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Über die Verwendung von weil-Sätzen in der Mündlichkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Syntaktische Betrachtung von weil -Sätzen
2.1 Weil -Sätze mit Verbendstellung
2.2 Weil -Sätze mit Verbzweitstellung

3 Semantische/ pragmatische Betrachtung von weil -Sätzen
3.1 Faktisches weil
3.2 Epistemisches weil
3.3 Illokutives weil
3.4 Weil -Sätze mit Verbzweitstellung
3.4.1 Eigenschaften von weil mit Verbzweitstellung
3.4.2 Verwendung von weil mit Verbzweitstellung

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als subordinierende Konjunktion wird weil mit Verbendstellung realisiert und leitet einen Adverbialsatz ein. Im mündlichen Sprachgebrauch trifft man jedoch häufig auf weil -Sätze mit Verbzweitstellung.[1] In der vorliegenden Arbeit soll die Verwendung von weil zunächst hinsichtlich syntaktischer Merkmale und schließlich unter semantischen und pragmatischen Gesichtspunkten untersucht werden. Hier liegt die Fragestellung zu Grunde, ob es sich um eine falsche Verwendungsweise oder vielmehr um eine Funktionsausweitung handelt und wenn ja, worin diese besteht.

2 Syntaktische Betrachtung von weil -Sätzen

2.1 Weil -Sätze mit Verbendstellung

Als subordinierende Konjunktion trägt weil die folgenden Konnektorenmerkmale:

1. Weil ist nicht flektierbar.
2. Weil vergibt keine Kasusmerkmale an seine syntaktische Umgebung.
3. Weil drückt eine spezifische zweistellige semantische Relation aus (eine kausale Relation).
4. Die Relate der Bedeutung von weil sind Sachverhalte.
5. Die Ausdrücke für die Argumente der relationalen Bedeutung von weil (die Konnekte) sind Satzstrukturen.
6. Weil bettet das ihm unmittelbar folgende Konnekt in sein anderes Konnekt ein.
7. „Wenn das eingebettete Konnekt lautlich als Satz realisiert wird, ist es ein Verbletztsatz.“[2]
8. Weil steht unmittelbar vor dem eingebetteten Konnekt.[3]

Auf die semantische Relation und damit auf die Merkmale 3 und 4 wird ausführlich in Kapitel 3 eingegangen. In diesem Zusammenhang wird auch auf Merkmal 6 einzugehen und zu untersuchen sein, unter welchen Bedingungen der weil-Teilsatz im Skopus seines Bezugssatzes liegt und welche Folgen sich jeweils daraus ergeben. Wie Merkmal 5 aussagt, steht weil als Konnektor zwischen zwei Teilsätzen. Analysen von Aufnahmen authentischer Kommunikationssituationen haben allerdings gezeigt, dass weil auch in Äußerungen vorkommt, bei denen es als Konnektor zwischen einer Äußerung und einem übergeordneten Diskursteil fungiert. Weil dient dann in erster Linie als Diskursmarker und seine kausale Bedeutung tritt dabei häufig stark in den Hintergrund. Die Funktion von weil als Diskursmarker soll in dieser Arbeit nicht ausdiskutiert, sondern an dieser Stelle auf Gohl/ Günthner verwiesen werden, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit dieser Thematik auseinander gesetzt haben und dabei zwischen 4 Kategorien für weil als Diskursmarker unterscheiden: Einleitung von Zusatzinformationen, Einleitung einer narrativen Sequenz, Einleitung eines thematischen Wechsels, konversationelles Fortsetzungssignal.[4]

Hier wird zunächst davon ausgegangen, bei der Realisierung von weil handele es sich um einen Verbletztsatz (Merkmal 7), also das finite Verb bildet die rechte Satzklammer. Deshalb sollen hier zunächst die syntaktischen Eigenschaften von hypotaktischen weil -Sätzen betrachtet werden:

Weil bettet das ihm unmittelbar folgende Konnekt in sein anderes Konnekt ein. Aus dieser Tatsache folgt, dass weil Satzgliedstatus hat und so die Subjunktorphrase in eine Adverbialphrase umgewandelt werden kann (1d). Ebenso ist eine beliebige Positionierung des Teilsatzes möglich; die Subjunktorphrase kann im Nachfeld, Vorfeld und im Mittelfeld stehen (1a)-(1c).

(1a) Die Straße ist nass, weil es geregnet hat.
(1b) Weil es geregnet hat, ist die Straße nass.
(1c) Die Straße ist, weil es geregnet hat, nass.
(1d) Wegen des Regens ist die Straße nass.

Syntaktisch ließe sich in den Sätze (1a)-(1c) weil durch da ersetzen. Beide Subjunktionen weisen ähnliche syntaktische Merkmale auf. Allerdings kann auf da -Sätze nicht durch ein Korrelat (darum, deshalb, deswegen) hingewiesen werden. Ebenso können da -Sätze nicht auf Warum-Fragen in Form einer Ellipse antworten, da diese nie ohne Obersatz vorkommen können:

(1e) Die Straße ist deswegen nass, weil es geregnet hat.

(1f) *Die Straße ist deswegen nass, da es geregnet hat.

(1g) Warum ist die Straße nass? - Weil es geregnet hat.

(1h) Warum ist die Straße nass? - *Da es geregnet hat.

Als kausale Konjunktion bezeichnet weil eine Relation zwischen zwei Sachverhalten derart, dass das Eintreten des einen Sachverhalts eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung für das Eintreten des anderen Sachverhalts darstellt.[5] Während der Grund, auf den weil hinweist, sowohl behauptet als auch präsupponiert sein kann, ist gerade dies bei da nicht der Fall. Hier muss der Grund immer präsupponiert sein. Damit erklärt sich auch, warum Satz (1h) nicht möglich ist.

Neben da verfügt die deutsche Sprache mit denn über eine weitere Konjunktion, die in engem Zusammenhang mit weil steht. Denn leitet einen Teilsatz ein, der die Erklärung für den Sachverhalt des Vorgängersatzes liefert. Als koodinierende Konjunktion leitet denn einen Teilsatz mit Verbzweitstellung ein und soll deshalb in Kapitel 2.2 im Zusammenhang mit „ Weil -Sätze mit Verbzweitstellung“ angesprochen werden.

2.2 Weil -Sätze mit Verbzweitstellung

Während in der Vergangenheit die Verwendung von weilVZ in den Grammatiken häufig keine Erwähnung gefunden hat oder lediglich als ‚nicht korrekt’ bezeichnet wurde, findet man mittlerweile zumindest kurze Anmerkungen, die über die Bezeichnung als Anakoluth oder ‚saloppe Alltagssprache’[6] hinausgehen. Eisenberg[7] verweist auf Keller[8] und hierbei auf die Verwendung von weilVZ in replikativen Schlüssen. Heringer[9] macht auf die Verwendung in der gesprochenen Sprache aufmerksam, jedoch ohne auf den Kontext dieser Verwendungsweise einzugehen. Kurz erwähnt wird der Kontext in der Online-Grammatik Grammis. Hier heißt es: „Verbzweitsatz bei Begründung auf der Ebene von epistemischen und kommunikativen Minimaleinheiten möglich.“[10] In der 4. Auflage der Duden-Grammatik von 1984 wird in keiner Weise auf das Phänomen der Verbzweitstellung eingegangen. Erst in der 6. Auflage[11] von 1998 wird auf das Phänomen von weilVZ im mündlichen Sprachgebrauch hingewiesen, allerdings explizit betont, dass dies nicht in der geschriebenen Standardsprache vorkommt. Ebenso umgehen Helbig/Buscha dieses Thema in der 11. Auflage ihrer Grammatik von 1988. In der Neubearbeitung von 2004 dagegen widmen sie diesem Phänomen sogar einen ganzen Absatz und sprechen sowohl, wenn auch nur kurz, die prosodischen, syntaktischen, semantischen als auch pragmatischen Unterschiede zwischen weilVZ und weilVE an.[12]

Hier soll zunächst auf die syntaktischen Eigenschaften von weilVZ eingegangen werden. WeilVZ fügt sich in die syntaktische Struktur von denn -Sätzen, d.h. weil leitet einen Hauptsatz ein, also das finite Verb besetzt im topologischen Satzmodell die linke Satzklammer. Anders als bei weilVE kann der weil -Satz nicht durch eine Adverbialphrase ersetzt werden und nicht im Vorfeld stehen. Ebenso kann nicht durch ein Korrelat auf den weil -Satz hingewiesen werden:

(2a) Die Straße ist nass, denn es hat geregnet.

(2b-1) Die Straße ist nass, weil es hat geregnet.

(2b-2) Es hat geregnet, weil die Straße ist nass.

(2c) * Denn es hat geregnet, die Straße ist nass.

(2d) * Weil es hat geregnet, die Straße ist nass.

(2e) * Die Straße ist deshalb nass, denn es hat geregnet.

(2f) * Die Straße ist deshalb nass, weil es hat geregnet.

An dieser Stelle soll keine Bewertung dieser Sätze erfolgen. Ob (2b-1) und (2b-2) evtl. als falsch bezeichnet werden müssen bzw. wie diese auszulegen sind, soll in Kapitel 3.4.1 diskutiert werden. Auch wenn weil die syntaktischen Merkmale von denn übernimmt, kann nicht die Rede von einer Verdrängung von denn durch weil im mündlichen Sprachgebrauch sein, wenn Verdrängung impliziert, dass weil dieselben Funktionen wie denn übernimmt. Vielmehr erfährt weil eine Funktionsausweitung wie sich im Folgenden zeigen wird.

3 Semantische/ pragmatische Betrachtung von weil -Sätzen

Als kausaler Konnektor verbindet weil zwei Konnekte, die in einem Begründungszusammenhang stehen. Im schriftlichen Sprachgebrauch handelt es sich dabei syntaktisch gesehen immer um zwei Teilsätze.[13] Funktional kann man davon sprechen, dass zwei Propositionen so miteinander verknüpft sind, dass die Proposition des Sachverhalts des weil -Satzes die Begründung für den Sachverhalt im Bezugssatz liefert.[14] Der weil -Satz ist hier ein Verbletztsatz. In der Mündlichkeit werden weil -Sätze jedoch immer häufiger mit Verbzweitstellung gebildet. Da die Tendenz dieser Verwendung steigend und nicht auf bestimmte soziale oder regionale Gruppen beschränkt ist,[15] kann nicht einfach von einer falschen Verwendungsweise gesprochen werden. Schließlich handelt es sich bei Sprache nicht um ein statisches System, vielmehr ist Sprache einem ständigen Wandel unterworfen. In diesem Kapitel gilt es zu untersuchen, unter welchen Bedingungen weilVZ realisiert wird, bzw. welches Gründe für die bevorzugte Verwendung von weilVZ sind.

Zunächst sollen die unterschiedlichen Funktionen von weil erläutert werden, um anschließend auf den Zusammenhang zwischen unterschiedlicher Funktion und unterschiedlicher syntaktischer Realisierung einzugehen.

[...]


[1] In dieser Arbeit sollen die Ausdrücke ‚ weil mit Verbendstellung’ und ‚ weil mit Verbzweitstellung’ wie folgt abgekürzt werden: weilVE bzw. weilVZ.

[2] http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/grammis/grammis_dok.ansicht?v_typ=d&v_id=1202 (Stand: 09.07.04).

[3] Vgl. http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/grammis/grammis_dok.ansicht?v_typ=d&v_id=1202 (Stand: 09.07.04).

[4] Vgl. Gohl/ Günther (1999).

[5] Vgl. Eisenberg (1994): S. 355f.

[6] Vgl. Engel (1996): S. 730.

[7] Vgl. Eisenberg (1994): S. 358.

[8] Keller (1993).

[9] Vgl. Heringer (1989): S. 165.

[10] http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/grammis/grammis_wortbuch.anzeige?v_id=2156 (Stand: 09.07.04).

[11] Vgl. Eisenberg (1998): § 1367.

[12] Vgl. Helbig/Buscha (2004): S. 413f.

[13] Wie angesprochen kann im Mündlichen eine Skopusausweitung stattfinden und weil als Konnektor zwischen einer Äußerung und einem übergeordneten Diskursteil stehen. Vgl. Gohl/ Günthner (1999).

[14] Auf die Sachverhaltsbegründung wird detaillierter eingegangen in Kapitel 3.1.

[15] Vgl. u.a. Keller (1993): S. 222; Wegener (1993): S. 289.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638352437
ISBN (Buch)
9783638681810
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35273
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
keine Benotung
Schlagworte
Verwendung Mündlichkeit Grammatik Grammatikvermittlung

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