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Darstellung der Identitätsproblematik anhand Max Frischs Romandebüt „Jürg Reinhart: Eine sommerliche Schicksalsfahrt“

Hausarbeit 2016 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zu Jürg Reinhart

2 Das Problem der Identität
2.1 Die Angst vor der Sexualität
2.2 Das Frauenproblem

3 Ein zeittypisches Debüt?
3.1 Der Aspekt des Bildungsromans
3.2 Der autobiographische Aspekt
3.3 Der Einfluss auf das Gesamtwerk
3.4 Rezeption

4 Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Max Frisch gehört zu den bedeutendsten und prägendsten Autoren der deutschen Literatur. Besonders in der Schweiz und seiner Heimatstadt Zürich geniesst er ein hohes Ansehen.

In dieser Arbeit soll auf sein literarisches Debüt, „Jürg Reinhart: eine sommerliche Schicksalsreise“, eingegangen werden. Dabei soll die Analyse der Identitätsproblematik im Zentrum des Interesses stehen und dabei helfen zu verstehen, warum dieses Debüt für die damalige Zeit, aber auch für Max Frisch selbst, besonders war. Da sich auf dem Gebiet der Identitätsfindung verschiedene Bereiche zur Erforschung anbieten, wird sich diese Arbeit vor allem mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau beschäftigen.

Um dies zu erreichen, soll im ersten Teil der Arbeit zuerst auf den Inhalt des Romans eingegangen werden. Es wird sich dabei um eine kurze inhaltliche Zusammenfassung handeln, um einen geeigneten Überblick zu erhalten. Daran wird im zweiten Teil eine gründliche Analyse des Hauptthemas, der Identitätsproblematik, anknüpfen. Zusätzlich soll in einem dritten Teil erläutert werden, in welcher Hinsicht und warum Max Frischs Roman ein für diese Zeit typisches oder besonderes Debüt war. Erstaunlicherweise wurde dem Debüt Max Frischs noch keine grosse Beachtung geschenkt wie den berühmten Romanen Stiller oder Homo Faber. Warum dies so ist, soll in zusätzlich versucht werden zu erläutern.

Alle gewonnenen Erkenntnisse werden abschliessend in einem vierten Teil zusammengefasst und bewertet.

1 Zu Jürg Reinhart

Max Frischs literarisches Debüt erzählt die Geschichte des jungen Jürg Reinhart, der in Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, in der Pension Solitudo seine Sommertage verbringt. Die Pension wird von der aus ursprünglich Norddeutschland stammenden Frau von Woerlach geleitet. Ihre Tochter Inge (eigentlich Ingeborg) ist 31 Jahre alt und verkörpert die zentrale Figur im Roman. Hinzu kommt das 18-jährige Dienstmädchen Hilde, das erst kürzlich aus Deutschland eingetroffen ist. Die weiteren Gäste der Pension stellen die holländische Baronin Marga und ihr Ehemann Pauli, sowie der junge Robert mit seiner Mutter, Frau von Reisner, eine österreichische Baronin, dar.

Der Roman ist in drei Teile aufgeteilt, wobei in jedem Teil ein anderer Sinnabschnitt zu erkennen ist. Im ersten Abschnitt (Kapitel 1-7) spielen die Beziehungen zwischen Jürg und den drei Frauen Marga, Inge und Hilde die zentrale Rolle. Dabei erfährt der Leser, dass Marga ihren 21 Jahre älteren Ehemann regelmässig betrügt und damit keinerlei Probleme zu haben scheint. Sie stellt Jürg nach, dieser entzieht sich ihr aber immer wieder. Der Grund dafür liegt darin, dass die Baronin nur an seinem Körper interessiert ist und ihn nicht lieben will. So sind die einzelnen Aktivitäten und Unterhaltungen zu Beginn des Buches eher auf den Anstand von Jürg zurückzuführen als auf gegenseitiges Interesse.

Zu Hilde zeigt Jürg mehr Interesse, kann mit ihr aber keine körperliche Annäherung eingehen. So zeigt er auf dem gemeinsamen Segelausflug mit Hilde seine Unfähigkeit, eine Frau unterhalten zu können, was ihm sehr leidtut.

Erst mit Inge kann Jürg eine Beziehung aufbauen, die auf Gegenseitigkeit beruht. Inges Bräutigam war, genau wie ihr geliebter Bruder Hennings, im Krieg gefallen. Sie selbst sieht in diesen zwei Toden einen Sinn, versteckt aber ihren Schmerz und Trauer hinter ihrer glücklichen Fassade. Mit Inge erfährt Jürg dann seinen ersten Kuss, was ihn aber nicht davon abhält, seine Reise nach Griechenland fortzusetzen. Der Grund dafür ist sein Drang, etwas zu erleben und später davon erzählen zu können. Kurz vor seiner Abreise erfährt Jürg, dass Inge krank ist.

Im Zentrum des zweiten Teils (Kapitel 8- 14) des Romans steht die Zeit in Dubrovnik während der Abwesenheit von Jürg. Dabei spielen sich die Szenen zwischen der Pension und dem Krankenhaus in Dubrovnik ab. Inges Gesundheitszustand verschlechtert sich in dieser Zeit drastisch. Ihre Mutter kann sich jedoch die Behandlung im Krankenhaus nicht leisten, bekommt aber von der reichen Baronin Frau von Reisner die finanziellen Mittel, um ihre Tochter behandeln zu lassen. Nach der fälligen Operation tritt bei Inge jedoch eine lebensbedrohliche Blutvergiftung auf und die Ärzte geben ihr nur noch wenige Wochen zu leben. Zusätzlich negativ auf ihren Zustand wirkt sich der Umstand aus, dass sie keinen Brief von Jürg aus der Fremde erhält. Auch findet sie keinen Eintrag im Gästebuch der Pension, da Frau von Reisner diesen herausgerissen hatte, was Inge nochmals schwer zusetzt. Während Jürg trotz Gedanken an Inge die Reise durch die Türkei und Griechenland, insbesondere in Delphi, geniesst, entbrennt zwischen der Frau von Woerlach, ihrer Freundin (Frau von Reisner) und dem Krankenhauspersonal eine Diskussion über die Legitimierung und Möglichkeit einer Sterbehilfe. Schlussendlich will aber niemand dafür die Verantwortung übernehmen.

Gleichzeitig wird Hilde von Robert, dem Sohn von Frau von Reisner, entjungfert. Sie plant darauf ein gemeinsames Leben mit ihm. Robert lässt sie jedoch sitzen.

Im dritten Teil (Kapitel 15-18) erfährt Jürg kurz durch einen Brief vom Zustand von Inge und reist nach Ragusa zurück. Einen Tag nach seiner Ankunft verstirbt sie im Krankenhaus. Nach ihrem Tod verbreitet sich das Gerücht, dass Inge durch eine illegale Sterbehilfe den Tod fand, was zu hitzigen Diskussionen führt. Dabei gesteht Jürg Frau von Woerlach, dass er Inge die tödliche Spritze verabreicht hat. Frau von Woerlach vergibt ihm und vertuscht die Aktion gegenüber der Öffentlichkeit, da sie glaubt, dass Jürg Inge wirklich geliebt hat. Kurz darauf reist Jürg mit dem Schiff aus Ragusa in Richtung Heimat ab. Auf dem Schiff denkt er nochmals über die vergangenen Wochen nach, die ihm wie Jahre vorkommen und fühlt sich reifer als zuvor.

2 Das Problem der Identität

Die Suche nach dem Ich und der eigenen Identität spielt in Jürg Reinhart, aber auch in den meisten anderen Werken von Max Frisch eine zentrale Rolle.[1] Mit dieser Suche ist immer die Beziehung zu einer Frau verbunden, denn allgemein sind Frauen und deren Beziehung zum Mann ein wichtiger Bestandteil im Werk von Max Frisch.[2] Dies wird dadurch verdeutlicht, dass Frisch immer aus der Perspektive eines Mannes schreibt und daher alle anderen Figuren, somit auch Frauen, einen Einfluss auf diesen Mann und indirekt auch auf Frisch selbst haben.[3]

2.1 Die Angst vor der Sexualität

Die Angst davor zu versagen tritt in Jürg Reinhart bereits früh in Erscheinung. Jürg war eigentlich wegen einer Frau nach Wien gereist, „um sie aufzusuchen, weil man nicht leben konnte ohne sie“[4], bekommt aber kurz vor dem Treffen kalte Füsse und will „Weiterreisen. Irgendwohin“[5]. Er „[...] wollte [schliesslich] endlich älter werden...“[6], eine Aussage, hinter der sich grundsätzlich eine Ausrede verbirgt und die Minderwertigkeitsgefühle aufzeigt, die Jürg für sich selbst hegt.[7]

Die Auseinandersetzung mit der Sexualität ist bei Jürg Reinhart ein zentrales Thema. Es geht dabei aber mehr um die Erwartungen, die Jürg für eine Frau hegt, als um aktive Sexualität.[8] Es zeigt sich die Angst in der ersten Begegnung mit einer Frau. Schon der Nachname von Jürg „Reinhart“ verweist zum einen auf das Reine, dass den jungen Protagonisten ausmacht, da er noch nie von einer Frau berührt wurde. Zum anderen das Harte, welches seine Hartnäckigkeit gegenüber den Frauen zeigt, um seine Reinheit auch bewahren zu können.[9] Bircher nennt ihn gar, in Anlehnung an seine weiss-rote Kleidung, einen „Schweizer Parzival“[10]. Trotz der grossen Angst vor der Frau, wird diese erste Begegnung mit Sehnsucht erwartet. Dies weil Jürg der Ansicht ist, dass man erst zu Mann wird, wenn man eine Frau gehabt hat. Er sieht dies indes als einen natürlichen Trieb an. Daher ist die Erwartung an die Frau sehr gross, was sich beispielsweise bei der ersten Begegnung mit Marga zeigt. Jürg spricht von einem Erlebnis, „das allen Dingen auf dieser Welt endlich sinnvollen Inhalt gibt“[11] und sieht auch keinen anderen Weg, sein Glück zu finden, als mit einer Frau: „ich weiss nicht, wo man das Glück dann suchen soll?“[12]

2.2 Das Frauenproblem

In Bezug auf die Frau lassen sich, vor allem im Frühwerk von Frisch, zwei Typen unterscheiden. Auf der einen Seite steht die Frau, die für den Protagonisten ein Ideal verkörpert, welches für ihn aber unerreichbar ist. Auf der anderen Seite steht im Gegenzug die Frau, die es in der Realität auch wirklich gibt und für den Protagonisten erreichbar ist. Die grosse Aufmerksamkeit gilt aber nicht der realen Frau, sondern dem imaginären, ersehnten Ideal. Genau dies passiert dem Jüngling Jürg auf seiner Reise. Er liebt Hilde eigentlich vom ersten Moment an, aber nur in seiner Vorstellung. Sie ist daher unerreichbar und darum liebt er sie. In dem Moment, als sie zur Wirklichkeit wird und somit in die Realität von Jürg eindringt, verfliegt die Liebe und Jürg verliert das Interesse:[13] „Überhaupt war es schwer, wenn ein ersehnter Mensch schliesslich dasass in aller Wirklichkeit und Greifbarkeit. Das hatte immer etwas Einschränkendes, etwas Hemmendes, was vom Körperlichen ausging.“[14] Jürg denkt, dass seine Phantasie mit Hilde unter der Realität, also Hildes wirklichen Anwesenheit, zusammenbrechen könnte:[15] „Und das wäre schade gewesen. Denn er glaubte, dass keine Wirklichkeit herrlicher sein könnte als jene vertraulichen Gespräche, wenn er hinausgeredet hatte in den Wind und sich dabei eingebildet, Hilde würde dasitzen.“[16]

[...]


[1] Vgl. Lusser-Mertelsmann 1976, S. 21.

[2] Vgl. Haupt 1996, S. 7.

[3] Vgl. Lusser-Mertelsmann 1976, S. 21/22.

[4] Frisch 1976, S. 244.

[5] Ebd., S. 244.

[6] Ebd., S. 244.

[7] Vgl. Schmid 2009, S. 25/26.

[8] Vgl. Haupt 1996, S. 147.

[9] Vgl. Bircher 1997, S. 47.

[10] Ebd., S. 47.

[11] Frisch 1976, S. 295.

[12] Ebd., S. 295.

[13] Vgl. Lusser-Mertelsmann 1976, S. 26.

[14] Frisch 1976, S. 280.

[15] Vgl. Block 1998, S. 82.

[16] Frisch 1976, S. 280.

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668391895
ISBN (Buch)
9783668391901
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351699
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
2.0
Schlagworte
Max Frisch Jürg Reinhart Identitätsfindung Identität

Autor

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