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Die vom Krieg zerstörte Generation im Roman von Erich Maria Remarque "Im Westen nichts Neues"

Seminararbeit 2004 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung. Verlorene Generation

2. Bedeutung des Generationsbegriffs bei Remarque

3. Verlust der Jugend
3. 1 Betrogene Jugend
3. 2 Abbruch der Ausbildung

4. Der durch den Verlust der Jugend bedingte Zustand

5. Reaktionen auf den Zustand der Zerstörung
5. 1 Zukunftsorientierte Vorstellungen
5. 2 Flucht in die Geborgenheit

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung. Verlorene Generation.

Nicht der Krieg selbst, sondern eben das Problem der verlorenen Generation sei, so hat Remarque auch über den Romanprolog hinaus immer wieder in Interviews darauf betont, das Herzstück des Romans.

„Mein eigentliches Thema“, so äußerte er sich noch fast 35 Jahre später, „war ein rein menschliches Thema, dass man junge Menschen von 18 Jahren, die eigentlich dem Leben gegenübergestellt werden sollten, plötzlich dem Tode gegenüberstellt. Und was würde mit ihnen geschehen? Aus diesem Grunde habe ich auch „Im Westen nichts Neues“ eher als ein Nachkriegsbuch angesehen als ein Kriegsbuch. Ich wurde immer wieder gefragt: ‚Was wird aus uns werden? Wie werden wir nachher leben können, nachdem wir alles dieses mitgemacht haben, nachdem wir uns mit dem Tode haben auseinandersetzen müssen? Wie wird es sein, wenn man uns wieder in das Leben hineintut, und was wird mit uns geschehen?’ Und der Erfolg von „Im Westen nichts Neues“ war auch nach meiner Ansicht viel mehr der eines Nachkriegsbuches, eines Buches, in dem diese Frage eben gestellt wurde: ‚Was ist aus diesen Menschen geworden?’ Es wurde auch zum ersten Male gefragt: ‚Haben nicht Menschen einen Schaden davongetragen, dass sie im Krieg gewesen sind und alle ihre sogenannten sittlichen Gründe umschmeißen mussten?’ man hat ihnen gesagt: ‚Du darfst nicht töten.’ Aber man hat ihnen auch gesagt: ‚Du musst gut zielen, damit du triffst.’ Nachher wieder.“[1]

Genau die Fragen, die Remarque hier formuliert, werden auch im Roman von Bäumer und seinen Kameraden gestellt. Mit ihnen umkreist der Erzähler immer wieder die Gefühle und Gedanken, überhaupt die Befindlichkeit einer Generation, die um ihre Jugend betrogen, im Krieg seelisch zugrunde gerichtet und damit um ihre Zukunft gebracht wurde. Noch in den letzten Kapiteln des Romans klingen sie nach:

Was werden unsere Väter tun, wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und Rechenschaft fordern? Was erwarten sie von uns, wenn eine Zeit kommt, wo kein Krieg ist? Jahre hindurch war unsere Beschäftigung Töten – es war unser erster Beruf im Dasein. Unser Wissen vom Leben beschränkt sich auf den Tod. Was soll danach geschehen? Und was soll aus uns werden?[2]

Die Antwort darauf geben die Schlussworte des Buches:

Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können. Man wird uns auch nicht verstehen [. . .] Wir sind überflüssig für uns selbst, wir werden wachsen, einige werden sich anpassen, andere sich fügen, und viele werden ratlos sein; - die Jahre werden zerrinnen, und schließlich werden wir zugrunde gehen.[3]

Zum Verständnis des Romans ist es nun wichtig herauszuarbeiten, dass der behandelte Bedeutungsbereich zwar einzig von den vier Schülern einer Klasse getragen und aufgebaut wird, der Erzähler jedoch mit den Mitteln der Verallgemeinerung für die ganze Generation spricht.

Weiterhin versuche ich auf der inhaltlichen Ebene die einzelnen Elemente der inneren Zerstörung zu analysieren, insbesondere die als Gegenwelt zur Kriegsrealität idealisierte Welt der ‚Jugend’ .

Wesentlich für ein angemessenes Verstehen des Generationsthemas ist allerdings nicht nur die Erarbeitung von Inhalten, die Darstellung und Analyse von Mentalitäten und Konflikten, sondern auch die Frage, wie diese strukturell im zeitlichen Rahmen entwickelt werden. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass das Kriegsgeschehen auf der Gegenwartsebene vermittelt wird, indem die Generationsproblematik in den Rückblenden des Romans erläutert wird .

Während die Generationserfahrungen vor Ausbruch des Krieges sehr stark durch den persönlichen Werdegang und die zerstreuten Rückerinnerungen Bäumers geprägt sind, werden die Zukunftserfahrungen der Frontgruppe erzählerisch aus der Handlung des Romans entwickelt. Doch mit dem Auftauchen des schikanösen Lehrmeisters Himmelstoß an der Front wird die Frontgruppe erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Daraus ergibt sich ein kollektives Gespräch der Jugendlichen über ihre Zukunft. Aber es endet in Ratlosigkeit, sein Ergebnis ist für alle deprimierend. Der Krieg habe ihnen alles verdorben, ihnen die Zukunftsaussichten genommen:

Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz.[4]

2. Bedeutung des Generationsbegriffs bei Remarque

Der Krieg ist ein Zustand, den alle Mitglieder der Gruppe als „verdammter Lausekrieg“[5] ansehen, also innerlich ablehnen. Darüber hinaus empfinden sie ihn als einen massiven Eingriff in ihr Leben, dessen Kontinuität gewaltsam gestört ist: „Seit wir hier sind, ist unser früheres Leben abgeschnitten“, „Der Krieg hat uns weggeschwemmt“[6]. Er zerstört alle Perspektiven sinnvollen Handelns, so dass Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst ihr Denken bestimmt. Klagen wie „was soll aus uns werden“ durchziehen leitmotivisch den ganzen Roman.

Die im Motto angesprochene innere Zerstörung veranschaulicht Remarque an vier Schülern einer Klasse, also an ein paar Jungen Menschen von ca. 20 Jahren und von ähnlicher sozialer Herkunft. Dieser Umstand ist schön aktualisiert in dem langen Etappengespräch nach der Schanznacht. Als die drei Schüler Müller, Kropp und Bäumer allein sind, können sie ihre Klage formulieren: „Es ist das gemeinsame Schicksal unserer Generation. [. . .] Der Krieg hat uns für alles verdorben“[7]. Der Generationsbegriff wird hier in einem eingeschränkten Sinne verwendet, denn Tjaden und Westhus sind wohl genauso alt wie die Schüler, befinden sich aber als Arbeiter und Handwerker in einer anderen sozialen Stellung und kommen bei den Klagen der Schüler, vom Krieg zerstört zu sein, nicht zu Wort und sind auch nicht mitgemeint. Am Beispiele einer Gruppe der Oberschüler konkretisiert sich hier der Begriff der Generation.

Nur selten versucht der Erzähler, individuelle Äußerungen, Meinungen und Handlungen einzelner Schüler als charakteristisch für die Gesamtgruppe darzustellen, wie etwa den Wunsch Müllers, die Stiefel des sterbenden Kemmerichs zu erben. Im Allgemeinen nämlich redet Bäumer als der Sprecher der Gruppe in der Wir-Form, etwa wenn er auf die gemeinsame Prägung durch die Schule oder durch die militärische Ausbildung zu sprechen kommt. Auch weiterhin wird kaum die Verbundenheit der Schüler hervorgehoben. Selten treten sie als Gruppe in Erscheinung, vollständig nur beim Besuch des sterbenden Kemmerichs im Feldlazarett, häufiger in kleineren unvollständigen Gruppierungen.

Die Verallgemeinerung von Gleichaltrigen geschieht durch den Gebrauch des „wir“. So kommentiert Bäumer seine jugendlichen poetischen Versuche mit dem Satz: „wir haben ja fast alle so etwas Ähnliches gemacht“[8] oder er wechselt innerhalb der Reflexionen über die verlorene Jugend von der Ich-Form in die Wir-Form, deutet aber an keiner Stelle an, dass er mit dem „wir“ von gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen der im Roman auftretenden Schüler spricht. Indem er keine Namen nennt, macht er sich generalisierend zum Sprecher der Vorkriegsjugend überhaupt und einer vom Krieg zerstörten Generation. Charakteristische Merkmale dieser Jugend sind eine gute schulische Ausbildung, künstlerische Ambitionen und viel Freizeit zum Spielen in der Natur.

Am Schluss des Romans verwendet Remarque nun noch einmal den Begriff Generation:

Ich bin so jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod, die Angst und die Verkettung sinnlosester Oberflächlichkeit mit einem Abgrund des Leidens. Ich sehe, dass Völker gegeneinander getrieben werden und sich schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten. [. . .] Und mit mir sehen das alle Menschen meines Alters hier und drüben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt das meine Generation.[9]

Hier erfährt der Begriff ‚Generation’ eine Bedeutungserweiterung, indem nun allein die Zugehörigkeit zu einer Jahrgangsgruppe ohne Rücksicht auf soziale Herkunft oder Nationalität darunter verstanden wird. So fallen fast alle unter dem Krieg leidende Soldaten unter den Begriff und wird der Anschein erweckt, sie alle seien auch durch den Krieg innerlich vernichtet.

3. Verlust der Jugend

„Generation [. . .], die vom Krieg zerstört wurde“[10], „Der Krieg hat uns für alles verdorben“[11], „ich glaube, wir sind verloren“[12] – die markantesten Äußerungen des Romans, die eine durch den Krieg zerstörte Jugend vorführen.

[...]


[1] Schneider, S.121f.

[2] Remarque, S.260f („Im Westen nichts Neues“ wird zitiert nach der Ausgabe im Propyläen-Verlag 1929)

[3] Remarque, S.286f

[4] Remarque, S.91

[5] Remarque, S.81

[6] Remarque, S.25f

[7] Remarque, S.91

[8] Remarque, S.25

[9] Remarque, S.260

[10] Remarque, S.5

[11] Remarque, S.91

[12] Remarque, S.126

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638352352
ISBN (Buch)
9783638902069
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35265
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
gut
Schlagworte
Krieg Generation Roman Erich Maria Remarque Westen Neues Deutsche Literatur Zwischenkriegsjahre Ausland

Autor

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