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Poetry Slam. Eine Innovation in der Vortragskunst

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Poetry Slam
2.1.1 Regelwerk und Bewertung
2.1.2 Entstehung und Verbreitung
2.2 Slam Poetry
2.2.1 Merkmale

3 Ablauf eines Poetry Slams
3.1 Darstellung eines üblichen Ablaufs
3.2 Erstes Halbfinale Poetry Slam Meisterschaft Berlin/Brandenburg 2014

4 Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Slam-Poetin Julia Engelmann sorgte Anfang 2014 mit ihrem Auftritt bei einem Wettbewerb für Aufsehen. Mit ihrem Text One Day/Reckoning Text rief sie die Menschen dazu auf, das eigene Leben anzupacken und jeden Tag zu nutzen. Das Video verbreitete sich schnell im Internet und wurde so innerhalb kürzester Zeit einem großen Publikum zugänglich. Der Poetry Slam, der seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland immer mehr Beachtung findet, erfährt durch diesen Auftritt eine neue Dimension.

In vielen Städten Deutschlands haben sich die monatlich stattfinden Poetry Slams bereits als literatur-kulturelles Phänomen im Kulturbetrieb etabliert. Es ist ein Phänomen, welches unabhängig vom Alter und Geschlecht immer größere Beliebtheit erfährt. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit genau diesem Phänomen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, aus welchen Gründen dieses Veranstaltungsformat sich so großer Beliebtheit erfreut.

Um dieser Frage nachgehen zu können, sollen in einem ersten Schritt die theoretischen Grundlagen geklärt werden. Dazu wird die Veranstaltungsform Poetry Slam in Bezug auf die Entstehung und Entwicklung näher definiert und Slam Poetry auf ihre Merkmale hin näher betrachtet. In einem nächsten Schritt war es wichtig, live bei einem Poetry Slam im Publikum zu sitzen um die Atmosphäre dieser Veranstaltung zu erfahren und sich ein eigenes Bild darüber zu machen um nachvollziehen zu können, warum der Poetry Slam an so großer Bedeutung gewonnen hat. Anhand der eigenen Beobachtungen wird der übliche Verlauf eines Poetry Slams beschrieben. Als Beispiel dient hierbei das erste Halbfinale der Poetry Slam Meisterschaft Berlin/Brandenburg 2014 in Potsdam. Es folgt eine abschließende Zusammenfassung, in der die Ergebnisse zusammengetragen werden, um davon ausgehend die Eingangsfrage zu beantworten.

2 Theoretischer Teil

Im Folgenden werden die Begrifflichkeiten Poetry Slam und Slam Poetry näher erklärt, um in die Thematik hineinzuführen und Grundlagen für die spätere ausführliche Betrachtung des Veranstaltungsformates, am Beispiel der Berlin/Brandenburg Meisterschaft 2014, zu schaffen.

2.1 Poetry Slam

Der Poetry Slam ist eine aus Amerika stammende junge Kunstrichtung die einen direkten Dichterwettbewerb bezeichnet und in den letzten Jahren zu einem weltweit etablierten Veranstaltungsformat herangewachsen ist.[1] Hierbei werden poetische Texte auf einer Bühne, vor einem Publikum präsentiert. Entscheidend hierbei ist, dass die Texte durch die Autoren persönlich vorgetragen werden und dass die jeweilige Arbeit mit der Performance vor dem Publikum legitimiert wird.[2] Im Vordergrund steht dabei „die Kommunikation vom Autor zum Publikum und die Mediation seines Textes, das heißt seine ästhetische Vermittlung oder Performance.“[3] Das Publikum wird aktiv in den Poetry Slam mit eingebunden. „Zwischenrufe sind möglich und stellen eine Form spontanen Feedbacks dar. Vor allem ist das Publikum direkt in die Bewertung der Beiträge einbezogen.“[4] Im Anschluss, nach einer Runde von zehn bis zwölf Kurzbeiträgen, kürt das Publikum den besten Text und damit verbunden die beste Performance.[5]

Veranstaltet wurde der erste Poetry Slam von Marc Kelly Smith im Chicagoer Green Mill Jazz Club. Gleichzeitig prägte Smith den Begriff Poetry Slam. Damit versuchte er, dieses Veranstaltungsformat von gewöhnlichen Lesungen abzugrenzen.[6]

Das aus dem Englisch stammende Wort to slam bedeutet übersetzt so viel wie zuschlagen oder schleudern. Der aus dem Sport bekannte Begriff (Slam Dunk – Treffer in den Korb beim Basketball, Grand Slam – Sieg z.B. beim Tennis) hat sich im Laufe der Jahre „in der Alltagssprache als Begriff für Wettkampflesungen etabliert.“[7] Analog zu der Bedeutung im Sport kann das Wort Slammen also bedeuten, „dass ein Poet etwas schnell und treffsicher auf den Punkt bringt, eine Aussage dem Publikum präzise und durchsetzungsstark darbietet bzw. Zuhörer mit einer eigenen Meinung konfrontiert.“[8]

Poetry Slam Veranstaltungen finden regelmäßig, meist einmal im Monat statt und sind in vielen Städten zu einem festen Bestandteil der Kulturszene geworden.[9] Auf den entsprechenden Bühnen haben neben professionellen Performance-Poeten auch Amateurschriftsteller die Chance ihr Können unter Beweis zu stellen. Neben der bereits erwähnten intensiven Beziehung zwischen Autor und Publikum steht auch die demokratische Offenheit als besonderes Merkmal im Vordergrund.[10]

Der Poetry Slam ist, im Gegensatz zu anderen postmodernen künstlerischen Erscheinungen, „weniger auf die Entgrenzung der Künste angelegt, sondern in den Umrissen verhältnismäßig klar zu fassen.“[11] Daraus ergeben sich für den Poetry Slam klare Regeln, nach denen dieses Veranstaltungsformat aufgebaut ist. Anhand dieser Regeln lässt sich relativ gut definieren, was ein Poetry Slam ist und was nicht.[12]

2.1.1 Regelwerk und Bewertung

In den letzten Jahren haben sich allgemein gültige Regeln etabliert, die jedoch von Ort zu Ort leicht variieren können. Erstens dürfen die Dichter nur ihre eigenen selbstverfassten Arbeiten auf der Bühne präsentieren. Dabei kann der Text vorgelesen oder auswendig vorgetragen werden. Zweitens dürfen auf der Bühne keine Kostüme, Requisiten, Bühnenbilder oder Musikinstrumente verwendet werden. Drittens „muss beim Auftritt vor allem gesprochen werden. Lieder und Gesangseinlagen dürfen nur einen kleineren Teil des Auftritts einnehmen.“[13] Viertens gibt es für jeden Beitrag eine klare Zeitbegrenzung, die zu Beginn der Veranstaltung festgelegt wird. In der Regel liegt diese zwischen drei und sieben Minuten. Die Bewertung erfolgt fünftens durch ein Punktesystem.[14]

Eine Publikumsjury aus meist zehn Personen, die vom Moderator des Poetry Slams willkürlich bestimmt wird, vergibt nach dem Vortrag Punkte von 1 (schlechteste Note) bis 10 (Bestnote). Diese werden z.B. per Stimmtafeln hochgehalten. Von den zehn Jurynoten werden die jeweils beste und die schlechteste gestrichen und die übrigen acht Noten zusammengezählt.[15]

Der Teilnehmer, der am Ende der Veranstaltung die höchste Gesamtpunktzahl erreicht hat gewinnt den Slam und erhält einen symbolischen Preis.

Für einen geregelten Ablauf während der Veranstaltung sorgt ein sogenannter MC (Master of Ceremony).[16] Dieser moderiert die einzelnen Slam-Poeten an und führt das Publikum durch den Abend. Trotz der genannten Regeln, an die ein Poetry Slam gebunden ist, herrscht eine gewisse Offenheit.[17] So ist innerhalb eines Slams eine „hohe Bandbreite von Textformen und Themen möglich. Lyrik und kurze Erzähltexte, ernste und komische Themen, Selbstreflexion und Gesellschaftskritik bestimmen die Spanne der Möglichkeiten.“[18] Darüber hinaus gibt es keine weiteren Regeln. Aus diesem Grund besteht die prinzipiell Möglichkeit für jeden bei einem Poetry Slam aufzutreten.

2.1.2 Entstehung und Verbreitung

Im Jahr 1986 findet unter der Leitung von Marc Kelly Smith der erste offizielle Poetry Slam im Green Mill Jazz Club in Chicago statt. Bereits zwei Jahre zuvor beginnt Smith in der Chicagoer Get Me High Lounge sogenannte Poetry-Performances zu veranstalten. Hierbei wurden erstmals Texte aufgeführt, als nur gelesen.[19] Zusammen mit acht anderen Performern gründete er hier „das Chicago Poetry Ensamble, ein Performance-Poetry-Team, das später als Prototyp für alle Slam-Teams gelten wird.“[20] Smith verfolgte damit die Idee, mehr Leben und Lebendigkeit auf die Bühne zu bringen und eine Alternative zu den traditionellen Literaturlesungen zu entwickeln. Dabei sollten die Poeten versuchen, durch eine entsprechende Performance ihren Texten mehr Beachtung zu schenken und das Publikum in ihren Vortrag mit einzubeziehen.[21]

1986 folgt dann der Umzug in den Green Mill Jazz Club, in dem Smith eine wöchentlich stattfindende Poetry Show, bestehend aus drei Teilen, aufbaut.[22]

Den ersten Teil bildet ein Open Mic[23], im zweiten werden Gäste aus allen Teilen der USA vorgestellt und im dritten tritt das Chicago Poetry Ensemble auf. Da es jedoch zu mühsam wird, jede Woche ein neues team piece[24] einzustudieren, belegt Smith das Programm jede zweite Woche mit einer Art Dichterwettstreit.[25]

Schnell stellt sich aber heraus, dass die eigentliche Attraktion hierbei der Wettstreit zwischen den Performance-Poeten ist. Es zeigt sich, dass das Veranstaltungsformat, der Dichterwettkampf, eher durch Zufall entsteht.[26]

Seit 1986 „entwickelte sich weltweit eine Szene, die mit sehr ähnlichen Regeln und im gegenseitigen Austausch Slam Poetry in der Öffentlichkeit vorträgt“[27]. Bis Anfang 1993 verbreitete sich die Bewegung in 19 US-Bundesstaaten und Kanada, nach 1994 dann auch in Japan, Großbritannien, Dänemark, Schweden und in Israel.[28] Gleichzeitig entsteht im Frühjahr 1994 auch in Deutschland der erste regelmäßig stattfindende Slam.[29] „Der frühere Berliner Club ‘Ex’n Pop‘ und die Münchner Kneipe ‘Substanz‘ waren die ersten deutschen Clubs“[30], in denen Poetry Slams veranstaltet wurden. Bis heute hat sich, aufgrund der Popularisierung durch die Medien und Institutionen des Literaturbetriebs, der Poetry Slam international schnell verbreitet und weiterentwickelt. So kann man allein in Deutschland regelmäßig stattfindende, sowohl regionale als auch überregionale, Meisterschaften zählen. Der Poetry Slam hat sich in Deutschland zu einem eigenständigen und stabilen Veranstaltungsformat entwickelt und ist gleichzeitig „auch Ausgangspunkt für ähnliche Veranstaltungen, die dem Präsentieren von Texten und dem Austausch von Leseerfahrungen dienen“[31].

[...]


[1] Vgl. Ditschke, Stephan (2008): „Ich sei dichter, sagen sie.“ Selbstinszenierung beim Poetry Slam. In: Schriftsteller-Inszenierungen, hg. von Gunter E. Grimm und Christian Schäfer. Bielefeld, S. 169.

[2] Vgl. Preckwitz, Boris (2005): Spoken Word und Poetry Slam. Kleine Schriften zur Interaktionsästhetik. Wien, S. 31.

[3] Vgl. ebd., S. 30.

[4] Vgl. Bekes, Peter/Frederking, Volker (2009): Die Poetry-Slam-Expedition: Bas Böttcher. Ein Text-, Hör- und Filmbuch. Braunschweig, S. 89.

[5] Vgl. ebd., S. 4.

[6] Vgl. ebd., S. 91.

[7] Vgl. Preckwitz 2005, S. 31.

[8] Vgl. Anders, Petra (2014): Poetry Slam. Unterricht, Workshops, Texte und Medien. 3. Auflage, Baltmannsweiler, S. 10.

[9] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 89.

[10] Vgl. Anders, Petra (2007): Poetry Slam. Live-Poeten in Dichterschlachten. Ein Arbeitsbuch. Iserlohn, S. 12.

[11] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 4.

[12] Vgl. ebd., S. 4.

[13] Vgl. Ditschke 2008, S. 171.

[14] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 4.

[15] Vgl. Anders 2014, S. 7.

[16] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 4.

[17] Vgl. Ditschke 2008, S. 171.

[18] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 4.

[19] Vgl. Anders 2014, S. 13.

[20] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 106.

[21] Vgl. Anders 2007, S. 18.

[22] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 106.

[23] Der Begriff bezeichnet ein Veranstaltungsformat, das angehenden Slammerinnen und Slammern die Möglichkeit bietet, ihre Texte vorzutragen und so erste Bühnenerfahrungen zu sammeln (Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 101).

[24] Wenn mehrere Personen zusammen einen Text auf der Bühne performenn, dann bilden sie ein Slam-Team. Ihre aufgeführten Stücke werden team piece genannt (Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 104).

[25] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 106.

[26] Vgl. Anders 2014, S. 13.

[27] Vgl. ebd., S. 13.

[28] Vgl. Preckwitz 2005, S. 32.

[29] Vgl. Bekes/Frederking 2009, S. 108.

[30] Vgl. Anders 2014, S. 15.

[31] Vgl. ebd., S. 16.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668388260
ISBN (Buch)
9783668388277
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351932
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Poetry Slam Performance Kunst

Autor

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Titel: Poetry Slam. Eine Innovation in der Vortragskunst