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Männlichkeit, Identität und Gewalt im homosozialen Gefüge bei jungen Männern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 24 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschlecht und Männlichkeit
2.1 Hegemoniale Männlichkeit nach Connell
2.2 Sylka Scholz und alltägliche Männlichkeit

3 Gewalt und das homosoziale Gefüge

4 Adoleszenz und die Suche nach Identität

5 Schlussbetrachtung

Bibliografie

1 Einleitung

Tradierte Rollenbilder des Mannes sind in einem Prozess der letzten Jahre und Jahrzehnte durch Varianzen geschädigt worden und die ehemalige Vormachtstellung des männlichen Geschlechts wurde durch zahlreiche Emanzipationsbewegungen von Frauen gefährdet und geschwächt. Was ist noch Mannsein und was nicht, wo durch offenbare ich Schwächen, mache mich angreifbar oder wirke stark? Die Konsumgesellschaftüberlädt einen jungen Mann mit enormer Diversität von Männlichkeitsidealen: die Unterwäsche Models sind stets gut gebaut und haben kein Gramm Körperfett an sich, während Bildung doch unser höchstes Gut ist, bleibt da Zeit für das Fitnessstudio? Junge Frauen wollen, dass Man(n) mehr zuhört. Gleichzeitig gilt der ehemalige Fußballer David Beckham als Vorbild und größter Vertreter von Metrosexualität.

Was beim ersten Lesen wie ein Plädoyer für Frauenfeindlichkeit oder männlichen Chauvinismus anmuten könnte, ist das genaue Gegenteil. Der Wandel in den Geschlechterrollen, besonders die Stellung der Frau, waren und sind eine Notwendigkeit der heutigen Zeit und patriarchalische Mannesbilder sind längstüberholt, wenngleich noch existent. Ausdifferenzierungen und Modernisierungen der Gesellschaft führten bis dato zu komplexen Deutungswandlungen und Verschiebungen der Geschlechter, die Individuen, die sich ihres Geschlechts bewusst werden müssen, vor Probleme stellt. Während, salopp gesprochen, die Frau erstarkte und selbstbewusst sich ihrer Karriere widmet, befindet sich der junge Mann zunehmend in einem Unsicherheitsgefüge. Doch was ergibt sich aus dieser Grundannahme? Nicht selten, so lässt sich leider feststellen, liest man von Gewalt und Aggressionen junger Männer auf Schulhöfen, in U-Bahnen oder in abstrakten und komplett irrsinnig anmutenden Szenarien von regelrechten Kriegen und Kämpfen rivalisierender Fußball-Hooligans. Schon lange wird zwar gesellschaftlich anerkannt, dass die Jugend abweicht und durch delinquentes Verhalten Erfahrungen sammelt, die Bestandteile der Identitätsfindung sind. Doch es entsteht der Eindruck, dass während früher das Pausenbrot entwendet wurde, heute lieber zugeschlagen wird. Wenn ein Jugendlicher weder in der Familie oder durch enge persönliche Beziehungen ein Wissen und Selbstverständnisüber sich erlangen kann, erscheint oft Gewalt als absicherndes Mittel, um sich seiner Identität zu versichern. In Extremfällen artikulieren sich solche Unsicherheiten in Amokläufe und eine Faszination für Waffen.

Die Statistik lehrt uns, dass Jungen und Männer häufiger als Frauen in Gewaltprozesse eingebunden sind, sowohl als Täter als auch als Opfer. Geschlechter- und Kriminalforschung decken breite Felder bezüglich Gewalthandeln ab, ebenfalls macht es sich die Jugendpsychologie und –soziologie teils zur Aufgabe, Ursachen, Formen und Folgen von Gewalthandeln nachzugehen. Das Paradebeispiel männlicher Gewalt ist sicher die gegen Frauen, dem entsprechend dicht ist hier das Forschungsfeld besiedelt. Eine Nische, die zu wenig beleuchtet erscheint, ist die Gewalt von Männern gegen Männer. Die Kriminalforschung konzentriert sich zwar darauf, problematischer Weise entfällt dabei jedoch oft die geschlechtliche Dimension.

Diese Arbeit zielt darauf ab, tiefer in die Materie von Gewalthandeln im Kontext von Geschlecht, Männlichkeit und Adoleszenz einzutauchen. Aufgrund der Fülle an Möglichkeiten, die dieses Feld bietet, wird die Konzentration auf homosoziales Gewalthandeln liegen, dazu dient ferner auch die Beschränkung auf Jugend. Darüber hinaus erscheint es rahmensprengend, direkt auf Empirie einzugehen, es ist vielmehr das Anliegen dieser Arbeit, aufgrund der Entwicklungen in den letzten 20-30 Jahren in Bezug auf das Geschlecht und Männlichkeit einen Einblick in die Forschungsmaterie zu erlangen. Durch gewaltige Veränderungen zwischen den Geschlechtern erscheint der junge Mann dahingehend betroffen zu sein, dass Prozesse der Indentitätssuche und Individualisierung problematischer geworden sind und Gewalthandeln speziell als Resultat erscheinen könnte.

Inhaltlich liegt der Fokus auf theoretischer Basis, neben grundlegend wichtigen Einführungen in Begrifflichkeiten der Männlichkeit, Geschlecht und Adoleszenz geht es ferner um das Prinzip der hegemonialen Männlichkeit von Connell, Ausführungen von Meuser und Scholz in Bezug auf homosoziales Gewalthandeln. Zudem soll auf eine Verknüpfung mit Identität eingegangen und die Frage gestellt werden, ob Gewalt mehr als eine Laune Jugendlicher oder nur ein Zifferngebilde polizeilicher Hellfeldstudien ist.

2 Geschlecht und Männlichkeit

Die Geschlechterforschung in der Soziologie, aber auch in Psychologie und Pädagogik lässt sich grundlegend in zwei wissenschaftliche Stränge differenzieren, die zuweilen als konkurrierend begriffen werden: der differenztheoretische und der konstruktivistische Ansatz, wie Ulrike Popp (2002) in ihrem Werk zu Geschlechtersozialisation und schulischer Gewalt beschreibt.

Unterschiede, deren Ursachen und Wirkungen zwischen den Geschlechtern stellen den Fokus der Differenztheorie dar und beschreiben, ganz allgemein, Verhalten, Einstellungen, Entwicklungsphasen, aber auch Probleme, die sich als typisch für das jeweilige Geschlecht charakterisieren lassen. Zum Beispiel finden sich Mädchen viel seltener als Jungen in Gewalthandlungen integriert, da sie eher dazu in der Lage sind, sich aus Gewaltkonflikten herauszuhalten, als Jungs, die bei selbiger Verhaltensweise den Status eines Feiglings inne haben würden (Popp 2002, S. 279). Es ist zuweilen eine strikte Perspektive, die in differenztheoretischen Ansätzen eingenommen wird und daraus resultiert ein hohes Maß an Erkenntnisgewinn. Gleichzeitig führt dies zwangsläufig aber auch zu Missständen. Nur ein Beispiel sei an dieser Stelle angeführt: bei all den vielfältigen Differenzen zwischen den Geschlechtern gibt es parallel auch hohe Varianzen innerhalb des Geschlechts. Ulrike Popp beschreibt Mädchen, die sich klar von körperlicher Gewalt abgrenzen; gleichzeitig berichtet sie aber auch von jenen, die körperliche Auseinandersetzungen als legitimes Mittel in bestimmten Settings ansehen (Popp 2002, S. 186).

Die konstruktivistisch geprägten Theorien positionieren sich gegen ebendiese Geschlechterrollen und betrachten geschlechtsabhängige Sozialisation kritisch. Ihr Hauptfokus liegt vielmehr auf Praktiken, die Geschlechtszugehörigkeit produzieren und sozial aufrechterhalten – soziale Ordnungen werden praktisch in Interaktionen kollektiv konstruiert; nach Goffman also die Grundlage eines zentralen Musters oder Codes, auf dem soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufbauen (Goffman 1994). Eine konstruktivistische Forschungsperspektive untersucht, wie Geschlecht in Interaktionen hergestellt und benutzt wird und Verhaltensdifferenzen spielen weniger eine Rolle, wenngleich solche Differenzen dabei beobachtbar sind. Interaktionen lassen sich im Grunde als inkonstant betrachten. Damit zusammenhängend kann es nicht nur eine Form von Maskulinität geben: Jon Swain spricht von diversen Maskulinitäten, schließlich sei sie „a precarious and ongoing performance“ und eine kollektive soziale Erfahrung (Swain 2003, S. 306) – Maskulinität ist ein sozialer Prozess. Simpel gesprochen: ein junger Mann verhält sich in der Kneipe bei Freunden, in einem homosozialen Umfeld, anders, als zu Hause bei seiner Partnerin. Verschiedene Ausprägungen von Maskulinität sind situativ und kontextabhängig. Derart Identitäten und Konstruktionen sind stets differenziert zu betrachten, da sie flexibel und möglicherweise sogar konträr zueinander geprägt sind.

Geschlecht, als Kategorie und ordnungsstiftende Dimension, ist nach wie vor als eine der großen Klassifizierungen anzusehen und hat unmittelbaren Einfluss auf sozialstrukturelle Belange. Daran gekoppelt sind fundamentale soziale Partizipationschancen und daraus resultiert, dass Verschiebungen in der Ordnung der Geschlechter auch eine gesellschaftliche Strukturbeeinflussung nach sich zieht. Der Theoriebereich der reflexiven Modernisierung charakterisiert westliche postindustrielle Gesellschaftstypen am Ende des 20., bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts als die Moderne, die mit ihren eigenen, lang tradierten Prinzipien konfrontiert wird (vgl. Beck 1986, Giddens 1991). So sind auftretende Folgen der Modernisierung „more radicalized and universalized than before“ (Giddens 1991, S. 3): Traditionen, Bräuche und tradierte Sicherheitsprinzipien lösen sich langsam auf und bekannte Normen und Habitualisierungen geraten möglicherweise ins Abseits. Im Ergebnis offenbaren sich eklatante Einflüsse auf die soziale Ordnung.

Aktuelle Geschlechtsdebatten beinhalten nicht selten die Beschreibung einer männlichen Krise (beispielsweise Brunotte/Herrn 2008). Hollstein bilanzierte zwanzig Jahre zuvor: „mit der Erfindung der Technik hat sich der Mann sukzessive selbst entmännlicht. Er hat Kraft, Stärke, Persönlichkeit, Autorität, Unverwechselbarkeit und Pioniergeist an immer effizientere Geräte und Instrumente delegiert“ (Hollstein 1988, S. 25). Hollsteins Aussage kommt einem Leitsatz von Entmännlichung gleich, die zwar nicht gewollt, aber unaufhaltbar scheint. Parallel dazu traten und treten Änderungen in Bereichen der Partizipation und Perzeption von Frauen auf, die bekannte Geschlechterordnungen ins Rütteln bringen und unmittelbaren Einfluss auf Selbstreflektion und Rollen des Mannes haben. Der Mann verliert, deutet neu und sucht Identitäten. Das Problematische an der Verwendung des Krisenbegriffs ist die Suggestion, dass die Männlichkeit eine Konstante darstellt, die zur jeweiligen Zeit Instabilität aufweist. Martschukat/Stieglitz 2005 und Krämer/Stieglitz 2011 positionieren sich klar gegen den Begriff der Krise zur Positionierung von Männlichkeit in aktueller oder historischer Lage. Man könne höchstens „von einer vermehrten Bewegung innerhalb der Geschlechterkonfiguration und des Normsystems reden, wodurch die performativ erzeugte (und damit immer unsichere) Stabilität des Systems erschüttert wird“ (Martschukat/Stieglitz 2005, S. 84). Positionierungen für und gegen die Krisendebatte lassen sich in Vielzahl in aktueller und vergangener Literatur finden. Die kurzen Ausführungen sollen an dieser Stelle jedoch genügen, um den Rahmen zu wahren und Argumente dafür zu liefern, dass Männlichkeit in stetigem Wandel bedingt durch Diskontinuitäten in den Geschlechterverhältnissen steht.

Folgt man der oben geführten, freilich grob gefassten, Kategorisierung bezüglich der Theoriestränge in der Geschlechterforschung, so wird der folgende Fokus auf nur einem Ansatz liegen. Im Rahmen der konstruktivistischen Wissenschaftslogik erscheint vor allem ein Konstrukt für diese Arbeit relevant: die Hegemoniale Männlichkeit. Historische Untersuchungen zur sozialen Einbettung des Geschlechts behandelten stets auch den männlichen Habitus, Dominanzverhältnisse und Abgrenzungen seitens des Mannes gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Männlichkeit besitzt mitunter eine doppelte Distinktionsstruktur in Bezug auf Dominanz. Zum einen kann Männlichkeit nur in Bezug auf ein Gegenstück, Weiblichkeit (und vice versa), definiert werden und auf der anderen Seite finden Selbstdefinition und Identitätsmechanismen eines Individuums auch in Reflexion und Unterscheidung mit anderen Mitgliedern des gleichen Geschlechts statt.

2.1 Hegemoniale Männlichkeit nach Connell

Diesen Sachverhalt diskutiert Raewyn Connell mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Connell 1987), welches in der Tradition Antonio Gramscis ihren Ursprung findet. Gramsci bezieht den Hegemoniebegriff auf Klassenverhältnisse und die Partizipation der Beherrschten an den hegemonialen Strukturen (vgl. Gramsci 1996, S. 1566). Demnach entsteht Hegemonie, wenn es einer Gruppe gelingt, dass Andere ihre Interessenübernehmen und sie als ihre eigenen anerkennen bzw. ihre Dominanz legitim anerkennen. Connell argumentiert, dass die Geschlechterordnung durch eben die hegemoniale Männlichkeit bestimmt wird und er benennt sie als eine „Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet“ (Connell 1999, S. 98). Ferner arbeitet Connell mit den Begrifflichkeiten der Marginalisierung, Komplizenschaft, Unterordnung und Hegemonie. Die Verwendung von Marginalisierung bezieht sich auf die Verortung farbiger Männer im Zusammenspiel mit Rasse und sozialer Klasse; Komplizenschaft umschließt prinzipiell alle Männer, die aufgrund der Geschlechterordnung von dem vorherrschenden Männlichkeitsmuster Nutzen ziehen und die Struktur gleichzeitig mitfestigen; die Relation zu Frauen und homosexuellen Männern fungiert als Unterordnungsprinzip. Als hegemonial deutet Connell ein bestimmtes Muster von Maskulinität, welches einen Anspruch auf Autorität geltend macht, als ebendieses anerkannt wird und eine Leitbildfunktion inne hält, die verschiedene Formen der Subjektivität und Identität beeinflusst (vgl. Connell, S. 99ff). Sinn der Relationen ist es, dass das jeweilige, vorherrschende hegemoniale Männlichkeitsbild zwar nur von einer kleinen Gruppe des männlichen Geschlechts inhäriert werden kann, jene Mitglieder des Geschlechts, die dies gegenwärtig nicht tun, allerdings davon profitieren, was durch die Unterordnungsebene einerseits und Connells Verständnis von Komplizenschaft andererseits bekräftigt wird. Eine direkte Definition zur realen Ausformung der hegemonialen Männlichkeit liefert Connell nicht, vielmehr meint er ein jenes Männlichkeitsbild, dass im jeweiligen historischen Kontext den Anspruch auf Autorität geltend macht und dabei Akzeptanz findet. Es ist eine Doppelstruktur, die Dominanzen sowohl auf das weibliche Geschlecht, als auch auf andere Mitglieder des männlichen Geschlechts ausübt.

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Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668394698
ISBN (Buch)
9783668394704
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352664
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Sexualität Männer Identität Gewalt Männlichkeit

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