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Mechthild von Magdeburgs "Das fließende Licht der Gottheit". Geheimnis wie Schweigen

Seminararbeit 2014 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Allgemeines zur Textinterpretation
- Mehr als nur der Text: Verschwiegene Gottesrede
- Betrachtung und Beobachtung
- Zur Wort- und Begriffsgeschichte
- Die Kunst der Interpretation - Enthistorisierung des Texts?

B) Fliessendes Licht fliessende Stille
- Theodor Fontane
- Søren Kierkegaard
- Angelus Silesius
- Dorothee Sölle
- Ilse Aichinger
- John Cage
- Thomas Bernhard
- Karlfried Graf Dürckheim
- Meister Eckhart
- Jiddu Krishnamurti
- Deepak Chopra
- Laotse
- Gerhard Kofler

C) Annäherung an Stille in der Literatur
- Peter Rosegger
- Anton Tschechow
- Ilse Gräfin von Bredow
- Arno Surminski

I Verschmelzung versus Zweiheit

A) Allgemeines zur Textinterpretation

- Mehr als nur der Text: Verschwiegene Gottesrede: Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg (etwa 1207 bis 1282).

„Ob Geheimnisse poetogen wirken? Diese Frage kann bejaht werden, wenn Texte als geheimnisvoll entstanden gezeichnet sind. Das kann man am „Beiwerk eines Buches“ erkennen, den so genannten Paratexten.[1] „Sie bilden mit Rezeptionsanweisungen zwischen Text und Nicht- Text oder Ankündigungen im Prolog die Mosaiksteine eines Entstehungsmythos, der einem Text von Anfang an eine mysteriale Aura verleiht.“[2] Bereits Titel teilen mit, dass die Genese der Texte auf besonderem, übernatürlichem Weg erfolgt ist. „Wie bei allen Einweihungsschriften hängt die Aura mit Schwellenüberschreitung zusammen, die eine „private Offenbarung“[3] darstellt von üblicherweise nicht Wißbarem.“ „Zur poetogenen Kraft der Geheimnisse gehört das ebenso wirksame mysteriogene Moment der Poesie (Mertens). Ihm ist vielleicht zu verdanken, dass ein mittels Texten offenbartes Geheimnis, das ja im Grunde kein Geheimnis mehr ist, es im mystischen Sinne doch bleibt: die Unverfügbarkeit der Erfahrung ist nicht aufzuheben durch die Publikation.“[4]

„Mystische Sprache überdauert nur als Text, und sie ist daher ein Datum der Literatur, das gerade darin besonders interessant ist, dass es in Form von Sprache die Sprachlosigkeit innerer Erfahrung thematisiert und problematisiert.“[5] Mystisch heißt: immer übertragen denken! Wenn mystische Erfahrungen in einer erotischen Sprache ausgedrückt werden können oder gar müssen, dann offenbart die Mystik einen inneren Zusammenhang von Religion und Erotik. Das Hohelied mag als Beispiel fungiert haben, sicher aber schöpft Mechthild als Adelige aus der Minnelyrik ihrer Zeit. Zum Wesen der Erotik: Die Überschreitung im Doppelgesicht Lebensverheißung und Todesdrohung verbindet wiederum Mystik und Erotik.[6]

Kant und eine ganze philosophische Tradition bis hin zum Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus unserer Tage haben auf dieses verzweifelte Unterfangen mit dem Verdacht auf Sinnlosigkeit geantwortet: Sätze über Gott und eine mögliche Vereinigung mit ihm „sind weder logisch wahr noch empirisch verifizierbar, wenn sie in bestimmtem Sinn verstanden werden“.[7]

Seit Wittgensteins Theorie des Sprachspiels ist die religiöse Sprache als Lebensform anzusehen, die eigenen Gesetzen folgt und nicht mit den Gesetzen eines logischen Kalküls beurteilt werden kann.

Für Sloterdijk gilt: „Der mystische Zustand, anders beschrieben, erweist sich als die Erinnerung des Gehirns an seinen Zustand vor seinem Kampf um die Identifizierung des Etwas, in dem es zum Aufenthalt bestimmt ist. „Mag sein, dass ich nicht alles bin, was ist; ...“[8]

Aleida und Jan Assmann fragen in ihrer Einleitung zu ‚Schleier und Schwelle’ nach „poetogenen Situationen“ in einer Gesellschaft, konkret danach, ob das „Geheimnis ein solches literarisch produktives Prinzip“ sei und wie sich „Geheimnis als Inszenierungsform literarischer und nichtliterarischer Texte verstehen“[9] lasse.

Bei Foucault zeigt sich, dass gerade der Versuch, die Wahrheit über den Menschen herauszufinden, dazu geführt hat, dass ‚Sexualität’ zum Geheimnis der menschlichen Natur gemacht wurde.[10]

„Schmerz und Lust sind linguistisch gesehen Reizstellen, die zur sprachlichen Abspiegelung provozieren.“[11]

- Betrachtung und Beobachtung

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Genauigkeiten bei Übersetzungen Veränderungen erfahren. „Die Art der Betrachtung schwankt zwischen der Sicht aus der Vogelperspektive und dem Blick durchs Mikroskop. Was auf diese Weise nicht deutlich wird, sind die Veränderungen, die der Text als Kontinuum in der Transformation von einer Sprache in die andere erfährt, Veränderungen, die möglicherweise imstande sind, den ‚Ton’ des ganzen Werkes umzustimmen.“[12]

Das Gespräch zwischen Seele und Gott, das im deutschen Text als dramatischer Dialog erscheint, der schließlich in die „selige Stille“ mündet, wird beispielsweise im Lateinischen durch konsequent eingefügte Sprecherrollen unterbrochen und wirkt dadurch weniger unmittelbar.[13]

„Im deutschen Text finden sich - was nichts über den Umfang von Mechthilds Wortschatz aussagt[14] - zahlreiche, in ihrer intensivierenden Wirkung nicht zu unterschätzende Wiederholungen, die dann den Übersetzer zum Eingreifen veranlassen. Dabei reichen die Veränderungen von kaum merklichen Retuschen bis zur Variation zentraler Begriffe. Wenn z. B. bei Mechthild in sechs aufeinander folgenden Sätzchen fünfmal nu erscheint, lässt der Übersetzer drei davon weg.“[15]

Richtig bleibt jedoch - und die Übersetzung ist der entschiedene Beweis dafür -, dass Mechthild „in ihrem Verhältnis zu den Dominikanern nicht nur Empfänger“[16] war, sondern dass sich auch der Orden Nutzen von ihrem Buch versprach.

- Zur Wort- und Begriffsgeschichte

„Mystische Erfahrung ist in jedem Fall eine persönliche Erfahrung, die das Zentrum der Schau, der Ekstase oder der unio mystica abgibt. Daher ist es wichtig, sich nicht ausschließlich auf rein spekulative Definitionen des Begriffes ‚Mystik’ festzulegen. Vielmehr gibt es Mystik als solche, als ein Phänomen oder eine Anschauung, die unabhängig von anderem in sich selber besteht, in der Religionsgeschichte im Grunde gar nicht. Es gibt nicht Mystik an sich, sondern Mystik von etwas. Mystik des Christentums, Mystik des Judentums u.a.“[17]

Dionysius beschreibt diesen Weg des Aufsteigens: Wir gebrauchen, soweit es uns möglich ist, für das Göttliche geeignete Symbole[...] an den überwesentlichen Strahl[...][18] „Wenn in Dingen Wissen möglich ist und ein Text diesbezügliche „Enthüllungen“ verheißt, initiiert ihn das a priori als Sonderfall. Bereits die Titel können Texte als revelationes (Visionsbücher mit Gesichten und Auditionen) stilisieren[19] Vorreden enthüllen, dass es sich beim Nachfolgenden um Diktate göttlicher Wunder handelt, dass beispielsweise Christus selbst spricht und dass es seitens der Leser der besonderen Annäherung bedarf, beispielsweise einer neunmaligen Lektüre.“[20]

[...]


1 Gerard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. FfM 1992. S.IO. Nach Haug, Walter, [Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. S. 200.

2 Ebenda S. 200.

3 Zum theologischen Status von Visionen s. Karl Rahner, Visionen und Prophezeiungen. Zur Mystik und Transzendenzerfahrung, Hsg. Josef Sudbrack. Nach Haug, Walter, [Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. Aufsatz von Hildegard Elisabeth Keller S. 201.

4 Ebenda S. 220.

5 Ebenda S. 9.

6 Vgl. George Bataille: Die Erotik. Übers. Gerd Bergfleth. München. Matthes & Seitz. 1994. Umstritten ob seiner Frauenfeindlichkeit u.a. Es geht hier nur um Grundstruktur Religion/Erotik.

7 Hans Kramml, Die Rede von Gott sprachkritisch rekonstruiert aus Sentenzenkommentaren, Innsbruck/Wien 1984 (Innsbrucker Theologische Studien 13), S. 21. Vgl. ebd., S.47-65, eine Abweisung des Sinnlosigkeitsverdachts.

8 Peter Sloterdijk (HG.): Mystische Zeugnisse aller Zeiten und Völker gesammelt von Martin Buber, München 1993 (Diederichs Gelbe Reihe 100) S. 35.

9 Vgl. ihre Darlegung des Buchtitels , Schleier und Schwelle' in Assmann, Aleida u. Jan (Hgg.), Geheimnis und Öffentlichkeit. Reihe: Schleier und Schwelle. München. Fink Verlag. 1997. S. 9. In: Haug, Walter. S. 125.

10 Vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Bd. 1. Frankfurt. Suhrkamp. 1987.

11 Haug, Walter,[Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. S. 26.

12 Ebenda S. 134/ 135.

13 Zum kontextfreien Dialog als äußerster Möglichkeit, „die Gottesbegegnung im Wort hier und jetzt in Szene zu setzen", vgl. Walter Haug, Das Gespräch mit dem unvergleichlichen Partner. Der mystische Dialog bei Mechthild von Magdeburg als Paradigma für eine personale Gesprächsstruktur, in: Karlheinz Stierle/Rainer Warning (Hgg.), Das Gespräch, München 1984 [Poetik und Hermeneutik 11), S. 251-279; wieder in: W. H., Brechungen auf dem Weg zur Individualität Kleine Schriften zur Literatur des Mittelalters, Tübingen 1997, S. 550-578, hier S. 567.

14 Wie ,groß' Mechthilds Wortschatz ist, ließe sich durch Vergleiche objektivieren; doch was an der Sprache des FL fasziniert, ist - unbeschadet der vieldiskutierten Neubildungen - weniger die Fülle des Wortmaterials als sein ungewöhnlicher Gebrauch. - Zur Vielfalt der Bereiche, aus denen sich Mechthild Anregungen für ihre „Darbietungsformen geistlicher Gehalte" holte, vgl. zuletzt Ernst Hellgardt, Darbietungsformen geistlicher Gehalte im Werk Mechthild von Magdeburg, in: Timothy R. Jackson/Nigel F. Palmer/Almut Suerbaum (Hgg.), Die Vermittlung geistlicher Inhalte im deutschen Mittelalter, Tübingen 1996 (Internationales Symposium, Roscrea 1994, S. 319-337.

15 Haug, Walter,[Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. S. 148.

16 Elisabeth A. Andersen, Mechthild von Magdeburg, der Dominikanerorden und der Weltklerus, Tübingen 1996, S. 268.

17 Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt a. M. 1980 (stw 330), S.6. Zitat in: Haug, Walter,[Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. Nach Haas: Die Verständlichkeit mystischer Erfahrung. S. 18 - 19.

18 Vgl. dazu Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik, Bd. 2: Fächer der Stile, Einsiedeln 1962, S. 171 (im grundlegenden Kapitel über Dionysius).

19 Kurt Ruh, Geschichte der abendländischen Mystik, Bd 2: Frauenmystik und Franziskanische Mystik der Frühzeit, München 1993, S. 255. Der lat Text Mechthilds von Magdeburg ist als .Revelationes Gertrudianae ac Mechtildianae II' (abgek.) betitelt.

20 Haug, Walter,[Hrg.]: Deutsche Mystik im abendländischen Zusammenhang. Niemeyer. Tübingen 2000. S. 201.

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Titel: Mechthild von Magdeburgs "Das fließende Licht der Gottheit". Geheimnis wie Schweigen