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Die Pest in Athen. Quelleninterpretation von Thuk. 2,48-53

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Thukydides

3. Historischer Kontext

4. Kontext der „Pestbeschreibung“ zum Gesamtwerk

5. Die Seuche
5.1 Ausbreitung und Folgen
5.2 Der Verfall
5.3 Idealbild vs. Thukydides
5.4 Realität oder Übertreibung?

6. Bilanz

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einführung

In dieser Quelleninterpretation behandle ich die von 431 v. Chr. in Athen ausgebrochene Seuche. Ich konzentriere mich hierbei auf die Analyse des politischen und moralischen Verfalls während der Seuche, der von Thukydides, einem antiken griechischen Geschichtsschreiber, in seinem Geschichtswerk „der peloponnesische Krieg“ beschrieben wird. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Fragestellung, ob das von Thukydides genannte desaströse gesellschaftliche Verhältnis die damals vorhandenen Verhältnisse wiederspiegelt.

2. Thukydides

Thukydides war thrakischer Abstammung und ein Bürger Athens. Als Athener Stratege war er 424 v. Chr. direkt an dem Peloponnesischen Krieg beteiligt, als er erfolglos versuchte, die von einem spartanischen Söldnerheer eroberte Stadt Amphipolis zu erobern. Diesem Misserfolg folgte eine 20-jährige Verbannung, die erst 404 v. Chr. mit der Kapitulation Athens aufgehoben wurde. Ob er sein Geschichtswerk in einem Stück oder über einen fortlaufenden Zeitraum schrieb, ist in der Forschung umstritten („thukydeische Frage“). Sicher ist aber, dass seine Aufzeichnungen nicht den gesamten Zeitraum des Krieges umfassen und nur die Ereignisse bis 411 v. Chr. beinhalten. Der Geschichtsschreiber Xenophon versuchte dann, Thukydides Werk weiterzuführen.[1]

3. Historischer Kontext

Nach Thukydides trat die Seuche in Athen das erste Mal im 2. Kriegsjahr, kurz nach der zweiten spartanischen Invasion von Attika auf: „Sie [die Spartaner] waren noch nicht viele Tage in Attika, als zum ersten Mal die Seuche ausbrach.“ (Thuk. 2,47.2) Der Ausbruch der Seuche ist also als sehr früh in den Gesamtkontext des Peloponnesischen Krieges (431 – 404 v. Chr.) bzw. des Archidamischen Krieges (431 – 421 v. Chr.) einzuordnen. Der peloponnesische Krieg selbst war ausgebrochen, da die beiden Hegemonialmächte Sparta und Athen zusammen mit ihren Bündnern des Peloponnesischen Bundes und des delisch-attischen Seebundes in Interessens- und Machtkonflikte gerieten. Für den Ausbruch des Krieges waren 3 Konfliktherde entscheidend:[2]

1. Kerkyra

- Athen unterstützte in diesem Konflikt Kerkyra, eine ehemalige Kolonie Korinths, die nach den Bestimmungen des 446 v. Chr. abgeschlossenen „30-Jährigen Frieden“ als „neutrale polis“ galt und im Konflikt mit Korinth lag
- Sehr zum Ärger von Korinth sowie Sparta schloss Athen ein Defensivbündnis („Epimachie“) mit Kerkyra

2. Das Megarische Psephisma

- Zum Missfallen von Korinth und Sparta schloss Athen sein ehemaliges Seebund-Mitglied Megara, das mittlerweile gute Beziehungen zu Korinth unterhielt, im Sommer 433 per Beschluss in der Volksversammlung vom Handel auf allen attischen Häfen und auf der Agoge (Marktplatz) aus
- Sparta forderte als Hegemon eine Aufhebung dieser Wirtschaftssanktionen, Athen zeigte sich jedoch unbeeindruckt von Spartas Forderungen

3. Potideia

- Potideia, ein Mitglied des attisch-delischen Seebunds mit Zugang zu für den Flottenbau wichtigen Holz- und Mineralressourcen und hoher strategischer & militärischer Bedeutung, besaß enge Beziehungen zu Korinth, die dessen Loyalität zu Athen gefährdeten
- Athen stellte Forderungen an Potideia, die es nicht erfüllte, Potideia trat dann aus dem Seebund aus und Athen kesselte die Stadt (die von korinthischen Truppen unterstützt wurde) ein

Während die peloponnesischen Bündner zunehmend eine militärische Reaktion Spartas erwarteten, war sich die spartanische Führung selbst uneins über einen zu führenden Krieg. So forderten die „Älteren“ unter Führung des König Archidamos noch vor Kriegsausbruch 431, mit einem Krieg noch etwa drei Jahre zu warten, um sich vorzubereiten. Als „Kompromiss“ entstand dann eine einjährige Wartezeit. Nach dieser Wartezeit und dem (fehlgeschlagenen) Angriff der Thebaner auf Plataiai, welcher als Beginn des peloponnesischen Krieges gedeutet wird, begann Sparta die 1. Invasion nach Attika im Sommer 431 v. Chr. Die Athener mieden die offene Feldschlacht mit den Spartanern und ließen die Landbevölkerung Attikas in die Stadt hinein. Die Spartaner indes scheuten einen Angriff auf das stark befestigte Athen und zogen es vor, Attika zu verwüsten.

4. Kontext der „Pestbeschreibung“ zum Gesamtwerk

Thukydides Seuchenschilderung ist in der zweiten Hälfte des zweiten Buches angesiedelt. Ihr geht zunächst die in Buch 1 dargelegte Einleitung und die Vorgeschichte des peloponnesischen Krieges hervor, die dann im zweiten Buch an den Ausbruch des Archidamischen Krieges anknüpft und ihn bis Buch 5 beschreibt. Unmittelbar vor und nach seiner Schilderung hat Thukydides zwei Reden des Perikles[3] eingebaut: Die Gefallenenrede (Thuk. 35-46) wird von Perikles zur Bestattung der Kriegstoten des ersten Jahres gehalten und die Trostrede (Thuk. 2,59-64) stellt einen Versuch des Perikles dar, die durch Krieg und Seuche entstandenen Wogen zu glätten.

5. Die Seuche

5.1 Ausbreitung und Folgen

Nach Thukydides war die Seuche das erste Mal in Nordafrika, Äthiopien, aufgetreten und breitete sich dann nach Ägypten, Libyen und Persien aus. Anschließend brach sie unerwarteter Weise in Athen aus. Da Thukydides keinen Ausbruch der Seuche in anderen griechischen Regionen beschreibt ( Thuk. 2,48), liegt die Vermutung nahe, dass die Seuche nicht über den Landweg, sondern direkt über aus Nordafrika stammende Händler oder Reisende nach Athen eingeschleppt wurde.[4]

Nach der anfänglichen Beschreibung der Seuchenausbreitung geht Thukydides zu einer detaillierten Schilderung der gesundheitlichen Folgen der zumeist tödlich verlaufenden Seuche über (Thuk. 2,49-51). Da eine medizinhistorische Betrachtung der Seuche nicht Gegenstand dieser Hausarbeit ist, gehe ich auf diese Aspekte nicht näher ein. Während der Seuche (bis 426 v. Chr.) starb etwa ein Drittel der Bevölkerung und neben Thukydides selbst erkrankte auch Perikles, der bekannte Athener Stratege und Politiker an der Seuche. Thukydides überlebte und war nun wahrscheinlich immunisiert[5]. Perikles jedoch starb an den Folgen der Seuche, was durch den nachfolgenden Politiker Kleon auch einen Kurswechsel in der athenischen Außenpolitik zu einer aggressiveren Kriegspolitik nach sich zog[6].

5.2 Der Verfall

In den folgenden Abschnitten (Thuk. 2,52-53) beschreibt Thukydides einen Verfall der Athener Bevölkerung auf mehreren Ebenen. So spricht er zunächst, dass die üblichen Bestattungsriten „nach Sitte der Väter“[7] nicht mehr eingehalten werden. So wurden etwa „neue“ Leichen auf bereits brennende Leichen geworfen oder von anderen aufgerichtete Scheiterhaufen einfach für eigene Begräbnisse genutzt (Thuk. 2,52.4). Ebenso wurden Tempel entweiht, da sich die Todkranken in diese zurückzogen, dort starben und zudem dort auch noch Geburten stattfanden – ein Sakrileg.[8]

Der Verfall der sozialen Sitten sowie der gesetzlichen Grenzen ist ein weiterer Punkt. Thukydides schreibt, dass sich die Athener Bevölkerung aufgrund der ungewissen Zukunftsaussichten unmittelbaren Genüssen hingab, keine langfristigen Ziele verfolgte, ihr Geld ausgab und auch nicht vor Gesetzesbrüchen Halt machte:

„Sich vorauszuquälen um ein erwähltes Ziel war keiner mehr willig bei der Ungewißheit [sic], ob man nicht, eh man’s erreiche, umgekommen sei; aber alle Lust im Augenblick (…) hieß nun ehrenvoll und brauchbar. Da war keine Schranke mehr, nicht Götterfurcht, nicht Menschengesetz. (…)“ (Thuk. 2,53,3). Die Menschen sahen laut Thukydides die Seuche als die eigentliche, endgültige Bestrafung an und diese lies im Vergleich dazu die eigenen Straftaten verblassen sowie das Rechtsempfinden erheblich aus den Fugen geraten. Ebenso war keine Ehre mehr vorhanden[9]. Wenn nun wie Thukydides schrieb, sich die Bevölkerung wahrhaftig weder durch Angst vor göttlicher noch durch weltlicher Bestrafung von Straf- und Untaten abbringen ließ und nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht war, muss das gesellschaftliche Zusammenleben Athens während des Seuchenausbruchs erheblich gestört worden sein. Diesem Verfall steht das noch kurz vorher in der „Gefallenenrede“ beschriebene Idealbild eines Atheners gegenüber, auf das ich nun eingehe.

5.3 Idealbild vs. Thukydides

Um die Auswirkungen und die Relevanz des Verfalls deuten zu können ist es notwendig, einen Blick auf das Idealbild eines Atheners zu werfen. Thukydides selbst lässt nämlich den Athener Strategen Perikles unmittelbar vor der Schilderung der Seuche in der „Gefallenenrede“ ein heroisiertes, idealisiertes Bild der Athener darstellen (Thuk. 35–47). Connor beschreibt diesen offensichtlichen Kontrast wie folgt: „The two episodes thus constitute one of Thucydides‘ dramatic juxtapositions; their effect is as much derived from the contrast between the two situations as from the individual components“.[10]

Im Detail wird die Athener Bürgerschaft in der Gefallenenrede als freie, rücksichtsvolle Gesellschaft dargestellt, die Toleranz miteinander zeigt und keine Straftaten duldet (Thuk. 2,37). Des Weiteren würde man in Kriegszeiten selbstverständlich Flüchtlinge aufnehmen, einen genügsamen Lebensstil führen und einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt besitzen (Thuk. 2,40). Perikles erwähnt noch eine Vielzahl anderer Werte der Athener (wie z.B. „Treue“ und „Edelmut“) (Thuk. 2,40), für Perikles ist aber zusammenfassend die „Selbstgenügsamkeit“ der Athener am Wichtigsten. Nach Foster wurde sowohl diese als auch die Herausbildung der Persönlichkeit der Athener durch die Ausübung der athenischen Tugenden/Idealwerte und durch das Entkommen von familiären und göttlichen Einflüssen erreicht.[11]

Besonders ins Auge springt hier der Gegensatz von einem von Perikles beschriebenen selbstständigen Leben (2,41,1) zu den Ausführungen des Thukydides, dass kein Mensch gefeit gegenüber der Seuche war. Foster nutzt diesen Ansatz um herauszustellen, dass Perikles sowie Thukydides für das autarke Leben bzw. das gegenüber der Seuche nicht beständige Leben jeweils die gleichen Wörter nutzen („σῶμα αὔταρκες“ - vergleiche dazu auch Thuk. 2,51,3 und Thuk. 2,41,1), die Wörter aber unterschiedlich gebrauchen. Thukydides stehe in der Tradition von Herodots Solon, der argumentierte, dass kein Mensch vollendet und autark sei. Die Seuche werde von Thukydides als fortlaufender Verfall gesehen, von dem es keine Wiederkehr gibt. Foster sieht die gesamte „Seuchenschilderung“ als Antwort auf die von Perikles und anderen Vertretern seiner Generation hochgelobten Idealbilder Athens und um klarzustellen, dass die Athener eben nicht immun gegen Kräfte der Natur sind.[12]

[...]


[1] Vgl. Klaus Meister, Thukydides, in: Brodersen, Kai (Hrsg.), Grosse Gestalten der griechischen Antike. 58 historische Portraits von Homer bis Kleopatra. München 1999, S. 174–184.

[2] Die Informationen zum historischen Kontext habe ich meinem Exzerpt dieser Monografie von R. Schulz entnommen: Raimund Schulz, Athen und Sparta. (Geschichte kompakt : Antike). Darmstadt 2003. Die Hintergründe des Peloponnesischen Krieges werden detailliert auf S. 72-94 beschrieben. S. 94-102 widmen sich dann dem Archidamischen Krieg.

[3] Diese Reden stellen keine direkte Abschrift dar, sondern entsprechen „im möglichst engen Anschluss an den Gesamtsinn des in Wirklichkeit Gesagten“ (Thuk. 1,22).

[4] Der von Thukydides beschriebene Erstausbruch der Seuche im Piräus lässt sich sehr gut durch die dort andockenden Schiffe erklären.

[5] Vgl. dazu auch: Simon Hornblower, A Commentary on Thucydides. Books I - III. (1.). Oxford 1991, S. 325.

[6] Schulz, Athen und Sparta, S. 97-99.

[7] Vgl. Thuk. 2,34 für die Schilderung üblicher Bestattungsriten.

[8] Hornblower, Thucydides, S. 325.

[9] Die Landmann-Übersetzung forciert den Verfall eventuell nicht stark genug, indem sie nur von dem Fehlen eines „erwählten Ziel“ spricht. Crawley (1910 – Perseus Library) sieht dies wesentlich drastischer: “Perseverance in what men called honor was popular with none (…)”

[10] Walter Connor, Thucydides. Princeton, NJ 1984, S. 64.

[11] Edith Foster, Thucydides, Pericles, and Periclean imperialism. Cambridge 2010, S. 3.

[12] Foster, Thucydides, S. 204.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668376793
ISBN (Buch)
9783668376809
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351376
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie/Abteilung Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Athen; Griechen; Pest; Seuche; Verfall; Griechenland; Thukydides; Peloponnesischer Krieg

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Titel: Die Pest in Athen. Quelleninterpretation von Thuk. 2,48-53