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Fremdenfeindlichkeit und Hass. Von Haus aus fremdenfeindlich?

Inwiefern wirkt sich die Sozialisation im Elternhaus auf die Entwicklung fremdenfeindlicher Einstellungen der Kinder während der Adoleszenz aus?

von Neema Li (Autor)

Hausarbeit 2016 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.2. Latente Sozialisation fremdenfeindlicher Einstellungen

3. Empirische Studien
3.1 Direkte Transmission, Autoritarismus und Desintegration 9
3.2 Transmissions- und Projektionsprozesse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fremdenfeindlichkeit ist in Zeiten, in denen sich die AFD immer mehr Mitgliederzuwaches erfreut (vgl. Neuerer, 2014) und die fremdenfeindlich motivierten Gewalttaten in der Gesellschaft massiv ansteigen (vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz, 2016) ein viel diskutiertes Thema. Fremdenfeindlichkeit bezieht sich auf negative Einstellungen, und somit negativeüberzeugungen und Bewertungen, die sich gegen Menschen richten, die nicht der eigenen Gruppe angehören (vgl. Kleinert, 2004, S. 91). Fremdenfeindliche Einstellungen zählen zu den Kernthemen der politischen Sozialisation (vgl. Grob, 2005, S.33). Nach Erikson (1973) gilt die Entwicklung von politischen Einstellungen vor allem während der Jugendphase, der Adoleszenz, als wichtige Entwicklungsaufgabe. Als Ergebnis des Entwicklungsprozesses soll sich der Jugendliche hin zu einem mündigen Bürger entwickelt haben, welcher zu einem toleranten Umgang mit fremden Ideen, Gruppen und Einstellungen in der Lage ist (vgl. Gniewosz & Noack, 2006, S. 33). Im europäischen Vergleich zeigen sich deutsche Jugendliche jedoch besonders intolerant gegenüber fremden Gruppen (vgl. Torney-Purta, Lehmann, Oswald & Schulz, 2001, zitiert nach Gniewosz & Noack, 2006, S. 33).

In der politischen Sozialisationsforschung spielen verschiedene Sozialisationsinstanzen eine Rolle. In der frühen Kindheit wird vor allem der Familie als primärer Sozialisationsinstanz besondere Bedeutung bei der Formung grundlegender politischer Dispositionen und Werte beigemessen. Im weiteren Lebensverlauf gewinnen vermehrt auch andere Sozialisationsinstanzen wie Peers, Schule und Medien neben der Familie an Einfluss. Die Jugendlichen sind mit fortschreitendem Alter zunehmend in der Lage, sich mit politischen Sachverhalten auseinanderzusetzen und eigene Positionen zu entwickeln. Die signifikante Offenheit für verschiedenartige Einflüsse während der Adoleszenz in Kombination mit der währenddessen ablaufende Identitätsformation bietet die optimale Voraussetzung für eine dauerhafte Prägung (vgl. Rippl, Seipel & Kindervater, 2015, S. 71 f.).

Dies lässt deutlich werden, dass Präventionsmaßnahmen zur Verringerung von fremdenfeindlichen Einstellungen bereits im Kindes- und Jugendalter einsetzten müssen, wenn man einem verschärften Intergruppenkonflikt langfristig vorbeugen will. Um Präventionsmaßnahmen wirksam auszurichten zu können, müssen die konkreten Entstehungsmechanismen fremdenfeindlicher Einstellungen bekannt sein und darin Berücksichtigung finden (vgl. Raabe & Beelmann, 2009, S. 132). Deshalb soll im Rahmen dieser Hausarbeit mit dem Titel Von Haus aus fremdenfeindlich? – Inwiefern wirkt sich die Sozialisation im Elternhaus auf die Entwicklung fremdenfeindlicher Einstellungen auf die Kinder während der Adoleszenz aus? die verschiedenen Faktoren der Entstehung fremdenfeindlicher Einstellungen von Jugendlichen im Elternhaus aufgedeckt werden.

Im zweiten Abschnitt der Hausarbeit wird zunächst der theoretische Hintergrund erläutert. Es wird zwischen latenter und manifester Sozialisation unterschieden und genauer auf die theoretischen Ansätze der direkten Transmission, des Autoritarismus und der Desintegration eingegangen. Im dritten Abschnitt werden zwei empirische Studien von Rippl (2004) und Gniewosz & Noack (2008) vorgestellt, um die theoretischen Ansätze auf ihre Erklärungskraft hin bewerten zu können. Abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst und kritisch reflektiert.

2. Theoretischer Hintergrund

Unter Sozialisation im Allgemeinen wird ein komplexer Prozess der Interaktion zwischen Individuum und Umwelt verstanden,über welchen sich dessen persönliche und soziale Identität entwickelt (vgl. Rippl et al., 2015, S. 69). Der Teilbereich der politischen Sozialisation, wozu auch die Entstehung fremdenfeindlicher Einstellungen zählt (vgl. Grob, 2005, S. 33), wird beschrieben als der Erwerb politischer Orientierungen, Werte, Normen und Handlungsweisen in Interaktion mit der sozialen Umwelt (vgl. Preiser, 2008, S. 875). Obwohl politische Sozialisationsprozesse sich auf die gesamte Lebensspanne beziehen, konzentriert sich die Sozialisationsforschung meist auf die Kindheit und Jugend (vgl. Rippl et al., 2015, S. 69). Primäre Sozialisationsprozesse finden während der frühen Kindheit hauptsächlich in der Familie statt (vgl. ebd., S. 72). Die Kinderübernehmen die moralischen Einstellungen und Werte ihrer Eltern aufgrund ihrer noch begrenzten kognitiven Fähigkeiten sowie der hohen affektiven Bindung und Identifikation mit ihren Eltern noch unreflektiert (vgl. Raabe & Beelmann, 2009, S. 117 ff.). Im Verlauf der Adoleszenz gewinnen neben der Familie weitere Sozialisationsinstanzen wie Peers, Schule und Medien, an Bedeutung (vgl. Noack & Gniewosz, 2009, S. 141 ff.). Trotz des Funktionsverlusts der Familie im Jugendalter zugunsten der Peers bleibt der Familie ihr Sonderstatus als wichtigste Größe im Prozess der Sozialisation jedoch erhalten (vgl. Grob, 2009, S. 337). So wurde in mehreren Studien aufgezeigt, dass die Eltern immer noch die wichtigsten Orientierungspersonen für deutsche Jugendliche sind (vgl. Urban & Singelmann, 1998, S. 278). Die Adoleszenz gilt als besonders bedeutende Phase für die Entwicklung der politischen Identität (vgl. Erikson, 1973, zitiert nach Gniewosz & Noack, 2008, S. 280). Denn aufgrund der fortschreitenden kognitiven wie auch sozial-kognitiven Entwicklung sind die Jugendlichen in der Lage, deutlich abstrakter, komplexer und hypothetischer als noch während der Kindheitüber sich und ihre Umwelt nachzudenken. Ihnen ist es nun möglich, sich mit politischen Sachverhalten auseinanderzusetzten, um ihre eigenen Positionen zu entwickeln (vgl. Noack & Gniewosz, 2009, S. 138 f.). Während der Adoleszenz, in der Phase der (politischen) Identitätsformation besteht eine gewisse Offenheit für verschiedenste Einflüsse, was eine dauerhafte Prägung zu dieser Zeit in besonderem Maße begünstigt (vgl. Rippl et al., 2015, S. 71 f.).

Das Zustandekommen derübereinstimmung von Eltern und Kindern in Bezug auf die politischen Einstellungen wird häufig durch das Wirken von Transmissionsprozessen in der Familie erklärt. Werden andere Erklärungen außer Acht gelassen, wie beispielsweise einen geteilten sozialen Hintergrund oder Kontextfaktoren, welche auf Eltern und Kinder gleichzeitig wirken sowie genetische Einflüsse, so gibt es zwei Wirkprozesse,über die Eltern als Sozialisationsinstanz auf ihre Kinder Einfluss nehmen (vgl. Gniewosz & Noack, 2008, S. 280). Zum einen die manifeste Sozialisation, worunter die direkte Transmission von politischen Einstellungen der Eltern auf ihre Kinder verstanden wird, zum anderen die latente Sozialisation, welche die indirekte Wirkung der politischen Einstellungen der Eltern auf die Entwicklung der politischen Persönlichkeit der Jugendlichen umfasst (vgl. Schmid, 2008, S. 575 ff.).

2.1 Manifeste Sozialisation fremdenfeindlicher Einstellungen

Die manifesten Sozialisationsprozesse beschreiben die Wirkzusammenhänge zwischen dem politischen Familienmilieu und der politischen Persönlichkeit der Jugendlichen, welche schon in der frühen Kindheit beginnen (vgl. Geißler, 1996, S. 56 ff.). Durch die bewusste Auseinandersetzung mit politischen Themen in Gesprächen oder durch Medieneinflüsse gewinnen sie jedoch erst im weiteren Lebensverlauf, besonders der Adoleszenz, zunehmend an Bedeutung (vgl. Becker & Mays, 2003, S. 22).

Der zugrundeliegende Prozess wird durch das Modelllernen, basierend auf der sozial – kognitiven Lerntheorie nach Bandura (1979) beschrieben. Demnach wird davon ausgegangen, dass Eltern Modelle für ihre Kinder darstellen, welche diese imitieren.über die Beobachtung von expliziten politischen Einstellungen, Meinungsäußerungen und Handlungen werden die politischen Einstellungen der Eltern von deren Kindern wahrgenommen und gegebenenfallsübernommen (vgl. Gniewosz & Noack, 2008, S. 281). Der innerfamilialen Kommunikation kommt dabei eine bedeutende Rolle zu (vgl. Oepke, 2008, S. 303 ff.). Je häufiger politische Gespräche in der Familie stattfinden, desto eher wird den Kindern eine Vorstellung der elterlichen politischen Präferenzen vermittelt. Je offensichtlicher diese Präferenzen und Einstellungen sind und je stärker die Eltern in diesenübereinstimmen, desto besser können sie von den Kindern wahrgenommen und gelernt werden (vgl. Wasmund, 1982, S. 35 ff.).

Gniewosz & Noack (2008) unterscheiden hierbei sogenannte Projektions- und Transmissionsanteile. So vollzieht sich die Transmissionüber die akkurate, also möglichst exakte Wahrnehmung der Werte und der darauffolgenden Annahme oder Ablehnung dieser (vgl. Gniewosz & Noack, 2008, S. 181; Westholm, 1999, S. 527 f.).über die Beobachtung sowie die Interaktion mit den Eltern leitet sich der Jugendliche ein eigenes Bild von den Einstellungen der Eltern ab (vgl. Westholm, 1999, S. 525). Die Wahrnehmung der elterlichen Werte (Perzeption) fällt jedoch besonders im Jugendalter weitestgehend inakkurat aus, da bei Unsicherheitüber die Einstellungen der Eltern eine „egozentrierte Heuristik“ (Gniewosz & Noack, 2008, S. 181) angewendet wird,über welche die Jugendlichen ihre eigenen Einstellungen auf die Wertevorstellung der Eltern projizieren (Projektion).

Abbildung 1: Perzeptions-/ Projektionsmodell nach Westholm (1999, S. 258); Gniewosz & Noack (2008, S. 282)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die direkte Transmission vollzieht sich im Allgemeinen durch dieübertragung der Einstellungen der Eltern auf ihre Kinder. Wie im Modell dargestellt ist, findet dieserübertragung jedoch auf indirektem Wege, mediiert durch das Bild, welches die Jugendlichen von ihren Eltern haben, statt. Diese indirekteübertragung der elterlichen Einstellungen auf ihre Kinder besteht demnach aus einer Kombination zweier kausaler Zusammenhänge: Zum einen die Perzeption als Wahrnehmung der tatsächlichen Einstellungen der Eltern auf das Bild der Einstellungen der Jugendlichen und zum anderen dieüberzeugung, die ausgehend davon auf die Jugendlichen und deren Einstellungen wirkt (vgl. Westholm, 1999, S. 529). Dieübertragung der Einstellungen ist jedoch zum Teil auch in umgekehrter Richtung möglich: Durch die Projektion der eigenen Einstellungen der Jugendlichen auf die wahrgenommenen elterlichen Einstellungen (vgl. ebd.). Besonders wahrscheinlich sind die Projektionsprozesse dann, wenn die tatsächliche Position der Eltern unklar ist. Die Projektion der eigenen Vorstellungen soll dazu dienen, einen gemeinsamen Konsens mit den Eltern zu konstruieren um die eignen Einstellungen zu bestätigen und so die eigenen Orientierungen abzusichern um damit negativen Empfindungen, die mit der Divergenz der Einstellungen einhergehen würden, zu entgehen (vgl. Gniewosz & Noack, 2008, S. 283). Die Projektions- und Transmissionsanteile des direktenübertragungsprozesses elterlicher Einstellungen auf ihre Kinder stehen, wie dargestellt wurde, in Wechselwirkung zueinander (vgl. ebd.).

2.2. Latente Sozialisation fremdenfeindlicher Einstellungen

Die latenten Sozialisationsprozesse umfassen die Wirkungszusammenhänge zwischen dem unpolitischen Familienmilieu und der politischen Persönlichkeit der Jugendlichen (vgl. Geißler, 1996, S. 56 ff.). Die politischen Einstellungen der Eltern nehmen indirekt Einfluss auf die Einstellungen ihrer Kinder, vermittelt durch den Erziehungsstil und das Familienklima (vgl. Gniewosz & Noack, 2008, S. 181).

Einen wichtigen Schwerpunkt in diesem Bereich bildet die Autoritarismusforschung. Adorno konzipierte, aufbauend auf die Arbeiten um Horkheimer den autoritären Charakter als eine Persönlichkeit, welche sich durch die Bereitschaft zur unkritischen Unterwürfigkeit gegenüber Stärkeren, die Beherrschung von Schwächeren, Intoleranz und Aggressivität gegenüber Andersdenkenden und Minderheiten, auszeichnet (vgl. Adorno, 1973, S. 357, zitiert nach Geißler, 1996, S. 60). Demgegenüber ist dieser Charaktertyp jedoch geneigt, sich nach außen hin bereitwillig anzupassen und sich konform zu verhalten – weniger aus eigener moralischerüberzeugung als vielmehr motiviert durch außengeleitetes Streben nach Konformität (vgl. Adorno et al., 1969, S. 230, zitiert nach Hopf, 2000, S. 34). Autoritäre Charaktere zeichnen sich auch durch vorschnelle Komplexitätsreduktion und Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien aus. Ihnen fällt es schwer mit Mehrdeutigkeit und Differenzierung umzugehen, wodurch sie anfällig für dieübernahme einfacher Erklärungsmuster sind (vgl. Seipel, Rippl & Kindervater, 2000, S. 145). Einfachen Erklärungsmuster bestehen beispielsweise darin, die Verantwortung für soziale und ökonomische Missstände in der Gesellschaft, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit und Wohnungsknappheit anderen Personen, die nicht zur Eigengruppe gehören, zuzuschreiben. Unter anderem bilden Migranten, als soziale Minderheit hierfür eine geeignete Zielscheibe (vgl. Oesterreich, 1996, S. 131, zitiert nach Schmid, 2008, S. 575). Solche, für einen autoritären Charakter typischen Verhaltensweisen werden mit der unzureichend gelungenen Entwicklung einer stabilen inneren moralischen Instanz erklärt (vgl. Adorno et al., 1969, S. 234, zitiert nach Hopf, 2000, S. 35). Die Entwicklung einer autonomen stabilen moralischen Instanz wird vor allem durch einen autoritären Erziehungsstil gestört. Dieser zeichnet sich durch starke Kontrolle und die Forderung an das Kind aus, sich kleinlich vorgegebenen Regeln unterzuordnen ohne dass die Gültigkeit dieser Regeln begründet und in Bezug zu moralischen Werten und Prinzipen gestellt, sondern die Einhaltung der Regeln in rigider Weise eingefordert wird (vgl. Hopf, 2000, S. 35). Abgesehen von der erwarteten unkritischen Unterwerfung des Kindes spielt die Art der Zuwendung der Eltern eine bedeutende Rolle. Dieüber einen autoritären Erziehungsstil praktizierte, furchterregende Durchsetzung der Regeln, mit der Absicht, sichüber willkürliche Drohungen und harte körperliche Strafen durch die Erzeugung von Einschüchterung und Angst, Gehör bei den Kindern, führt zur Entwicklung einer instabilen inneren moralischen Instanz (vgl. ebd.). Die Aggressivität gegenüber Schwächeren ist jedoch nicht ausschließlich durch die Härte der Erziehung, Strafen und Zurückweisen zu erklären, sondern wird erst durch die fehlende Auseinandersetzung oder die Leugnung der erfahrenen Härte möglich (vgl. ebd., S. 36; Seipel et al., 2000, S. 147). Die Leugnung der erfahrenen Härte der Eltern geht oftmals einher mit der Idealisierung der Eltern, indem die eigentlich an sie gerichtete Kritik und Aggression durchüberschwängliches Lob der Eltern unterdrückt (vgl. Adorno et al., 1969, S. 340 ff., zitiert nach Hopf, 2000, S. 36) und auf andere, die straffreier anzugreifen sind, verlagert wird (vgl. Hopf, 2000, S. 36).

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Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668391406
ISBN (Buch)
9783668391413
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352728
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Schlagworte
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Autor

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    Neema Li (Autor)

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