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Informelle Tests als Verfahren zur Leistungsmessung in der Schule

Ausarbeitung 2016 18 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pädagogische Diagnostik – Schulleistungsdiagnostik
2.1 Leistungsmessung und -beurteilung
2.2 Verfahren der Schulleistungsdiagnostik
2.2.1 Test: Begriffsbestimmung, Einsatz und Funktion
2.2.2 Schulleistungstests

3. Informelle Tests
3.1 Einordnung und Definition
3.2 Voraussetzungen und Kriterien
3.3 Testkonstruktion und -auswertung

4. Fazit: Möglichkeiten und Grenzen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Vergabe von Ziffernzensuren auf einer sechsstufigen Skala bestimmt seit Beginn des 19. Jahrhunderts unser Schulsystem, indem ein Maßstab vorgegeben wird, nach dem die Schüler einer Klasse hinsichtlich eines Leistungsprodukts bewertet werden. Dieser auf Selektion gerichtete Blick lässt jedoch weder Raum für individuelle Bewertungen der Schüler oder für Rückmeldungen über ihren Stand im Lernprozess und ihren Lernweg, noch werden Lernperspektiven und Förderungsmöglichkeiten für Schüler aufgezeigt. Spätestens seit den Ergebnissen nationaler und internationaler Vergleichsstudien wie PISA, IGLU oder TIMMS ist „Leistung“, „Leistungsmessung“ und „Leistungsbeurteilung“ somit verstärkt in den Fokus der Bildungspolitik gerückt. So wird von der Kultusministerkonferenz mit „Diagnostizieren und Beurteilen“ ein elementares Aufgabenfeld einer Lehrkraft neben dem Unterrichten, Erziehen, Beraten und Innovieren benannt: „Lehrerinnen und Lehrer diagnostizieren Lernvoraussetzungen und Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern, sie fördern Schülerinnen und Schüler gezielt und beraten Lernende und deren Eltern“ (KMK 2004, 11).

Pädagogische Diagnostik gehört somit zum Kern des schulischen Alltags sowie, neben vielen anderen Tätigkeiten, zur professionellen Arbeit von Lehrern[1] – allerdings ist diese Aufgabe von besonderer Bedeutung, weil das auf den einzelnen Schüler[2] ausgerichtete pädagogische Handeln lernbegleitend analysiert, begründet und optimiert wird. Nach Weinert ist die diagnostische Kompetenz neben der Klassenführungskompetenz, didaktisch-methodischen und fachwissenschaftlichen Kompetenz deshalb eine Schlüsselqualifikation und gleichzeitig unabdingbare Voraussetzung für einen schulischen Unterricht, der auf eine Passung des Lernangebotes bzw. der Lernziele mit den heterogenen Lernausgangslagen der Schüler ausgerichtet ist. Demnach bedarf es geeigneter diagnostischer Methoden, um fortlaufend sowohl Lern- und Leistungsfortschritte sowie Lernschwierigkeiten der Schüler registrieren, einschätzen und interpretieren zu können als auch der Lehrkraft Rückmeldungen über die Qualität und Passung ihrer angewendeten Lernverfahren, der gestellten Anforderungen und didaktisch-inhaltlicher Entscheidungen zu geben.

Im Rahmen dieser Ausarbeitung soll mit „Informellen Tests“ daher ein Verfahren der Pädagogischen Diagnostik zur Leistungsmessung in den Blick genommen werden, das den Anspruch besitzt, eine Alternative zur herkömmlichen Leistungsbeurteilung durch Ziffernzensuren zu bieten. Dazu wird zunächst ein Einblick in die Pädagogische Diagnostik bzw. Schulleistungsdiagnostik gegeben und sich diagnostischen Testmethoden genähert, um im Anschluss „Informelle Tests“ von ihrer Einordnung über die Konstruktion bis hin zur Auswertung darzustellen sowie Möglichkeiten und Grenzen dieser Testmethode zu resümieren.

2. Pädagogische Diagnostik – Schulleistungsdiagnostik

2.1 Leistungsmessung und -beurteilung

Im Fokus der vorliegenden Ausarbeitung steht die „Schulleistungsdiagnostik“ als spezielles Aufgabengebiet der Pädagogischen Diagnostik und „steht als solche im Dienste unterrichtlicher und erzieherischer Ziele. Sie und kann und will nie Selbstzweck sein“ (Heller 1974, 122), sondern interessiert sich für die Veränderung einer (unterrichtlichen) Situation, im Sinne einer Passung der Lernvoraussetzungen der Schüler und den curricularen Anforderungen. Pädagogische Diagnose findet daher stets handlungsbegleitend zur Unterrichtsgestaltung statt, indem der einzelne Schüler mit seinen Fähigkeiten, Einstellungen, Kompetenzen, Emotionen und Motivationen genau betrachtet wird, um mit Hilfe von prozessbegleitenden Diagnosestrategien Fördermöglichkeiten ableiten und den Unterricht an die Lernausgangslagen der Schüler anpassen zu können (vgl. Horstkemper 2006, 5 ff.). Im Fokus steht, dass „Voraussetzungen und Bedingungen planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernprozesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um individuelles Lernen zu optimieren“ (Ingenkamp / Lissmann 2008, 13).

Von grundlegender Bedeutung ist zunächst die Unterscheidung zwischen „Leistungsmessung“ und „Leistungsbeurteilung“, die zwar als Einheit der Pädagogischen Diagnostik unterstellt werden können, inhaltlich jedoch in jedem Fall voneinander abgegrenzt werden müssen. Im Prozess der Leistungsmessung – synonym „Lernzielkontrolle“ oder „Lernerfolgskontrolle“ – geht es primär darum, durchgenommene Lerninhalte und festgelegte Lernziele zu überprüfen, „um den Lernenden sachorientiert und gründlich über seine Lernleistungen in regelmäßigen, relativ engen zeitlichen Abständen zu informieren“ (Jürgens 2005b, 46). Die diagnostische Erhebung bildet somit die Grundlage, um auf der Metaebene erfolgte Lern- und Leistungsprozesse sowie gewählte Lernstrategien zu reflektieren und dem Schüler ein individuelles Feedback zu ermöglichen.

Leistungsbeurteilung ist diesem Erhebungs- und Auswertungsprozess zeitlich nachgeordnet. Damit die ermittelten Daten bzw. Leistungswerte keine abstrakten Größen bleiben, mit denen der Schüler nichts anfangen kann, werden sie in diesem Prozess mit inhaltlicher Bedeutung versehen, indem für die Interpretation ein Vergleichsmaßstab herangezogen wird.

Grundlegend werden drei Beurteilungsmaßstäbe voneinander unterschieden:

- der intraindividuelle Maßstab bzw. das individuelle Bezugssystem
- der interindividuelle Maßstab bzw. das soziale Bezugssystem
- der kriteriumsorientierte Maßstab bzw. das sachliche Bezugssystem

Zum einen kann die Leistung eines Schülers mit seiner anfänglichen Leistung verglichen und somit der individuelle Lernfortschritt über einen bestimmten Zeitraum hinweg beurteilt werden, sodass sich die Bezugsgröße innerhalb der Person befindet. Der Vorteil dieses individuellen Bezugssystems liegt in der Möglichkeit, individuelle Lern- und Leistungsprofile entwickeln und darauf aufbauend das didaktische Handeln spezifisch anpassen zu können. Die häufigste Art der Leistungsbeurteilung erfolgt durch den Bezug zu Größen, die außerhalb der Person liegen, z. B. der Vergleich der individuellen Schülerleistung mit der Lerngruppe insgesamt. Das soziale Bezugssystem weist jedoch erhebliche Schwachstellen auf, die bereits früh erkannt wurden. So greift die Lehrkraft hier überwiegend auf ein klasseninternes Bezugssystem zurück, d. h. der Leistungsvergleich findet nur innerhalb einer Schulklasse statt, jedoch nicht im Vergleich mit Schülern aus anderen Schulklassen bzw. von anderen Schulen, was dazu führt, dass die gleiche Leistung eines Schülers als „gut“ oder „mangelhaft“ beurteilt wird, je nachdem ob er sich in einer leistungsstarken oder -schwachen Klasse befindet. Zum anderen kann das sachliche Bezugssystem als Vergleichsgrundlage dienen, wobei der Vergleich zwischen der Schülerleistung und einem von der Lehrkraft vorgegebenen Kriterium – meist mit dem angestrebten Lernziel – angestellt wird. Dieses Vorgehen wird auch als „Lernerfolgsmessung“ bezeichnet, weil überprüft wird, inwieweit der Schüler das angestrebte Lernziel und somit den Leistungsstandard erreicht oder nicht erreicht hat und analog dazu, ob der Lehr-Lern-Prozess sowohl pädagogisch als auch didaktisch wirksam war (vgl. Jürgens 2005a, 46; vgl. Rheinberg 2001, 59 ff.)

Ob unbewusst oder bewusst, Normen werden bei jeder Beurteilung von Leistungen angewandt, wobei die Bezugsnormen im schulischen Alltag meistens miteinander verknüpft werden. Erfahrungsgemäß zeigt sich in deutschen Schulen aufgrund von Zentralisierung und Standardisierung am häufigsten eine Mischung aus sozialer und sachlicher Bezugsnorm, was sich jedoch hinsichtlich der Bereitstellung individueller Lerngelegenheiten und Fördermöglichkeiten als hinderlich erweist. In diesem Zusammenhang muss die individuelle Bezugsnorm als sehr vielversprechend erachtet werden, weil die Lehrkraft den individuellen Lernfortschritt verbalisiert und dem Lernenden entsprechende Rückmeldungen gibt, die mit dem alleinigen Hinweis auf erreichte oder nicht erreichte Lernziele nicht zu erzielen sind. Geht es jedoch um Notengebung, Platzierungs- oder Selektionsentscheidungen, sollte nicht die individuelle, sondern die sachliche Bezugsnorm zu Grunde gelegt werden.

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird nachfolgend ausschließlich die männliche Form verwendet, die die weibliche Form stets miteinschließt.

[2] vgl. 1

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668389069
ISBN (Buch)
9783668389076
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352698
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Informelle Tests Leistungsmessung Schule

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Titel: Informelle Tests als Verfahren zur Leistungsmessung in der Schule