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Lexik, Form und Funktion von Fangesängen am Beispiel von Borussia Dortmund

von Daniel Sebastian (Autor)

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ultras – eine Szenebewegung?

3. Fangesänge als Soziolekt?

4. Klassifikation von Fangesängen

5. Korpusanalyse
5.1. Bedingungen
5.2. Umsetzung

6. Fazit

7. Literatur-/Quellenverzeichnis
7.1. Literatur
7.2. Quellen

1. Einleitung

Der deutsche Fußball zeichnet sich im internationalen Vergleich vor allem durch seine ausgelasteten Stadien und durch eine stimmungsvolle Atmosphäre aus. Für letzteres verantwortlich sind die vor allem Ultras auf den Stehrängen, eine besondere Form des Fandaseins. Wie das Lexem „Ultra“ aus der grammatikalischen Klasse des Präfix‘ bereits suggeriert, handelt es sich um ein extremes Verhältnis zum Verein, das weit über das bloße Fußballschauen im Stadion hinausgeht.[1] Typische Mittel hierfür sind sowohl nonverbale Aspekte wie Fahnen und Choreographien oder auch prototypisch-verbal der Fangesang.[2] Laut einer Studie von Kopiez/Brink kommt man während eines gewöhnlichen Fußballspiels in der 1. Bundesliga in 150 Stadionminuten auf gut hundert gesangliche Aktivitäten pro Fans beider Mannschaften.[3]

Dieses zum Anlass nehmend sowie die Voraussetzung, dass der Fußball mit Wettbewerbscharakter viele Emotionen verbindet, ist es aus linguistischer Sicht interessant, diese Fangesänge auf Lexik, Form und Funktion zu untersuchen.

In einem ersten Schritt soll dazu außersprachlich aufgezeigt werden, inwiefern Ultras eine Szene verkörpern. Daran anschließend kommt es zu einer theoretischen Grundlage, inwiefern Fangesänge aus ihrer Funktion heraus ein Soziolekt bilden.

Daraufhin wird der Frage nachgegangen, wie man Fangesänge in ihrer Funktion näher bestimmen kann, wozu mögliche Klassifizierungsmodelle vorgestellt werden, die in Hinblick auf die Korpusanalyse kompatibel sind.

Es folgt eine Analyse von Fangesängen der Ultras „The Unity“ von Borussia Dortmund unter strukturellen, semantischen und morphologischen Gesichtspunkten, ehe schließlich beantwortet werden kann, aus welchen Mitteln Fangesänge konstituiert sind und welche Besonderheiten sie aufweisen.

Da der Fußball Menschen aus allen sozialen Schichten mit einer Vielzahl von außersportlichen Interessen miteinander verbindet, lässt sich im Vorfeld die These aufstellen, dass der Wortschatz in den Fangesängen sehr variiert und an sich nicht kompatible Begriffe miteinander vermischt werden.

Zum Forschungsstand lässt sich sagen, dass Fangesänge aus linguistischer Sicht im Vergleich zur Soziologie bisher mangelhaft untersucht worden sind. Als einzig bekanntes Standartwerk dient hierbei die Monographie „Fußball-Fangesänge. Eine FANomenologie“ von Guido Brink und Reinhard Kopiez aus dem Jahre 1999, das allerdings auch eine musikwissenschaftliche Sicht beinhaltet.

Es erscheint somit notwendig auf Forschungsliteratur zurückzugreifen, welche generalisierend Soziolekte thematisieren, um dieses schließlich auf die Ultrabewegung zu übertragen.

2. Ultras – eine Szenebewegung?

Zunächst muss der Frage nachgegangen werden, ob es sich bei Ultragruppierungen um eine Szenebewegung handelt.

Der Jugendforscher Klaus Farin definiert den Szene-Begriff auf folgende Weise:

„[…] ein loses Netzwerk von Menschen mit ähnlichen Orientierungen und/oder Interessenslagen, vor allem zur Freizeitgestaltung. Szenen sind freiwillige Gemeinschaften oft Gleichaltriger, in der Regel überregionale Phänomene mit lokalen Anbindungen […].“[4]

Überträgt man diesen Ansatz auf die Ultrabewegung, so lässt sich feststellen, dass man es hier mit einer Gruppe von überwiegend männlichen Teilnehmern um die 20 Jahre mit den gemeinsamen primären Ziel der Verbesserung der Atmosphäre in den Stadien und der totalen Unterstützung des Vereins zu tun hat.[5] Die Ultrabewegung ist insofern lokal und überregional zu charakterisieren, da nahezu jeder deutsche Verein in den oberen Ligen von einer Gruppierung unterstützt wird.[6] Hieraus könnte man bereits die Ultrabewegung als Szene nach der Definition von Farin bejahen.

Worin liegen jedoch die Gründe für „[...] die Gestaltung eines besonders erlebnisintensiven, öffentlichkeitswirksamen Supports ?“[7]

In erster Linie ist das Aufkommen der Ultrabewegung ab den neunziger Jahren vor allem eine „[…] Reaktion auf die fortlaufende Kommerzialisierung des Fußballs und den damit verbundenen Bedeutungsverlust der im Stadion anwesenden Zuschauer […].“[8]

Um diesen Voraussetzungen entgegenzuhalten, verstehen sich Ultras „[…] als kritischer Gegenpol des modernen und eventisierten (!) Fußballs […]“[9], das sich u.a. in undifferenzierten Berichterstattungen, Kartenpreiserhöhungen, Stadionverbote oder in Überwachung der Fans durch die Polizei widerspiegelt.

Als sogenannte aktive Fanszene ist hiermit auch eine „[…] eigene Vormachtstellung in der Fankurve [verbunden, d. Verf.].“[10]

3. Fangesänge als Soziolekt?

Inwiefern lassen sich Fangesänge der Ultras als Soziolekt charakterisieren? Göran Hammarström geht davon aus, dass soziolektale Merkmale „[…] die betreffenden Gruppen von Menschen gegeneinander abgrenzen und zugleich die Mitglieder jeder einzelnen Gruppe fester zusammenknüpfen.“[11]

An dieser Stelle kann man nun den Widerspruch einbringen, dass die Fangesänge zwar von den Ultras kreiert und angestimmt, jedoch auch von „normalen“ Fans mitgesungen werden, so dass man hier der These des Fangesangs als Soziolekt für eine gruppenspezifische Varietät, die eine soziale Gruppen konstituiert, verneinen könnte. Beantworten lässt sich dieses mittels der sozialen Identitätstheorie von Tajfels, der Identität als Gruppenleistung zu konstruieren versucht. Demnach „[…] segmentieren Individuen ihre natürliche und soziale Umwelt in unterscheidbare Gruppen […]“[12], woraus sie ein Zugehörigkeitsgefühl und somit eine soziale Identität entwickeln. Eine positive soziale Identität kann demnach nur erreicht werden, wenn sich die eigene Gruppe positiv von relevanten Vergleichsgruppen absetzen kann.[13] Beachtet man wiederum die Entstehungsgründe der Ultra-Bewegung, so muss man deren Ablehnung der traditionellen Kuttenträger und den Fair-Weather-Fans benennen, aus der letztendlich die alternative Form des Fandaseins entwickelt wurde.[14] Als Indikator dienen hierzu die Bezeichnungen einzelner Gruppierungen wie die Chosen Few des Hamburger Sportvereins oder die Deviants von Preußen Münster, was durchaus eine exklusive Minderheit erwirkt. CK Chossdf

Dadurch, dass sich Ultras aus den sozialen Interessen eines Individuums zu einer Einheit verbinden, verfestigt sich der Eindruck einer vorliegenden Gruppensprache.

Lothar Hoffmann hat hierzu drei Prototypen von Gruppensprache aufgestellt, wobei einer in diesem Fall besonders relevant ist. Dieser Prototyp „[…] eignet einerseits eine deutliche Gruppenstabilität, zugleich wird aber zwecks Vermehrung der Gruppenmitglieder eine gezielte programmatische Öffentlichkeitsarbeit betrieben.“[15] Im Vordergrund steht „[…] die Vorteilsgewinnung des gruppeneigenen Wertesystems in Relation zu anderen vorhandenen Weltdeutungen […].“[16] Dabei stellt Hoffmann fest, dass gesprochene Texte als Rituale in öffentlichen Veranstaltungen eine besondere Stellung einnehmen, indem sie den unmittelbaren Kontakt zwischen Gruppenrepräsentanten und Interessierenden ermöglichen.[17]

Überträgt man diesen Ansatz auf die Ultrabewegung, so lassen sich Fangesänge als gesprochene Texte und als wiederkehrendes Ritual, das Fußballspiel als öffentliche Veranstaltung und die Lieder als Kontaktfunktion zwischen Ultras und den „normalen“ Fußballanhängern bzw. den Spielern zuordnen.

Es lässt sich also festhalten, dass Fangesänge als markantestes Merkmal der Ultras sowohl gruppenintern eine sozialdistinktive sowie identifizierende als auch gruppenextern eine öffentlichkeitswirksame Funktion ausüben und sich somit als Soziolekt bzw. als Gruppensprache kategorisieren lassen können.

4. Klassifikation von Fangesängen

Nachdem festgehalten werden konnte, dass es sich bei Fangesängen um einen Soziolekt handelt, stellt sich nun die Frage, inwiefern sich Fangesänge näher klassifizieren lassen.

Eine erste Möglichkeit hierzu bietet das Sphärenmodell von Jannis Androutsopoulos, das er zur Beschreibung kommunikativer Formen in der musikalischen Gattung des Hip-Hops entwickelt hat. Dabei unterscheidet er zwischen den Ausdrucksformen von Künstlern, Journalisten und Fans, die in drei verschiedene Sphären unterteilt werden: Bei der Primärsphäre geht es um die wesentlichen Produktionen einer Gattung, bei der Sekundärsphäre um die Einbettung der Gattung in den journalistischen Diskurs, während die Tertiärsphäre die Fankommunikation behandelt. Zwischen diesen Sphären bestehen zudem vertikale Relationen, die die Abhängigkeit und Wechselwirkung jener ausdrücken.[18]

[...]


[1] Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 61.

[2] Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 83.

[3] Vgl.: Brink/Kopiez: Fußball-Fangesänge, S. 14.

[4] Klaus Farin: Generation-Kick.de, S. 19.

[5] Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 79.

[6] Vgl.: Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 61.

[7] Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 68.

[8] Schwier: Die Welt der Ultras, S. 22.

[9] Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras, S. 68.

[10] Schwier: Die Welt der Ultras, S. 23.

[11] Hammarström: Zur soziolektalen und dialektalen Funktion, S. 205.

[12] Raithel: Risikoverhalten Jugendlicher, S. 351.

[13] Vgl.: Raithel: Risikoverhalten Jugendlicher, S. 351.

[14] Vgl.: Brink: Fußball-Fangesänge, S. 23.

[15] Hoffmann: Kommunikationsmittel Fachsprache, S. 179.

[16] Ebd.

[17] Vgl.: Ebd.

[18] Androutsopoulos: HipHop, S. 113.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668380202
ISBN (Buch)
9783668380219
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351612
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Institut für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Borussia Dortmund BVB Fußball Fan Fangesänge Lexik Morphologie Szene Szenesprache

Autor

  • Daniel Sebastian (Autor)

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