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Die Bühne in Filmen von Stanley Kubrick

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exkurs: Voyeurismus bei Kubrick

3. Die Bühne
3.1. Die reale Bühne
3.2. Die imaginäre Bühne

4. Die „symbolische Bühne“
4.1. Motorik, Musik und Performance
4.2. Kamera und Montage
4.3. Verkleidung, Schminke, Maske
4.4. Licht
4.5. Sprache

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

„Die meisten Filme sind wirklich kaum mehr als Bühnenstücke mit mehr Atmosphäre und Handlung.“[1]

Stanley Kubrick selbst hat diesen Vergleich gebracht und damit vielleicht ziemlich radikal geurteilt. In jedem Fall ist die „strukturelle[n] Verwandtschaft“[2] zwischen Film und Theater natürlich nicht zu leugnen und immer wieder deutlich erkennbar - auf beiden Seiten.

Was das Werk Stanley Kubricks betrifft, so ist vielen Kritikern, bewundernd oder ablehnend, aufgefallen, was auch ich persönlich beim Schauen von seinen Filmen bemerkt habe: In manchen Momenten beschleicht einen das Gefühl, man sehe keinen Film, sondern eben Theater.

Wodurch entsteht dieser Eindruck?

„Kubricks LOLITA ist wahrhaft eine ‘Aufführung’“[3], so Georg Seesslen und Fernand Jung in ihrem Buch Stanley Kubrick und seine Filme. Doch nicht nur LOLITA (1962) erinnert zuweilen an ein Bühnenstück, gerade BARRY LYNDON (1975) erweckt oftmals den Eindruck, eher auf eine Bühne zu gehören, denn auf eine Leinwand, was durch unterschiedliche Elemente zustande kommt, von denen das augenscheinlichste natürlich die Kostüme sind, aber nicht das einzige.

Meiner Meinung nach enthalten alle Filme Kubricks theatralische, oder besser gesagt bühnenartige Elemente. Diese sind zum Teil sehr deutlich, wenn eine richtige Bühne verwendet wird, wofür ich einige Beispiele unter Punkt 3.1. nennen werde. In anderen Szenen ist zwar keine reale Bühne im Sinne eines Podiums vorhanden, aber Zuschauer verfolgen ein Geschehen, sogar ein Schauspiel in ihrer Mitte. Dies möchte ich als imaginäre Bühne bezeichnen und unter Punkt 3.2. vorstellen.

Die dritte Art der in Kubricks Filmen vorkommenden Bühne nenne ich symbolische Bühne. Hierzu möchte ich unter Punkt 4. einige subtilere Mittel aufführen, die benutzt werden, um den Eindruck eines Theaterstückes entstehen zu lassen, so zum Beispiel Kamera und Montage, das Licht oder die Sprache.

Ich beginne meine Hausarbeit mit einem kurzen Exkurs über Voyeurismus bei Kubrick, denn ich halte Voyeurismus für ein zentrales Thema in vielen seiner Filme, aber auch in der Art, diese zu drehen.

„Im Kino nämlich dürfen wir gesellschaftlich ungestraft unserem Voyeurismus frönen und uns an der Darstellung von Erotik und Gewalt erfreuen.“[4]

Dies macht sich Stanley Kubrick auf seine eigene Art und Weise zunutze.

2. Exkurs: Voyeurismus bei Kubrick

Laut Duden versteht man unter einem Voyeur jemanden, „der durch [heimliches] Zuschauen bei sexuellen Handlungen anderer Lust empfindet.“[5]

Stanley Kubrick wird zuweilen als solcher bezeichnet und in allen seinen Filmen finden sich immer wieder Beispiele für Voyeurismus. Als Auffälligstes ist hier natürlich die Orgie in EYES WIDE SHUT (1999) zu nennen, bei der Hunderte von Menschen in Masken anderen beim Geschlechtsverkehr zusehen. Schon in SPARTACUS (1960) aber möchte die römische Gesellschaft den Sklaven nicht nur beim Kampf in der Arena zuschauen, sondern auch in der Gladiatorenschule und schließlich beim Sex. Spartacus’ Reaktion darauf, sein Ausruf: “Wir sind keine Tiere“, lässt Georg Seesslen und Fernand Jung den Begriff des Menschenzoos einführen.[6] Dies meint, dass Menschen in Kubricks Filmen andere Menschen gerne beobachten, besonders wenn diese eingesperrt sind, oder sich zumindest an einem zentralen Ort in der Mitte der Zuschauer befinden - auf dem Präsentierteller sozusagen, oder eben auf einer Bühne.

Das bezieht sich allerdings nicht nur auf sexuelle Handlungen, sondern ebenso auf Gewalt. Denn auch gewalttätige Handlungen, wie beispielsweise die Duelle in BARRY LYNDON, finden vor den Augen von Zuschauern statt.

In A CLOCKWORK ORANGE (1972) findet sich die Kombination aus beidem, wenn Alex Mr. Alexander zwingt, bei der Vergewaltigung seiner eigenen Frau zuzusehen, und ihm dabei noch „Viel Spaß“ wünscht. Dadurch, dass er hier aber direkt in die Kamera spricht, wünscht er die gute Unterhaltung nicht nur dem Mann des Opfers, sondern auch direkt dem Publikum. Und genauso wenig wie Mr. Alexander sehen wir weg.

Auf diese Szene werde ich unter verschiedenen Punkten genauer eingehen, da sie mir im Zusammenhang mit meinem Thema der Bühne eine der wichtigsten in Kubricks gesamtem Werk zu sein scheint.

Bezeichnend finde ich, dass schon Kubricks erster Film, eine Dokumentation mit dem Titel DAY OF THE FIGHT (1951), von einem Boxer handelt und diesen unter anderem im Ring zeigt, wo er vor Zuschauern kämpft. Auch Davy Gordon, Hauptfigur in Kubricks zweitem Spielfilm KILLER’S KISS (1955), ist ein Boxer, dessen Kämpfe von anderen Menschen mit Genuß betrachtet werden. Doch nicht nur das, Davy ist auch Voyeur, denn er beobachtet Gloria durchs Fenster. Und mit ihm, weil wir ebenso hinschauen, wird wiederum das ganze Kinopublikum zu Voyeuren.

Stanley Kubrick zeigt seine Figuren häufig durch den Blick anderer, vor allem aber auch im Blick anderer. Und dazu stellt er sie gerne auf eine Bühne, damit sie für jeden gut sichtbar sind, für die anderen Figuren im Film, sowie für das Publikum vor der Leinwand.

Das muss nicht immer so augenscheinlich geschehen, wie wenn eine reale Bühne aufgebaut ist, auf der Handlungen stattfinden, sondern kann auch durch eine imaginäre Bühne entstehen, wie ich zeigen werde.

Tatsache ist, dass das Moment des Zuschauens, besonders bei Gewalt oder Sex, eine zentrale Rolle im Werk Kubricks spielt. Zuletzt wird dies natürlich noch einmal überdeutlich in EYES WIDE SHUT, wo ja schon der Titel auf die Wichtigkeit des Sehens verweist.[7]

Stanley Kubrick spielt mit der Lust seines Publikums, der Lust am Sehen. Er weckt das voyeuristische Verlangen im Zuschauer, beispielsweise indem er EYES WIDE SHUT mit einer kurzen Aufnahme von Nicole Kidman beginnen lässt, die sich auszieht. Er lässt uns einen kurzen Blick auf ihren nackten Körper werfen und scheint damit mehr zu versprechen. Was er aber nicht hält.

Allgemein kann man feststellen, dass sich in Kubricks Filmen wenig klassische Sexszenen finden. Zumeist begnügt sich der Regisseur mit Andeutungen, wodurch er die Lust, mehr zu sehen, immer wieder schürt.

Wenn er denn dann einmal wirklich kopulierende Menschen zeigt, so geschieht es entweder auf komische Art und Weise wie in A CLOCKWORK ORANGE zwischen Alex und den beiden Mädchen aus dem Musikladen, die sich passend zur Musik im Zeitraffer aus-, an-, und wieder ausziehen und auf dem Bett herumtollen; oder aber völlig mechanisch wie bei den Orgienteilnehmern von EYES WIDE SHUT.

In jedem Fall aber findet der Zuschauer dabei deutlich weniger Erotik, als er sich erhofft hat.

3. Die Bühne

3. 1. Die reale Bühne

PATHS OF GLORY (1958), der Film mit dem Stanley Kubrick sozusagen der Durchbruch gelang, zeigt in einer der letzten Szenen eine junge Frau, die gegen ihren Willen auf einer Bühne vor Soldaten singen muss. Sie rührt die Soldaten, die zuerst grölen und pfeifen, mit ihrem Lied zu Tränen und scheint sie an ihre Menschlichkeit zu erinnern. Man hat den Eindruck, etwas in diesen Männern sei verändert worden, wenn auch vielleicht nur für diesen Moment.

Die klassische Bühne, auf der jemand auftritt, findet sich wie bereits erwähnt, häufiger in Kubricks Filmen.

[...]


[1] Stanley Kubrick zitiert nach Ciment, Michel: Kubrick. München 1982, S. 188

[2] Monaco, James: Film verstehen. Hamburg 1980, S. 52

[3] Seesslen, Georg/ Jung, Fernand: Stanley Kubrick und seine Filme, Marburg 1999, S. 136

[4] Kirchmann, Kay: Stanley Kubrick - Das Schweigen der Bilder. Marburg 2001, S. 154

[5] Dudenredaktion (Hg.): Duden. Fremdwörterbuch. 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim 2001

[6] vgl. Seesslen, Georg/ Jung, Fernand: Stanley Kubrick und seine Filme, Marburg 1999, S. 61

[7] vgl. Kirchmann, Kay: Stanley Kubrick - Das Schweigen der Bilder. Marburg 2001, S. 269

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638351775
ISBN (Buch)
9783638802154
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35178
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
Bühne Filmen Stanley Kubrick

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Titel: Die Bühne in Filmen von Stanley Kubrick