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Die Urteilsverkündung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher im Spiegel der Presseberichterstattung

Ein Vergleich

von Daniel Sebastian (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Pressewesen in der Nachkriegszeit
2.1 Die Entwicklung zur Lizenzpresse
2.2 Die Neue Zeitung
2.3 Die Süddeutsche Zeitung

3. Hausarbeit
3.1 Die Neue Zeitung vom 2. Oktober 1946

4. Die Süddeutsche Zeitung vom 4. Oktober 1946

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit thematisiert die deutsche Presseberichterstattung über die Urteilsverkündung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges vom 30. September bzw. 1. Oktober 1946.

Die Frage hiernach ist insofern von besonderem Interesse, weil das Pressewesen als Massenmedium nach den Vorstellungen der alliierten Besatzungsmächte einen wesentlichen Beitrag zur Demokratisierung Deutschlands nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus leisten sollte.[1]

In dieser Untersuchung wird nachgegangen, inwiefern und vor allem in welcher Intensität die Presse über die Urteilsverkündung berichtet hat. Gab es unter der Berücksichtigung der alliierten Zensur eine sachliche und unabhängige Darstellung? Sind die Artikel mit bestimmten Absichten oder einer Kritik an die Urteile versehen? Was wird positiv oder auch negativ wahrgenommen? Sind gravierende Unterschiede in der Berichterstattung vorhanden?

Zur Beantwortung dessen liegen als Quellen die Ausgaben der Neuen Zeitung vom 2. Oktober 1946 und der Süddeutschen Zeitung vom 4. Oktober 1946 zugrunde. Diese sind für einen Vergleich prädestiniert, da sie beide zum einen in München in der amerikanischen Besatzungszone herausgegeben wurden und zum anderen dort die höchsten Auflagenwerte besaßen.[2]

Zur Forschungslage lässt sich festhalten, dass die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen verhältnismäßig mangelhaft untersucht worden ist, wie der Medienhistoriker Konrad Dussel konstatiert.[3] Im Speziellen ist jedoch hier die Monographie „Die Stunde Null der deutschen Presse“ von Harold Hurwitz hervorzuheben. Obwohl diese bereits 1972 veröffentlicht wurde, gilt sie immer noch zu den Schlüsselwerken zum Wiederaufbau der deutschen Presse in der Nachkriegszeit, da Hurwitz als amerikanischer Bürger und Zeitzeuge 1946 am sozialwissenschaftlichen Institut der FU Berlin gearbeitet hat und Akteneinsicht in die für die Pressepolitik verantwortlichen Institutionen erhielt.[4] Nennenswert sind zudem die Historiker Kurt Koszyk und Helmuth Mosberg, welche ebenfalls auf die Mediengeschichte ab 1945 spezialisiert sind, und auf deren Werke hier u.a. zurückgegriffen wird.

Diese Arbeit gliedert sich in drei Teile: Zunächst wird der historische Kontext, im Konkreten die Entwicklung des Pressewesen in der amerikanischen Besatzungszone von der Kapitulation Deutschlands zur selbstständigen Lizenzpresse dargestellt. Im Anschluss daran erfolgt die Quellenanalyse, bevor es schließlich zu einer kritischen Reflexion der herausgearbeiteten Erkenntnisse kommt.

2. Das Pressewesen in der Nachkriegszeit

2.1 Die Entwicklung zur Lizenzpresse

Das Ziel der Entnazifizierung Deutschlands sollte nach den Vorstellungen der Alliierten mit einem Wiederaufbau demokratischer Strukturen und einer Umerziehungspolitik einhergehen.[5]

Diese Re-Education -Politik sollte das deutsche Volk von seiner totalen Niederlage, der Verantwortung für das eigene und fremde Leid und von den katastrophalen Folgen des Nationalsozialismus überzeugen.[6]

Die Pressepolitik der Alliierten war hiervon doppelt betroffen: Zum einen bedurften die Massenmedien, welche im „Dritten Reich“ von den Nationalsozialisten zu einer gleichgeschalteten Propagandamaschinerie missbraucht wurden, ebenfalls eines demokratischen Neuaufbaus, andererseits sollten sie selbst einen wesentlichen Beitrag zur Abkehr der Deutschen vom Nationalsozialismus leisten.[7] Darüber hinaus bestand die Schwierigkeit, das Vertrauen der Bürger in die Medien nach den Erfahrungen der Gleichschaltung wiederzugewinnen, welche sich als Angehörige eines besiegten Feindstaates nach Informationen sehnten.[8]

Die Umgestaltung der Medienlandschaft vollzog sich unter den Alliierten nicht einheitlich, selbst innerhalb der Information Control Division (ICD), welche hierfür in der amerikanischen Besatzungszone (ABZ) zuständig war, trafen verschiedene politische Kurse aufeinander: Auf der einen Seite Anhänger des „Austerity-Programms“, welches einen harten Kurs und kollektive Verantwortung der Deutschen am Nationalsozialismus forderte[9], auf der anderen Seite die Liberalen, welche die Unterscheidung zwischen der passiven Schuld des deutschen Volkes und der aktiven Schuld der Regierung anerkannten.[10] Letztere Gruppe konnte sich schließlich mittels der am 28. Mai 1945 verabschiedeten Direktive Nr. 2 durchsetzen.[11]

Eine Einheit bestand allerdings in der Vorgehensweise eines Drei-Phasen-Plans, die den Wiederaufbau der Medien regelte[12]:

Bereits das am 24. November 1944 durch die psychologische Kriegsführung (PWD) erlassene Gesetz Nr. 191 läutete die erste Phase ein, welches ein Verbot aller deutschsprachigen Publikationen für alle besetzten bzw. noch zu besetzenden Gebiete aussprach. Diese auch „Blackout“ genannte Phase unterstrich das Ende eines von Nationalsozialisten geführten Pressewesens.[13]

An deren Stellte traten schließlich die sogenannten Heeresgruppenzeitungen, welche aus amerikanischen Zeitungen die wesentlichen Informationen auf Deutsch zusammenfassten. Dieses geschah unter der Leitung von Hans Habe, dem späteren Mitherausgeber der Neuen Zeitung.[14]

Erst danach und einer dritten Phase forcierte die US-Militärregierung schließlich den allmählichen Übergang zu einer neuen, freien, demokratischen und unabhängigen Lizenzpresse.[15]

Die amerikanischen Planungen sahen es vor, eine Lizenz nur an Gruppen und nicht an Einzelpersonen zu erteilen, um die politisch-pluralistische Einstellung einer Zeitung zu garantieren.[16] Zudem mussten potenzielle Lizenzträger eine vollkommen unbelastete Vergangenheit im Nationalsozialismus hinter sich haben.[17] Der Mangel an geeignetem Personal führte jedoch vor allem im letzteren Punkt dazu, dass Amerikaner ihre Bestimmungen in der Realität nur geringfügig erfüllen konnten.[18]

In Hinblick auf den Inhalt wurde den Journalisten freie Hand gewährt, tabuisiert waren jedoch Themen wie die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten oder Konflikte unter den Alliierten.[19]

2.2 Die Neue Zeitung

Die Neue Zeitung erschien das erste Mal am 18. Oktober 1945.[20] Ihr Zusatztitel Eine amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung weist auf die US-Militärregierung als Herausgeber hin.[21] Das sechs Seiten umfassende Blatt erschien zweimal wöchentlich und erreichte eine Auflage von 2,5 Millionen Exemplaren, die von mehr als zehn Millionen Menschen gelesen wurde.[22] Zeitweilig war sie damit nach dem englischen Daily Mirror die zweitgrößte Zeitung in Europa.[23]

Auf der Titelseite der ersten Ausgabe schreibt der US-Oberkommandeur General Eisenhower:

„Zum Unterschied von jenen deutschen Zeitungen, die jetzt von deutschen Herausgebern veröffentlicht werden und den Beginn einer freien deutschen Presse darstellen, wird die Neue Zeitung ein offizielles Organ der amerikanischen Behörden sein. Sie […] wird der neuen deutschen Presse durch objektive Berichterstattung, bedingungslose Wahrheitsliebe und durch ein hohes journalistisches Niveau als Beispiel dienen.“[24]

Darüber hinaus erhielt die Neue Zeitung die weitere Funktion, die deutschen Blätter daran zu erinnern, dass sie bei Bedarf jederzeit ersetzbar seien.[25]

Unter ihren Mitherausgebern Hans Habe und Hans Wallenberg verstand sich die NZ aber nicht „[…] als bloßes Sprachrohr der Amerikaner, sondern als eine Art Vermittler zwischen der Besatzungsmacht und der deutschen Bevölkerung.“[26] Dieses gelang der NZ dadurch, dass überwiegend aus der Emigration zurückgekehrte Schriftsteller und Intellektuelle wie Erich Kästner, Egon Bahr und Theodor W. Adorno die Redaktion prägten.[27]

Der Beginn der Nürnberger Prozesse wurde von der Redaktion als Chance für eine Versöhnung zwischen den Amerikanern und den Deutschen betrachtet, weshalb über diese zunächst in außergewöhnlich breiten Umfang berichtet wurde.[28] Es stellte sich jedoch in Umfragen heraus, dass dieses nur wenig Beachtung unter den deutschen Lesern fand, weshalb die Berichterstattung darüber nach und nach reduziert wurde.[29]

Ihre Auflagenzahl sank schließlich nach 1949 und der Verabschiedung des neuen Pressegesetzes kontinuierlich bis die NZ 1955 eingestellt worden ist.[30]

[...]


[1] Vgl. Helmuth Mosberg: Re-education. Umerziehung und Lizenzpresse im Nachkriegsdeutschland. München: Universitas Verlag 1991, S. 42.

[2] Vgl. Hachmeister, Lutz u. Friedmann Siering (Hg.): Die Herren Journalisten. Die Eliten der deutschen Presse nach 1945. München: C.H. Beck Verlag 2002, S. 143.

[3] Vgl. Konrad Dussel: Deutsche Tagespresse im 19. Und 20. Jahrhundert. Münster: LIT Verlag 2004, S. 4.

[4] Vgl. Holtz-Bacha, Christina u. Arnulf Kutsch (Hg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 214.

[5] Vgl. Harold Hurwitz: Die Stunde Null der deutschen Presse. Die amerikanische Pressepolitik in Deutschland 1945-1949. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1972, S. 16.

[6] Vgl. Fischer, Torben u. Matthias Lorenz (Hg.): Lexikon der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Debatten und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld: Transcript-Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2007, S. 20.

[7] Vgl. Mosberg: Re-education, S. 42.

[8] Vgl. Heike Buschke: Deutsche Presse, Rechtsextremismus und nationalsozialistische Vergangenheit in der Ära Adenauer. Frankfurt a.M.: Campus Verlag 2003, S. 72.

[9] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S.210.

[10] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 210.

[11] Vgl. Dussel (2004) Deutsche Tagespresse, S. 210.

[12] Vgl. Kurt Koszyk: Pressepolitik für Deutsche 1945 – 1949. Berlin: Colloquium Verlag 1986, S. 26.

[13] Vgl. Koszyk, Kurt: „Presse unter alliierter Besetzung.“ In: Jürgen Wilke (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Köln: Böhlau Verlag 1999, S. 32.

[14] Vgl. Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 50.

[15] Vgl. Wilke (1999): Mediengeschichte, S. 32.

[16] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 210.

[17] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 212.

[18] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 212.

[19] Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 213.

[20] Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 100.

[21] Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 101.

[22] Mosberg (1991): Re-education, S. 112.

[23] Mosberg (1991): Re-education, S. 112.

[24] Eisenhower, Dwight: „Zum Geleit.“ In: Die Neue Zeitung, 18. Oktober 1945, S. 1.

[25] Mosberg (1991): Re-education, S. 112.

[26] Vgl. Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 106.

[27] Vgl. Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 89.

[28] Jessica Gienow-Hecht: Transmission Impossibl. American Journalism as Cultural Diplomacy in Postwar Germany 1945-1949. Baton Rouge: Louisiana State University Press 1999, S. 60.

[29] Vgl. Hurwitz (1972): Die Stunde Null, S. 106.

[30] Vgl. Dussel (2004): Deutsche Tagespresse, S. 212.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668380103
ISBN (Buch)
9783668380110
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351613
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
´Geschichte Deutschland Nürnberger Prozess Weltkrieg Zweiter Weltkrieg Zeitgeschichte Jura

Autor

  • Daniel Sebastian (Autor)

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Titel: Die Urteilsverkündung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher im Spiegel der Presseberichterstattung