Zielgruppen und nach der Art und Weise der Kommunikation. Die heraus gestellten Zielgruppen sind die Mitarbeiter, die Aufsichtsbehörden, die Massenmedien, die sogenannten Anspruchsgruppen und natürlich die betroffenen Bürger. Um alle Zielgruppen zu erreichen, bietet sich nach der Darstellung des BMI eine Unterscheidung in Externe, Interne, Zwischenbehördliche Krisenkommunikation, die Kommunikation mit der Presse und den Medien und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit/Bevölkerung an. (ebd., S. 24-27) Die wesentlichen Bestandteile der Kommunikationsstruktur sind neben den internen Maßnahmen, vor allem das Betreiben einer Kontaktstelle für die Medien, das Einrichten einer Informationsplattform im Internet, das Freischalten von sogenannten Bürgertelefonen und der Kontakt zu Vertretern anderer Länder vor einem möglichen multikulturellem Hintergrund. (ebd., S. 28f) Auffallend ist, dass in dem Leitfaden nur von Krisen und nicht von Katastrophen die Rede ist. Inwieweit das an einer fehlenden einheitlich verwendbaren Definition des Begriffs Katastrophe liegt oder andere Gründe hat, ist hier nicht nachvollziehbar.

3.2 Katastrophenkommunikation der Medien

Die Katastrophen sind nur ein Bereich von vielen, die aus einem scheinbar unerschöpflichen Pool von Themengebieten durch die Massenmedien abgedeckt werden. Schaut man genauer auf Katastrophen und Medien, so wird sehr schnell ein bestimmter Zusammenhang klar. Ohne die Medien wäre eine Katastrophe nur ein schreckliches, örtlich eingegrenztes Ereignis, von dem die restliche Welt nichts mitbekommen würde. Nur die direkt Betroffenen erleben das Ereignis und die möglichen Hilfsangebote von außerhalb bleiben aus. Zudem ist das bei Katastrophen entstehende Bild- und Tonmaterial für jeden Fernsehsender ein Garant um Zuschauer zu gewinnen. (vgl. Bergmann, S. 3f) Weiter trägt die Art und Weise der Berichterstattung dazu bei, dass Katastrophen auch als solche deutlich wahrgenommen werden. So wird das laufende Programm unterbrochen und damit dem Konsumenten das Außergewöhnliche, das Bedeutsame an der Katastrophe beinahe impliziert. (ebd., S. 7) Da es den Medien trotz zahlreicher Korrespondenten nicht möglich ist, während einer Katastrophe vor Ort zu sein und live Bilder zu senden, bedienen sie sich im Internet. Es gibt zahlreiche Plattformen, zum Beispiel YouTube, Facebook, Twitter, etc. auf denen Bilder und Videos von Überwachungskameras oder Handys der zufällig anwesenden eingestellt sind. Diese können problemlos von den Fernsehsendern genutzt werden. (ebd., S. 9)

3.3 Katastrophenkommunikation der Bevölkerung

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (kurz: BBK) arbeitet in der Broschüre „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ mit dem Begriff Katastrophe. Es stellt eine Information für das Verhalten in verschiedenen Situationen wie Unwetter, Feuer, Hochwasser und CBRN - Gefahrstoffen (chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrstoffe) dar und bietet neben Tipps der persönlichen Notfallvorsorge auch eine Checkliste und Hinweise zu der Notrufnummer 112. (vgl. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) 2013, S. 5) Weitere mögliche Informationsquellen bieten die eingerichteten Bürgertelefone. Die Nummern werden über das Fernsehen und auch über offizielle Internetseiten der Behörden bekannt gegeben. Dort wird den Betroffenen oder interessierten Bürgern alle relevanten Informationen zu Schadenausmaß, weiteren zu erwartenden Entwicklungen, möglichen Auswirkungen und noch weitere Informationen wie Tipps zum Verhalten gegeben. (vgl. Bundesministerium des Innern, Referat KM 1, Alt-Moabit 101, 10559 Berlin 2008, S. 27) Eine weitere Möglichkeit sich auszutauschen bietet das Internet.

Neben verschiedensten Angeboten kommerzieller und nichtkommerzieller Internetseitenbetreiber liegt mein Fokus hier besonders auf Facebook. Als Beispiel ist hier das Hochwasser 2013 im Raum Dresden aufgeführt. Es gab sicherlich eine Menge Sendungen und Berichte der herkömmlichen Medien die sich aber zumeist auf ein Gesamtbild bezogen haben und besonders dramatische Entwicklungen dargestellt haben. Die regionalen Informationen hätten hier seitens der Behörden erfolgen sollen, was sich im Verlauf als schwierig erwies und somit eigene Aktivitäten der Bevölkerung nach sich zogen. (vgl. Peschel 2013, S. 29) So waren während des Hochwassers 2013 im Raum Dresden drei relevante Facebookseiten aktiv, die mit rund 380.000 Likes, ca. 4500 Posts der Seitenbetreiber und rund 13.000 Posts von Fans eine hohe Aktivität aufweisen konnten (ebd., S. 10). Neben vielfältigen Informationen, auch Fehlinformationen, über Pegelstände und Warnungen wurde versucht, Hilfegesuche und Hilfeangebote zu vermitteln. Diese selbst organisierten, über Facebook und andere Netzwerke verbreiteten Inhalte, unterlagen allerdings kaum einer Kontrolle. So wurden private Daten und Telefonnummern in den Kommentaren veröffentlicht und damit auch gegen das Datenschutzrecht verstoßen. (ebd., S. 28)

4. Soziale Netzwerke als Kommunikationsmittel

Die Möglichkeiten der Kommunikation sind vielfältig und es stehen verschiedene Wege zur Verfügung. Den sozialen Netzwerken wird dabei von Behördenseite beinahe keine Aufmerksamkeit geschenkt, wie die nächsten Kapitel zeigen werden. Wurde im Kapitel 3.3 am Beispiel Dresden aufgezeigt das die sozialen Netzwerke durchaus ein beachtliches Informationspotenzial besitzen, bieten sich noch weitere Vorteile an.

4.1 Nutzen

Das Nutzen von modernen Kommunikationswegen stellt eine sinnvolle Ergänzung zu den herkömmlichen Medien dar. Diese können Informationen meist nur zeitversetzt zur Verfügung stellen oder durch das katastrophale Geschehen gar nicht erreichbar sein. Neben der Informationspflicht der Behörden, die durch das Internet und die sozialen Medien immer mehr Teile der Bevölkerung erreichen könnten, sind die eingestellten Bild- und Tonaufnahmen, Reaktionen aus der Bevölkerung und gezielte Fragen und Hinweise eine durchaus sinnvolle Unterstützung bei der Bearbeitung des katastrophalen Geschehens. (vgl. Daniel Archut et al. 2013, S. 67) Eine weitere interessante Möglichkeit ist die Verarbeitung des Geschehenen mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Während oder auch nach dem Geschehen werden Bilder, Videos und sogenannte Posts (Textkommentare) z.B. auf Facebookseiten eingestellt, welche dann durch geschilderte Eindrücke des Erlebten zur Verarbeitung beitragen können. Da dies fast immer auf öffentlichen Kanälen erfolgt, können auch speziell ausgebildete Krisenreaktionsmitarbeiter in die Kommunikation eingebunden sein und die Verarbeitung des Erlebten unterstützen. (vgl. Working Paper Medienanalyse im Projekt SiKomm 2011, S. 56) So zeigt auch die Auswertung von Peschel (vgl. Peschel 2013), dass die Bevölkerung während und auch nach katastrophaler Geschehen einen hohen

Informationsbedarf hat und dass die Nutzung der sozialen Medien dabei eine wesentliche Rolle spielt.

4.2 Ist - Zustand

Eine Analyse der Berliner Behörden aus dem Jahr 2013 zeigt, dass es einigen Nachholbedarf gibt. Es wird zwar auf einen Ausbau der Intemetauftritte von Bezirksämtern Wert gelegt, um so aktuelle Informationen zu präsentieren und das Image der Behörden zu verbessern, nur ist eine zeitnahe Kommunikation während katastrophaler Geschehen auf diesen Seiten nicht möglich. (vgl. Daniel Archut et al. 2013, S. 27) Es gibt auch Beispiele für die eine Implementierung von Behördenseiten in das soziale Netzwerk Facebook, wie die Berliner Feuerwehr. Dort werden Informationen über die Behörde und bestimmte Einsatzgeschehen präsentiert, eine aktive Kommunikation über eine Nachrichten oder Chat Funktion ist aber auch dort nicht möglich (o.V. 2015). Das Beispiel der Berliner Feuerwehr zeigt, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken möglich ist, nur ist hier das Engagement eines Mitarbeiters ausschlaggebend gewesen. Vielmehr stehen der Nutzung von sozialen Netzwerken im alltäglichen Betrieb einige Barrieren im Weg. Neben veralteter Technik und hohen IT - Sicherheitsanforderungen, spielt auch das hohe Durchschnittsalter und die damit verbundene fehlende Bereitschaft sich auf Neuerungen einzulassen, die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Behörden, die straffen Führungsstrukturen und neben verschiedenen rechtlichen Aspekten auch die Finanzierung von Technik und erforderlichen Planstellen eine Rolle. (vgl. Daniel Archut et al. 2013, S. 28ff)

5. Fazit

Die Implementierung der sozialen Medien in den Arbeitsalltag von Behörden scheint sich schwieriger zu gestalten, als zu erwarten war. In den folgenden Kapiteln werden Lösungsansätze gesucht, aber auch Gründe aufgezeigt, warum es vielleicht nicht möglich sein wird, eine Implementierung zu erreichen. Am Ende wird eine Prognose gestellt, die Aussicht auf eine eventuelle Zukunft gibt.

5.1 Lösungsansätze

Wie im Kapitel 4.2 erwähnt, gibt es einige Barrieren die einer erfolgreichen Implementierung von sozialen Netzwerken in die tägliche Arbeit, im Weg stehen. Neben der Finanzierung für entsprechende Technik, stehen besonders die Mitarbeiter und die rechtlichen Bedingungen im Fokus. Dabei stellen die Fragen nach der IT- Sicherheit und dem Datenschutz nur einen kleinen Teil der Probleme dar. Um besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter und entsprechende Ausbildungsmaßnahmen vorbereitet zu sein, bietet es sich an Erfahrungen, Bereitschaft zur Nutzung und weitere Fragen im Vorfeld zu präzisieren und zum Beispiel durch Befragungen zu klären. Basierend auf den Ergebnissen der Befragung, können Konzepte entworfen werden, die beispielsweise durch Schulungen die Mitarbeiter auf die neuen Herausforderungen vorbereitet und eine möglichst breite Akzeptanz erreichen. Das Ziel der Schulungen soll sein, alle Mitarbeiter auf einen aktuellen und gleichen Stand zu bringen und den Umgang mit sozialen Medien zu erleichtern. In der langfristigen Planung sollten regelmäßige Weiterbildungen und Übungen bedacht sein, wobei letztere in die regelmäßig stattfindenden Katastrophenschutzübungen mit eingebettet werden könnten, um die Potenziale in weiteren Evaluierungen zu ermitteln und eine stetige Anpassung an die Weiterentwicklung der Technik sicher zu stellen. So könnte es möglich sein, die sozialen Netzwerke als aktives Kommunikationsmittel im Rahmen der Abarbeitung von katastrophalen Geschehen sinnvoll zu nutzen und Informationen zu erhalten und gesteuert an die Bevölkerung weiterzugeben.

5.2 Diskussion

Das Nutzen der sozialen Netzwerke stellt für den Bürger vor keine großen Herausforderungen, ist er doch selbst für die freigegebenen Inhalte verantwortlich. Eine Behörde stellt die Nutzung der sozialen Medien vor ganz andere Herausforderungen. So gilt es den rechtlichen Rahmen einzuhalten, sich dabei aber nicht zu sehr einzuschränken und ein weiteres Problem stellt, wie in Kapitel 4.2 aufgezeigt, die unzureichende oder gar fehlende Vernetzung der Behörden untereinander dar. Des Weiteren ist auch die Finanzierung der Technik und entsprechenden Personalstellen nicht sicher gestellt. Auch das hohe Durchschnittsalter und die Struktur der Behörde spielen eine nicht unbeachtliche Rolle. Schon alleine vor diesen Hintergründen, ist die Einbindung der sozialen Medien in die tägliche Arbeit oder zumindest in die Abarbeitung katastrophaler Geschehen sehr fraglich.

Um eine Nutzung der sozialen Netzwerke werden Behörden in der Zukunft nicht herum kommen. Es gibt bereits Beispiele, wie die Berliner Feuerwehr zeigt, dass sich durchaus Möglichkeiten auftun, die sozialen Medien zu nutzen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei sicherlich das momentan noch hohe Durchschnittsalter bei den Behördenmitarbeitern, dieses wird sich durch das altersbedingte Ausscheiden von selbst nach unten korrigieren. Die nachfolgende Mitarbeitergeneration wurde schon in einem jungen Lebensalter mit den sozialen Medien konfrontiert und ist es gewohnt diese auch anzuwenden. Daraus lässt sich ableiten, dass auch die Führungspersönlichkeiten die Bedeutung der sozialen Medien erkennen und die gesetzlich vorgegebenen Behördenstrukturen in Bezug auf die sozialen Medien anpassen werden.

5.3 Prognose

Die Implementierung von offiziellen Behördenseiten in soziale Netzwerke wie Facebook scheint schwieriger als angenommen. Als reine Informationsseite in einigen wenigen Ausnahmen schon geschehen, bieten sich nur mehr oder weniger relevante Informationen. Eine aktive Kommunikation während eines katastrophalen Geschehens ist nicht möglich. Dem stehen etliche Barrieren im Weg, deren Lösung in weiter Ferne zu liegen scheint. Natürlich gibt es von Behördenseite geschaffene Kommunikationskanäle, die sich sicherlich bewährt haben. Nur lässt sich in der Bevölkerung ein wiederkehrendes Verhalten vor, während und nach katastrophaler Geschehen beobachten, dem in Zukunft unbedingt Beachtung gewidmet werden muss. Das führt mich auf die Ausgangsfrage zurück. Ist die Nutzung von sozialen Netzwerken als Informationsquelle für Behörden sinnvoll und stellen diese Plattformen eine geeignete Möglichkeit dar, Informationen anzubieten und zu erhalten? Grade während eines katastrophalen Geschehens, stellt die

Nutzung von sozialen Netzwerken durch Behörden eine sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Kommunikationswegen dar. Es gibt, wie im Kapitel 3.3 beschrieben, eine Menge Aktivitäten und Eigeninitiativen innerhalb der Bevölkerung. So wurden spontane Hilfsprojekte gestartet und eine Vielzahl von Informationen aus den betroffenen Gebieten in Form von Bild- und Tonaufnahmen ins Internet gestellt. Es bedarf sicherlich einer Menge Erfahrung, diese Aufnahmen in ihrer Relevanz zu unterscheiden, dennoch können diese unter anderem dazu beitragen, ein ganzheitliches Lagebild zu entwickeln. Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus der Möglichkeit die entstehenden Eigeninitiativen aufzugreifen und durch die Einsatzleitung sinnvoll einzusetzen. Dieses bietet neben dem positiven psychologischen Effekt für die Helfenden auch den enormen Vorteil, einen aktuellen Gesamtüberblick über alle Helfer und Einsatzstellen zu haben und es ist für alle eine einheitliche Koordination gegeben. Weiter werden durch eine aktive Kommunikation der Behörden und ein Bereitstellen von aktuellen Informationen und Prognosen das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung und das Ansehen der Behörden gesteigert. Grade Facebook scheint dafür prädestiniert zu sein und bietet neben der Möglichkeit einen großen Teil der Bevölkerung zu erreichen auch den Vorteil, Bildmaterial z.B. in Form von Karten einzustellen. Aktuelle Informationen, Prognosen und auch Verhaltensanweisungen können so durch die Möglichkeit des Teilens von Beiträgen schnell einem großen Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.

Ein Umdenken der Behörden, einen kontinuierlichen Abbau der in Kapitel 4.2 erwähnten Barrieren, Schulungen der Mitarbeiter und damit verbunden auch die Steigerung der Akzeptanz von sozialen Medien und die Nutzung der Möglichkeiten, stellen eine unumgängliche Investition in die Zukunft dar. Davon werden die Behörden nicht nur durch ein gesteigertes Image profitieren, sondern es können auch viele Vorgänge deutlich vereinfacht werden. Der Weg dahin scheint beschwerlich und es gibt noch einiges zu klären, nur unmöglich ist es nicht.

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (Buch)
9783668375314
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351039
Institution / Hochschule
Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
soziale netzwerke katastrophenkommunikation

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Titel: Soziale Netzwerke und Katastrophenkommunikation